Damit ist es nun noch sinnloser, daß ich auch noch meinen Senf dazu gebe, aber ich kann es mir einfach nicht mehr verkneifen.
Ein paar Bemerkungen.
Zum Thema „Rücktrittsgründe“ hat gestern Gregor Gysi etwas sehr Richtiges gesagt: Es gibt dafür keine objektiven Kriterien; sondern es hängt immer von der Glaubwürdigkeit einer Person und dessen moralischer Fallhöhe ab.
Nachdem beispielsweise CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel in unfassbaren Maß gemauschelt und gelogen („Ich gebe ihnen mein Ehrenwort!“) hatte, war sein SPD-Nachfolger Björn Engholm gewissermaßen eine Lichtgestalt der Ehrlichkeit. Als herauskam, daß er nicht rechtzeitig angegeben hatte, wann er über die CDU-Machenschaften informiert wurde, reichte dieses winzige schwarze Fleckchen auf seiner weißen Weste, um zurück zu treten.
Was sich Engholm einmal innerhalb seiner gesamten politischen Laufbahn geleistet hatte, log ein Franz Joseph Strauß jede Stunde.
Der Bayer wäre garantiert nicht wegen so einer Petitesse zurückgetreten.
Hier liegt aber genau das Problem für Guttenberg; er hat sich stets (ungefragt) selbst als besonders gradlinig und anständig inszeniert.
Wenn man seine private Homepage aufruft, prangen dort als erstes die Worte „Verantwortung verpflichtet“ und dann folgen Hochglanzaufnahmen von ihm und seiner Frau mit Sprüchen wie zum Beispiel;
„Richtschnur meines Handelns war und ist Prinzipienfestigkeit und Grundsatztreue!“
„Verantwortung bedeutet vor allem Verpflichtung, Vertrauen und Gewissen!“
Wer sich derart in Szene setzt, muß sich nicht wundern, wenn von ihm auch Wahrheit und Klartext verlangt wird.
Ein Roland Koch hätte es viel leichter. Er gilt ohnehin als notorischer Lügner. Von ihm würde man a priori annehmen bei akademischen Graden geschummelt zu haben.
(Eigentlich verblüffend, daß Koch gar keinen Dr.-Titel hat.)
Heute sagte Googleberg vor der Presse: „Ich werde bei mir keine anderen Maßstäbe setzen, als ich sie bei anderen angesetzt habe.“
Auch dies ein Satz, der ihm eigentlich längst vor die Füße gefallen ist - hatte er doch den Gorch Fock Kapitän, seinen Staatssekretär und den Generalinspekteur ERST entlassen, BEVOR sie die Chance hatten die Vorwürfe zu klären.
Vorgestern schon sagte Joschka Fischer etwas sehr Richtiges zur Causa Guttenberg:
Politiker stürzen nicht über die Fehler in ihrer Vergangenheit, sondern darüber wie sie in der Gegenwart damit umgehen.
Und genau das erleben wir gerade. Der ehemalige „Dr.“ Guttenberg kann seine Dissertation nicht ändern, aber er könnte sich mit einem geknickten Mea-Culpa-Auftritt recht leicht ein allgemeines Verzeihen erwirken; schließlich genießt er enorme Sympathien.
Stattdessen tut er so griffsicher das Falsche, daß man ernsthaft an seiner Intelligenz zweifeln muß.
Zunächst einmal würgte er alle Vorwürfe als „absurd“ ab und verkannte dabei, daß er sich als erstes an die Autoren und Wissenschaftler hätte wenden müssen, die er beklaut hatte.
Ihnen gebührte am dringlichsten ein Mea Culpa; aber auf die Idee kam der Edelmann gar nicht.
Er würdigte sie keines Wortes und schoss sich auf die Journalisten ein.
Damit fachte er erst die „Schwarmintelligenz“ des Netzes und die Solidarität der Fachleute mit ihren plagiierten Kollegen an.
Und dann heute der tausendfach beschriebene Presse-Gau, als Guttenberg, der sonst bei jeder Kamera stehen bleibt, die Bundespressekonferenz düpierte und damit im Handstreich die Hauptstadtpresse gegen sich aufbrachte.
Dieter Wonkas Worte, Guttenberg sei ein „Feigling“ und habe „nicht die Traute“ sich Fragen zu stellen, bleiben nun um so mehr im Gedächtnis.
Mit Guttenbergs abseits der Hauptstadtpresse vorgelesenem Statement, bei dem keine Fragen erlaubt waren, scheint sich der Freiherr nun selbst das Grab auszuheben.
Seie Arroganz war kaum zu übertreffen und er hatte sogar die Chuzpe die in Afghanistan getöteten Soldaten als Vorwand dazu zu nehmen, sich nun aber wirklich nicht mehr mit die Dissertationsfragen zu beschäftigen.
Meine von mir verfaßte Dissertation ist kein Plagiat. Den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa 7 Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler.
(KT z. G)
Das Wort „Entschuldigung“ fällt nicht. Kein Funke Demut. Von oben herab ist die Perspektive.
Es scheint sich hier um das Klischee-Politiker-Verhalten par Excellence von einem zu halten, der sich so gerne als dem Politiker-Klischee nicht zugehörig inszeniert:
Mir kann keiner was, für mich gelten die normalem Maßstäbe nicht, ich darf mir alles rausnehmen, es wird schon nichts bekannt werden.
Das Plagiieren stritt er derartig rigoros ab, daß er kaum noch aus der Nummer rauskommen kann.
Am Freitagnachmittag listete die eigens eingerichtete Internetseite "GuttenPlag Wiki" auf, dass die Doktorarbeit auf mindestens 111 Seiten Plagiate berge. Guttenbergs selbst formulierte Ansprüche an Moral und Aufrichtigkeit in der Politik wenden sich nun gegen den Umfrageliebling.
(taz 18.02.2011)
In Guttenbergs Dissertation finden sich gleich auf mehreren Seiten Textstellen einer Grundkurs-Hausarbeit aus dem März 2003 - eingereicht im "Proseminar zur Einführung für Studienanfänger". Der Dozent Prof. Dieter Löcherbach hatte die Hausarbeit anonymisiert als "Beispiel für eine gelungene Hausarbeit" online gestellt – versehen mit dem ausdrücklichen Vermerk: "Bitte beachten Sie auch hier wieder den Urheberschutz". Dies scheint Guttenberg nicht davon abgehalten zu haben, gleich mehrere Textpassagen aus der Anfänger-Hausarbeit zu übernehmen.
(Holger Schmale 17.02.2011)
Morgen wird der Kölner Stadtanzeiger das veröffentlichen, was seit vorgestern ohnehin jeder ahnt: Selbst die Schwarzgelben glauben nicht mehr, daß Guttenberg die Dissertation selbst geschrieben hat.
Zu offensichtlich kennt er den Text gar nicht. Denn wie könnte er sonst immer noch lapidar von „versäumtem Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1.300 Fußnoten und 475 Seiten“ palavern, wenn schon die halbe Bundesrepublik weiß, daß gleich seine Einleitung, bei der man üblicherweise seine genuin eigenen Hauptgedanken einer Doktorarbeit ausbreitet, aus der FAZ kopiert war.
Führende Koalitionskreise gehen davon aus, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die 2006 eingereichte Doktorarbeit trotz gegenteiliger Beteuerungen „nicht selbst geschrieben hat“. Das berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ unter Berufung auf Vertreter von Union und FDP. Diese Vermutung lege sowohl das Ausmaß der plagiierten Stellen als auch die Tatsache nahe, dass die Einleitung des 475-Seiten-Werkes schon mit einem Plagiat beginne, heißt es. Schließlich sei „die Einleitung das Persönlichste überhaupt“. Guttenberg selbst hatte in seiner ersten Erklärung zu der Affäre am Mittwoch noch behauptet: „Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung." Sollte man ihm das Gegenteil nachweisen können, so die Einschätzung in der Koalition, werde der CSU-Politiker auf jeden Fall zurücktreten müssen.
(KSTA.de)
Also:
Jake hat Recht - verglichen mit dem Kunduz-, Gorch Fock- und Opel-Schmu, ist das Auffliegen einer nicht selbst geschriebenen Dissertation eine Petitesse.
taz-Chefin Ines Pohl hat das mustergültig in ihrem Kommentar „Der kleinste Fehler des Barons“ beschrieben.
Das hat wirklich etwas von der Verurteilung Al Capones wegen Steuerhinterziehung.
Aber bei den früheren Affären hat sich Guttenberg bei der Bewältigung nicht so dumm angestellt und vor allem ist diesmal anders, daß er keinen Sündenbock finden kann, dem er die Schuld in die Schuhe schieben kann.
Guttenbergs Versuch sich mit Hinweis auf die Wichtigkeit seiner Arbeit als Verteidigungsminister aus der Schusslinie zu nehmen, hat sich ins Gegenteil verkehrt.
So realitätsblind, wie er jetzt erscheint, kann er auch als Minister nicht geeignet sein.
Der Minister scheint jeden Bezug zur Realität verloren zu haben. Wäre er jetzt zurückgetreten: Er hätte vermutlich wenigstens seinen Wahlkreis retten und in einigen Jahren von vorn anfangen können. Bitter, aber doch eine Chance. Jetzt haben alle, die ihm übel wollen, die Gelegenheit, das Thema wochenlang am Kochen zu halten. Ist Guttenberg noch bei Sinnen? Die Frage ist nicht sarkastisch gemeint. Das Vorwort seiner Dissertation - nicht die von der FAZ abgekupferte Einleitung - wirkt manisch. Die Entscheidung, nur "ausgewählte" Vertreter der Medien eine vorbereitete Erklärung abfilmen zu lassen, ist schlicht irre. Damit hat er sich viele neue Feinde geschaffen. Ohne Not, ohne Sinn. Könnte es sein, dass die derzeit wirklich wichtige Frage lautet: Wer schützt Guttenberg vor sich selbst - und wer schützt die Bundeswehr vor einem wie ihm?
(Bettina Gaus, 18.02.2011)
Zu einem allerdings taugt Guttenberg noch - als Witzfigur.
Holdger Platta erklärt Guttenberg habe in alter Adelstradition gehandelt; anderen Menschen deren Eigentum zu klauen, den Zehntteil von allem, was ihre Bauern erwirtschaftet hatten, sowie die Jungfräulichkeit der bürgerlichen Bräute aus ihrem Territorium gleich mit. Keine Aufregung also: daß Herr von Guttenberg MitbürgerInnen bestohlen hat, dies steht in bester alter Tradition und ist nichts anderes als Brauchtumspflege auf Aristokratenart! Witzig scheint mir deswegen nur, daß eine der bestohlenen WissenschaftlerInnen ausgerechnet „Zehnpfennig“ heißt! Wer es nicht wissen sollte: auf genau diese bäuerliche Abgabepflicht des Zehnten gegenüber dem Adelsherren geht dieser Name „Zehnpfennig“ zurück! Was bedeutet: Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig ist mit diesem Beklautwerden durch Herrn von Guttenberg lediglich in die eigene Familientradition des Beklautwerdens zurückgekehrt.
Und Extra Drei sieht in die Zukunft der Stefanie zu Guttenberg und ihrer Kinder:



