TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Montag, 5. Dezember 2011

Nasenstubser für Bibi

Die Ansicht, daß Deutschland immer noch aufgrund seiner Geschichte eine besondere Stellung in Europa hat und unbedingt sensibel mit den Interessen Israels umgehen muß, teile ich nach wie vor uneingeschränkt.

Sensibel zu sein, bedeutet dabei, daß man erst einmal nachdenkt, bevor man seine Klappe zum Nahostproblem aufreißt.
Sensibel zu sein, bedeutet dabei, daß man nicht wie FDP-Möllemann oder CDU-Hohmann versucht antisemitische Töne anzuschlagen, um davon parteipolitisch zu profitieren.
Sensibel zu sein, bedeutet dabei, daß man nicht bei jeder unpassenden Gelegenheit wie Herr Wulff, Herr Koch, Herr Sinn und reihenweise katholische Bischöfe Nazi- und Holocaustvergleiche anstellt.
Sensibel zu sein, bedeutet dabei, daß man als deutsche Bundesregierung das Kanzlerflugzeug nicht ausgerechnet an Israels „Todfeind“ Achmadinedschad verkauft.
Sensibel zu sein, bedeutet dabei, daß man jüdische Deutsche nicht für „ihre Regierung“ haftbar macht, wenn Israels Regierung gemeint ist.

Vor Jahren habe ein Abgeordneter zum Beispiel nach einer Rede des israelischen Präsidenten Ezer Weizmann vor dem Bundestag zu Ignaz Bubis gesagt: „Ihr Präsident hat heute eine wunderbare Rede gehalten!“ Bubis’ Antwort: „Ist das so? Ich wusste gar nicht, dass Roman Herzog heute vor dem Bundestag eine Rede gehalten hat.“
(Kathrin Hessling 2007)

Sensibel zu sein, bedeutet aber natürlich nicht, daß man nicht über die Politik der Israelischen Regierung diskutieren dürfte, oder daß man nicht widersprechen dürfte, wenn in Israel Dinge beschlossen werden (beispielsweise Siedlungsausbau, Grenzzäune), die der Sicherheit und dem Frieden in der Region eher abträglich sind.

Schon seit Jahrzehnten haben auch deutsche Regierungen Israel immer wieder mal scharf kritisiert - wer da von "Tabus" redet, lügt, oder weiß es nicht besser.

Man soll Israel nicht verdammen und zum Alleinschuldigen aller Probleme im Nahen Osten erklären.
Ich glaube aber man tut Israel insgesamt absolut keinen Gefallen damit, wenn man wie die enthirnten Christenfanatiker von den US-Republikanern mit geschlossenen Augen Israel immer nur bejubelt und bedingungslos fördert.

Die meisten der acht GOPer Präsidentenkandidaten-Kandidaten-Schwachköpfe schwören schon ihre erste Amtsreise führe sie nach Jerusalem und einen Krieg gegen den Iran würden sie auch unterstützen.
Die Radikalsten und Dümmsten der amerikanischen religiösen Rechten geben sich in Israel die Klinke in die Hand. Sarah Palin und Glen Beck irrlichterten beispielsweise von einem riesigen Kamerapulk verfolgt durch das Heilige Land.
Die Israelische Bevölkerung muß einem leidtun - bei solchen Freunden braucht es keine Feinde mehr.
Ohnehin ist der Beitrag zur Stabilität in Israel der Becks und Bachmanns unter Null. Ihnen geht es nur darum sich vor dem heimischen Publikum zu profilieren.
Der Judenstaat muss als Staffage herhalten.

Hätte Deutschland die weltgrößte Supermacht als ständigen und blinden Unterstützer auf seiner Seite und würde stetig mit Militärhilfe und Dollarmilliarden überschüttet, sowie im UN-Sicherheitsrat automatisch mit Vetos gedeckt werden, möchte ich mir nicht vorstellen, was für Großmannssüchte hier sprössen.

Die Mischung aus Existenzangst und Glauben an die extreme militärische Übermacht ist nicht gesund für Israel.

Militärische Übermacht ist ohnehin heutzutage so ein Gummibegriff geworden.

Wer würde ernsthaft der Ansicht widersprechen, daß die US-Armee Saddams abgehalfterten Truppen haushoch überlegen war, daß die Taliban auch nicht annähernd mit der Bewaffnung der Amis mithalten können?

Auf dem Papier sieht das so eindeutig aus, wie ein Elefant einer Ameise überlegen ist.
Die USA hat mehr, bessere und modernere Waffen.
Nur, was nützt es?

Sie haben dennoch weder Vietnam, noch den Irak noch Afghanistan unter Kontrolle bekommen.

Sie haben das nur - im Gegensatz zu Osama bin Laden - vorher nicht begriffen und rannten wie ein hirnloses Riesenbaby in Al-Kaidas Falle.
Nach zehn Jahren ist Amerika geschwächt wie nie, hängt ökonomisch am Tropf Chinas und Japans und Al Kaida selbst wurde eine beispiellose Rekrutierungskampagne zuteil.

Das gleiche Bild in Palästina. Die Israelische Armee ist selbstverständlich dem Libanon oder dem Gaza-Streifen unendlich weit überlegen.

So wie beim Israelischen Unabhängigkeitskrieg (1948), dem Sechstagekrieg (Juni 1967) oder dem Jom-Kippur-Krieg (1973) läuft das aber heutzutage nicht mehr.

Der Verlust von Menschenleben, die Reaktion der Weltöffentlichkeit und die simultane Berichterstattung in den interaktiven Medien machen es unmöglich solche Kriege unter Kontrolle zu halten.
Beim „zweiten Libanonkrieg“ (2006) hatten Olmert und Peres zwar die uneingeschränkte Unterstützung Amerikas und Englands, sowie eine allmächtige Luftwaffe - aber genützt hat es nichts.
Nun ist der Libanon ganz kaputt, knapp 2000 Zivilisten starben, Israel ist einige Milliarden Dollar ärmer und der Frieden ist ferner denn je. Was für eine sinnlose Aktion.
Daß Olmert sich in so eine Lage brachte, kann man nur mit Hilfe der Psychologie erklären - wobei ich die eher irrationalen Beweggründe nicht kleinreden will.
Israel hat schließlich Gründe zur Hysterie zu neigen.

Aber nun noch den Iran anzugreifen, wie es immer wieder aus Jerusalem kolportiert wird?

Das muß doch böse enden.

Gegen mögliche israelische Angriffe auf Teheraner Atomanlagen bildet sich (erfreulicherweise) Widerstand aus zwei unerwarteten Ecken:


1.)
Der Ex-Mossad-Chef Meir Dagan, bekannt als harter Hund und Planer von Attacken aller Art, macht der Israelischen Regierung das Leben schwer, indem er penetrant deutlich warnt.

Der Spion, der aus der Stille kam, hält Israel in Atem mit seinen donnernden Warnungen vor einem Angriff auf Iran.
[…] Seit seiner Pensionierung im Januar aber kämpft er beredt gegen israelische Bombardierungspläne. Erst tat er das in Hinterzimmern, dann auf diversen Podien. Nun hat sich Dagan auf seinem Feldzug gegen den Krieg erstmals ins Fernsehen vorgewagt mit einem Interview zur besten Sendezeit. Regierungschef Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak, die immer wieder die 'militärischen Optionen' beschwören, ist damit im eigenen Land ein Widersacher erwachsen, den sie ernst nehmen müssen. […] Frontal greift Dagan [….] die Kriegsszenarien an, mit denen Verteidigungsminister Barak hausieren geht. Nicht einmal 500 Tote, so hatte Barak getönt, werde Israel eine Konfrontation mit Iran kosten. 'Es werden mehr sein', konterte Dagan nun kühl im Interview auf Channel 2. Eindringlich warnte er davor, 'mit weit offenen Augen einen regionalen Krieg' zu provozieren. Er rechnet nicht nur mit einem iranischen Gegenschlag, sondern auch mit Raketenfeuer der Hamas aus dem Gaza-Streifen und der Hisbollah aus dem Libanon. Überdies hält er ein Eingreifen Syriens für wahrscheinlich, weil der bedrängte Despot Baschar al-Assad so auch vom inneren Aufruhr ablenken könne. Angesichts all dieser Gefahren hat Dagan einen Angriff auf Iran zum 'dümmsten Einfall' erklärt, von dem er je gehört habe.
(Süddeutsche Zeitung 03. Dezember 2011)

2.)
Und, es geschehen noch Zeichen und Wunder, aus Washington dröhnen Warnungen in das heilige Land.

Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta hat Washingtons engen Verbündeten Israel in ungewöhnlich deutlichen Worten zu besserer Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten in Nahost aufgerufen. Sicherheit sei zwar von einem starken Militär abhängig, aber "ebenso von starker Diplomatie", sagte Panetta bei einer Diskussion im Saban-Center für Nahost-Politik, wie die "New York Times" berichtete. "Und leider haben wir im vergangenen Jahr beobachtet, wie Israel zunehmend von seinen traditionellen Sicherheitspartnern in der Region isoliert wird, während die Suche nach einer einvernehmlichen Friedenslösung für Nahost praktisch zum Stillstand gekommen ist." Panetta sagte weiter: "Letzten Endes kann der Traum eines sicheren, fortschrittlichen jüdischen und demokratischen Israel nur durch zwei Staaten, die friedlich beisammenleben, erreicht werden." Der Verteidigungsminister mahnte die Wiederaufnahme der Friedensgespräche an: Der erste Schritt Israels sollte sein, "an den verdammten Tisch zurückzukehren".
(HHAbla 05.12.11)

Auf irgendeinen substanziellen Beitrag aus Berlin wird man natürlich vergeblich warten - zumal wir bedauerlicherweise das Amt des Außenministers nicht besetzt haben.

Montag, 14. November 2011

Überflüssige Studien - Teil IV und V

Heute wundere ich mich manchmal über meine frühere Naivität.
Unglaublich was man so als Jugendlicher gedacht hat.
Unlängst fand ich in einem alten Schulheft eine Aufzeichnung von mir, in der ich behauptete Philanthrop zu sein! Wie peinlich.
Zudem hatte ich das komplett verdrängt und erinnere mich jetzt eigentlich nur schon immer Misanthrop gewesen zu sein.

Das ist wirklich zum nachschämen, wie spät manchmal erst der Groschen fiel.

Als ich anfing zu studieren, saßen im Nachbargebäude die Studenten der evangelischen Theologie, die bei einem Typ von der Piet Cong Kirchengeschichte hörten.
Damals beging ich in einem Gespräch mit so einer angehenden Pfarrerin die unglaubliche Peinlichkeit zu fragen, wieso sie immer von „unserer Kirche“ sprach, wenn es um irgendwelche frühmittelalterlichen Dinge ging; der Protestantismus sei doch erst 500 Jahre alt.
Wie doof von mir.
Dabei war vor 500 Jahren nur das bekannte durch Luther bewirkte Schisma - „aber die 1500 Jahre zuvor gehören uns auch“ lachte mich die Theologenfrau aus.

Auch die evangelische Kirche ist natürlich 2000 Jahre alt und hatte zu 75% ihrer Geschichte einen (oder mehrere) Papst (Päpste).

Pure katholische Geschichte beginnt also streng genommen erst 1517.
Alle Vorkommnisse aus der Zeit zuvor, muß sich die RKK mit den anderen Christen teilen.
Der Kölner Dom ist also - auch wenn Kardinal Meisner jetzt einen Herzinfarkt bekommt - ebenfalls ein protestantisches Erbe (Baubeginn 15. August 1248).

Die verschiedenen kirchlichen Sekten, wie der Protestantismus und der Katholizismus zum Beispiel, hassen sich wie die Pest, so daß im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 zwei Drittel Europas ausgerottet wurden.
So mordlüstern und fanatisch droschen Katholiban und Lutheraner auf einander ein, daß anschließend ein ganzer Kontinent praktisch entvölkert war.

Aber diese extreme Form des Hasses gibt es eben nur unter Brüdern.
Man schlachtet sich nur ab, wenn man sich ähnlich ist.

Die beiden Konfessionen sind nämlich im Grunde nur in Nuancen unterschiedlich, fußen auf denselben 1500 Jahren Geschichte und richten sich nach demselben Buch.
Die Tradition ist bei beiden Vereinen gleichermaßen abstrus.

Gottvater, der angeblich „gut“ ist, zürnt über sein eigenes Werk, nämlich die Menschen, die er nach seinem Ebenbild geformt hat, die aber irgendwie misslungen sind und nicht das tun, was er will.
Zur Strafe läßt er einen unschuldigen Juden, der auch noch sein eigener Sohn ist, von den Römern hinrichten und schiebt das den Juden in die Schuhe, obwohl die sowieso schon die Stiefkinder der Schöpfung waren und ständig nur vertrieben und verfolgt wurden.
Immer auf die Kleinen.

Eine hochabsurde Konstruktion!

Um das zu glauben, bedarf es einer besonderen Doofheit und vernagelten Vorurteilsbehaftung.

Zum Glück verfügen aber gerade Christen über überdurchschnittlich viel Vorurteile und Dummheit.

Dies ist ein Banal-Zusammenhang, der ähnlich spektakulär ist, wie die Erkenntnisse: “Je kränker desto weniger gesund“. Oder „Je größer, desto weniger klein.“

Dennoch gab es schon wieder so eine überflüssige Studie, die eben diesen Zusammenhang - Je religiöser desto anfälliger für Vorurteile - belegte.

Homophobie und Sexismus: Mit der Religion kommen die Vorurteile, sagt eine Studie. Schuld daran sei unter anderem der traditionelle Absolutheitsanspruch des Christentums. Stark religiöse Menschen sind nach wissenschaftlichen Erhebungen besonders anfällig für abwertende Haltungen gegenüber Minderheiten. […] Stark Religiöse sind auffällig anfällig für abwertende Haltungen gegenüber Minderheiten „Dies zeigt sich besonders in den Bereichen Sexismus, Homophobie und Rassismus“, sagte die Bielefelder Psychologieprofessorin Beate Küpper. Besonders oft neigten Protestanten in den östlichen Bundesländern zu rassistischen Äußerungen.
[… ] In den Studien zeigte sich, dass über ein Fünftel der deutschen Protestanten, die sich selbst als sehr religiös einstuften, der Aussage „Weiße sind zu Recht führend in der Welt“ zustimmten. Bei den Menschen, die sich als glaubensfern beschrieben, teilten nur zwölf Prozent diese Auffassung. Die These „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland“ fanden ebenfalls über 60 Prozent der „sehr religiösen“ Protestanten richtig. Der Satz „Ausländer sollten nach Hause geschickt werden, wenn die Arbeitsplätze knapp sind“ fand bei fast der Hälfte dieser Gruppe Anklang.
(Welt 13.11.2011)

Prof Küppers Studie ist schon die zweite dieser Tage, die mit solch bahnbrechenden Erkenntnissen an die Öffentlichkeit geht.
Der 200-Seitige Antisemitismusbericht des Bundesinnenministeriums kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, daß der Antisemitismus immer noch in den Christlichen Kirchen beheimatet ist und nicht bekämpft wird.

Im Antisemitismusbericht der Bundesregierung wird den Kirchen vorgeworfen, nicht konsequent genug gegen Judenhass in den eigenen Reihen vorzugehen.
[…] Im Fazit der Studie, die am Donnerstag in Berlin bekannt wurde, wird die Frage gestellt, ob in der Kirche 'die kritische Auseinandersetzung mit der Tradition des christlichen Antijudaismus' weit genug gehe. 'Erreicht, so ist etwa zu fragen, der christlich-jüdische Dialog wirklich die Basis der Kirchenmitglieder?', heißt es in dem Bericht. Die Frage, 'ob und in welchem Ausmaß innerhalb der Kirchen möglicherweise ein gewisser latenter Antisemitismus auszumachen ist', sei legitim und bedürfe einer Antwort.
(KNA 11.11.2011)

Welch Überraschung!

Besondere Aufmerksamkeit richtet der Bericht auf die traditionalistische Piusbruderschaft. Die Debatte um die Aufhebung der Exkommunikation ihrer Bischöfe durch Papst Benedikt XVI. habe „Defizite in der Auseinandersetzung mit judenfeindlichen Strömungen deutlich gemacht.“
Der Umgang mit der Piusbruderschaft habe dem christlich-jüdischen Dialog sehr geschadet, räumt [Bischof] Jaschke weiter ein. „Nicht weil die Piusbrüder als solche so wichtig wären, aber der Eindruck, dass man in Rom unkritisch mit den Piusbrüdern umgeht und gar nicht wahrnimmt, was ein Mann wie Williamson an unsäglichem Unsinn gesagt hat. Dieser Eindruck ist ganz, ganz schlimm. Aber das steht nicht für die katholische Kirche. Aber noch einmal: Wenn man sich so unsägliche Pannen in unserer Kirche und um den Papst herum leistet, dann ist das ganz bitter.“
(Domradio 11.11.11 )

Durch die offensichtlich judenfeindliche Agenda des Deutschen Papstes, der die Holocausleugnerfreunde von der FSSPX zurück in die RKK holte und die Juden ganz allgemein schwer beleidigte, indem er die Heiligsprechung von Pius XII betreibt und die Karfreitagsfürbitte an die Juden wieder einführte, gerät manchmal in den Hintergrund, wie antisemitisch die Protestanten sind.

Margot Käßmann, Katrin Göring-Eckhart und Co sind aber schon allein dadurch überführt, daß sie sich so bedingungslos hinter einen der schlimmsten Antisemiten der Geschichte, nämlich Martin Luther, stellen. Mit 110 Millionen Euro unterstützt der deutsche Steuerzahler den zensierten Luther der Kirchen.

In all dem Trubel der Lutherdekade wird sein eleminatorischer Judenhass systematisch verschleiert.
Das wird zwar immer wieder eindeutig belegt, aber wie das so ist mit Fakten: Darauf reagieren Christen allergisch.

Und schon sind sich Protestanten und Katholiken wieder einig.
Auch Kardinal Meisner läßt auf seiner privaten Webseite „Domradio“ die Wahrheit bestreiten.

Die katholische Kirche verteidigt sich gegen den Antisemitismus-Vorwurf der Bundesregierung. Zwar habe der Umgang mit der Piusbruderschaft einen „schlimmen Eindruck“ hinterlassen, räumt Hamburgs Weihbischof Jaschke im domradio.de-Interview ein. Doch stünde dieser nicht stellvertretend für den christlich-jüdischen Dialog.
(Michael Borgers 11.11.11)

Samstag, 12. November 2011

Der Mann ohne Cojones.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Jeden Tag werden Millionen Menschen geboren und Millionen Menschen sterben.
Nur eines im Leben ist absolut sicher; wir alle werden sterben.
Der Tod ist also das natürlichste, das es überhaupt gibt. Kurioserweise ist der Tod gleichzeitig total tabuisiert; wird als das ultimative Unglück betrachtet.

„Unnötige Tode“ regen die Gesellschaft ganz fürchterlich auf.

Auf groteske Weise wird differenziert und das „WARUM????“-Geschrei schwillt an, wenn es sich um vermeidlich Unschuldige, Junge oder sonst irgendwie nicht ins Bild Passende geht.

Stirbt ein Kind, gilt das fast automatisch als größere Tragik gegenüber einem beispielsweise 60-Jährigen Toten. Dabei könnte man theoretisch auch genauso gut umgekehrt argumentieren, daß es viel tragischer ist einen 60-Jährigen zu verlieren, weil der viel mehr Bindungen und Beziehungen als ein Baby aufgebaut hat.

Kommt der Tod mit Politik in Kontakt, geht üblicherweise alles schief.
Politiker sind damit überfordert und treffen meistens abstruse und menschenfeindliche Entscheidungen. (PID, Patientenverfügung, Sterbehilfe, Organspende,...)

Gestorbene können sich in großen Zahlen verbergen und erregen dann keinerlei politische Aufmerksamkeit.
Wenn in einem extrem heißen Sommer zahntausende alte Menschen in Senioren- und Pflegeheimen an Dehydrierung und Exsikkose verrecken, handelt er sich tatsächlich um „vermeidbare Tode“.
Diese Menschen hätten leicht überleben können, wenn die Pflegeheime mit genug Personal ausgestattet wären, um den Insassen genügend Wasser zu trinken zu geben.
Aber Tote in Altenheimen sind permanent aus dem öffentlichen Focus.

Gleiches gilt für die jährlich 30.000 bis 40.000 an multiresistenten Krankenhauskeimen wie MRSA Sterbenden.
Man kennt das Problem schon viele, viele Jahre, weiß auch, was man dagegen tun könnte (Holland hat seine MRSA-Neuinfektionsrate auf nahezu Null gebracht), aber Hygiene ist teuer und erfordert politisches Handeln.
Wir haben aber Gesundheitspolitiker wie Bahr und Rösler, die lieber sechs sinnlose Milliarden für Mikrosteuerreförmchen rausprassen, statt Menschenleben zu retten.

Groteskerweise herrscht derzeit ein riesengroßes Geschrei, weil zwischen August und Oktober 2011 im Klinikum Bremen-Mitte drei Babies an Krankenhauskeimen verreckt sind.

Ja, und?????
Wenn man SEIT JAHREN VOLLKOMMEN TATENLOS ZUSIEHT wie durch Personaleinsparungen die Krankenhaushygiene so vor die Hunde geht, so daß Zigtausende an MRSA und Co sterben, dann ist es ja wohl das normalste der Welt, daß dabei auch ein paar Frühchen über die Wupper gehen.

Bei über 10.000 Toten pro Jahr liegt die Zahl der Selbstmorde
in Deutschland; Dunkelziffer ungewiss.
Allerdings steht das politisch nicht auf der Agenda und daher gibt es in Deutschland eine drastische Unterversorgung mit Psychotherapieplätzen.

Ein psychisch kranker Mensch wartet durchschnittlich 12,5 Wochen auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten. Diese Zeit kann je nachdem, wo er wohnt, noch deutlich länger sein: In Ostdeutschland sind es 16,1Wochen, im Ruhrgebiet sogar 17 Wochen. […] Während sich in Großstädten normalerweise knapp 40 Psychotherapeuten je 100000 Einwohner niederlassen dürfen, sind es zwischen Duisburg und Dortmund nur gut zehn, also etwa ein Viertel.
[…] Die Zahl der Psychotherapeuten reicht in ganz Deutschland nicht aus, weil die Häufigkeit psychischer Erkrankungen noch immer erheblich unterschätzt wird. […] Nur zehn Prozent der psychisch kranken Menschen in Deutschland erhalten - und das nach konservativen Schätzungen - eine im weitesten Sinne adäquat zu nennende Therapie. [...] Durch das Versorgungsstrukturgesetz droht sich die Versorgung psychisch Kranker weiter zu verschlechtern. Schon im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes könnte es 2000 psychotherapeutische Praxen weniger geben. […] Die amtliche Bedarfsplanung ist eine doppelte Täuschung, sie hat weder mit Bedarf noch mit Planung etwas zu tun.
(Rainer Richter, Professor für Medizinische Psychologie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Süddeutsche Zeitung 06. Oktober 2011)

Ziemlich wenig Tote gibt es in den Kriegen, die Deutschland führt.

In Afghanistan sind es bisher unter 100.
Eine lächerliche Zahl - verglichen zu den Menschen die dauernd aufgrund von Siff in Krankenhäuser verrecken.

Von den seit 1992 in die Auslandseinsätze entsandten Bundeswehrangehörigen starben 99 – 36 Soldaten fielen durch Fremdeinwirkung, 63 kamen durch sonstige Umstände ums Leben.
Insgesamt 19 Angehörige der Bundeswehr nahmen sich in Auslandseinsätzen das Leben.
(Bundeswehr.de)

Zudem kann man bei Soldaten nicht unbedingt davon überrascht sein, wenn sie in Gefechten umkommen. Das ist ihr Beruf und bisher werden nur Freiwillige an den Hindukusch geschickt.

Mit der politischen Aufmerksamkeit verhält es sich bei „Gefallenen“ allerdings genau umgekehrt.
Bei jedem einzelnen Soldaten drängt es Politiker aller Couleur vor die Kameras, es werden aufwändige öffentliche Zeremonien veranstaltet, die von Ministern und Kanzlern besucht werden.

Eine mittelgroße Todeszahl machen die Toten im deutschen Straßenverkehr aus.
Im Jahr 2010 starben 3657 Menschen auf deutschen Straßen. Das waren zwölf Prozent (495) weniger als 2009.
Der zuständige Minister Ramsauer hat sich nun vorgenommen diese Zahl drastisch zu reduzieren.

Nun ja, das kann man, könnte man machen.
Wenn es möglich ist Tote im Straßenverkehr zu vermeiden, sollte man das tun.

Wenn man allerdings generell das Leben schätzte und möglichst wenige Menschen unnötig sterben lassen wollte, sollte man hingegen bei der Krankenhaushygiene oder der Suizidprävention ansetzen.

Aber wer versteht schon die Bundesregierung!

Peter Ramsauer, 57-Jähriger Burschenschaftler aus Bayern, stramm katholischer vierfacher Familienvater, sitzt seit 21 Jahren im Bundestag und zeigte im Jahr 1991 wie er denkt, als er gemeinsam mit ein paar Braunen um Erika Steinbach gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze stimmte.

Ramsauer ist seit 2009 Verkehrsminister und ein riesengroßer Feigling.

Ein vernünftiger Verkehrspolitiker könnte zwei Positionen einnehmen.

a)
Zehn Verkehrstote pro Tag sind eine absolut tolerierbare Zahl. Gemessen an den sehr viel mehr vermeidbaren Infektionen in versifften Krankenhäusern, die wir als Schwarzgelbe achselzuckend hinnehmen, sind die paar Zerquetschten auf den Straßen kaum der Rede wert.

b)
Zehn Verkehrstote pro Tag sind eine absolut inakzeptable Zahl. Wir kennen die Haupursachen für die Todesfälle und werden das abstellen.

Als klassischer CSU’ler macht Ramsauer aber etwas höchst Unvernünftiges und wählt die Heuchelvariante C:
Er gibt lediglich vor etwas gegen die vielen Verkehrstoten zu tun, hat aber nicht die Eier in der Hose, um die Ursachen abzustellen.
Die Ursachen sind nämlich Raserei und Alkohol.
Wenn man wirklich die Todeszahlen im Straßenverkehr drastisch reduzieren WOLLTE, muß man ein strenges Tempolimit, bsp 90 km/h auf Autobahnen, sowie eine 0,0 Promillegrenze einführen. Simple as that.

Das traut sich Ramsauer aber aus Furcht vor den bayerischen Wählern nicht.

Und so entscheidet sich der Bundesfeigling lieber für ein paar Tausend Tote mehr im Jahr.

Experten kritisieren Ramsauers Programm als inkonsequent und die Schritte als veraltet.
[…] Ramsauer versucht, mit seinem Programm den positiven Trend der vergangenen Jahre fortzuschreiben. Grundlegende Veränderungen wie die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen oder ein Alkoholverbot lehnt er aber ab. Mit kleinen Verbesserungen will der Minister die Zahl der Todesfälle im Verkehr bis 2020 um 40 Prozent auf rund 2300 senken.
[…] Anja Hänel vom ökologisch orientierten VCD warf Ramsauer eine Politik des "Weiter so" vor. Anders als Schweden oder Großbritannien verfolge der Minister nicht die "Vision Zero", also einen Verkehr ohne Tote. "Der Autoverkehr soll bei Ramsauer bleiben, wie er ist. Aber an den Autos, der Infrastruktur und den Menschen soll nachgebessert werden." […] Der VCD fordert zudem ein striktes Alkoholverbot für Auto- und Motorradfahrer. "Dann würde auch niemand mehr versuchen, sich an die Promillegrenze heranzutrinken", sagte Hänel. Notwendig sei auch der verpflichtende Einbau von Antiblockiersystemen in Motorrädern. In seinem Programm betont Ramsauer zwar, wie wichtig ABS in Motorrädern seien. Über eine Pflicht sei er aber mit der Industrie nur "im Gespräch". Der Minister sagte, dass er keine "Vision Zero" verfolge. "Zwangsmaßnahmen" wie 0,0 Promille halte er nicht für sinnvoll.
(FTD, 10.11.11)

Ramsauer möchte sich durchschlängeln, bloß keinem wehtun.
Er kneift auf ganzer Linie.

Er will kein Überholverbot für LKWs und setzt sich zudem auf Druck der Spediteur-Lobby für die Einführung 25m langer Monstertrucks ein.

Seine Knie zittern vor den bayerischen Weißbiertrinkern.

Selbst die Helmpflicht für Radfahrer ist für ihn so ein heißes Eisen, daß er sich zu sehr vor den Reaktionen der Betroffenen fürchtet, um sich zu einem Pro oder Contra durchzuringen.
Er setzt auf Freiwilligkeit. Falls sich die Helmchenträgerzahl von derzeit 9% nicht freiwillig auf über 50% steigere, wolle er über eine Pflicht noch mal nachdenken.

Ein echter Merkelminister.

Samstag, 30. Juli 2011

Freunde in der Not.

Plagiator Guttenberg hat erlebt auf wen man sich verlassen kann, wenn es wirklich eng wird.
Als schon offensichtlich war, daß er 95% seiner Summa-cum-laude-Doktorarbeit aus Zeitungsartikeln abgeschrieben hatte, sich seine Ministerkollegin Schavan öffentlich für ihn schämte und die Doktoranden der Bundesrepublik gegen ihn Sturm liefen, beharrte er immer noch darauf „in mühseliger Kleinarbeit über viele Jahre“ jedes Wort selbst geschrieben zu haben.
„Meine Dissertation ist kein Plagiat“ ließ der vielfach überführte Profilügner wissen.

Der Mann, der auch sein zweites juristisches Staatsexamen nicht geschafft hatte und nur mit Sondergenehmigung ob seiner vorherigen grottenschlechten Leistungen als Jurastudent überhaupt zur Promotion zugelassen wurde (eine Guttenberg-eigene Firma „spendete“ mehrere Hunderttausend Euro an die Uni Bayreuth), behielt bis zum Schluß mächtige Unterstützung vom den Profis der Lüge: Springers BILD.

Pikantes Detail: Der BILD-„Chef vom Dienst“ heißt Karl Ludwig Johann Nepomuk Gotthelf Hubertus Maximilian von und zu Guttenberg und ist ein Onkel des Ex-Verteidigungsministers.

Die BILD ist eben treu und hält zu ihren erklärten Lieblingen.

Ein anderer Liebling von Europas größter Zeitung ist Thilo Sarrazin, der in sehr fruchtbarer Symbiose mit den Hetzern von der BLÖD lebt. Sie machen beständig Werbung für sein Buch, so daß er längst zum Millionär geworden ist, während er ihnen laufend verkaufsfördernde Schlagzeilen liefert.

Sarrazin ist dabei ein ebenso abstoßender wie tragischer Charakter.
Der Sproß einer großbürgerlichen Familie entschied sich bewußt für die Sozialdemokratie und leistete ziemlich unbestritten eine erfolgreiche Arbeit als Finanzsenator.
Das ist nicht zu unterschätzen, denn in den Jahren der Berliner Herrschaft Diepgens hatten CDU’ler die Hauptstadtfinanzen vollkommen zerrüttet und allein durch den berüchtigten Berliner Bankenskandal der Stadt Milliarden Euro Miese aufs Auge gedrückt.

Aber da war auch Sarrazins Lust an der Provokation, die anfangs noch belächelt -„nirgendwo sieht man so viele Leute in Trainingsanzügen durch dir Stadt schlurfen wie in Berlin“ - kontinuierlich immer fanatischer und erratischer wurde.

Sarrazin ist durchaus kein Blödmann, wie sein berühmtes Interview in der 17 Euro teuren Zeitschrift „Lettre International Nr 86“ vom Herbst 2009 beweist.
Seitenlang gibt er darin hochinteressante sachliche Analysen über den Standort Berlin zum Besten und macht dann alles selbst kaputt, indem er verächtlich die „Kopftuchmädchen“-Warnung einfließen läßt.

Seitdem hat der Banker offensichtlich endgültig die Bodenhaftung verloren und verschrieb sich ganz und gar dem rechten Populismus.
Erkennbar ging es ihm nun gar nicht mehr um die Sache, sondern nur noch um die Lust an der faschistoiden Hetze.
Untergangsszenarien und Antiislamismus waren nun seine einzigen Themen. Garniert mit völkischer Genetik à la Mengele provozierte er ein allgemeines Daumensenken der politischen Klasse.
Er schoß sich selbst aus dem Mainstream. Von Kanzlerin bis zur SPD-Spitze gruselte sich auf einmal jeder öffentlich über Sarrazins Schriften.
Er wurde zum Paria der politischen Klasse.

Darüber mußte er allerdings nicht in Depressionen verfallen, denn gleichzeitig mutierte er zum Helden des Boulevards, zur Ikone der BLÖD-Zeitung und zum Millionär.

Gerne würde der Ex-Bundesbanker noch ein paar Jahre weiter auf der bräunlichen Welle der Hirnlosigkeit reiten und Tantiemen einstreichen.

Ich habe keinerlei Zweifel daran, daß sein Hirn durchaus in der Lage ist noch viele neue NPD-schmeichelnde Schocker-Thesen auf den Markt zu werfen.
Genügend potente publizistische Multiplikatoren gibt es allemal in Deutschland.
Seine radikalen Kumpel Broder und Baring werden auch weiterhin gerne zu Hilfe eilen und in den Talkshows Sarrazin-Lanzen brechen.

Aber dann kam Breivik.

Der droht nun Sarrazins Höhenflug zu stoppen.
Denn niemand hat gerne den selbsternannten christlichen Kämpfer, der gerade 77 Menschen killte auf seiner Seite.

Der sprunghafte SPD-Chef Gabriel, der in der causa Sarrazin-Parteiausschluß eine sagenhafte Bauchlandung hinlegte und daher immer noch auf Rache sinnt, sah die Gelegenheit ordentlich zuzuschlagen und tat das.

Er stellte den Zusammenhang Sarrazin-Breivik ex cathedra her.

„In einer Gesellschaft, in der Anti-Islamismus und Abgrenzung von anderen wieder hoffähig wird, in der das Bürgertum Herrn Sarrazin applaudiert, da gibt es natürlich auch an den Rändern der Gesellschaft Verrückte, die sich letztlich legitimiert fühlen, härtere Maßnahmen anzuwenden.“
(Gabriel gegenüber der dpa)

Und da er gerade so schön am Austeilen war, gab er der FDP auch noch einen mächtigen Kinnhaken:

„Die FDP muss mit ihrem Ruf nach Steuergeschenken ohne Gegenfinanzierung und ihrer Euro-Blockade bei einigen Abgeordneten aufpassen, dass sie nicht zur deutschen 'Tea-Party-Partei' wird.”
(BamS)

Während aber die FDP gar keine Freunde mehr hat und sich selbst verteidigen muß…..

....."Sigmar Gabriel sollte mal lieber in Ruhe eine Tasse trinken, bevor er uns in die Nähe der Tea Party rückt", sagt Lasse Becker, Vorsitzender der FDP-Jugendorganisation Junge Liberalen (Julis) zu sueddeutsche.de. "Wir sind sicher keine Neokonservativen, Herr Gabriel betreibt hier geistige Brandstiftung. Wir haben vom Wähler den Auftrag, das Haushaltsdefizit auszugleichen, das uns die SPD hinterlassen hat. Das tun wir eben unter der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Menschen." (sueddeutsche.de 30.07.11)


…kann sich Sarrazin auf die mächtige BILD mit ihrer 15-Millionen-Leser-Reichweite verlassen:

Die „Bild“-Zeitung warf sich für den umstrittenen Buchautor und Immer-Noch-Genossen Thilo Sarrazin in die Bresche und fragte: „Was hat Sarrazin mit der Killer-Bestie von Oslo zu tun, Herr Gabriel?“
(Tagesspiegel 30.07.11)

Dienstag, 19. April 2011

Freiheit für Freitag

„Die Gläubigen sind selten Denker und die Denker selten gläubig.“
(Hans Daiber)


Die Beauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften, Maria Flachsbarth ist sauer.
Eigentlich robbt ihre Partei ob der akuten FDP-Schwindsucht an die Grünen heran, aber was diese „Ökostalinisten“ nun wieder gemacht haben, bringt die fromme Frau Flachsbarth so richtig in Rage; immerhin geht es um das höchste Kirchliche Fest, Ostern.
Einige dieser frechen Grünen fordern nun die Ruhe-Regelungen für den Karfreitag aufzuheben. Nicht konfessionell Gebundene sollen demnach auch am heiligen Karfreitag tanzen gehen dürfen.
SKANDAL!

Für „öffentliche Sportveranstaltungen, Tanz, Theater oder andere Großereignisse“ gebe es in unserer Gesellschaft „nun wirklich ausreichend Gelegenheit.“ Der Karfreitag sei „ein Tag der Stille und der Besinnung“, der allen Menschen zugutekomme. „Gerade ein Tag, an dem Sterben und Trauer im Vordergrund stehen, wirft jeden Menschen – ganz gleich, ob er an Jesus Christus glaubt oder nicht - auf das Wesentliche zurück. Abschied von einem geliebten Menschen nehmen zu müssen, ist die schmerzlichste Erfahrung, die jeder von uns im Lauf seines Lebens machen muss.
(Kath.net 19. April 2011)


Daß die Sterberei ganz großer Mist ist, habe ich bisher allerdings schon sehr genau miterlebt.
Frau Flachsbarth könnte ich so einiges über Palliativstationen und Pflegeheime erzählen.
Was das ganze aber mit Karfreitag zu tun haben soll, ist mir völlig rätselhaft.

Da ist es wieder; das Grundproblem mit Religioten: Sie sind anmaßend und wollen ihre geistig eingeschränkte Sichtweise anderen aufoktroyieren.

Helmut Schmidt schreibt in seinem neuesten Buch:
Ich habe damals verstanden, dass wir alle aufgefordert sind, die Aufklärung im Bereich unserer eigenen Kultur fortzusetzen. Zugleich habe ich das Übel des Missionsgedankens begriffen. Wer Andersgläubigen seine eigene Religion aufdrängen will, der ruft zwangsläufig Konflikte und in manchen Fällen Kriege hervor. Hans Küngs Initiative, aus den Religionen ein »Weltethos« zu entwickeln, ist deshalb begrüßenswert, wenngleich ich mir keine Illusionen über den Erfolg mache.
(zitiert nach der „Zeit“ 17.4.2011)

Dem ZEIT-Magazin verdanken wir eine hübsche Graphik, welche die regelmäßigen Gottesdienstbesucher nach Bundesländern aufschlüsselt.

Als Nordlicht kann ich mit Fug und Recht sagen, daß sonntags nicht gerade Massen in die Kirchen strömen: [Anteil der sonntäglichen Gottesdienstbesucher unter den Protestanten]

Hamburg: 2,8%
Schleswig-Holstein: 2,5%
Bremen: 2,6%
Berlin: 2,5%
MeckPomm: 4,0%
Niedersachsen: 3,3%
Brandenburg: 4,1%

Bedenkt man, daß in den nördlichen Bundesländern eine Majorität ohnehin nicht Mitglied der Kirche ist und selbst von den Kirchenmitglieder über 95% lieber sonntags ausschlafen, statt der homilektischen Übung des örtlichen Pfaffs zu folgen, kann man wohl kaum davon sprechen, es sei demokratisch zu rechtfertigen, daß so eine verschwindende Minderheit dem ganzen Volk vorschreiben könnte was man am Karfreitag zu tun oder zu lassen hätte.

Karfreitag tanzen gehen könnte dieses Jahr problematisch werden. Eigentlich sind öffentliche Tanzveranstaltungen an den Ostertagen verboten. Doch lange hat das niemanden interessiert. Nun drängen die Kirchen auf die Durchsetzung des Verbots. Discolichter sollen über Karfreitag ausgeschaltet bleiben.
Die katholische Kirche fordert strengere Kontrollen in Hessen zum Tanzverbot an Karfreitag und den Ostertagen. Die gesetzlichen Regelungen seien in der Vergangenheit zu lax gehandhabt worden, sagte der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen am Samstag im Interview der dapd. Die evangelische Kirche in Hessen und Nassau erklärte, es tue einer Gesellschaft gut, verschiedene Rhythmen innerhalb einer Woche oder des Jahres zu haben.Algermissen beklagte mit Blick auf Forderungen nach einer Lockerung des Hessischen Feiertagsgesetzes, das unter anderem Partys zwischen Gründonnerstag und Karsamstag untersagt: „Das ist ganz schlimm, wenn Selbstverständlichkeiten unter Rechtfertigungsdruck geraten.“ Damit sei ein Kulturgut zur Disposition gestellt. „Die Ruhe am Karfreitag überhaupt rechtfertigen zu müssen, ist für mich eine Zumutung.“
(FR 17.04.2011)

Frankfurts FDP-Ordnungsdezernent Volker Stein will das Tanzverbot jetzt "hart durchsetzen."

Die Karfreitagsdiskussion zeigt exemplarisch das Grundübel der grundgesetzwidrigen Verquickung von Staat und Kirche in Deutschland.
Die Kircheninteressen sind weit überproportional berücksichtigt und erstrecken sich auch auf viele Bereiche, in denen sie absolut nichts zu suchen haben.
Geradezu grotesk deutlich wird das bei der PID-Diskussion, die wesentlich von Religioten mitbestimmt wird.

Als "höchst problematisch" bewertete der Philosoph, "dass insbesondere die theologischen Mitglieder des Ethikrats, die geschlossen für ein Verbot der PID votierten, ihre weltanschaulichen Vorbehalte über die Prinzipien des liberalen Rechtsstaates stellten." Diesem Beispiel folgend würden die Parlamentarier nun ebenfalls "ihre subjektiven Glaubensüberzeugungen zum Maßstab staatlicher Gesetzgebung" machen, "was mit den Grundanforderungen an eine rationale Ethik und Politik nicht zu vereinbaren ist".

Schmidt-Salomon erinnerte daran, dass der Staat sich "weltanschaulich neutral" zu verhalten habe:
"Natürlich steht es gläubigen Politikern frei, empfindungslose Zellformationen als ,vollwertige Personen' zu erachten und PID für sich persönlich abzulehnen. Diese religiöse Privatmeinung darf aber andersdenkenden Bürgern nicht aufgezwungen werden! Der Ethikrat hätte klarstellen müssen, dass die subjektiven Glaubensüberzeugungen der Politiker die Entscheidungsfreiheit mündiger Bürger nicht begrenzen dürfen. Er hätte verdeutlichen müssen, dass es das elementare Recht der betroffenen Paare ist, sich nach eigenem Ermessen für oder gegen PID zu entscheiden. Stattdessen hat sich der Ethikrat als ,Moralwächterrat' aufgespielt und rechtsstaatliche Prinzipien verraten."

Angesichts der "weltanschaulichen Befangenheit des Ethikrates" forderte Schmidt-Salomon eine Neubesetzung des Gremiums. Dabei sollten "Philosophen, die sich mit Fragen der Ethik im säkularen Staat beschäftigen, Vorrang haben vor Theologen, die sich offenkundig schwer damit tun, die eigenen Präferenzen mit gebührendem Abstand zu betrachten". Ohnehin sei "die starke Präsenz von Kirchenvertretern im Ethikrat nicht mehr zeitgemäß, da die Kirchen ihren weltanschaulichen Kredit in der Bevölkerung weitgehend verspielt haben."

Wie Schmidt-Salomon berichtete, hat die Giordano-Bruno-Stiftung in der vergangenen Woche sämtlichen Bundestagsabgeordneten eine alternative Stellungnahme zur PID zugesandt, an der führende deutsche Bioethiker mitgewirkt haben. Mittlerweile seien auf das Gutachten der "gbs-Ethikkommission" zahlreiche Reaktionen aus der Politik eingegangen. Bis auf wenige Ausnahmen sei die Argumentation der Bundestagsabgeordneten "erschreckend naiv" ausgefallen, meinte Schmidt-Salomon:
"Viele Politiker schrieben, dass sie als Christen an eine Beseelung der Embryonen glaubten - als ob dies ein guter Grund sein könnte, konfessionsfreien Menschen zu verbieten, mithilfe von PID ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen! Andere meinten, dass die bewusste Reduktion von Behinderungen zur Diskriminierung von Behinderten führen würde, obwohl dies in keinem Land geschah, in dem PID erlaubt ist. Einige schienen sogar den einfachen Sachverhalt nicht zu begreifen, dass es darum gehen muss, Kranke und Behinderte zu unterstützen - nicht aber Krankheit und Behinderung! Ich muss zugeben, dass mich die logischen Schnitzer in diesen Politikerschreiben beunruhigt haben."
(GBS)

Feige und richtungslos mäandernd holen sich Politiker sogar aktiv Vertreter der Pädophilenschutzorganisation RKK in die sogenannten „Ethikkommissionen“, um selbst nicht entscheiden zu müssen.

Dabei wäre die Lösung für all die Probleme, wie von mir vor zwei Monaten skizziert, so einfach:

Mir schwebt eine christlich/atheistische Entkoppelung vor:

Jedes Mitglied der Kirche darf dann keine Schwangerschaftsunterbrechungen durchführen, darf nicht in homosexuellen Partnerschaften leben, darf keine Patientenverfügungen aufsetzen, darf keinesfalls die PID nutzen und muß auch auf durch Gentechnik gewonnene Medikamente gegen Parkinson, Krebs und MS verzichten. Und jedes Kirchenmitglied soll natürlich mit allen Mitteln unter Aufbietung aller erdenklichen Qualen so lange wie nur irgend möglich am Leben gehalten werden. Jedem Mitglied der Kirche ist es streng verboten jedwede Form des Suizids in Betracht zu ziehen.

Für die Menschen, die nicht in den Mitgliederlisten des real existierenden Kirchismus geführt werden, entfallen alle diese Einschränkungen.

Gesetze würden natürlich weiterhin für ALLE Deutschen gelten - lediglich die angesprochenen gesetzlichen Einschränkungen der Freiheit, die ausschließlich religiös begründet sind, würden in ihrem Geltungsbereich auf die Kirchenmitglieder beschränkt.

Immerhin gibt es heute schon solche Zonen eingeschränkten Rechts, wenn es um die Arbeitnehmerrechte der kirchlichen Angestellten geht.
Ein Chirurg in einem katholischen Krankenhaus kann gefeuert werden, wenn er sich scheiden läßt und mit einer anderen Frau zusammen lebt.
Als Kirchenmitglied hat er also eingeschränkte Rechte.
Diese Einschränkung sollte konsequent ausgeweitet werden auf Verhütung, Homoehe, PID und Co.

Christen und Atheisten kämen sich nicht mehr in die Quere und vor allem wäre endlich der Gesetzgeber aus der Schusslinie!

Wenn ein Atheist gegen passive Sterbehilfe oder Stammzellenforschung ist, könnte er in eine Kirche eintreten.
Umgekehrt könnte eine christliche Schwangere, die sich das Recht zur Abtreibung nehmen will, aus der Kirche austreten.

Die Rechte wären individualisiert, Kirchen und Parteien und Politik müßten keine Stellvertreterkriege mehr führen.

Dienstag, 22. März 2011

Israel im Spannungsfeld

Wenn man ordentlich Kritik von links und rechts einstecken muß, kann man das durchaus als Zeichen deuten gerade richtig zu liegen.

Eine besonders bizarre Position im Koordinatensystem der Kritik nimmt immer wieder Israel, bzw genauer gesagt die Politik der Israelischen Regierung ein.


Insbesondere die Konservativen in Deutschlands sind grundsätzlich PRO Israel, was sicherlich mit ihrem schlechten Gewissen zusammenhängt.
Immerhin haben CDU und CSU, aber auch FDP, nach 1945 jede Menge frühere NSdAP-Mitglieder in ihren Reihen aufgenommen. An die Vergangenheit will keiner gerne erinnern und so versuchte man lange Zeit regelrecht Philosemitismus zu betreiben, um bloß nicht in ein falsches Licht zu geraten.
In den letzten Jahren zerfasert diese bürgerliche Einheitsfront allerdings zunehmend. Signifikant steigen die die Juden-feindlichen Äußerungen in den Reihen der Bürgerlichen an. Sei es aus purer Doofheit - wie möglicherweise bei den Judenvergleichen von Christian Wulf und Prof. Sinn; sei es aus Berechnung wie bei Roland Koch und Jürgen Möllemann.
Die Zeit, in der nur braune Hinterbänkler wie Lummer, Hohmann, Henry Nitzsche, Heiner Kappel und Herbert Czaja rechtsradikale Ausrutscher innerhalb der bürgerlichen Parteien von sich geben, scheint vorbei zu sein.

Konsequent zwischen den Stühlen sitzt das deutsche Äquivalent der Tea-Party; die BILD-Zeitung. Einerseits blinkt sie ganz rechts, betreibt gezielt Volksverdummung, andererseits gehört sie zum Springer-Verlag, der in seinen Statuten ausdrücklich US- und Israel-freundliches Verhalten verlangt.
Jeder Springer-Journalist unterschreibt bei Vertragsantritt entsprechendes Wohlverhalten.

Massive Hetze gegen Linke, Grüne und SPD ist allerdings erlaubt und erwünscht. Unvergessen, wie die BILD bei den Studentenunruhen Öl ins Feuer goss.

Die derart Angegriffenen, die linke Szene in Deutschland versteht sich absurderweise generell als Israelkritisch.
Kaum ein echter Linker, der nicht mit Palästinensertuch und anti-israelischen Parolen klar bekundet auf welcher Seite er im Konflikt zwischen Israel und Palästina steht.

Der psychologische Hintergrund scheint mir der zu sein, daß man als Linker ohnehin so deutlich von Rechtsradikalismus und der Nazivergangenheit abgekoppelt ist, daß man aus übermäßig gutem Gewissen meint gegen den Judenstaat sprechen zu können.

Die Absurdität geht weiter - denn in der scharfen Israelkritik stehen die Linken zwar gegen die Konservativen Meinungsführer, aber dafür Hand in Hand mit den Rechtsradikalen von NDP, DVU und Reps. Sie kultivieren allesamt ihre Verwandtschaft zur NSdAP und positionieren sich weniger aus aktuellen Nahost-strategischen, denn aus grundsätzlich antisemitischer Haltung heraus gegen Israels Politik.

Dabei gehen die Neonazis wiederum eine bizarre Allianz mit radikalen muslimischen Fanatikern ein, die gegen Amerika kämpfen. Der Feind meines Feindes ist mein Freund.
Amerika als großer Freund Israels ist ihr gemeinsamer Feind.

In Europa hingegen drehen sich die Neonazis hingegen mal wieder willkürlich; denn die hier lebenden Muslime sind ihnen konsequent verhasst.
Knackige ausländerfeindliche Sprüche und „Türken-Raus“-Parolen sind das Erfolgsrezept der Israelfeindlichen NPD in Deutschland.

In diesem Aspekt besteht groteskerweise der denkbar größte Unterschied zu den ebenfalls Israel-unfreundlichen Linksradikalen.

Die Welt ist nicht so einfach, denn die USA pflegt bedingt durch ihren Öl-Durst beste Beziehungen zu den größten Finanziers der Israelfeindlichen Gruppen im Nahen Osten - nämlich Saudi Arabien, dem hardcore-Wahabitenstaat, in dem man sofort einen Kopf kürzer gemacht wird, wenn man es wagt eine Bibel in die Hand zu nehmen.

Legendär ist die engste Verknüpfung zwischen der Saudischen Königsfamilie und dem Bush-Clan.
Obwohl 19 Saudis in den vier Flugzeugen vom 11.09.2001 saßen, gelang es dem US-Präsidenten Bush seinem Volk weiszumachen, der Irak sei schuld, während er in Amerika lebende befreundete Saudis in CIA-Maschinen aus dem Land fliegen ließ.

In der politischen Landschaft der USA hat angeblich eine übermächtige Israel-Lobby das Sagen, wie jeder linke Blog bestätigen wird.
Ich bin da kein Experte, zweifele aber die Macht der Israel-Lobby erheblich an.

Vielmehr glaube ich an eine Art self-fulfilling prophecy.
Ein strammer Pro-Israel-Kurs gehört einfach zur Grundausstattung aller Politiker.
Auf dem Jauche-Boden des christlichen Fundamentalismus wachsen nun einmal diese Blüten - hasse Schwule, liebe Waffen, unterstütze Israel gegen alle Widerstände und plappere unablässig von dem „Lord“.

In Amerika kann man - ganz unabhängig davon, was man tatsächlich denkt - niemals zugeben nicht an Gott zu glauben, Waffenbesitz beschränken zu wollen oder die Israelische Politik für falsch zu halten. Man wäre sofort unwählbar.

Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie beispielsweise Obamas Ex-Stabschef Rahm Emanuel, dessen Wutausbrüche gegenüber Israelischen Politikern Legende sind.
Emanuel watschte Delegationen aus Jerusalem ab, daß ihnen Hören und Sehen verging.
Das konnte er sich aber nur leisten, weil er über einen Persil-Schein verfügt.
Er ist nämlich selbst Jude, engagiert sich in seiner orthodoxen Gemeinde und diente er als ziviler Sar-El-Freiwilliger auf einer Basis der Israelischen Streitkräfte!
Wer nicht über diese untrüglichen Pro-Israel-Insignien verfügt, muß öffentlich an die Israelische Regierung heran robben und möglichst tief in den Hintern von MP Netanjahu eintauchen.

In dieser Disziplin glänzt derzeit die politische Inkarnation des Hasses und der Dummheit, Ober-Teebeutlerin Sarah Palin.
Einem Weihnachtsbaum gleich mit David-Sternen behängt, liefert die Wohnzimmer-Außenpolitikerin ihren Fundi-Anhängern in Amerika die passenden Bilder.


Alles sollte natürlich sehr privat sein und ohne Presse. Deshalb ließ Sarah Palin auch schon Tage vorher vermelden, sie werde Israel still und heimlich zusammen mit ihrem Mann Todd einen Kurzbesuch abstatten. Als dann doch die Fotografen auf sie warteten am Flughafen und später an der Klagemauer, da zeigte sie sich fast erschrocken. Zum Glück aber hatte sie sich vorbereitet, intuitiv wahrscheinlich. Als sie an der heiligsten Stätte des Judentums auftauchte, da baumelte um ihren Hals eine Kette mit Davidstern, so groß, dass sie jedem Rapper zur Ehre gereicht hätte. Und auch um passende Worte war die Dame nicht verlegen. Palin, so viel ist nun klar, liebt Israel - und umgekehrt kann das genauso gelten. In Zeiten, in denen es um die israelisch-amerikanische Freundschaft nicht immer zum Besten steht, wird dieser Besuch als Verheißung inszeniert. Denn es ist ja nicht die Ex-Gouverneurin von Alaska und ehemalige Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, die in Jerusalem Einzug hält. Es ist die Frau, die - auch wenn sie das noch nicht offiziell erklärt hat - Ende 2012 zur Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt werden will. Der Weg zur Kandidatur führt für alle traditionell über Jerusalem. In den vergangenen Wochen waren deshalb schon ein paar republikanische Mitbewerber im Heiligen Land - Mitt Romney hat seine Aufwartung gemacht, Mike Huckabee und auch Haley Barbour. Es wurde also Zeit für Palin, hier zu punkten. […] Neben dem Davidstern um den Hals war die Flagge auch diesmal ihr Thema. 'Auf meinem Schreibtisch, in meinem Haus, einfach überall' stehe bei ihr die israelische Fahne, bekannte sie nun - und kaufte in Jerusalem sogleich ein weiteres Exemplar. So überschäumend die Israel-Begeisterung Palins auch wirkt, verwunderlich ist sie nicht. Es gibt dafür ein ganzes Bündel ideologischer und pragmatischer Gründe. Denn Palin zielt damit neben der eher demokratisch gesinnten jüdischen Wählerschaft vor allem auf das Millionenheer der christlichen Fundamentalisten in den USA. Diese republikanische Kernklientel, die sich dem Heiligen Land und dem Staat Israel engstens verbunden fühlt, will Palin mit ihrer Art des christlichen Zionismus überzeugen.
(Peter Münch 22.03.2011)

Zum Entsetzen der religiösen Rechten in Amerika, kritisierte US-Präsident Obama den Israelischen Siedlungsbau scharf und straft Jerusalem mit demonstrativem Desinteresse.
Noch nie hat er Israel besucht, während seine erste Tour nach seiner Wahl Kairo galt.

Die Nahost-Nulpe Palin hingegen scheint gar nicht zu ahnen, daß Israel auch Nachbarn hat und zudem viele Gebiete besetzt hält.
Sie ermutigt Israelische Siedler im Westjordanland zu bauen.

Den heimischen Teebeutlern, die außer Fox und ihren Predigern keinen geistigen Input haben, wird es gefallen.

Außerdem bietet sich das Thema Israel derzeit auch wunderbar an, um sich auf Kosten von Präsident Barack Obama zu profilieren. Denn gegenüber dem Amtsinhaber kann Palin nun gleich zwei Vorteile ausspielen: Erstens kann sie sich wegen ihres alttestamentarischen Vornamens als Erzmutter Israels präsentieren, während sich Obama schon durch seinen Mittelnamen 'Hussein' verdächtig gemacht hat.
(Peter Münch 22.03.2011)

Während sich die herumzickenden Teebeutler über die Israelkritische Haltung Obamas echauffieren und stets betonen, daß noch nie ein US-Präsident unbeliebter in Jerusalem gewesen wäre, gewann er in der Israelischen Opposition genau damit Pluspunkte.

Sie erhofften sich, daß mit der nachlassenden Unterstützung aus Washington endlich wieder Friedenspolitik möglich wäre.
Die schärfsten Kritiker der Siedlungsbewegung im Westjordanland und Gaza sitzen schließlich in Israel selbst.

Der amerikanische Wähler machte ihnen allerdings einen Strich durch die Rechnung.
Jammervoll vor den GOPern im Kongress einknickend hat die US-Regierung inzwischen ihre eigene Forderung nach einem Israelischen Siedlungsstopp kassiert.

Sonntag, 27. Februar 2011

Übel prügeln in Mügeln Teil II

Zu den Meldungen, die kein Mensch mehr wahrnimmt, weil sie jedes Jahr wie Weihnachten vor der Tür stehen, gehört die Kriminalstatistik über rechtsextreme Gewalttaten.
Sie werden immer mehr.

Im vergangenen Jahr [2009] sind insgesamt 19.468 politisch rechts motivierte Straftaten in Deutschland polizeilich erfasst worden. Darunter waren 959 Gewalttaten und 13.295 Propagandadelikte, wie die Bundesregierung in ihrer Antwort (17/1319) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (17/1115) mitteilt.
(NPD-blog.info)

Seit den Horrorvorfällen in Mügeln 2007 ist es nicht nur nicht besser geworden, sondern schlimmer.

Die einzig wirklich effektive Methode, die den Landesregierungen bisher eingefallen ist, um die Quote ein wenig zu drücken, ist die bahnbrechende Idee des Sachsen-Anhaltinischen Innenministeriums die in der rechtsextremen Szene ermittelnden Beamten abzuziehen und zukünftig lieber Schnellfahrer auf den Landstraßen blitzen zu lassen.
Wenn die Polizei nicht so genau hinsieht, werden weniger Straftaten registriert, ergo geht die Verbrechensrate zurück.
Rechtsextremistische Gewalttaten sind schließlich keine schöne Sache.

Für den Tourismus!

Da leidet das Gastgewerbe.

Gut, zimperliche Leute mögen einwenden, daß auch die Opfer leiden, aber in Deutschland haben wir eine erfolgreiche Kultur des Ignorierens etabliert.

Natürlich, wenn türkischstämmige Jugendliche auf einem Bahnhof einen Deutschen mit weißer Haut überfallen, wird das lang und breit durch die Nachrichten geschleppt, aber gehört das Opfer zu einer Minderheit und befindet sich auch noch in der Provinz, wird gerne der Spieß umgedreht.

Als im April 2010 ein 17-Jähriger Junge einer aus Israel stammenden Mutter in Sachsen-Anhalt von Skinheads schwer verletzt wird, greifen sechs Passanten nicht ein.

Als Noam Kohen [Name geändert!] am 16. April mit dem Regionalzug aus Naumburg zurückkehrt, ist sein Leben in Deutschland noch in Ordnung. Es ist 18 Uhr, er kommt vom Friseur, alles sieht nach einem ganz gewöhnlichen Abend aus. Ein paar seiner Schulfreunde sitzen an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof in Laucha, Sachsen-Anhalt. Noam setzt sich zu ihnen. Kurz darauf kommt Alexander P. vorbei. Er ist 20 und trägt Glatze. Ohne Warnung schlägt er Noam ins Gesicht und brüllt: »Geh zurück, wo du hergekommen bist. Du Judenschwein!«
(Zeit 14.6.2010)

Als die Tat später in Zeitungen auftaucht, stellt sich schnell ein besonderer Tenor ein - Noam sei ja auch selbst Schuld; denn wieso wollte er auch Fußball spielen, obwohl doch jeder wußte, daß der Fußballtrainer im Ort, »Lutz Battke«, der bekannteste und angesehenste Rechtsradikale ist.
Daß er seine Anhänger dazu bringen würde, das „Judenschwein platt zu machen“ sei abzusehen gewesen. Battke wäre zwar ein gewalttätiger Nazi, aber eben auch ein guter Fußballtrainer, da könne man ja auch nicht von der Stadt erwarten irgendetwas gegen ihn unternommen zu haben.

Lutz Battke ist Bezirksschornsteinfeger und sitzt als Parteiloser für die NPD im Stadtrat und im Kreistag. Die NPD kam bei den letzten Kommunalwahlen 2009 in Laucha auf 13,5 Prozent, das beste Ergebnis in ganz Sachsen-Anhalt. Außerdem trainiert Battke die Fünf- bis Siebenjährigen beim Lauchaer Fußballklub BSC 99, auch Alexander P. spielte für den Verein. […] Jeder in Laucha kennt Battke, als Schornsteinfeger kommt er in jedes Haus. Viele sind durch den Fußballverein mit ihm verbunden. Auch der Elektromeister sagt: »Ich komme mit dem klar. Zum Geburtstag ruft er mich an.« Und seine rechtsradikalen Ansichten? »Von dem Scheiß will ich nichts wissen.« Den Angriff auf Noam könne man Battke nicht anlasten. […] Der Präsident des BSC 99, Klaus Wege, will nicht mehr über Lutz Battke sprechen und redet dann doch über ihn. Wege und Battke kennen sich seit Langem. »Ich sehe menschlich und sportlich keinen Grund, ihn zu entlassen. Er hat die Gewalttat nicht begangen.«
(Zeit 14.6.2010)

Die Familie Noams ist auf extrem perfide Weise mit Deutschland „verbunden“.
Die Geschichte ist so haarsträubend, daß sie in ganz Israel bekannt wurde. In Deutschland hingegen besteht kein Interesse, Kein Politiker, der sich dazu geäußert hätte.

Der Angriff auf Noam erregt wegen ihrer Familiengeschichte besonders viel Aufmerksamkeit in Israel. Die Familie von Tsipi Levs Vater, Noams Großvater, wurde aus dem Warschauer Ghetto nach Auschwitz verschleppt und dort umgebracht. Nur der Vater konnte sich verstecken, überlebte als Einziger den Zweiten Weltkrieg und wanderte nach Palästina aus. Seiner Tochter hat er nie viel über seine Vergangenheit erzählt. Als ein amerikanisches Fernsehteam mit ihm über sein Leben sprechen wollte, bekam er einen Herzinfarkt, mit 47. Noams anderer Großvater war Trainer der israelischen Leichtathleten bei den Olympischen Spielen in München 1972. Er wurde bei der Geiselnahme von palästinensischen Terroristen getötet. Er starb auch, weil ein Versuch der deutschen Polizei scheiterte, die Geiseln zu befreien. Und nun der Angriff auf Noam. »Es war ein Schock«, sagt Tsipi Lev. »Ich wurde hysterisch. Es kann nicht sein, dass die dritte jüdische Generation nach dem Holocaust in Deutschland nicht frei auf der Straße herumlaufen kann.«
(Zeit 14.6.2010)

Battke ist berüchtigt und immer noch geschätzt. Niemand stoppt den Mann.

Battke wohnt an einer der Hauptstraßen von Laucha, im Hof parkt sein Motorroller, eine braune Schwalbe, darauf kleben Sticker: Ein Herz für Kinder , Ein Herz für Deutschland und Unsere Soldaten sind keine Verbrecher. Die beste Truppe der Welt . Vor der Wohnungstür im ersten Stock stehen Turnschuhe, ordentlich aufgereiht. Battke öffnet die Tür, er ist groß, Anfang 50, trägt schwarze Jogginghosen, eine Vokuhila-Frisur und Hitlerbärtchen. Er grinst, wird schnell sehr laut und sagt nur, dass er nichts sagen werde. Dabei grinst er noch immer, als trete er in einer Theaterkomödie auf. Was sagt er zu dem Vorfall mit dem jüdischen Jugendlichen? Battke knallt die Tür zu, macht sie wieder auf, ruft: »Was für ein Vorfall? Was gerade in Palästina passiert, das ist ein Vorfall. Als der Fotograf der ZEIT den Fußballplatz des BSC 99 fotografieren will, übt Battke dort gerade mit den Kindern. Er verweist den Fotografen des Platzes. Zuvor holt er sich Hilfe, er ruft den amtierenden Bürgermeister der Kleinstadt an. Der ist auch Vizepräsident des Klubs. Zur Bestätigung reicht Battke sein Handy an den Fotografen weiter. Als der das Gespräch beendet, erscheint auf dem Display als Bildschirmschoner: ein Porträt von Adolf Hitler.
(Zeit 14.6.2010)

Nein, die Finger sind auf die Familie des Opfers gerichtet.
Aus ISRAEL! Was kommen die auch nach Deutschland?
Michael Bilstein, der Bürgermeister von Lauche ist genervt.

»Dieser Vorfall ist nicht gut für die Stadt Laucha«, sagt er. Der Bürgermeister meint den Angriff auf Noam. Es klingt, als sorge er sich vor allem um den Ruf seiner Stadt. Was ist mit Lutz Battke? »Fragen Sie doch mal die Leute auf der Straße, was die über Battke denken. Die halten ihn für einen Schornsteinfeger, der ordentlich seinen Job macht und sich als Trainer nichts zuschulden kommen lässt.« Bilsteins eigener Sohn spielt auch in diesem Verein. Dann hat der Bürgermeister genug von dem Gespräch, dreht sich um und eilt davon.
(Zeit 14.6.2010)

Laucha ist aber überall.
Es berichtet nur kaum einer darüber. Das Thema ist unsexy und schwer zu recherchieren.
Eine löbliche Ausnahme bildet - MAL WIEDER - das NDR-Magazin Panorama, welches in der letzten Ausgabe über Limbach-Oberfrohna aufklärte.
Lohnenswert und dankenswert ist die Arbeit.

Allein, auch das wird niemanden interessieren und auch diesmal werden keine Konsequenzen folgen. Die Lokalpolitiker tun alles, um die Nazis nicht zu stören.

Irgendwie sind sie in den letzten Jahren ein wenig aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden: die Neonazis. Obwohl das Problem Rechtsextremismus nach wie vor höchst aktuell ist. Zum Beispiel im sächsischen Limbach-Oberfrohna: Überfälle auf Jugendliche, Brandanschläge und NPD-Veranstaltungen - in der Kleinstadt treten die Rechtsextremen bei zahlreichen Gelegenheit völlig offen auf. Während es früher teilweise sehr schwer war, Rechtsextremismus zu dokumentieren zeigen die Neonazis heute den Hitlergruß vor laufender Kamera. Der Bürgermeister redet das Problem aber lieber klein: Er schätzt die "Erscheinungen" nach eigenen Angaben "anders" ein als die Opfer der rechten Gewalt, die nun schon seit mindestens zwei Jahren anhält. Panorama über eine Kleinstadt in Sachsen, in der Neonazis inzwischen zum alltäglichen Stadtbild gehören und einen Bürgermeister, der offenbar nicht genug unternimmt.
(Panorama vom 10. Februar 2011)

Freitag, 31. Dezember 2010

"Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles"

Vor ein paar Tagen hatte ich gehässigt der armen Frau Merkel unterstellt, sie lehne die Islamische Kultur ab, da Wucherverbot und Zakat ihre reichen Spender allzu hart träfe.

Im Christentum hingegen ließe sich trefflich mit Zinsen „ohne erbrachte Leistung“ Geld auf andere Leute Kosten verdienen.

Diesen Eindruck muß man gewinnen, wenn man sich ansieht wie insbesondere die obersten Christen dieses Planeten, nämlich die Kurie in Rom, sich reichlich die Taschen füllen, indem ihre „Vatikanbank“ IOR, Istituto per le Opere di Religione (Institut für religiöse Werke) Geld wäscht.
Die Päpstlichen Banker sind unter anderem mit der Mafia in so dunkle Geschäfte verstrickt, daß leibhaftige Bischöfe, die in der Leitung des IOR tätig sind oder waren, im Vatikan vor der Italienischen Justiz untergetaucht sind.
Der amerikanische Erzbischof Paul Casimir Marcinkus (1922 - 2006), Spitzname „The Gorilla“, war von 1971 bis 1989 Leiter der Vatikanbank.
Wer Yallops „Im Namen Gottes“ gelesen hat, wird sich an den Bankchef als besonders zwielichtige Figur erinnern. In seiner Amtszeit kollabierte die Banco Ambrosiana.
Zahlreiche von Marcinkus‘ engen Freunden waren in diese Affäre verwickelt - Robert Calvi, Graziella Corrocher, Michele Sindone. Sie alle kamen auf mehr als verdächtige Art ums Leben. Am 18. Juni 1982 stürzte Calvis Sekretärin Corrocher vom Balkon der Mailänder Banco Ambrosiana zu Tode; Calvi fand man ebenfalls am 18. Juni 1982 - mit Ziegelstein-gefüllten Taschen unter einer Londoner Brücke hängen, Sindona wurde mit Zynkali in seiner Gefängniszelle dahin gerafft.
Gegen „The Gorilla“ wurde Haftbefehl erlassen; so daß er den Vatikan nicht mehr verlassen konnte, ohne ebenfalls sofort im Knast zu landen.
Über 200 Scheinbanken hatte das Quartett mit Hilfe der Mafia und der legendären Geheimloge P2 betrieben. Der Vatikan zahlte später mehrere Hundert Millionen Dollar Entschädigung.

Die Theorie, daß Papst Johannes Paul I im Jahr 1978 im Vatikan ermordet wurde, da er offenbart vorhatte Licht ins Dunkel der finanziellen Machenschaften der Vatikangelder zu bringen, halte ich für außerordentlich überzeugend. Es gibt eine erdrückende Fülle von Ungereimtheiten und Hinweisen - beweisen ließ sich die Vatikanische Mordtat hingen nie.

Noch heute hat der Heilige Stuhl den Status eines „Schurkenstaats“, da die IOR keinerlei Kontrollen unterworfen ist und sich an keine Regeln gebunden fühlt.

Gestern nun versuchte Staatschef Ratzinger erstmals mit einem "Motu proprio“ gegen diese Inkarnation der Unmoral vorzugehen.

Der Vatikan will kein Schurkenstaat sein!
Schluss mit der Geldwäsche: Benedikt XVI. gab bekannt, dass der von ihm regierte Vatikanstaat sich den europäischen Normen gegen dubiose Finanztransaktionen anpassen.
[…] Der Vatikan hofft so, endlich auf die "White List" jener Länder zu gelangen, deren Banken in den Augen der EU transparent wirtschaften. Bisher nämlich war der Vatikan finanztechnisch ein Offshore-Paradies, für das vor allem der skandalumwitterte Name IOR stand.
[…] Erst vor drei Monaten hatte die Staatsanwaltschaft Rom 23 Millionen Euro beschlagnahmen lassen, die das Vatikan-Institut von einem Konto bei einer italienischen Bank weiterüberweisen wollte. Die Vatikanbank hatte trotz Aufforderung der Bank weder die Empfängernamen noch den Verwendungszweck der Transaktionen mitgeteilt. Zudem wurde ein Ermittlungsverfahren gegen den IOR-Präsidenten Ettore Gotti Tedeschi sowie gegen den Generaldirektor Paolo Cipriani eingeleitet. Ihnen wird zwar nicht Geldwäsche, wohl aber der Verstoß gegen die italienischen Normen zur Verhinderung von Geldwäsche vorgeworfen. Der Vatikan reagierte auf die Vorwürfe mit der Auskunft, alles sei bloß ein "Missverständnis". Doch der italienischen Justiz reicht das nicht. Erst vor wenigen Tagen ordnete ein Gericht an, die IOR-Gelder vorerst nicht freizugeben.
(Taz 30.12.10)

Die Finanzskandale des Vatikans - jüngst wieder in zwei Büchern aufgedröselt - lassen selbst mich erblassen - und ich habe einiges Zutrauen in die kriminelle Energie der Vatikaniskis.
Gianluigi Nuzzis „Die Vatikan AG“ (2010) zeigt Strukturen des organisierten Verbrechens auf, Curzio Malteses „Scheinheilige Geschäfte“ (2009) dokumentiert die Intransparenz der stets am Rande der Legalität operierenden Gottesmänner.


An dieser Stelle muß ich Selbstkritik üben.

(Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
- Wilhelm Busch)

Anders als mit dem Verweis auf Zakat und Zinsverbot des Islams suggeriert, hat die Katholische Kirche ursprünglich kein Herz für Kredithaie und Wuchergeschäfte gehabt.

Im Gegenteil; die Bibel verbietet dies.

35 Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. 36 Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. 37 Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.
(Levitikus 25)

20 Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. 21 Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. 22 Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. 23 Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden. 24 Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern.
(Exodus 22)

20 Du darfst von deinem Bruder keine Zinsen nehmen: weder Zinsen für Geld noch Zinsen für Getreide noch Zinsen für sonst etwas, wofür man Zinsen nimmt. 21 Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, von deinem Bruder darfst du keine Zinsen nehmen, damit der Herr, dein Gott, dich segnet in allem, was deine Hände schaffen, in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen
(Deuteronium 23)

Etc pp

Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert hat eine Vielzahl unfehlbarer Päpste das Zinsverbot als „unveränderliches kirchliches Gebot“ bestätigt.

Seinen Ausgangspunkt nahm das schon altkirchliche Zinsverbot im Mittelalter mit dem Zweiten Laterankonzil von 1139, dem Decretum Gratiani, einem ausdrücklichen Zinsnahmeverbot durch Papst Innozenz III. von 1215 und dem Konzil von Vienne von 1311. Danach war es verboten, Zinsen auf geliehenes Geld zu verlangen.
[…] Noch 1745 wandte sich Papst Benedikt XIV. in der an die hohe Geistlichkeit Italiens adressierte Enzyklika Vix pervenit entschieden gegen den Zins. In § 3, Absatz I heißt es: Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat […] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch.
(Wiki)

In den nächsten Jahrhunderten fand man allerdings auch im Vatikan heraus wie wunderbar einfach man sich mit Geldverleih eine goldene Nase verdienen kann.
Insbesondere katholische Ritterorden waren extrem kreativ dabei die biblischen und Vatikanischen Regeln zu umgehen.
Im 19. Jahrhundert waren Zinsen dann inzwischen so alltäglich geworden, daß es überhaupt keinem mehr auffiel als Papst Pius VIII. am 18. August 1830 alle vorherigen Zins-Gesetze aufhob.

In der Bibel stehen eben sehr viel zeitbedingte Ansichten, die heute vom Vatikan willkürlich ignoriert werden.
So stört es spätestens seit der Erfindung des Kühlschrankes keinen Papst mehr, daß laut Bibel der Verzehrvon Schalentieren und Schweinefleisch eine schwere Sünde ist.

Viele kirchliche Lehrvorstellungen wurden inzwischen vom Vatikan beerdigt.
Im Gegenteil, wenn der Papst auf uralten Schwachsinnsregelungen, wie dem Zölibat, dem Geozentrismus oder der Verdammung von Schwulen unerschütterlich festhält, macht sich die Kirche lächerlich.

Mehrere Jahrhunderte nach dem Rest der Welt und 99% aller Wissenschaftler ebenfalls auf Heliozentrismus umzuschwenken ist einfach zu spät.

Dienstag, 17. August 2010

Die Christin des Tages - Teil XXX

Als Abonnent des „Hamburger Abendblattes“, bezieht man zwar eine halbwegs (sehr wohlwollende Formulierung) seriöse regionale Hamburger Zeitung, die nicht so schlimm ist wie die „WELT“, aber es ist immer noch Springer und es ist immer noch sehr CDU-freundlich.

Was Chefredakteur Claus Strunz unter „dem Versuch eine bürgerliche Zeitung zu machen“ versteht, merkt man unter anderen an den in rauen Mengen kolumnierenden Pfaffen und Bischöfen.
Kaum ein Thema, zu dem nicht der über alle Maßen selbstverliebte Promi-Pfarrer Helge Adolphson oder Medienjunkie Bischof Jaschke ihre Deutungen via Abla verbreiteten.

Groß aufgemachte Kirchenprogramme und endlose Listen über Gottesdienste zu kirchlichen Feiertagen sind eine Selbstverständlichkeit.

So ist das in der Glaubensdiaspora Hamburg.
Die Kirchen taugen lediglich als lärmendes Ärgernis, das gegen die sonntägliche gähnende Leere auf den Kirchenbänken durch besonders lautes Geläute protestiert.

Dicht bei mir gibt es beispielsweise die evangelisch-lutherische „Heilandskirche“.
Ich habe über Dekaden noch keine einzige Person kennengelernt, die jemals in der Kirche gewesen wäre.
Die Kirchengemeinde quittiert das mit dem Verhalten eines beleidigten Kleinkindes, das im Supermarkt aufstampft und alle anderen Kunden zusammenbrüllt, weil es seinen Willen nicht bekommt.
Gnadenlos werden die Ungläubigen und Unwilligen ringsum sonntags aus dem Schlaf gebimmelt.

Vor circa zehn Jahren wagte es eine fanatisch Gläubige einmal am Sonntagmorgen ab Halbneun an sämtlichen Wohnungen mit einem Kirchenflyer zu klingeln, um die Bewohner zum Gottesdienst „abzuholen“.
Die überwiegend nachtschwärmerischen Singles waren so begeistert davon aus dem Schlaf gerissen zu werden, daß die einzige Gottesdienstbesucherin aus der Hamburger Innenstadt es nie wieder wagte zu klingeln.
Ich bin ein ruhiger Typ und habe sehr gern meine Ruhe, also überhaupt Ruhe um mich.
Kirchenglocken empfinde ich als extreme Ruhestörung.
Zugegebenermaßen nerven mich aber auch Kindergartenlärm, CSD-Umzugsgegröle, Straßenfeste oder Hansemarathongebrüll.
Aber so ist es nun mal, wenn man mitten in der Stadt wohnt - was ich freiwillig tue, da für mich die Vorteile bei Weitem überwiegen. Absolute Ruhe gibt es woanders.
Auf einer Hallig zum Beispiel, oder einer Almhütte.

Ein zweites Argument ist die Religionsfreiheit, die ich voll und ganz unterstütze - jeder soll nach seiner Façon selig werden - unter anderem auch durch Freiheit VON Religion.
Eine gewisse Toleranz ist dazu erforderlich; einige religiöse Gebräuche muß man schon akzeptieren, wenn sie nicht gegen die Menschenrechte verstoßen.
Ein großer Teil der religiösen Symbolik ist für mein Empfinden dekorativer Popanz - seien es Kopftücher, abgedrehte Korkenzieherschläfenzöpfe, orange Sannyasin-Pyjamas, Buddhistische Glatzen, oder meinetwegen auch alberne rote Kleider mit weißen Spitzenunterrock drüber, wie sie Mixa, Müller und Meisner tragen.

Für meinen Geschmack wäre ein Muezzin in der Nachbarschaft erheblich weniger nerv-tötend, als das das ohrenbetäubende Kirchengebimmel, aber offensichtlich sind die Hamburger Moslems erheblich rücksichtsvoller als ihre christlichen Kollegen.

Das ist die Kehrseite der Medaille: In ihrem Alleinseligmachungsanspruch und der daraus resultierenden übermäßigen Arroganz merken es Pfarrer gar nicht, wie sehr sie 95% der Bürger mit ihrer Bimmelei auf die Nerven gehen.

Einen Gefallen tun sie ihrer Sache damit sicherlich nicht.

Aber sie haben immerhin auch in der atheistischen Hochburg Hamburg die CDU und Springer auf ihrer Seite.
Der designierte Bürgermeister Ahlhaus, einst Unterstützer von rechtslastigen Studentenverbindungen, findet Kirchen super, sogar absolut „unverzichtbar“.

Die Kirche erfülle nicht nur jene Aufgaben, die der Staat nicht mehr erledigen könne, sondern gebe der Gesellschaft darüber hinaus Halt. "Das ist gerade in der Anonymität von Großstädten sehr wichtig", sagte der Hamburger Politiker. "Unsere Gesellschaft krankt daran, dass wir das tägliche Leben sehr professionell bewältigen, aber der Sinn des Lebens immer weniger Thema ist. Doch ohne diesen roten Faden klappt irgendwann das Alltagsgeschäft nicht mehr."
[…] Ahlhaus ermutigte die Kirchen, sich in gesellschaftlichen Fragen aktiver einzubringen. Für ihn als Katholik sei der Glaube "ein wichtiger Teil meines privaten Lebens, den ich pflege", sagte er der KNA. Das Gebet gebe ihm "Ruhe und Gelassenheit und die Gewissheit: Selbst bei Fehlern hat man einen Halt, der einen über das aktuelle Geschehen hinweg trägt".
(pro)

Und meine Lieblingszeitung „Hamburger Abendblatt“ beglückt mich heute mit einem 16-seitigen (!!!) Sonderteil „Himmel & Elbe“ - Eine Beilage des HHAbla, der Evangelisch-Lutherischen Kirche, der Diakonie, der Katholischen Kirche und der Caritas in Hamburg.

Hier wird das Weltbild wieder zurecht gerückt.
„Hamburg, deine Perlen“ prangt es auf der Titelseite: Gemeint sind die Kirchen.

Im Editorial erklärt Redakteurin Sabine Tesche, die Christin des Tages, die Kirchen hätten seit Jahrhunderten den Hamburgern Orientierung gegeben.

Nach 15 Seiten massiver Kirchismuspropaganda konterkariert sich die Jubelbeilage allerdings selbst. Tesche erstellt einen Verhaltenskodex für Kirchen - „der kleine Kirchen-Knigge“.

Gemeint sind wohlgemerkt nicht die Vorbeter!
Die Regel „Du sollst keine Messdiener befummeln“ sucht man also vergeblich.

Nein, das Abendblatt sorgt sich paradoxerweise um die Kirchenbesucher, die möglicherweise gar nicht wüßten, was in einem Gottesdienst passiert.

Erstaunlich - die Kirchen sind also „unverzichtbar“ und geben den Hamburger "Orientierung" - aber Kirchenbesucher gibt es offenbar nicht?

Ganz so lebendig ist der Glaube wohl doch nicht mehr in Hamburg - auch wenn beispielsweise Autorin Ann-Britt Petersen in ihrer Rubrik „Der Gottesdienst-Test“ den Eindruck erweckt, als ob Massen von Hamburgern auf der Suche nach Christus wären.

Heute erfahre ich beispielsweise über die Thomas-Gemeinde von Pastor Outzen, daß seine Predigt von Frauen jenseits der 60 besucht wird, die durchweg bunte Kopftücher tragen, weil alle aus Russland stammen.
Klassische Hanseaten also.

Nichts gegen kopftücherige Russinnen-Geronten, aber die scheint Frau Tesche nicht gemeint zu haben, als sie mit imaginär erhobenen Zeigefinger ihren Kirchen-Knigge ankündigte:

Denn im Laufe der Jahre haben sich auch dort Regeln und Traditionen verändert
(Stimmt! Sexuell übergriffige Pfarrer werden nicht mehr grundsätzlich von der Kirche vor ihren Opfern und der Justiz geschützt)

Natürlich ist jeder Besucher willkommen, aber manchmal muss man an ihr Fingerspitzengefühl appellieren.
(Also kein Rudelbumsen in der ersten Reihe?)

Es hilft, wenn man sich vorstellt, daß die Kirche ein ganz besonderer Raum ist…
(Oh ja - der Meinung bin ich schon lange! Aber „besonders“ ist ein hübscher Euphemismus!)

…der nicht nur Schönheit und Kulturerbe widerspiegelt,….
(Das will ich doch hoffen, bei all den Steuermilliarden, die von Atheisten aufgebracht in die Erhaltung und Bezahlung von Kirchen geflossen sind)

…sondern Menschen auch als Ort der Ruhe und der Zwiegespräche mit Gott dient.
(Ruhe? Wieso läuten dann die Glocken noch einen Kilometer so höllisch laut?)

Helge Adolphsons Nachfolger als Michel-Chef, Alexander Röder hilft beim Kirchen-Knigge mit.
Kinder und Hunde sind erlaubt, kurze Hosen und Miniröcke sehr ungern, Essen und Trinken ist eine „Unsitte“. Soso, aha.

Nur eine Sache ist vollkommen verboten in der Kirche. (Knigge-Regel No. 2).

Was könnte so schlimm sein, daß Pastoren vollkommen rot sehen, fragte ich mich an dieser Stelle.
Kopulation auf dem Altar?
An den Tabernakel urinieren?
Den Klingelbeutel mitgehen lassen?
Den Pfarrer vergewaltigen?
Auf Kirchenbänke koten?
Nein, diese Dinge nennt Hauptpastor Röder gar nicht.
Das absolute Tabu sind HÜTE!!*

( Wie gut, daß mir die Kirche diese "Orientierung" gibt!)
Da liegt also die Achillesferse Gottes.
Er hat eine schwere Hutphobie.
Kein Gläubiger darf seinen Deckel aufbehalten!

Der Grund ist, daß man sich von den Juden abgrenzen will, die wiederum nicht ohne Hut in die Synagoge gehen dürfen. Kein Wunder, daß es bei den Abrahamiten mit dem interreligiösen Dialog etwas hapert.

*2. Warum dürfen Männer in der Kirche keinen Hut tragen?
Dahinter steckt eine Mischung aus Bibel und Tradition. Paulus schreibt im 1. Kor 11, dass es für den Mann unziemlich sei, mit einer Kopfbedeckung vor Gott zu treten und zu beten. Traditionell wollte man sich gegen das Judentum abgrenzen, denn ein jüdischer Mann tritt nicht unbedeckten Hauptes vor Gott. Der Ritter im Mittelalter trat immer ungeschützt ohne Helm und Visier in die Kirche ein, um seine Demut vor Gott zu bezeugen.

Samstag, 14. August 2010

Guido ist `ne Tunte, Guido ist schwul!

Klickt man bei bekannten, linken Großbloggern wie Jens Berger oder Albrecht Müller auf die Label „Kotzbrocken“ oder „Unsympathen“, tauchen unweigerlich die Namen Clement, Sarrazin und Henryk M. Broder auf.

Niemand hasst vermeidlich Linke so sehr wie andere Linke.

Es gibt eine ganze Schublade des Schreckens, in der Figuren aus dem realpolitischem rot-grünen Spektrum mit festen Hass-Konnotationen verknüpft liegen.
Gerhard Schröder alias Gasprom-Gerd, Joschka Fischer alias Kriegstreiber, Heinz Buschkowsky alias Lummer der SPD, Sarrazin alias mindestens Nazi, Broder alias rechtsradikaler Durchgeknallter, Clement alias Stromlobbyhure, Klaus von Dohnanyi alias FDP-Freund, etc.

Eindeutig werde ich sehr viel mehr von den „richtigen“ Rechten getriggert - zum Beispiel CDUCSUFDP-Bundesminister oder Bischöfen.

Einige der linken Feindbildfiguren finde ich gar nicht schlimm, bzw sogar sehr gut - Joschka Fischer, Gerd Schröder oder Heinz Buschkowsky.

Sarrazin ist ein durchaus kluger Mensch, der in dem berühmten, ewig langen „Lettre International 86“-Interview seitenweise sehr kluge analytische Dinge von sich gab, bevor das „Kopftuchmädel produzieren“ kam.
Offensichtlich hat er eine kleine Macke, die ihn dazu zwingt immer einen deutlich zu extremen Satz mit einzuflechten. Deswegen redet er aber dennoch zu 95% hinhörungswürdige Sätze.

Zu Clement fällt mir nichts Positives ein, aber der ist raus aus der SPD und hängt nun zusammen mit Kumpel F. Merz („Mehr Kapitalismus wagen!“) ab.

Henryk M. Broder ist ein Sonderfall.
Ich habe bisher leider erst zwei seiner Bücher durchgelesen.
Die Irren von Zion. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998 ist brillant. Kann ich nur empfehlen.
Kein Krieg, nirgends. Berlin Verlag, 2002 ist auch brillant formuliert. Kann ich aber nicht empfehlen. Inhaltlich ist das eine echte Pest. Dabei habe ich mich fast schwarzgeärgert.

So scheint es mir immer bei Broder zu sein - er ist so extrem polemisch und provokant, daß man es kaum aushält, wenn er zufällig anderer Meinung als man selbst ist.
Einfach gruselig was er beispielsweise über die Erderwärmung denkt.

Hat man ihn allerdings zufällig auf seiner Seite, sind seine Formulierungen ein absoluter Genuß.
Wenn er in seiner ruhigen Art in einer Talkshow sitzt und anwesenden Bischöfe zur Weißglut bringt, gefällt mir das natürlich.

Unvergessen, als er im Februar 2009 in Illners Schwatzrunde die „affirmative Schleimerei“ des Papst-Bewunderers Nathanael Liminski (23) von der "Generation Benedikt" beklagte.

Der anwesende Bischof (ich glaube es war Jaschke) warf ihm vor den „interreligiösen Dialog“ zu sabotieren, worauf Broder entgegnete er müsse sich diesbezüglich keine Vorhaltungen machen lassen, er führe den „interreligiösen Dialog“ jeden Tag, da er mit einer Katholikin verheiratet sei - das solle der Bischof ihm erst einmal nachmachen.

Gestern pupte Herr Broder in seiner Eigenschaft als SPIEGEL-Kolumnist Guido Westerwelle an.
Natürlich ist das auch kein Artikel ohne zweifelhafte Sätze, die ganz offensichtlich nur untergebracht sind, um ein paar seiner Kritiker auf die Palme zu bringen.
Im Großen und Ganzen hat er aber völlig Recht.

Es gibt einiges, worauf man als Deutscher stolz sein kann. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin ein bekennender Schwuler ist. Ebenso der derzeitige Außenminister. Wer sich noch an den Muff der fünfziger und sechziger Jahre erinnern kann, an das Geraune um den damaligen CDU-Außenminister Heinrich von Brentano, der als "unverheirateter Katholik bei seiner Mutter" lebte (Wikipedia), oder an den Satz von Franz Josef Strauß "Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder" aus dem Jahre 1970, der weiß, dass die Einstellung gegenüber Homosexuellen ein Maßstab für den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft ist.
Dabei geht es nicht um Toleranz, denn Toleranz ist ein Gnadenakt, der ebenso schnell widerrufen werden kann, wie er gewährt wurde. Den meisten Deutschen ist es egal, ob ein Politiker Homo, Hetero, Vegetarier oder Radfahrer ist; Guido Westerwelle wurde nicht zum Außenminister gewählt, weil er schwul ist, auch nicht, obwohl er schwul ist. Seine sexuelle Disposition war den Wählern einfach wurscht. Und daran wird sich - hoffentlich - nichts ändern, bis er eines Tages aus seinem Amt wieder rausgewählt wird.

(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)

Geradezu ätzend polemisch wird Broder bei der Bewertung von Guidos Entschluß künftig seinen Herrn Mronz nicht mehr in Länder mitzunehmen, die homophobe Gesetze haben.
Denn:

"Wir wollen den Gedanken der Toleranz in der Welt befördern. Aber wir wollen auch nicht das Gegenteil erreichen, indem wir uns unüberlegt verhalten." Man muss diesen Satz nicht zweimal lesen, um zu begreifen, was in ihm steckt: Toleranz ist eine feine Sache, aber wir sollten es mit ihr nicht zu weit treiben. Das ist mehr als eine der üblichen Politiker-Sprechblasen, es ist moralisches Harakiri in Zeitlupe, eine Schande.
(H.M. Broder am Freitag, den 13. August)

Recht hat er, der Broder.

Das Schlimme an Guido Westerwelle ist nämlich nicht nur seine Politik, seine Arroganz, sein beständiges Mäandern zwischen beleidigen und beleidigt sein.
Nein, ganz übel ist es auch, daß er eine Sache, die glücklicherweise KEIN Thema ist, nämlich ob er lieber mit Männlein oder Weiblein unter der Bettdeckle liegt, mutwillig wieder zum Popanz aufbaut.

Broder hat Recht - wieso nimmt Guido auf einmal übergroße Rücksicht auf Leute, die Homosexuelle gerne an Baukränen aufhängen?

Auch das Thema Homo-Toleranz, das man in einem einigermaßen liberalen Umfeld eigentlich klar bewerten können sollte, verhunzt Guido.
Westerwelle war es selbst der die „Homophobie-Keule“ rausholte, als er ZU RECHT dafür kritisiert wurde, daß er auf Dienstreisen ständig seine engsten Geschäftsfreunde und Familie mitnahm.
Vorbehalte gegen Schwule hatten mit der Kritik an Guidos Nepotismus-Eskapaden gar nichts zu tun.
Also sollte der Mövenpickmann das auch nicht da hinein mischen.
Das ist so wie eine Frau, die fälschlich einen Mann der Vergewaltigung bezichtigt, echten Vergewaltigungsopfern ins Gesicht schlägt, weil sie potentiell dafür sorgt, daß ihnen nicht geglaubt wird.

Es war immerhin Guido selbst, der 2008 (!) damit herausplatzte, wie er das Thema Homophobie auf die Agenda als AA-Chef setzen würde:

"Wenn ich mir ein solches Amt nicht zutrauen würde, hätte ich nicht Vorsitzender der FDP werden dürfen," sagte er in einem Gespräch mit dem stern. Westerwelle wäre der erste bekennende Schwule, der das Außenamt leiten würde. Ein Hindernis sieht der FDP-Chef darin nicht: "Die ganz große Mehrheit der Bevölkerung hat überhaupt kein Problem mit meinem Privatleben. Es würde unserer Außenpolitik übrigens gut anstehen, wenn sie diesen Geist der deutschen Toleranz in andere Länder tragen würde".
Im stern-Interview sprach Westerwelle sich explizit dafür aus, jenen Staaten die Entwicklungshilfe zu streichen, die Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelten "oder wo Männer und Frauen hingerichtet werden, nur weil sie homosexuell sind". Deutsche Außen- und Entwicklungspolitik müsse "immer auch die Vermittlung von freiheitlichen Werten sein".

(STERN-Interview 9. Dezember 2008)

Tja, selbst Schuld Herr Außenminister - nun müssen Sie sich auch mal an den Worten messen lassen.
Wie eigentlich alle FDP-Versprechen, außer der Milliarden-Beglückung des Barons von Fincks und reicher Erben, ist auch die homophile AA-Politik nur Makulatur.

Das ist eben nur Guido Westerwelle, ein zufällig schwuler Typ, der fast immer lügt, wenn er seinen Mund aufmacht und eine geradezu abstoßende Persönlichkeit hat.

Wenn Guido Homophobie wittert, sollte er sich vielleicht erst einmal an seine Wunschkoalitionspartner von CDU und CSU wenden.

Westerwelle gibt vor für Schwulenrechte einzutreten,
dabei hat er im Bundestag gegen das rot/grüne Lebenspartnerschaftsgesetz gestimmt.

Nun sitzt er als Vizekanzler an der Seite einer Kanzlerin, die seinerzeit vor das Bundesverfassungsgericht zog, um gegen die sogenannte „Homoehe“ (rot/grüne Lebenspartnerschaftsgesetz) zu klagen.
Noch heute sperrt Merkel sich gegen die „Homo-Adoption“.
Guido sitzt also im Kabinett mit Leuten zusammen, die ihm nicht die gleichen Rechte zugestehen, wie ihnen selbst.

Anders als in Riad oder Teheran, müßte er aber in Berlin nicht fürchten gehängt zu werden, wenn er dagegen protestierte.

Am 23. Oktober 2009 erklärte die bayerische Justizministerin Beate Merk voller Empörung, daß es auch Grenzen geben müsse!

"Es kann nicht sein, dass eine homosexuelles Paar ein Kind adoptiert.
Da ist der Rubikon überschritten!"

Das bizarre Alpenvolk hat nämlich noch im Jahr 2009 eine Regierung, die ein Normenkontrollverfahren beim Bundesverfassungsgericht anzettelte, um die böse Homoehe zu verhindern.
"Insbesondere eine Volladoption durch Lebenspartner wird es mit mir nicht geben", kündigte Merk an.

Homos sind nämlich bähbäh weiß die CSU.
In eine Koalition mit der FDP gezwungen, mußte Justizchefin Merk die in Karlsruhe anhängige Klage zwar widerstrebend zurückziehen, aber die Christsozialen vergaßen nicht klarzustellen, wie sie die Causa sehen:

“Ich glaube, dass die Ehe zwischen Vater und Mutter, dass die Familie mit Vater und Mutter die Zukunft ist, nicht etwas anderes, das ist die Moderne, und nicht eine Fehlentwicklung, die sich hoffentlich bald wieder legen wird.”
(Unions-Bundestags-Fraktionsjustizexperte Norbert Geis)

Schwule und Lesben sind eine „Fehlentwicklung“, also unnatürlich - soweit der K.O.alitionspartner von Guido Westerwelle.

Kein Problem für den obersten Diplomaten Deutschlands, der nun auch im Ausland nicht mehr „provozieren“ will.