TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

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Freitag, 13. Mai 2011

Zwei Weichzeichner und ein Bayer.

Kreuznet frönt heute der Sippenhaft und fand heraus, daß Angie Merkel deswegen die CDU auf linksextremen „Kinderschlachtungs“-Kurs bringe, weil schon ihr Vater („der rote Pfarrer“) ein SED-freundlicher DDR-Protestant mit Stasi-Kontakten gewesen sei.

Außer Brech.net sorgen sich aber auch CDU-Urgesteine um den Kurs ihrer Union.
Merkel, die Glitschige, hat in zehn Jahren CDU-Vorsitz so erfolgreich vermieden Positionen zu beziehen, daß am Ende alle Schwarzen schon deswegen so auf Atomkraft fixiert waren, weil „Kernkraft for ever“ das letzte Alleinstellungsmerkmal der Partei war.
Alles andere, das einst „typisch CDU“ war, hat die Mecklenburger Matrone inzwischen verwischt und verwässert.
Im Wahlkampf 2009 kam es auf CDU-Veranstaltungen zu regelrechten Jubelstürmen, wenn die Kanzlerin darauf pochte die AKW-Laufzeiten müßten verlängert werden. Ob das Thema die Seele eines Hardcore-CDU’lers wirklich so erwärmt, darf bezweifelt werden. Aber durch ihre Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ mit der sie (erfolgreich) die Sozis marginalisierte, wußten selbst die eingefleischtesten Parteimitglieder nicht mehr, was eigentlich die CDU von anderen Parteien unterschied.

Merkels wolkig wabernde Reden voller Allgemeinplätzchen hätte sie vor jedem anderem friedlich eingeschlafen Auditorium halten können.
Nur bei dem „Ja zur Atomkraft!“ wachten die Delegierten kurz aus ihrem Kanzlerinnen-Koma auf und dachten „Ach ja! Wir sind hier ja bei der CDU!“

Aber was hat der eine Positionsanker genützt? Er wurde genau wie der Vorletzte, das „klare Bekenntnis zur Wehrpflicht“ auch beim ersten aufkommenden Lüftchen gekappt.

Der Chef der zweitgrößten K.O.alitionspartei, Herr Rösler, geht ebenfalls konsequent den Weg in die Inkonsequenz.
Er will nur der liebe Phillip sein, den alle mögen. Keiner, der irgendwas Provokantes sagt und der Familienprogramm-tauglich bar jeden politischen Inhaltes reden kann.

Hinter der Fassade des freundlichen Niedersachsen steht selbstverständlich knallharte Lobbypolitik; aber das ist eine Binse bei der FDP.
Natürlich werden ihre politischen Ämter für das Versorgen von Parteifreunden und früheren Geldgebern benutzt.
Rösler selbst durchsetzte sein Ministerium an den Schlüsselstellen mit Pharma- und PKV-Lobbyisten. Aber das war schon lange FDP-Methode und den Wähler hat es nie gestört.

Die Wähler haben nur die Nase voll von der schrillen Außenwirkung, die Ex-Chef Guido W. verursachte.
Westerwelle, das Phänomen: Quasi im Alleingang lähmte er die Bundesregierung, machte sich zum unbeliebtesten Außenminister aller Zeiten, führte seine Partei zum Harakiri, prägte die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten (von der sich selbst eiserne Industrielobbyisten entsetzt abwenden) und machte nicht zuletzt eine derart miserable Außenpolitik, daß Genscher in Depressionen versinkt und alten Haudegen bei der Beschreibung die Superlative ausgehen.
„Verheerend!“ (Scholl-Latour) und „er macht alles falsch“ (Helmut Schmidt) sind noch die freundlicheren Kommentare.

Dieser Mann wurde heute beim FDP-Parteitag in Rostock ohne ein Wort der Kritik mit Standing Ovations und Abschiedstränen bedacht.

Auf dem FDP-Bundesparteitag vermeiden die Liberalen die Abrechnung mit ihrem scheidenden Vorsitzenden Westerwelle.
Die Partei sehnt sich nach Harmonie. […] Die Delegierten erheben sich, klatschen und klatschen. Guido Westerwelle wirkt gerührt, er winkt zu den 600 Delegierten in die Rostocker Messehalle. Er hat seine letzte Rede als Chef der FDP gehalten, zehn Jahre war er ihr Vorsitzender. Es war einmal mehr der typische Westerwelle-Sound, oszillierend zwischen Pathos und Ironie und immer schrill.
(Severin Weiland 13.05.11)

Guido Westerwelle sagt danke. Und noch mal danke. Und noch mal und noch mal und noch mal. Gefühlte 1000 Mal sagt der scheidende Parteichef "danke" in seiner knapp einstündigen Abschiedsrede auf dem Rostocker Bundesparteitag. Mal dankt er herzlich, mal von Herzen, mal ganz herzlich, mal gibt es einen umfassenden Dank, manchmal nur einen herzlichen. Dabei lächelt er durchgehend, warmherzig geradezu. Die Rede ist eine einzige Umarmung.
(Torsten Denkler 13.05.11)

Der Mann, der zu unfähig ist, die 68.000 FDP-Mitglieder zu führen, wird von Rösler aber als fähig erachtet die 82.000.000 Deutschen als Außenminister zu repräsentieren.

Der neue Mann an der FDP-Spitze ist ein echter Komiker.
Statt des schwierigen, aber bedeutenden Gesundheitsministeriums wechselt er in das reine Show-Amt des Bundeswirtschaftsminister, der in der globalisierten Welt kaum noch irgendeine Entscheidungsgewalt hat und als Neben-Grüßaugust (mit geringerem protokollarischen Rang als der Bundespräsident) rumlaufen darf.

Der letzte Wirtschaftsminister, der etwas bewegen wollte, Wolfgang Clement, raffte das ungleich reichere und mächtigere Arbeitsministerium zusätzlich an sich, um politisches Gewicht als Superminister zu haben.

Nachfolger Glos verschlief volle drei Jahre und zeigte was passiert, wenn ein Ministerium, das wieder auf den Wirtschaftskern geschrumpft wurde, faktisch nicht besetzt ist:
Nämlich gar nichts.

Nachfolger zu Guttenberg war die Inkarnation eines Potemkinschen Dorfes als Minister: Show und Schale - ganz ohne Inhalt. In seiner gesamten Amtszeit als Wirtschaftsminister fällte er nicht eine einzige Entscheidung.

Weinfreund Brüderle, der nuschelnde Dampfplauderer aus der Pfalz war eine konsequente Nachfolgeregelung.
Auch er ist die klassische Polit-Windmaschine, die in bunten Blättern Eigenwerbung betreibt, aber bei den wenigen wichtigen Sitzungen in Brüssel durch Abwesenheit glänzt.

So einen Job will natürlich auch Fassadist Rösler, der lieber beliebt als wichtig ist.
Als „Erneuerung der FDP“ verkauft er die sogenannte „Rösler-Rochade“, nach der der Hauptverantwortliche der krachenden BW- und RP-Wahlniederlage zum Fraktionsvorsitzenden befördert wird.
Brüderle, 65, löst dort Homburger, 46, ab.
Verjüngung à la FDP.

Die schwächelnde Schwäbin, die soeben ihren Landesverband, die Herzkammer der FDP, an die Wand gefahren hat, wird zum Dank nun stellvertretende Parteivorsitzende und bekommt somit Brüderles alten Posten.
Nur am Außenministerposten wird nichts geändert - Guido ist ja schon der schlechteste und unbeliebteste Politiker Deutschlands - er kann also nach FDP-Logik im Amt bleiben.

Der dritte der bürgerlichen Parteichefs, Horst Seehofer, ist ein ökonomischerer Politikertyp.
Er bläst sich nicht auf wie die anderen bürgerlichen Kugelfische, um ein Kohl’sches Volumen zu erreichen, in dem sich alle wohlfühlen.
Seehofer ist ein echter Psycho und hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er läßt jeden offen wissen, daß er ein Irrer ist, für den nur ein Motto gilt: „Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern?“

Bei so ziemlich jedem relevanten Politthema vertritt er virtuos alle gegenteiligen Meinungen dazu. Das erspart natürlich eine Menge Mühe, da er sich nicht immer als windelweiche Projektionsfläche für alles darstellen muß.
Er sagt was die Leute gern hören wollen und hat das einstige CSU-Wertesystem in ein unübersehbares Schlachtfeld verwandelt.

Der CSU-Chef erschiene als „wankelmütiger Willkürherrscher, als einer, der gern mit Menschen spielt, unberechenbar und verantwortungslos. […] Zigfach ist belegt, dass Horst Seehofer mit seinen häufig wechselnden Positionen die Politik der Bundesregierung, ja sogar die seiner eigenen CSU-Landesgruppe, immer wieder chaotisiert."
(Zeit 20.08.2010)

Das Psychogramm des Oberbayern erinnert in der Tat weniger an einen deutschen Politiker, als an eine neroeske Persönlichkeit aus der Feder eines Stephen King.
In Berlin regiert demnach ein Mensch als einer der großen Drei mit, dessen innere Antriebskräfte zutiefst von Bosheit und Destruktivität bestimmt sind.
Einem Psychopathen, der sich längst komplett von der Sachpolitik verabschiedet hat und seine einzige Befriedigung nur noch in Sadismus und Manipulation findet.

Wie eine finstere Gestalt aus einem Psychokrimi hat er sich seine Politwelt im heimischen Keller als Miniaturwelt nachgebaut und dirigiert dort kleine Voodoo-Modelle seiner Politik-Kollegen, als ob er Gott wäre.

Es gibt den Nachbau des Bahnhofs von Bonn, der Stadt, in der Seehofers Karriere begann. Nach dem Jahr 2004, als er wegen des Streits um die Gesundheitspolitik sein wichtigstes Amt verlor, baute er einen "Schattenbahnhof", so nennt er ihn, ein Gleis, das hinab ins Dunkel führt.
Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.
(Spiegel 16.08.10)

Seehofer Wahn trug schon vor Jahren gar seltsame Blüten.
Während eines Karriereknicks im Jahr 2004 ging er mit einem selbstgeschriebenen Kabarettstück auf ein paar kleine Bühnen.
Er selbst spielte Walter Mixa (!!!), der die Beichte eines imaginären Seehofers anhört.
Sein alter ego Beichtvater Mixa fragt darin den Sünder Seehofer unter anderem, ob er unkeusche Gedanken habe, wenn er an Angela Merkel denke. Der antwortet: "Vater, ich habe schon vieles angestellt, aber Wunder kann ich nicht vollbringen."


Aktuell schlägt der Oberbayer mal wieder wilde Haken um das Thema Wehrpflicht - neben der Atomkraft das vorletzte Alleinstellungsmerkmal der Unionsparteien.
Im K.O.alitionsvertrag vom Oktober 2009 steht noch ein klares Bekenntnis zur Wehrpflicht, welches kurz danach von Googleberg ins Gegenteil verkehrt wurde - und nun rückt Seehofer auch davon wieder ab.

Dagegen, dafür - und nun wieder dagegen: CSU-Chef Horst Seehofer will nun doch nichts mehr von der Bundeswehrreform wissen.
[…] Jetzt hat sich Ministerpräsident Horst Seehofer bei seiner Politik der ständigen Wende den Hals verrenkt: Er kritisiert die Bundeswehrreform des früheren Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg - jene Reform, die Seehofer lange abgelehnt und der er im vergangenen Herbst dann doch zugestimmt hatte. Damals, als die Lichtgestalt Guttenberg den CSU-Parteivorsitzenden Seehofer in den Schatten zu stellen drohte und kaum einer in der Republik die Pläne des Freiherrn in Frage zu stellen wagte. Seehofer hat mitgemacht, weil er sich nicht gegen Liebling Guttenberg stellen konnte. Damals hatte Seehofer erklärt, er habe in den Ferien mit Guttenberg geredet, und der habe ihm sein Konzept erklärt. Nun sagt Seehofer, er habe mit Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière geredet und jetzt erkannt, dass es Probleme gebe.
(Annette Ramelsberger 13.05.11)

Man kann gespannt sein, was Seehofer noch alles für Stimmen zu dem Thema hört.

CSU-Chef Horst Seehofer ist politisch so verlässlich wie das Wetter im April. Wie kein anderer deutscher Politiker schafft er es, an einem Tag das Gegenteil von dem zu vertreten, was er am Vortag behauptete. Diese Kunst beherrscht er perfekt.
[…] "Soldaten, Arbeitsplätze, Standorte - die Fragen sind ungelöst", kritisierte der bayerische Ministerpräsident. Sicher, bereits vor einem Jahr hatte sich Seehofer als Verfechter der Wehrpflicht hervorgetan. "Wir sind eine Partei der Bundeswehr und wir sagen Ja zur Wehrpflicht", betonte Seehofer noch im Juni 2010. Eine Abschaffung der Wehrpflicht würde den Markenkern der Partei beschädigen, warnte er noch wenige Monate später.
Doch Karl-Theodor zu Guttenberg, damals noch der Hoffnungsträger der CSU, hatte forsch für seine Reformpläne geworben. Seehofer war zu dieser Zeit im Urlaub, das nutzte Guttenberg. Aus den Reihen der CSU war denn auch die Rede von einer "Überrumpelungstaktik" des Verteidigungsministers. Sie zeigte Wirkung. Mit der wachsenden Zustimmung zur Wehrreform innerhalb der Partei schwand denn auch Seehofers eigener Widerstand gegen eine Berufsarmee.

(Birgit Kruse 13.05.11)

Am CSU-Chef können sich die Bosse von FDP und CDU noch was abgucken:
Frau Merkel wird ständig daran erinnert, daß sie doch für die Atomkraft war und Rösler wird daran erinnert, daß er für Steuersenkungen und Kopfpauschale stand.
Beide gelten nun als unglaubwürdig, weil sie nicht lieferten.

Seehofer hingegen ist fein raus - er hat ohnehin schon alle Positionen eingenommen und daher kann sich niemand an eine Bestimmte erinnern, an der man ihn jetzt messen könnte.

Kommentare:

Homer Simpson hat gesagt…

Was die Politik der CDU angeht, drängt sich mir ein Verdacht auf. Die richtet sich nicht unbedingt danach, was die CDU-Hanseln für richtig halten. Da hat jeder seine Meinung - unmöglich unter einen Hut zu bringen.

Nur, wenn es gegen den Erzfeind SPD geht, findet man sich zusammen. Als der Atomausstieg abgemacht war, folgte dann auch die Konsequenz. CDU machte mangels programmatischen Alternativen einfach alles Rückgängig und konnte damit bei eigenen Anhängern auch punkten. Bei einem großen Weißen, lässt es sich auch nett feixen.


Wäre Fukushima nicht gewesen, wäre der Plan aufgegangen. Mir ist es so lieber.

TAMMOX hat gesagt…

Dennoch ist eine Erosion der Feindbilder natürlich auch für die CDU ein Problem.
Der böse Russe ist schon weg und nun arrangieren sich ausgerechnet die konservativen Schwaben noch mit dem grünen Klassenfeind!
Arme CDU!

LGT

Homer Simpson hat gesagt…

Die CDU wird reagieren, wie die RKK. Mit rechter Hetze. Die hat bei Katholen immer gewirkt. Der böse Afrikaner kommt! Und schon bald machen wir es den Dänen nach.

Und im Herbst, kommt der geilige Kater. Da werden alle wunderbar religiotisch verklärt tun und mit einem feisten Grinsen in der Fresse rumlaufen.

Da möchte man glatt ein paar Magazine leesen.

Anonym hat gesagt…

Lieber Tammox,

ein wirklich brillanter Artikel, sowohl inhaltlich als auch journalistisch. Ich kann darin meine immer unerträglicher werdende Frustration über unsere politischen Akteure zumindest für ein Wochenende zur relativen Ruhe legen.

Dafür sei Ihnen gedankt!

TAMMOX hat gesagt…

@ Homer - naja, ganz so einfach wird es nicht gehen.
Die RKK hat 2000 Jahre mit Indoktrinationen geübt.
Davon ist die CDU noch weit entfernt. Nicht, daß ich denen keine miesen Methoden à la Dänemark zutraue.
In Variationen (Stichwort „Leitkultur“) hatten wir das ja schon.

Aber das Kippen der Bundesländer ist doch für Angie ein ziemliches Problem.

Nächste Woche kommt der Bremen-Tiefschlag und im Sept werden sie die Regierungsbeteiligung in MeckPomm verlieren und in Berlin voll auf die Glocke kriegen.

Im Mai 2012 wird dann Schwarzgelb aus Kiel weggefegt und das nächste ganz große Bundesland steht mit Niedersachsen ebenfalls vor dem Fall, weil McAllister ja auch nichts gebacken bekommt.

Das werden noch ein paar unschöne Debatten im CDU-Präsidium.

@ anonym:

VIELEN DANK!!!!
Das höre ich natürlich auch mal gerne!

LGT