TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Freitag, 29. April 2011

Die Briten…….

Monarchie ist schon eine erstaunliche Sache.
So ungerecht, so anachronistisch und so undemokratisch und das Volk liebt es.
Während anderswo die Autokraten, die nicht vom Volk gewählt wurden blutig aus ihren Palästen gejagt werden, sind die europäischen Könige fast alle extrem beliebt.
Die Dänen lieben ihre Margarete, ganz Holland feiert morgen am Königinnentag das Hape-Kerkeling-Double Beatrix und dem Spanischen Monarchen Juan-Carlos werden sie auch ewig dankbar sein für seine Rolle beim Militärputsch.
Selbst in Schweden, wo der König ein geistig etwas unterbelichteter Lustgreis ist, der wöchentlich in den Puff geht, will nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Bevölkerung eine Republik einführen.
Aber wozu sollte das auch gut sein? Damit man dann frömmelnde Deppen à la Köhler und Wulf als Grüßauguste an der Staatspitze hat?
Da muß man sich auch ständig an neue Namen und Gesichter gewöhnen.

Warum schlicht und republikanisch, wenn es auch mit Pomp geht, denken sich die meisten Briten. Ihr Königshaus, die Firma Windsor, ist der Rolls Royce unter den Monarchien.
Obwohl es weltweit eine ganze Reihe Königinnen gibt, versteht jeder unter „Queen“ immer nur die britische Königin Elisabeth II.
Immerhin bekommen die Engländer auch was für ihr Geld - denn sämtliche Kinder, Cousinen, Großcousinen und Enkel der Königin repräsentieren auch rund um die Uhr.
Jedes Familienmitglied meistert hunderte offizielle Termine im Jahr und rein rechnerisch hat jeder Brite schon mal die Hand eines Royals geschüttelt.
Rente mit 67 gibt es da nicht.
Queen Mum rackerte sich ab bis sie 102 war. Dreimal am Tag einen ordentlichen Krug Gin genügten ihr als Lebenselixier.

Natürlich gibt es bei so einer großen Familie auch Ausschuß.
Einige sind etwas auf den Kopf gefallen. Proll-Prinz Andrew, Prinzessin Edward und insbesondere die strunzdoofe Diana mit dem debilen Blick waren, bzw sind, echte Nervensägen.
Aber das kann einem auch bei gewählten Personen passieren, wie Helmut Kohl („You can say you to me“), Heinrich Lübke („Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger!“) und Guido („Es ist Deutschland als Tourist in kurzen Hosen, der sagt was zählt“).

Über die heutige Hochzeit von William und Catherine nur drei Fragen, da ich wirklich kein Experte bin:

1.)
Es ist ja OK, daß so ein Ereignis im TV übertragen wird. Aber warum in allen Sendern gleichzeitig und das auch noch schon seit vier Wochen nonstop?

2.)
Was ist das für ein Gewese um das Kleid?
Alfons Kaiser von der altehrwürdigen F.A.Z. schreibt:
Ein Hochzeitskleid für die Ewigkeit. Der Schleier ist gelupft: Das Königshaus hat einen neuen Stil. Und das Londoner Modehaus Alexander McQueen hat eine Zukunft. Denn mit Kates Brautkleid beginnt eine neue Zeitrechnung der königlichen Mode.

Daraufhin habe ich mir zwei Internet-Bildstrecken über die Hochzeit angesehen und fand das Kleid erst gar nicht.
Das ist doch für mein wenig fachmännisches Auge ein relativ schlichtes Kleid, welches neben den ultrabunten und auffällig bestickten Gold-Kleidern der Bischofs-Tunten, die mit ihr am Altar rumstanden, völlig unterging.


3.)
Wieso gehen von königlichen Großereignissen in England immer so tödliche morphogenetische Wellen aus? Am Ende stirbt immer irgendjemand, um den es Schade ist.
Besonders ungarische Musiker sind gefährdet.


Dazu ein paar Beispiele:

Prinzessin Margaret, Schwester der Queen heiratet am 6. Mai 1960 Antony Armstrong-Jones, 1. Earl of Snowdon, gleichzeitig stirbt in Hamburg der berühmte ungarische Komponist Pál Ábrahám.

Prince Andrew, Sohn der Queen heiratet am 23. Juli 1986 Sarah Ferguson und gleichzeitig stirbt der Dirigent und langjährige Präsident des polnischen Komponistenverbandes Kazimierz Sikorski.

Prinzessin Anne, die Tochter der Queen heiratet am 12. Dezember 1992 Commander Timothy Laurence und gleichzeitig gibt es Indonesien ein Erdbeben der Stärke 6,8 mit etwa 2.500 Toten.

Am 5. September 1997 tut die debile Diana ihren finalen Blick in einen Pariser Tunnel und dann stirbt gleichzeitig der Weltklasse-Musiker Sir Georg Solti (74 Grammy-Nominierungen, 31 mal erhielt er die Auszeichnung).

Am 13. Juni 1999 heiraten Prince Edward und Sophie Rhys-Jones und gleichzeitig wird im Kosovo ein Blutbad veranstaltet:
Es war der Tod von deutschen Journalisten, der die Bundeswehr dazu veranlasste, das Seminar anzubieten: am 13. Juni 1999 waren die „Stern“-Reporter Gabriel Grüner, Volker Krämer und ihr Übersetzer Senol Aliti im Kosovo erschossen worden.
(constantinwissmann.de)

29.04.2011 heiratet Prince William diese Dings, …, (wie auch immer sie heißt; sie hat so ein Allerweltgesicht bar jeder Ausstrahlung, daß ich mir keinen Namen dazu merken kann.) und gleichzeitig stirbt Tosia Reich-Ranicki; eine der wenigen öffentlichen Menschen, die ich wirklich sehr mochte.
Neben ihrem blitzgescheiten und humorvollen Mann ging sie fast unter, dabei ist sie eigentlich die große Künstlerin der beiden.
Die unbekannte Teofila Reich-Ranicki. Sie war eine Meisterin der Beobachtung und der Unauffälligkeit. Ihre Erinnerung an Flucht und Verfolgung hat sie nicht in Worte gefasst, denn sie konnte nicht darüber reden. Aber allein durch ihre Anwesenheit triumphierte sie über die, die ihr nach dem Leben trachteten.
(Frank Schirrmacher 29.04.11)

Teofila Reich-Ranickis Buch mit den großartigen Aquarellen, die sie im Warschauer Ghetto malte, möchte ich bei der Gelegenheit empfehlen.

Samstag, 15. August 2009

Sex helps

Als Fan von Patrick Wolf, er spielt übrigens gestern in Hamburg auf dem DOCKVILLE FESTIVAL 2009, las ich natürlich das Interview, das Mopo-Frau Katja Schwemmers mit ihm führte.
Im Internet kursieren verscheidene Versionen - offensichtlich wurde der Text mehrfach verkauft und gekürzt.

Schwemmers:
Meine Lieblingszeile auf "The Bachelor" ist ja "Who will penetrate the tightening muscle?". [andere Version der Frage: In "Who Will?" singen Sie davon, dass bestimmte Muskel penetriert werden sollten - ich weiß nicht, was Frau Schwemmers wirklich gefragt hat]

PW:
(lacht) Ich wurde gestern gefragt, ob das ein Song über Analsex ist. Aber auch das Herz ist ja ein Muskel. Die Frage, die sich also stellt, ist: Wer kommt in mein Leben, entspannt mich und bringt mich in Einklang mit mir selbst? Der Song ist aber auch eine gute Metapher für Alleinstehende, die sich aufheben für den einzig wahren Partner. So wie sich Nonnen aufheben für Jesus. Denn vor allem dreht sich das Stück um meine Tante, die Nonne war, was natürlich bedeutet, dass sie jungfräulich und keusch leben musste. Sie bekam Eierstockkrebs und starb daran. Ein erstaunlich hoher Prozentzahl der Nonnen bekommt diesen Krebs, das ist wissenschaftlich belegt – die Vagina sollte also verwendet werden!

Schwemmers:
Könnte Masturbation da nicht helfen?

PW:
Das klingt nach einem wirklich guten Ansatz!

[Who will? Ist in der Tat auch mein Lieblingssong des Albums - der Text ist aber weniger zweideutig, als hier unterstellt wird:
Who will penetrate
The tightening muscle
Who will cut across
The thickening skin Who will be the one
To reach their hand in
And pull out The golden heart
Who will?
Who will….]

Die Frage ist nun aber, ob Wolfs Angaben bezüglich der Ovarialkarzinomhäufigkeit stimmen.

Er hat tatsächlich Recht - das sind in der Medizin ganz bekannte Zusammenhänge.

Die ZEIT schrieb bereits 1969 (!!!!) über eine Studie des Journal'of the National Cancer Institute, April 69:
Eine Arbeitsgruppe des amerikanischen National Cancer Institute hat die Todesursachen von 31 658 römisch-katholischen Nonnen untersucht, die zwischen 1900 und 1954 gestorben sind, und dabei festgestellt: Dickdarm-, Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs war bei den Ordensschwestern wesentlich häufiger diagnostiziert worden, als nach den für weiße Amerikanerinnen in jenem Zeitraum geltenden Statistiken zu. erwarten gewesen wäre.

Inzwischen ist in der Hinsicht viel geforscht worden.
Man kennt einige Ursachen: Brustkrebs ist bei Nonnen wesentlich häufiger, weil sie nie gestillt haben.
Neuere Studien sagen hingegen, daß Zervixkarzinome gerade bei Nonnen seltener sind, da HPV-Viren eine größere Rolle spielen und den negativen Effekt der Enthaltsamkeit überlagern.

Ausgesundheitlichen Gründen wäre also Masturbation eher als GV angesagt.

Außerdem werden enthaltsame Frauen bekanntlich hysterisch.

(Die Hysterie gilt als die älteste aller beobachteten psychischen Störungen. Sowohl in Plato und Hippokrates in Griechenland, wie auch alte ägyptische Papyri, beschrieben schon bestimmte Charaktereigenschaften als hysterisch, typischerweise: Ichbezogenheit, Geltungsbedürfnis, Kritiksucht, etc... - so wie verrückte Frauen eben sind – aber sie können nichts dafür, weil sie anatomisch prädestiniert sind. Konzeptionell ging man davon aus, dass die Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Samen gefüttert werde, im Körper suchend umherschweife und sich dann am Gehirn festbeiße. Dies führe dann zum typischen "hysterischen" Verhalten. Hysterie (von griechisch hystera: Gebärmutter, verwandt mit lat. Uterus „vom Uterus ausgehend“,) und so galten die typischen hysterischen Beschwerden, wie allgemeine Unleidlichkeit, Schlafstörung und Ohnmachtsanfälle, als Folge eines Staus von Körpersäften im weiblichen Geschlechtstrakt.
Abhilfe schafft da nur geregelte Masturbation, für die mediziner schon früh eine Vielzahl von Apparaten entwickelten)


Immerhin - da gleichen sich dann die Probleme von Nonnen und Mönchen. Sofern sie tatsächlich NICHT masturbieren, steigt dadurch ihre Prostatakrebsrisiko, wie unter anderem eine Australische Studie von 2003 belegt.

Belastung durch zellschädigende Stoffe in der Drüse geringer

Regelmäßiges Masturbieren verringert bei Männern die Gefahr von Prostatakrebs, vermuten australische Forscher.
Über das Ergebnis einer entsprechenden Studie berichtet das Magazin New Scientist (19. Juli, S. 15). Der Mediziner Graham Giles vom Viktoria-Krebsrat in Melbourne und sein Team befragten über tausend Männer mit Prostatakrebs nach ihren sexuellen Gewohnheiten und verglichen die Antworten mit denen von gesunden Männern. Aus den Umfrageergebnissen errechneten die Forscher, dass Masturbieren das Risiko von Prostatakrebs um bis zu einem Drittel verringert. Vor allem regelmäßige Selbstbefriedigung im Alter von 20 bis 30 Jahren habe demnach einen schützenden Effekt.

Also liebe Damen und Herren von der Zölibatsfraktion:

Gesund ist das nicht, was Ihr da treibt!

Die Bibel, die den Zölibat sogar ausdrücklich VERBIETET, hat vielleicht RECHT!

Montag, 20. Juli 2009

Wochenend und Regen - fein.

Glücklicherweise hatte ich am Wochenende frei und konnte mich ausführlich dem Lesen widmen.
Die Zeitaufteilung läuft in solchen Fällen so, daß ich tagsüber Zeitungen und Magazine lese, bzw politische Dinge aus dem Netz suche (irrrgrr - habe mir eine gehörige Überdosis Peter-Harry Carstensen eingefangen. Ganz vergessen WIE gräßlich der Typ ist).
Sobald es draußen dunkel wird, steige ich um auf Belletristik.
Für die anspruchsvolle Weltliteratur hat es diesmal nicht gereicht, aber immerhin konnte ich zwei Büchlein durchlesen, die mich schon so vorwurfsvoll vom Regal über dem Bett anglotzen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag mäanderte ich mich durch das gestern schon erwähnte „Küsse, Kämpfe, Kapriolen - Sex im Tierreich“ (von Mario Ludwig und Harald Gebhard, blv Buchverlag 2007) über die diversen Sexualpraktiken und Strategien im Tierreich.

Die Autoren sind Biologen, deren Werk in Rezensionen gefeiert wurde.
Es sei „witzig vermittelt, illustriert mit pfiffigen Cartoons von Sandra Menke“. Sie förderten “Spannendes und Kurioses zu Tage”, das in “spannende Geschichten” verpackt sei, kurzum: „ein wunderbares Buch“.

Sprachlich noch armseliger als die Rezension ist das Buch selbst.
Nun muß der gemeine Biologe kein Thomas Mann sein, aber eine solche stilistische Eintönigkeit, wie sie Ludwig und Gebhard an den Tag legen, sollte einem der Deutschunterricht in der Mittelstufe ausgetrieben haben.
Geradezu zwanghaft bedienen sich die Amateur-Autoren redundanter Floskeln wie „nämlich“, „ja auch“ und „eben“.
Hätten Dr. Kögel und Dr. Dempewolf (Lektorat!) die umgangssprachlichen Füllworte raus gestrichen, wäre das Buch nur halb so dick.
Die hochgelobten Menke-Illustrationen sind, ja natürlich eben auch Geschmackssache; wieso ausgerechnet Biologen Gefallen darin finden die Viecher grundsätzlich primitiv vermenschlicht darzustellen, kann ich nicht beurteilen.
Das optische Desaster wird dadurch verstärkt, daß der Layouter offensichtlich unter Extasy stand und auf beinahe jeder Seite einen rosa unterlegten Kasten einfügte.
Dort sind Teile des Textes fett gedruckt, die offenbar von allein nicht witzig genug wären.
Um das Auge nachhaltig zu matern, ist dieses rosa auch noch von einem noch kreischigeren anderem rosa gestrichelt umrahmt.
Die Tripel-aufgepeppten Textüberschriften zeugen von schweren Kreativdefiziten.
Darin heißt es beispielsweise „war Flipper homosexuell?“, „Aufreißstrategie: einen auf guter Vater machen“ oder „Prostitution bei Bonobos“.

Was „Küsse, Kämpfe, Kapriolen“ extrem ärgerlich macht, ist die Tatsache, daß das Buch dem geneigten Humoraffinen oder Hobbybiologen absolut nichts Neues bietet.
Inhaltlich ist alles schon mal da gewesen und zwar besser!
Dazu verweise ich (erneut) auf das mittlerweile zehn Jahre alte Michael Miersch-Werk „Das bizarre Sexualleben der Tiere“ (Eichborn 1999).
Miersch geling all das, woran Ludwig und Gebhard scheitern:
Interessante Informationen, die tatsächlich kurzweilig und witzig verpackt sind.

Glücklicherweise wurde die nächste Nacht besser; von Sonntag auf heute las ich Blixa Bargelds „Europa kreuzweise. Eine Litanei“ (Residenzverlag 2009).
Nein, man muß die „Einstürzenden Neubauten“ weder mögen, noch kennen, um diesen knappen Reisebericht zu lesen.
Das ist bei den drei Sven-Regener Romanen (die ich sehr schätze!) anders.
Hier empfiehlt es sich durchaus die „Element Of Crime“-CDs gut zu kennen.
Die schummerige angetrunkene Kneipeneinsamkeit, die auf EOC-Konzerten melancholisiert, sollte man im Ohr haben, um Herrn Lehmann folgen zu können.

Bargelds Buch ist kein Roman, sondern auf den ersten Blick ein Restaurant- und Hotelführer.
("Tourtagebuch" nennen es Journalisten. Mit dem Begriff kann ich mich nicht anfreunden, da die Tour nicht die geringste Rolle spielt und man auch nichts darüber erfährt.)
Dies ist kein neues Genre der intellektualisierten Reisenden in Sachen Pop-Musik.

Alex Kapranos legte schon einen Restaurantführer vor:
Sound Bites. Essen auf Tour mit Franz Ferdinand. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

Da der Schotte vor seinem Dasein als Stilikone, Sänger und Frontmann tatsächlich Koch war, ist “Sound bites” gewissermaßen naheliegend.

Bargeld geht anders an die Sache heran, denn er ist statt Koch hauptsächlich Intellektueller, Dandy, Kultur-Wissender und Kosmopolit.
Seit dreißig Jahren tourt der gute Mann umher und lebt heute in Peking, San Francisco und Berlin.
Er probiert nicht wie Kapranos neugierig die jeweilige Spezialität des Ortes - egal wie ekelig es sein mag, sondern steuert zielsicher die besten Lokale an und ist offensichtlich in der Lage fundiert zu beurteilen, welches ein guter Wein oder ein gutes Sushi ist.

Stutzig machten mich die Blixa Bargeld-Lorbeeren in den Feuilletons der letzten Wochen.
Oh ha, was waren das für Lobpreisungen.
Till Briegleb überschrieb seinen Artikel am 27. Juni mit
„Ein ironischer Mega-Snob geht sehr gut essen:
Blixa Bargeld vollzieht noch einmal die notwendige Pop-Konterrevolution“

Bargeld selbst will seine schreibende Rolle nicht als Gastrokritiker verstehen, sondern gibt im Spiegelinterview Auskunft:
Vor allem ist dieses Buch eine Litanei, der Residenzverlag bringt eine entsprechende Reihe heraus. Ich musste erstmal eine befreundete Literaturwissenschaftlerin fragen, was eine Litanei überhaupt ist: Eine eher orale Form, die aus der Liturgie stammt und im Prinzip endlos ist. Deswegen ist das Buch auch so flach.

Die usual suspects der Pop-Feuilletons halten Bargelds Buch für sagenhaft arrogant, beeilen sich aber hinzuzufügen, wie kurzweilig er sei.
Der „Mega-Dandy“ selbst sieht das wesentlich nüchterner; Essen sie einfach eine Form der Bildung:
Seit 30 Jahren singe ich jetzt und gebe Konzerte. Die meisten meiner Hobbys, darunter etliche illegale, habe ich zwischenzeitlich aufgegeben. Da bleibt nicht mehr viel außer der Küche. Immerhin reden wir hier von einem Genuss. Gut zu essen bedeutet, sich der Bodenlosigkeit anheimzugeben. Das Barometer ist nach allen Seiten offen. Es verhält sich also ähnlich wie mit dem Drogenkonsum, mit dem Unterschied, dass Restaurantbesuche legal sind. Ich persönlich betrachte den Besuch exzellenter Restaurants übrigens als Bildung. Insofern war die letzte Europatournee für mich auch eine Bildungsreise.

Tatsächlich spart Bargeld fast alles aus, das man in so einem Buch erwarten würde.
Man erfährt NICHTS über die Konzerte, über seine Bandmitglieder oder gar Fans.

Er gibt sich so ungeheuer abgehoben, daß es oft nicht einmal zu grammatikalisch vollständigen Sätzen reicht.
Adjektive Mangelware.

Der Tausendsassa ist eben wichtig und kann sich nicht um Details kümmern.

Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, denn auf so einer Tour herrscht auch Öde und Langweile, die auch ein Kulturbraini mit sinnlosem TV-Konsum und Internetgedaddel füllt.

Im Mailänder "Cracco" z.B. läßt sich Bargeld von einem ebenfalls anwesenden koreanischen „Food-Blogger“ so nachhaltig nerven, daß er später in Graz dessen Blog-Eintrag sucht, umständlich transliterieren läßt und sich gehörig ärgert, daß der Koreanischen Essensreisende schreibt er wäre der einzige Gast, der allein aß - obwohl doch Blixa genau gegenüber ebenfalls an einem Einzeltisch speiste.

Ein kurzweiliges und lehrreiches Buch.

Samstag, 3. Januar 2009

Alte Liebe

Andrew Darlington, Blogger und Lyriker aus Ossett, West Yorkshire, England inspirierte Anne Clark auf ihrem aktuellen großartigen Studioalbum durch sein Gedicht “Psalm” zu einem außerordentlich eindrucksvollen Liebeslied.
Ein Song, in dem ein kongenialer Rundumschlag gegen spirituellen Wahn jeder Art geführt wird.

Anne Clark, mittlerweile 48 und in Norfolk lebend, sollte man überhaupt lieben - vor allem, weil sie immer besser wird.
Die CD "The Smallest Acts Of Kindness" aus dem Herbst 2008 gehört also in jeden Haushalt.


Wer mit der Musik nicht warm wird, sollte sich wenigstens das Text/Interview-Buch„Notes Taken, Traces Left“
von Jeff Aug anschaffen.
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf (November 2003) ISBN-10: 3896024639.
Darin findet man 125 ihrer Texte inklusive deutscher Übersetzung.
Dazu jede Menge Photos und Clark-Kommentare aus einer langen Karriere.

Englische Lyrik zu übertragen, ist sicherlich keine leichte Aufgabe und besonders brillant gingen auch Martin Müncheberg und Anne Litvin nicht vor, die sich an die Clark-Texte machten.

Interessant ist es aber dennoch die Gedichte jeweils in beiden Sprachen nebeneinander zu sehen - dadurch gewinnt das Original.
Es wird im besten Sinne extrem artifiziell-britisch.
„Psalm“ ist in natürlich noch nicht in dem Buch enthalten, da es ganz neu ist - daher hier der Text:

Don’t need no god.
Don’t need no eternal paternal god.
Don’t need no reassuringly protective
good and evil in perspective god.
Don’t need no imported distorted,
inflated updated,
holy roller, save your soul,

Or anaesthetisingly opiate gods.


Don’t need no “all creatures that on Earth do dwell”
be good or you go to hell god.
Don’t need no Hare Krishna Hare Krishna,
Hail Mary, Hail Mary god.
Got no yen for zen, Baghavad-Gita or Gurus
No Mormons, Methodist, Seventh Day Adventist god,
no absolutes beyond refute,
no reverential preferential Judaic Messianic god.


No Bibles, no mahayanas, instant dharma gods.
Don’t need no spiritual suicide
pre-frontal lobotomizing god.
Don’t need no stoic sexless antiseptic god.
Don’t need no neon crucifix,

No crusade no burka or kabbalah

no camels or needles or papal decrees,
no mail order ikons, Koran’s or Mandala’s,
no Meha Baba’s,

No imams or Ayatollah’s,

No sharia

No opus dei

No dianetics

No tarots or beads

No devadasi


no “Immortal invisible gods only wise”.
Don’t need no televised circumcised
incessant incandescent god.


Don’t need your god.
I need human beings.
The beats of the fields

The earth and the stars

I need some kind of love.
I need you.


Und ein ganz schlechter Videomitschnitt:


Früher war Anne Clark natürlich lustiger - zur Illustration sei hier noch einmal einer ihrer Hits von 1984 erwähnt:

Self Destruct (aus „Joined Up Writing”)

Suicide is an urban disease
Spread by people and places like these
A quick self destruct from the 21st floor
A smell of gas through the kitchen door

A stab in the back from the workers and bosses
They're counting their gains as you count your losses
As you count your losses

Blow the world apart with the press of a button
We all say it shouldn't but we know it will happen
Again and again like the rain and the ark
Onwards forever eternally dark
Eternally dark

The grit in your eye soon enters your heart
And all that was strength is just falling apart
We're jumping from one bed and into another
Searching for something that we'll never discover
Never discover

So we go on breeding - breeding contempt
From all of the repression that this has meant
If the bombs and the fire don't instantly kill
Then the greed from the ashes certainly will
Certainly will

This place is not my place
This place is not yours
We're set on self destruct
For no reason or cause

If the bombs and the fire don't instantly kill
Then the greed from the ashes certainly will
Certainly will

Mittwoch, 17. Dezember 2008

DAS Geschenk.

Manchmal gerate ich an Dinge, die mich sofort überschlucken.
Dinge, die so massiv in meinen Kosmos herein rauschen, daß ich auf der Stelle außerstande bin mir vorzustellen, wie ich es bisher ohne sie aushalten konnte.
So ein Ding donnerte heute in meine kleine Welt und blies sie in eine neue akustische Dimension auf.
Das 15-Minuten-Epos, „How We Left Fordlandia” von Jóhann Jóhannsson dürfte wohl das schönste Musikstück sein, das ich seit „A Choral Room“ und „Sunset“ (K.B. 2005) gehört habe.
Jóhann Jóhannsson also mal wieder.Der Mensch ist einfach großartig.
Isländer natürlich.
Auch wenn ich 1000 Schubladen durchgucke, finde ich wohl keine, in die er hineinpasst.
Sein Plattenlabel nennt es „Ambient“, in Rezensionen fallen üblicherweise die Begriffe „Sound-Tüftler“, „Klassik“ und „Elektro-Experimentierer“, die miteinander verknüpft werden.
Die Elektro-Keule würde ich allerdings etwas außen vor lassen - immerhin wurde dieses aktuelle Album, „Fordlandia“, wie schon der thematische Vorgänger IBM 1401, A User’s Manual vom City Of Prague Philharmonic Orchestra And Chorus unter Leitung von Miriam Nemcova in Prag aufgenommen
– einer Truppe, die sich exklusiv für Schallplattenaufnahmen aus der Crème der besten Musiker verschiedener Tschechischer Orchester rekrutiert und der man ihre 20-jährige Tonstudioerfahrung anhört. (Victoriah Szirmai)
Wer also unbedingt eine Schublade braucht, kann eigentlich ruhig das Etikett “Klassik” aufkleben - wenn auch der ein oder andere fremde Ton dazwischen sein mag.
Jóhannsson benamst sein opulent-fragiles Meisterwerk erneut nach einer sich im Abstieg befindlichen amerikanischen Technik-Ikone.

Fordlandia ist dabei ein zu mannigfachen Konnotationen einladendes Wort:
In den 1920er Jahren hatte der Auto-Konzern Ford ein 10.000 km² großes Stück Regenwald in Brasilien gekauft.
Das ist in etwa viermal Luxemburg oder einmal das Kosovo.
Ohne die geringste Kenntnis von der dortigen Landwirtschaft, wollten die Ford-Großindustriellen dort eine gigantische Gummiplantage, inklusive einer Stadt nach amerikanischem Vorbild errichten. 8000 einheimische Arbeiter hatten ab sofort nach dem Ideal-Vorbild des amerikanischen Vorstadtbürgers zu funktionieren: Fastfood und american way of life.
Der erste Massenaufstand wurde noch vom brasilianischen Militär niedergeknüppelt, aber das Projekt wurde ein derartiges Desaster, daß sich Ford schließlich zurück zog.
Nämlich zu dem Zeitpunkt, als Naturkautschuk nicht mehr für die Reifenproduktion gebraucht wurde, da petrolchemische Alternativen entwickelt worden waren.

Während Fordlandia also seit 1945 kontinuierlich verkommt und verrottet und lediglich von ein paar Hundert Menschen bevölkert wird, schickt sich im Dezember 2008 der einst Gott-große Gründer in Michigan an, es seinem Dschungel-Humunculus gleich zu tun und bettelt in Washington um Almosen.
Der Isländer lockt uns in die ganz große Assoziations-Welt.

Was fasziniert ihn an diesen Titeln, wie inspiriert ihn das zu dieser so melodiösen tieftraurig-betörendschönen Fabelmusik?
Das Jóhannsson-Booklet versteckt unter der CD eine im Sumpf steckende Tin-Lizzy; offensichtlich aufgegeben im Dschungel - Ankor Wat läßt grüßen.
(Ja, verdammt! Man muß die CD schon kaufen und soll nicht immer in mieser Tonqualität billigheimernd downloaden)

Einen weiteren Hinweis finden wir in einigen Zeilen der viktorianischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861), deren sozialphobisches, hypersensibles Wesen idealtypisch zu den epischen Klangdramen Fordlandias passt.
Bis zur Abschaffung der Sklaverei hatte sie auf einer Plantage auf Jamaica gelebt und den von Weißen malträtierten Dschungel selbst erlebt:

"And that dismal cry rose slowly and sank slowly through the air full of spirits melancholy and eternity's despair and they heard the words it said; Pan is dead - Great Pan is dead."

Sakral, distanziert, dennoch warm und empathisch wirken Jóhannssons Kompositionen.
Ich kann mich dem nicht entziehen - als ob am Ende doch die Kunst über die Technik obsiegte.

Kritiker überschlagen sich mit Lob und finden wohlige Wort-Wolken:
Jóhann Jóhannsson's spellbinding new album draws these tantalising threads together, weaving a musical tapestry of hypnotic richness and surprising emotional depth.

Na ja, klingt gut, sagt aber nicht viel aus, finde ich.
Muß man anhören - am besten LAUT und aufmerksam.
Ist kein U-Musik-Klangteppich für nebenbei.

Wer doch frevelhafterweise mal am PC rein hören will, kann eine auf 7.40 Minuten gekürzte Version des Titelsongs Fordlandia auf JJs Myspace-Seite anhören.


Aus "IBM 1401, A User’s Manual" von 2006 gibt es ein Video:

IBM 1401 Processing unit