(Posting Nr 888)
Seine Seligkeit Patriarch Pavle hat vor fünf Tagen den Löffel abgegeben und daher befindet sich die gesamte serbische Welt in tiefer Trauer.
Mit verklärten Gesichtsausdruck, Tränen in den Augen und unablässigen Bekreuzigungen strebte beinahe jeder Serbe zum Belgrader Dom, in dem bis gestern die 95-Jährige Leiche ausgestellt wurde.
Die Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an, die Zeitungsköpfe erschienen die ganze Woche in schwarzer Farbe, mehrere ausländische Fernsehsender wurden aus dem Kabelnetz entfernt, um die Serben in ihrem Seelenschmerz nicht zu stören. Staatsangestellte erhielten einen bezahlten arbeitsfreien Tag, die meisten Schulen und Universitäten waren geschlossen. Zum Trauergottesdienst kam die ganze Staatsspitze. (SZ)
600.000 flanierten zum Sarg.
An der Zeremonie nahmen auch der Gesandte des Papstes, Kardinal Angelo Sodano, und Geistliche unter anderem aus Russland, Polen, Tschechien, Rumänien und Albanien teil. Auch der serbische Präsident Boris Tadic und die Regierung waren vertreten, ebenso wie der Präsident Montenegros, Filip Vujanovic, und der bosnisch-serbische Ministerpräsident Milorad Dodik.
(NZZ)
Daß der Metropolit von Belgrad und Karlovci, sowie Erzbischof von Peć ein Heiliger war, würden die Belgrader noch als euphemistische Formulierung ansehen.
Nur die taz stänkert:
Als geschmacklos, gar blasphemisch wurde vereinzelte Kritik zurückgewiesen, dass das Gesetz die öffentliche Aufbahrung von Leichen verbiete und dass das massenhafte Abküssen der Ikonen während der Schweinegrippe unvernünftig sei.
Der Patriarch per Losentscheid übernahm 1990 zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt den Kirchenchefposten.
Sein Land zerfiel und Pavle konnte nicht dem Impuls wiederstehen Stellung zu beziehen.
Er schlug sich auf die Seite der Ultranationalisten und unterstützte den Kriegsverbrecher, Massaker-Anordner und Völkermörder Radovan Karadžić.
Papa Pavle akzeptierte es, daß die serbischen Popen im Kampf gegen bosnische Muslime die Waffen segneten.
Nach dem Massaker serbischer Truppen an fast 8000 Muslimen in Srebrenica reichte Pavle Karadzic und Mladic geweihtes Brot.
Daß die „ethnischen Säuberer“ vor das Haager Kriegsverbrechertribunal gestellt werden sollten, gefiel dem Belgrader Metropoliten ganz und gar nicht.
1997 unterschrieb er eine Petition gegen die Anklage der Völkerschlächter.
Der internationale Haftbefehl gegen Karadžić lag seit 1996 vor, festgenommen wurde er am 21. Juli 2008 in Belgrad.
Ratko Mladić, der sadistische General der Vojska Republike Srpske, der ebenfalls vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien gesucht wird, weil er für das Massaker in Srebrenica an 8.000 Menschen verantwortlich ist, konnte immer noch nicht gefasst werden. Er wird nach wie vor in Serbien versteckt.
Die rassistisch-nationalistischen Wahnideen der Verbrecher an der Staatsspitze, daß unter allen Umständen Serbien „ethnisch gereinigt“ werden müsse, unterstützte prinzipiell auch Patriarch Pavle, der nicht ein Wort gegen die Pogrome und Massaker sagte; im Gegenteil: Im Jahr 1991 schrieb Pavle in einem Brief an den damaligen Jugoslawien-Vermittler Lord Carrington, die Serben könnten in keinem Staat mit den Kroaten zusammenleben.
Nun ist er also tot.
Matriarchin Margot von Hannover würdigte den Abgereisten:
Der Patriarch „war Zeit seines irdischen Lebens selbst lebendiger Zeuge der schrecklichen Verwüstungen, der Nöte und Leiden, die in seiner Heimat geschahen.“ Umso dankbarer sei man in der EKD „für die geschwisterlichen Begegnungen und Freundschaften zwischen den Gläubigen unserer Kirchen in Deutschland und in Ihrer Heimat.“
Der Vatikan hat den verstorbenen serbisch-orthodoxen Patriarchen Pavle als „großen Hirten“ und als Mann der Ökumene gewürdigt. Der Präsident des päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, erinnerte an die „großzügige und brüderliche Gastfreundschaft“ des orthodoxen Kirchenoberhaupts gegenüber den Katholiken. Die gemeinsame Theologenkommission der orthodoxen Kirchen und des Heiligen Stuhls hatte nach sechsjähriger Unterbrechung im September 2006 erstmals wieder getagt.
In einem Beileidschreiben an den Heiligen Synod der serbisch-orthodoxen Kirche würdigte Kasper den Dienst Pavles „in sehr schwierigen Jahren“ während des Balkankriegs. Der Patriarch sei immer ein Mann des Dialogs gewesen. Er hoffe, so der vatikanische Ökumeneverantwortliche, dass die unter Pavle gefestigten Beziehungen zur katholischen Kirche noch weiter ausgebaut werden könnten.
Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz würdigte gar das Engagement des Verstorbenen für den Frieden.
