Donnerstag, 15. Juli 2010
Wenn die (eigenen) Worte fehlen.
Aber das ist gar nicht so einfach, denn an diesem Text zeigt sich wieder einmal, weshalb es sich bei der „Süddeutschen Zeitung“ um ein sogenanntes „Leitmedium“ handelt.
Sie leitet nämlich andere irrlichternde Journalisten an, die nicht allein zu einer Meinungsbildung und einer Formulierung Derselben in der Lage sind.
Der Kerngedanke in Prantls Rede „Das kalte Herz der Kirche“ am 10.07.2010 lautete:
Ausgerechnet die Kirche als Fachinstitution für das Benennen und Eingestehen von Verfehlungen, als Fachinstitution für Schuldbekenntnis, Buße, Reue und Vergebung musste und muss von Opfern und Medien gezwungen werden, Stellung zu beziehen. Ritus und Liturgie der Kirche bauen auf den Glauben daran, dass Worte eine Kraft haben, die sogar Materie verwandeln kann. Das Wort hat die Kraft zur Wandlung.
"Im Anfang war das Wort" - so beginnt denn auch das Johannesevangelium. Das bedeutet unter anderem: Der Evangelist Johannes war der erste Kommunikationswissenschaftler. Und das bedeutet vor allem: Kirche ist Kommunikation. Ohne Kommunikation gibt es keine Mission, keine Klarheit, keine Wahrheit. Unterdrückung von Kommunikation ist daher nicht Mission, sondern Demission.
Das Hamburger Abendblatt ist kein Leitmedium, sondern höchstens ein geleitetes Medium.
Drei Tage nach Prantl, am 13.07.2010, erscheint in dem Springer-Organ ein Leitartikel von Christoph Rind mit der Überschrift "Es fehlt das Wort an die Opfer".
Rind formuliert folgendes:
Im Anfang war das Wort. So beginnt das Johannesevangelium. Das Wort ist von Beginn an der wertvollste Schatz und das machtvollste Instrument jeder Kirche. Egal, ob sie sich katholisch oder protestantisch nennt. Ohne die Kraft des Wortes stirbt der Glaube, ja stirbt jede Glaubwürdigkeit. Ausgerechnet auf diesem Feld der überzeugenden Worte versagen die kirchlichen Amtsträger in diesen Tagen, Wochen und Monaten reihenweise.
[…] Neben der Aufarbeitung früherer Taten muss es jetzt darum gehen, wie Opfer in Zukunft zu verhindern sind. Noch fehlt dazu das klärende Wort. Aber ohne das richtige Wort gibt es keinen (Neu-)Anfang. Das Wort, das Wahrheit sagt.
Der SZ-Mann sollte es so nehmen wie in der Werbebranche - dort gelten Plagiate als höchste Form des Lobes.
Dienstag, 15. September 2009
Sprachregelung.
What else is new?, könnte man einwenden.
Lustig ist aber die Charakterisierung des zuständigen Ministers.
Das Magazin, das 2003/2004/2005, als wir einen fähigen und anerkannten Verteidigungsminister Struck hatten, an der Spitze der „CDU must become governing party“-Bewegung stand, findet nun folgende Sätze über das selbst herbei geschriebene CDU-Regierungspersonal:
Der Spiegel-Autor dieser Zeilen ist allerdings Christoph Schwennicke, der zur Hochzeit der CDU-Jubelarien aus der Hamburger Brandstwiete noch bei der SZ war.
Daß Roland Kochs Rosettenschmeichler Franz Josef J. alles andere als ministrabel ist, sollte man spätestens auch bundesweit seit der CDU-Spendenaffäre wissen, als der Andenpaktler am 7. September 2000 als Chef von Kochs Staatskanzlei und Europaminister zurücktreten mußte.
Er war unter anderem als CDU-Generalsekretär in den 80ern für die Verschiebung der als „jüdische Vermächtnisse“ getarnten Schwarzgelder verantwortlich.
Mit den Sprachregelungen steht der Mann, der seine Jungs im Juni 2006 vor der „Schwulenszene“ schützte, immer noch auf Kriegsfuß:
Krieg oder robuste Stabilisierungsmaßnahme?
Gefallene oder Getötete?
Zivilisten oder Terroristen?
Da kommt der OB-FRIZ (Oberbefehlshaber in Friedenszeiten) schon mal durcheinander.
Kochs U-Boot könnte es sich einfacher machen, wenn er um die semantischen Fähigkeiten der organisierten Ärzteschaft wüßte.
Wer erinnerte sich nicht an das Unwort des Jahres 1998; sozialverträgliches Frühableben, das Ärztekammerpäsident Karsten Vilmar raus haute?
Die lästigen Dementen und sonstigen Pflegefälle halten sich eine Dekade später immer noch nicht an diese Devise, obwohl man von Regierungsseite her alles tut, um sie diesbezüglich zu lenken.
Eins der reichsten Länder der Welt, Deutschland, das sich eine christliche Kanzlerin und einen christlichen Präsidenten hält, ernährt die Senioren nicht ausreichend.
Gut jeder 2. Altenheim-Bewohner soll einer Studie der Universität Witten/Herdecke zufolge von Mangelernährung bedroht sein.
Besonders betroffen seien alte Menschen die sich nicht mehr bewegen können. Das mit 60 Prozent höchste Risiko liege jedoch bei Bewohnern mit Demenzerkrankung. Grund sei unter anderem der Personal- und Zeitmangel in den Heimen, heißt es in der Studie. Oft fehlt den Betroffenen Hilfe beim Halten eines Trinkgefäßes oder dem Zerkleinern des Essens. Auch sei der Ausbildungsstand der Pflegekräfte unzureichend, sodass sie eine Mangelernährung der Bewohner zu spät erkennen würden. Nur etwa die Hälfte der Pflegekräfte seien vollständig ausgebildete Altenpflegerinnen und -pfleger.
Da wundert es nicht, daß in einem Hitzejahr wie 2003 auch mal ein paar Tausend über 80 Jährige sozialverträglich frühabgelebt werden.
Um alten Menschen genügend Wasser zu geben, bedürfte es deutlich mehr Personal, das aber was kostet, das wir aber nicht haben, weil wir doch sparen müssen und schließlich gibt es dringendere Probleme, wie die „notleidenden Banker“, für die Merkel ganz ad hoc mal 500.000.000.000 Euro locker machen konnte.
In den letzten 10 Jahren wurden ein Siebtel aller Stellen gestrichen. Nach Angaben der Gewerkschaft wurden bundesweit 200.000 Stellen in Kliniken und Heimen gestrichen.
Patienten in Pflegeheimen, die es sozialschmarotzend wagen alt und krank zu sein und sich nicht mehr kosteneutral selbst zu versorgen, müssen in der real existierenden Bundesrepublik eben ein bißchen eher ins Gras beißen.
Schöne neue neoliberale Welt.
Was das alles mit Franz Josef Jung zu tun hat?
Er kann an der Pflegefront lernen, wie man mit Tausenden Toten unhysterisch umgeht.
Die vertrockneten Omen und Open sind nämlich nicht etwa perfide aus niederen finanziellen Erwägungen heraus zu Tode gequälte Mordopfer, sondern:
- wie es so schön in der Pflegebranche heißt.
Für diese Sprachschöpfung möchte ich doch glatt den imaginären Rabulist des Jahres vergeben.
Und es stimmt sogar!
Denn was ist das Leben anderes, als eine sexuell übertragene Krankheit mit 100 % Mortalität?
Nicht abzukratzen hat noch keiner geschafft.
Das ist urmenschlich.
Wir sind alle absolut sicherere Sterbefälle - das ist das Wesen unserer Existenz.
Wenn Jungs Jungs da mal den ein oder anderen Tanklaster wegbomben, sollte man sich also nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob es sich bei den Opfern um Zivilisten, oder Kombattanten oder was auch immer handelt.
Das sind einfach Sterbefälle, die vorweggenommen wurden.
„Vorweggenommene Sterbefälle“ - das ist alles.
Alles OK in Afghanistan.
Freitag, 31. Juli 2009
Politikerlob.
Nur weil ich ab und an mal den ein oder anderen Priester oder Politiker bezüglich dessen Qualifikation abchecke?
Nein, oder?
Hohe Zeit damit zu beginnen LOB auszusprechen.
Es gibt durchaus coole Politiker, die ich gerne in der Verantwortung sehe. In der Kategorie muß beispielsweise genannt werden:
Peter Struck (* 24. Januar 1943 in Göttingen), Jurist, Ex-Minister und Noch-Fraktionsvorsitzender.
Neben Schorsch Leber und Helmut Schmidt, ist Struck erst der dritte Mensch auf dem Schleudersitz des Verteidigungsministers, der nicht durch peinliche Dummbeuteleien auffiel und sogar „in der Truppe“ ernsthaft vermißt wird.
Allerdings sind die Soldaten natürlich mit ihrem jetzigen Chef besonders geschlagen - Jung hat schließlich als einzige Qualifikation vorzuweisen, daß er tief in Roland Kochs Hintern wohnt und als hessisches U-Boot an Merkels Kabinettstisch proporzt.
Fachliche Eignung, außenpolitische Kompetenz oder gar verteidigungspolitische Weitsicht sucht man bei Kochs Agenten vergeblich.
Struck hingegen erwarb sich ungeheuer schnell Respekt - obwohl Verteidigung zunächst nicht sein Fachgebiet war.
Im Gegensatz zu seinem Nachfolger ist der Niedersache allerdings ein Schnelllerner und helles Köpfchen, der sich zudem durchzusetzen weiß, nicht verbiegen läßt und ein echter Kümmerer ist.
Ein Verlust für Deutschland, daß Peter Struck aus dem Bundestag ausscheiden wird.
Zum Abschied druckte die ZEIT am 23. Juli 2009 ein längeres Interview mit ihm ab, in dem er ganz typischerweise kein Blatt vor den Mund nahm.
Dabei fielen klare und schnörkellose Sätze, die ich nur unterschreiben kann:
Frage: Welche Politiker-Sätze können Sie inzwischen nicht mehr hören?
Peter Struck: Da gibt es viele. Sätze von Westerwelle zum Beispiel, eigentlich seine ganzen Reden. Horror. Mehr Freiheit für die Wirtschaft, und der Staat soll sich zurückhalten. So ’n Zeug. Kann ich echt nicht mehr hören. Bei der Union finde ich einen Satz besonders schrecklich: Sozial ist, was Arbeit schafft.
Struck: Aber ganz klar: Nach wie vor haben wir kein gutes Verhältnis. Ich weiß, sie kann mich nicht besonders leiden, und sie weiß, ich kann sie nicht besonders leiden.
ZEIT: Was stört Sie an der Bundeskanzlerin?
Struck: Ich weiß nicht, wofür sie steht. Man kann sich nicht auf sie verlassen.
ZEIT: Angela Merkel oder Helmut Kohl?
Struck: Kohl. Er war verlässlich, auch in seiner Gegnerschaft, und nicht so wischiwaschi.
ZEIT: Maybrit Illner oder Anne Will?
Struck: Beide nicht. Wenn schon, dann lieber Illner. Aber ich mag diese Sendungen nicht, ich gehe da seit zwei, drei Jahren nicht mehr hin. Die tun so, als bringen sie den Bürgern Politik näher, aber in Wahrheit verderben sie unser Geschäft und machen es uns schwerer, weil alles so plakativ und oberflächlich ist. Sie tun so, als sei Politik ganz einfach. Ist sie aber nicht.
ZEIT: Wenn Sie auf die immer noch andauernde Wirtschaftskrise blicken…
Struck: …dann ist da vor allem Zorn auf eine Clique von selbstherrlichen Managern und Bankern. Ich habe zu vielen von denen kein Vertrauen mehr, Respekt vor ihnen schon gar nicht. Ich war neulich bei einer großen Wirtschaftsveranstaltung, da hockten Leute, die verdienen fünf, sechs Millionen Euro im Jahr. In all den Jahren haben sie eine große Schnauze gehabt und uns Politiker und den Staat verachtet. Und jetzt winseln sie und wollen vom Staat gerettet werden. Ich kann es nicht anders sagen: Meine Achtung diesen Leuten gegenüber ist wirklich ins Bodenlose gefallen.
ZEIT: Was war in der Politik Ihr größter Irrtum?
Struck: Schauen Sie, ich habe im Bundestag mit Steuerpolitik angefangen, saß im Finanzausschuss. Meine Sprüche im Wahlkreis waren damals: Die Steuern müssen einfacher und gerechter werden. Heute, dreißig Jahre später, muss ich feststellen: Es geht nicht, eine radikale Steuerreform ist kaum erreichbar.
ZEIT: Warum ist das so?
Struck: Die Lobbys, die dagegen kämpfen, sind zu stark, zu mächtig. Und es gibt immer eine Partei, die diese Lobbyarbeit unterstützt. Für ein gerechteres Steuersystem braucht man einen massiven Subventionsabbau, und das ist nicht durchzusetzen, weil zu viele von diesen Subventionen profitieren. Ich weiß doch, wie es ist, wenn man vor Bergarbeitern steht und sagt: Leute, eure Subventionen müssen abgebaut werden. Das ist verdammt schwer. Ehrlichkeitshalber füge ich hinzu: Selbst eine absolute Mehrheit wäre kein Garant dafür, gegen die Lobbyisten das perfekte Steuersystem zu schaffen.
Ich gebe zu; ich bin beeindruckt - da hat man in zehn Minuten Lektüre erheblich mehr klare Aussagen, als in ZEHN JAHREN intensivsten Studiums Angela Merkels.
Da wird der Unterschied zwischen einem Politiker und einer Politamöbe, wie der Kanzlerin, die sich niemals festlegt, alles strittigen Fragen gekonnt ausweicht und sich mit ihrer „ich bin nett zu allen“-Strategie die Sympathien sichert, mehr als deutlich.
Indes; Struck geht und Merkel bleibt.
Dem Urnenpöbel sei Dank.
Freitag, 3. Juli 2009
Schwafeln auf Teufel komm raus.
Alternativ zur Guillotine kann man sich nur selbst Schmerz zufügen - in der Hoffnung die geistige Pein über zu kompensieren.
Ich empfehle ausdauernden Klemmen der Finger in der Autotür oder kräftiges in die Schreibtischplatte beißen.
Welche Sendung ich konkret meinte?
Nun, ich bezog mich auf den jüngsten ARD-Deutschlandtrend, der die flächendeckende Hirnverwesung damit illustrierte, daß Angie Merkel, die Atom-Claqueurin, schon wieder in der Beliebtheitsskala zugelegt hat.
Sie stand ohnehin schon auf Platz 1 und steigerte ihre Beliebtheit nun auf 71%.
Auf Platz 2 (mit 61%) schoß die Impudenz des Monats Juni.
Wie kann es nun angehen, daß mehr als sieben von zehn Deutschen mit Merkel so überaus zufrieden sind?
Der Grund ist offenbar, daß die teutonischen PISA-Krüppel nichts mehr verabscheuen als die Realität, die Bittere.
Sie lieben es stumpf im Nebel zu dämmern und möchten nicht durch Fakten verwirrt werden.
Die Bundeskanzlerin hat ihren Regierungsstil perfekt darauf abgestimmt, indem sie peinlichst genau Taten vermeidet und beim Reden konkrete Aussagen scheut wie der Teufel das Weihwasser.
Ob sie sich nun bei Anne Will, im BUNTE-Interview, oder im hochgeheimen Bundessicherheitskabinett befindet, spielt keine Rolle.
Sie ist die Königin des Schweigens und kaschiert dies in immer neuen komplett zweckfreien Worthülsen.
Ein schönes Beispiel ist dafür die Regierungserklärung von gestern.
Regierungserklärungen waren einmal das Hochamt der Politik, bei denen Kanzler vor dem „Hohen Hause“ mit messerscharfer Rhetorik brillierten.
Die derzeitige Amtsinhaberin hat diese Sternstunden der Parlamentarier in das diametrale Gegenteil verkehrt.
Das Plenum ist kaum besetzt, die Anwesenden kämpfen verzweifelt dagegen einzuschlafen und die Journalisten könnten in ihrem Kaffeesatz konkreteren Einblick in die Regierungspolitik bekommen.
(Mit lustvollem Masochismus kastriert sich der Bundestag nun auch noch selbst, wie Heribert Prantl es in seinem Leitartikel "Das Parlament als Farce" empört darstellt.)
Eins der Gigaprobleme des Planeten, daß sich nämlich Maßnahmen gegen Kriege, Wirtschaftskrisen und Klimawandel nicht international abgestimmt werden, verpackte Merkel in den Gaga-Satz:
"Ich denke, dass G 20 das Format sein sollte, das wie ein überwölbendes Dach die Zukunft bestimmt."
Inhaltlicher Gehalt = Null.
Keine Bewertung des Istzustandes, keine Vorstellung, ob die G20 anders oder besser werden soll, geschweige denn welches die Aufgaben der G20 zukünftig sein sollten, oder gar die Rolle der Deutschen Regierung dabei.
Die Kanzlerin ist eine Arbeitsverweigerin, die ihr Amt als Platzhalterin warm hält, ohne selbst tätig zu werden.
Sie gefällt sich als Grüßaugusta, während das Bundeskanzleramt faktisch vakant ist.
Die Deutschen sind entzückt: 71% Zustimmung, Wiederwahl mehr als wahrscheinlich.
Der Berlin-Kommentator der SZ, Niko Fried, resignierte dazu :
„Ein Format wie ein Dach. Ein Dach, das etwas überwölbt (was nicht ungewöhnlich ist für ein Dach). Dies aber ein Dach, das die Zukunft bestimmt. Nun denn.“
Gute Nacht Deutschland und beschwert Euch nicht - wer so wählt, hat es nicht besser verdient.
Mittwoch, 7. Januar 2009
Besinnliches Bibel-Blubbern
Das ist etwas, das ich gar nicht gerne tue - insbesondere nicht in so einem flapsigen Privat-Blog.
Immerhin ist Schneider DER Guru der deutschen Sprache; der Stil-Lehrer, Sprachkritiker, Elite-Sprecher.
Vom Journalist bei führenden Periodika brachte er es zum Chef der Henry-Nannen-Journalistenschule und wurde dadurch zur Ikone des Schönschreibs.
Ein kurzer Blick auf die Titel seiner Bücher, zeigt schon, an welchen Themen sein Herz hängt:
· Wörter machen Leute - Magie und Macht der Sprache. 1976 · Deutsch für Profis. 1982 · Deutsch für Kenner. Die neue Stilkunde. 1987 · Unsere tägliche Desinformation. Wie die Massenmedien uns in die Irre führen. 1992 · Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. 1994, · Das neue Handbuch des Journalismus 2003 · Deutsch! Das Handbuch für attraktive Texte. 2005· Die Überschrift. Sachzwänge – Fallstricke – Versuchungen – Rezepte 2007 · Speak German! – Warum Deutsch manchmal besser ist. Rowohlt 2008
Mein Lieblingsbuch von ihm ist allerdings immer noch „DIE SIEGER“ von 1992, in dem er erörtert „wodurch Genies, Phantasten und Verbrecher berühmt geworden sind“.
Ein wahres Lesevergnügen: Bizarr, unterhaltsam und lehrreich!
Wer hätte schon gedacht, daß der große Haudegen Gebhard Leberecht von Blücher (ja, das ist der von „Ran wie Blücher“, der sogenannte „Marschall Vorwärts“) und schwere depressiven Schüben litt?
Als er 1814 Napoleon fast besiegt hatte und nur noch den Todesstoß versetzen mußte, lag er jammernd in seinem Kommandozelt auf einem Feldbett ,verweigerte die Nahrungsaufnahme, wurde von Halluzinationen heimgesucht und behauptete hartnäckig lallend mit einem Elefanten schwanger zu sein.
Auch Bismarck hatte depressive Zustände, unternahm Suizidversuche und schockte Besucher mit extremsten Fressanfällen: Konfekt und Kaviar durcheinander, dazu gab es Unmengen von Champagner, Rotwein, Portwein und Cognac.
Ebenso konnte Flaubert, der an Turgenjew schrieb „ich wälze mich in einer grenzenlosen Melancholie und bin zum krepieren traurig“, sich nur mit Fressgelagen ablenken. Er pflegte dann die Manschetten, Schuhe und den Kragen abzunehmen - auf daß er von nichts behindert werde und sich dann exzessiver Völlerei hinzugeben.
„DIE SIEGER“, bitte kaufen und lesen.
Wolf Schneider lief mir heute in Form einer SZ-Außenansicht über den Weg.
Darin beschäftigt er sich mit der Sprache der 36 deutschen Bischöfe.
Hartes Brot, wie ich finde - die Predigten und Botschaften von 17 evangelischen und 19 katholischen deutschen Bischöfen zu Weihnachten und Neujahr zu lesen, ohne Hirnblutungen davon zu tragen, ist bemerkenswert.
Wie sagte es so schön Anne Clark?
Don’t need no spiritual suicide pre-frontal lobotomizing god.
Schneider wundert sich:
"Nicht menschliche Macht ist gefragt", liest man da, "sondern Bedürftigkeit, die um ihr Angewiesensein auf die heilsame Gnade Gottes weiß" (Baden, ev.). "Die vollständige Verzweckung des Menschen" wurde getadelt, "die neuheidnische Vergleichgültigung" dazu, während Jesus "keine Berührungsängste vor der menschlichen Geschöpflichkeit" besessen habe (Fulda, kath.). Die Zeiten, in denen man dem Volk auf’s Maul schaute, sind offensichtlich vorbei: Mütter reden auch selten von "Laizismus" und "Neuatheismus" (Regensburg, kath.). Was farbig und unschuldig mit dem Esel anfing, endete leider damit, dass der "als Tier der Demut gleichzeitig Metapher für Jesus Christus" sei (Hannover, ev.).
Und nun hubert der oberste Evangele Deutschlands in Berlin:
Wenn die Kirche sich für Religionsunterricht einsetze, setze sie sich für das Allgemeinwohl ein. Religion als Lehrfach sei "unverzichtbar". Seit der Einführung des Pflichtfaches Ethik sei die Beteiligung am Religionsunterricht um 25 Prozent eingebrochen. Die sei inakzeptabel.
Statt dem Senat aus SPD und LINKEn den schwarzen Peter zuzuschieben, sollte sich der Berliner Großkleriker mal fragen, ob es nicht womöglich an seinem unerträglichen Schwafelsprech liegt, daß die Kinderchen in Mannschaftsstärke aus dem Religionsunterricht flüchten.
Verdenken kann man es ihnen angesichts der Kanzelperformance der Kirchenfürsten nicht - selbst wenn man pre-frontal lobotomized ist (=glaubt).
Welche Drogen muß man nehmen, um den Sinn von Sätzen zu erfassen
wie "Gott hat sein Gottsein hinter sich gelassen" (Greifswald, ev.) oder "Gott selbst bietet sich in seinem eigenen Sohn als Geisel an, damit wir im Austausch die Freiheit aus der Knechtschaft des Bösen erlangen" (Speyer, kath.) oder "Die Gewissheit, bei Gott angenommen zu sein, gründet in Gottes Gnade" (Vorsitzender, ev.) und "Die Seligkeit Gottes fürchtet nicht die traurige Endlichkeit dieser Erde" (Hildesheim, kath.).
Aber bitte, meine 36 Damen und Herren Kirchen-Direktoren.
Immer weiter so - ich bin auch zuversichtlich, daß Ihr es auch dieses Jahr schafft Myriaden Menschen zum Kirchenaustritt zu bewegen!
Weiter so!
Sonntag, 16. November 2008
Politdepp der Woche
Horst Köhler ist sehr beliebt.
Horst Köhler soll wieder gewählt werden.
Horst Köhler ist harmlos.
Horst Köhler ist ein miserabler Redner - zum Glück für die CDU, die von ihm keine beindruckenden Reden fürchten muß.
Besonders still ist er seit der Bankenkrise, die die Welt und Deutschland in die Rezession gedrückt hat.
Hunderte Milliarden Euro werden in atemberaubender Geschwindigkeit von der Bundesregierung locker gemacht.
Die großen Banken und nun auch Autobauer werden unterstützt.
Nicht unterstützt werden das Bildungssystem, die Pflegebedürftigen in Altenheimen, die Billig- und Multijobber oder der Kampf gegen den Klimawandel.
Die Kassen sind ja leer…
Köhler sagt dazu nichts.
Früher sagte er mehr - er polterte sofort los, daß „hoffentlich bald Angela Merkel Kanzlerin sein wird“ (ZDF am 13. März 2004).
Eine Woche zuvor erklärte er, daß die Agenda 2010 „bei Weitem nicht ausreichend“ sei! Die neoliberale Reform-Merkel vom Leipziger Parteitag mit ihrem Steuermann Paul Kirchhof müßte noch erheblich weiter gehen und bei den Sozialleistungen streichen.
Da kannte sich der Köhler aus.
Kann es sein, daß er einfach von Banken und Finanzen nichts versteht, so daß sein beredtes Schweigen im Jahr 2008 schlicht mit Nichtwissen zu erklären wäre?
Was hat er denn früher eigentlich gemacht, bevor er plötzlich 2004 Präsident wurde?
1990 bis 1993:
Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Er verhandelte den Vertrag von Maastricht und sorgte dafür, daß Papa Bush für seinen Krieg gegen den Irak 1991 von den deutschen Steuerzahlern 12 bis 18 Milliarden DM erhielt. Ein paar Hunderttausend Iraker wurden gekillt, Deutschland zahlte bereitwillig. Köhler war die finanzielle rechte Hand seiner Politikone Helmut Kohl.
Köhler gestaltete außerdem die Währungsunion, die das totale ökonomische Desaster der Ex-DDR zementierte. Sicher ist, dass die Akteure damals der DDR-Wirtschaft den Rest gaben und die Bundesrepublik auf ungewisse Zeit hinaus mit gigantischen Schulden belasteten. Es geht um 200 Milliarden Euro. Für Köhlers Bankenfreunde waren das jahrelange Festspiele.
Der Tagesspiegel zitiert den Bundesrechnungshof:
Daß Köhler bei Bankern sehr beliebt war, verwundert nicht und so stieg er weiter auf.
1993 bis 1998:
Präsident den Deutschen Sparkassen- und Giroverband.
1998 bis 2000:
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE)
2000 bis 2004
Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF)
2004 bis 2009
Bundespräsident.
Einer, der zur Finanzkrise und dem Zusammenbruch von Dutzenden von Banken leider gar nichts zu sagen weiß.
Dieser Mann soll nun unbedingt wieder gewählt werden.
Blöd nur, daß es in der Demokratie mitunter Gegenkandidaten gibt. Sogar kleinere Parteien maßen sich mitunter an eigene Persönlichkeiten zu präsentieren.
Jens Reich, Uta Ranke-Heinemann, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Hildegard Hamm-Brücher, Marion Gräfin Dönhoff… alles Kandidaten, alle ohne Chance.
Wieso eigentlich nicht?
Viele der Personen waren doch sehr beliebt, Prof Schwan im Jahr 2004 sogar wesentlich beliebter als Köhler.
Nun, das liegt daran, daß Bundespräsidenten nicht direkt gewählt, sondern ausgeküngelt werden.
Die CDU/CSU-Fraktion zerstritt sich 2003/2004 über die Kandidatur von Wolfgang Schäuble.
Schließlich mauschelten drei Parteiführer auf Socken in Guiiido Westerwelles Wohnung unter den großformatigen Homo-Bildern von PDS-Chef Biskys Sohn Norbert solange, bis sie sich auf Köhler einigten.

Merkel hat ja ein Händchen für Personal:
Parlamentsbelüger und Verfassungs-Antagonist Schäuble wurde bei ihr Verfassungsminister.
Der Wirtschaftslaie Glos Wirtschaftsminister.
HRE-Pleitier Tietmeyer (Köhlers Staatssekretärs-Vorgänger) erkor sie zum Berater der Bundesregierung in Finanzfragen aus.
Etc.
Man hielt sich aber an die intimen Beschlüsse aus Westerwelles Butze, denn die Bundesversammlung wählt den Präsidenten.
Vertreten sind dort alle Bundestagsabgeordneten, sowie eine gleiche Anzahl Parlamentarier aus den Landtagen, welche sich allerdings in Einzelfällen durch Gaga-Persönlichkeiten wie den ultrarechten Filbinger oder die Ultrakatholikin Fürstin Gloria vertreten lassen können.
Im bekannten Polit-Fachmagazin GONG (Heft 47, vom 14.11.2008) wird eine Debatte der bizarren Art dokumentiert.
Darf die ARD noch Tatorte ausstrahlen, in denen der böse, böse Peter Sodann mitspielt?
Immerhin ist er als Kandidat der LINKEn im Rennen um das höchste Staatsamt und hat mit den 91 (von 1224) Stimmen ja ENORME Chancen zu gewinnen.
Und nun ENDLICH zum Politdepp der Woche:
Das denkt jedenfalls das Politgenie Sven Volmering, Landesvorsitzender der Jungen Union NRW und Vorsitzender des JU-Bezirksverbandes Münsterland, der bangend um die Wahl Köhlers massiv für ein Sodann-Verbot eintritt:
„Bis zur Wahl wäre jede Episode mit ihm ein 90-minütiger Wahlwerbespot für die Linken. Das kann nicht im Interesse einer öffentlich-rechtlichen Institution sein“
Entweder Volmering ist komplett verblödet und weiß nicht wie ein Bundespräsident gewählt wird, oder er hält seine Politkollegen von der CDU für komplett verblödet, daß er annimmt die Abgeordneten würden nach einer Tatort-Episode auf Sodann umschwenken.
(Danke Nordstern)
Donnerstag, 13. November 2008
"Streit über politische Fragen"
Wieso, weshalb und warum rechtsradikale Parteien in Landtage einziehen, wird mir immer ein Rätsel bleiben.
Natürlich verstehe ich insbesondere ihre sogenannten Inhalte nicht, die unsäglich dumm, geschichtsvergessen und menschenfeindlich sind.
Es ist allerdings nicht einmal notwendig die NDP-Positionen zu kennen, denn die Performance der Abgeordneten spricht für sich.
Keine Fraktion erlebte jemals das Ende einer Legislaturperiode, ohne sich selbst zu zerlegen und im Korruptionssumpf unter zugehen.
So albern, rhetorisch und intellektuell unterbelichtet kommen die rechten Abgeordneten daher, daß sie lediglich als Satire-Objekt taugen.
Wobei der Satiriker sich nicht einmal anstrengen muß, sondern die Halbhirne von Rechtsaußen nur im O-Ton bringen muß.
Sie sind pure Realsatire und sollten den ganzen Tag Gott danken, daß ihre eigenen Wähler zu dumm und desinteressiert sind, um die Nazi-Fraktionen in Parlamentsdebatten auf Tauglichkeit zu überprüfen.
Jeder, der das einmal gesehen hat, stimmt nie wieder für den Haufen Ewiggeistloser.
Anfang dieser Woche demonstrierten die NPD-Epigonen im sächsischen Landtag wieder einmal, welche Diskussionskultur sie pflegen.
Der NPD-Abgeordnete Jürgen Gansel und Fraktionsberater Peter Naumann gerieten in einen "Streit über politische Fragen".
Naumann, ein Intimus vom Fraktionsoberhongo Holger Apfel saß Ende der 80er Jahre wegen der Herbeiführung eines Anschlages und der Verabredung zu Sprengstoffanschlägen in Haft.
Gansel hat als Mitglied der NPD-Fraktion auch schon das übliche Dutzend von anhängigen Verfahren voll:
Dabei geht es unter anderem um Verunglimpfung des Staates, Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz sowie eine Pfefferspray-Attacke vor einer Leipziger Bar.
Vorermittlungen gibt es wegen eines Schreibens, in dem Gansel nach der US-Präsidentschaftswahl mit rassistischen Sprüchen gegen den Sieger Barack Obama Stimmung gemacht hatte, der als erster Schwarzer ins Weiße Haus einziehen wird.
Wie muß man sich also bei solchen „Diskutanten“ einen Streit über politische Fragen vorstellen?
Nun, ganz einfach:
In Ermangelung von grauen Zellen zwischen den Ohren, gaben sie sich gleich gegenseitig was auf die Glocke.
Im Flur vor dem Plenarsaal wurde Gansel schließlich durch ein schlagkräftiges Argument auf die Gummer niedergestreckt.
Ein juristisches Nachspiel gibt es nicht, denn keiner wollte Klage einreichen.
Offensichtlich ist für sie das Austragen von Meinungsverschiedenheiten mit den Fäusten so normal wie für unsereins das Zähneputzen.
Der Fall werde wie eine private Auseinandersetzung oder eine Wirtshausschlägerei behandelt, sagte Oberstaatsanwalt Christian Avenarius.
Wirtshausschlägerei.
Gansel ist sicherlich sehr froh, denn wenn er statt mit Peter Naumann mit seinem Ex-Kollegen Menzel in einen "Streit über politische Fragen" geraten wäre, würden seine Angehörigen möglicherweise jetzt einen Sarg aussuchen müssen.
Menzel, auch er selbstverständlich vielfach vorbestraft, wie alle Mitglieder des braunen Sumpfes, pflegt nämlich bewaffnet in den Landtag zu kommen.
Ein reizendes Kerlchen, das kackbraune Sumpfhirn:
Außer Strafen wegen Betrugs und uneidlicher Falschaussage, wollte er im Dez 2006 eine Pistole in den Landtag schmuggeln. Das brachte ihm nicht nur den Spotnamen „Pistolen-Menzel“ ein, sondern auch zwei Wochen Hausverbot. Im März dieses Jahres verurteilte ihn das Amtsgericht Dresden wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu neun Monaten Gefängnis.
Den Hitler-verehrenden Pistolero störte das nicht und so rief er als nächstes öffentlich zur Gewaltanwendung gegen politische Gegner auf, indem er im Plenum darlegte "gegen Zionisten, Freimaurer, Kriegstreiber und andere Psychopathen" würden keine lange Reden, sondern "nur noch Handgranaten" helfen.
Reizend.
Aber wie es scheint, stören sich die sächsischen Wähler nicht an so einem Verhalten und würden nach Umfragen erneut eine NPD-Fraktion in den Landtag schicken.
Sonntag, 9. November 2008
Schattenseiten.
Hamburg ist die beste Stadt wo gibt.
Ich möchte nirgendwo anders leben.
Hamburg ist die grünste, schönste, reichste, weltgewandteste und einzig nicht provinzielle Stadt Deutschlands.
Hier regiert das Understatement, man protzt nicht und weiß sich stets zu benehmen. Sehr angenehm auch, daß die Hansestadt eine lange liberale und nicht religiöse, nicht monarchistische Tradition hat. Karneval oder ähnlich schrille religiöse Prozessionen haben hier keine Chance.
Na gut, ein paar Nachteile gibt es auch. Das gebe ich an dieser Stelle ausnahmsweise mal zu. Zum Beispiel sind die Hamburger Wähler seit 2001 unfähig einen unpeinlichen Senat zu wählen.
Permanent wird ein fauler Stümper, der in sieben Jahren Amtszeit noch nicht eine einzige Regierungserklärung abgegeben hat und stets mit Abwesenheit glänzt, wenn etwas schief geht, wieder gewählt.
Der Di-Mi-Do-Bürgermeister
kann nichts und tut nichts, ist aber schwul, was bei den liberalen Hanseaten offensichtlich ausreicht, ihn sympathisch zu finden.
Hofiert und gelobt wird der Regierungschef, der uns Schill und Kusch ins Haus holte, über alle Maßen vom Springer-Konzern. Da haben wir gleich das nächste große Manko Hamburgs:
Obwohl wir zweifellos eine Medienstadt sind (was stark nachläßt, da der Bürgermeister tatenlos und desinteressiert zusieht, wie TV-Stationen und Verlage abhauen), gibt es keine vernünftige Tageszeitung.
Es ist ein Drama! 90 % werden von Springer kontrolliert.
Daneben führen nur noch das kleine sympathische Boulevard-Blättchen „Hamburger Morgenpost“ und die in homöopathischen Auflagen erscheinende TAZ Nischenexistenzen.
Es dominieren das Rechtsaußenblatt „WELT“, die „BILD“ (no comment) und das biedere „Hamburger Abendblatt“.
Zum Abendblatt haben alle denkenden Hamburger eine Dilemma-Beziehung.
Man ärgert sich, man will auch nicht Springer unterstützen, aber man hat es doch abonniert, weil es keine regionale Alternative gibt.
Mit Gruseln denke ich schon an morgen, den Horror-Montag, wenn Hellmuth Karaseks unterirdisch peinliche Kolumne auf der Titelseite prangen wird.
Die Wochenendausgabe ist meist schnell erledigt - insbesondere seit es ein „Journal“ als Beilage gibt, das man in der Regel ungelesen wegwerfen kann.
Bedauerlicherweise habe ich die Hauptgeschichte des aktuellen Journals gelesen - eine auf fünf Zeitungsseiten aufgeblähte Reportage über Martin Luther!
Hier stehe ich. Und kann auch anders
Es interessierte mich,wie Barbara Möller, Berlin-Korrespondentin des "Hamburger Abendblatt", wohl die Fülle der neuen Luther-Erkenntnisse beschreiben würde.
Schließlich haben in den letzten Wochen sämtliche seriösen Periodika ausführlich über Herrn Luder geschrieben. Da gab es beispielsweise den detaillierten Artikel „Der Abfall des Empörers“ von Matthias Schulz
(DER SPIEGEL 44/2008 vom 27.10.2008, Seite 148).
Andere Quellen habe ich in meinem Jubiläums-Posting genannt.
Nun also Barbara Möller als Nachzüglerin des Themas, das von allen anderen Medien bereits gründlich durchgekaut wurde.
Zunächst erfreut sich die Autorin an einem Fäkalausdruck der Eislebener Stadtchefin:
Die Bürgermeisterin schaut besorgt in den grauen Himmel, murmelt etwas von den Wittenbergern, die die besseren Termine für sich reserviert hätten, was zweifellos auf den Sommer anspielt, und seufzt dann: "Wir haben die Geburt, die Taufe, und wir haben ein beschissenes Datum." An solch sprachlicher Unverblümtheit hätte Luther bestimmt seine Freude gehabt. Jutta Fischer regiert Eisleben seit April 2006. So erfrischend resolut, wie sie vorher das Rechnungsprüfungsamt geleitet hat.
Na, wenn das nicht „erfrischend resolut“ ist! Phantastisch. Gar nicht auszudenken, in welche Lobeshymnen die Autorin ausgebrochen wäre, wenn es „verficktes Datum“ oder „verdammtes Kack-Datum“ geheißen hätte.
Die Luther-Werbeperformance der Stadt Eisleben, kritisiert Frau Möller allerdings als zu mau:
Mit Verlaub: Von "Luther-Kult" oder "Geniekult" ist man in Eisleben meilenweit entfernt. Die Reklameanstrengungen gehen hier gerade mal so weit, dass Meike Ehrwerth es gewagt hat, ihr kleines Café am Markt "Luther's Süßes-Stübchen" zu nennen.
Angesichts des Wirbels, den Weimar um Goethe oder Bayreuth um Wagner veranstalten, blickt die Abendblatt-Schreiberin spöttisch auf die Provinz Eisleben und greift angesichts der Goetheschen Luther-Kritik zu gar gewagten sprachgewaltigen Metaphern:
Apropos Goethe: Der hat irgendwann zu seinem Eckermann gesagt, Martin Luther habe "die Finsternis der Pfaffen" geerbt. He, möchte man hinzufügen, der Mann hat das Licht angeknipst! Danach war es aus mit dem Mittelalter! Danach hatte man freie Sicht auf alles, was Rom lieber unter dem Scheffel gehalten hätte.
Donnerschlach! Licht „angeknipst“, wie es eben im elektrifizierten Mittelalter so üblich war.
Abgesehen davon, daß das Sprichwort üblicherweise „unter den Scheffel STELLEN“ geht (falsches Verb, falscher grammatikalischer Fall), verwendet sie es auch noch sinngemäß genau verkehrt herum.
Das biblische Wort (Mt 5, 14-16) meint nämlich, daß man sein LICHT nicht unter den Scheffel stellen soll.
Also etwas GUTES nicht unnötig verdunkeln soll.
Hier sieht man schon stilistisch, was der Unterschied zwischen Abendblatt-Reportern und den sogenannten „Edelfedern“ der großen Feuilleton-Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung ist.
Kommen wir nun zu den inhaltlichen Fragen:
Die Mordlust, Korruption und sexuellen Auswüchse der Sadisten auf dem Stuhle Petri nennt Barbara Möller:
„vorsichtig formuliert, etwas unmoralisches Privatleben.“
und hält Luthers Beschreibung des Papst Julius II. fest:
"als ein Abgott mit unerhörter Pracht" in den Straßen herumtragen ließ, "obwohl er stark und gesund ist"
Luthers Großtaten, listet die Autorin brav auf, obwohl sie längst in der Forschung widerlegt oder korrigiert sind.
Vieles von dem, was man über ihn zu wissen glaubt, ist falsch:
Die 95 Thesen hat er wohl nie an die Schlosskirchentür in Wittenberg geschlagen. Dafür, dass er Kaiser Karl V. ein trotziges »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« entgegenschleuderte, gibt es keinen Beweis. Und seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche war mitnichten die erste (allein hat er sie schon gar nicht gestemmt) – vorher gab es bereits 18 gedruckte Übersetzungen. Selbst das Lutherzitat schlechthin: »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen« ist die Erfindung eines hessischen Pfarrers aus dem Kriegsjahr 1944.
Ich staune nicht schlecht, wie es dem Abendblatt gelingt sämtliche Augen, inklusive Hühneraugen zuzudrücken und jede wissenschaftliche Erkenntnis zu ignorieren.
Das Märchen von Luthers Armut plappert Frau Möller nach, als ob es nicht gerade dazu im letzten Monat Gegenbeweise in Hülle und Fülle gegeben hätte:
Eine aus diesem "jämmerlich Völklein" hat der weltberühmte Mann im Juni 1525 geheiratet: Katharina von Bora. Schön war sie nicht, und arm war sie auch.
So nennt das Abendblatt eine Adelige, die mit Luther in Saus und Braus lebte und deren Gehöft das reichste der Stadt war. Daß Luther durch seinen Bier - und Delikatessenkonsum aufquoll wie ein Elefant und vollkommen verfettet starb, ummäntelt die Reporterin:
Aber ohne ihre Fürsorge - Katharina von Bora baute eine Badestube ein, zog Gemüse an, züchtete Schweine, braute Bier und gebar ihrem "Herrn Doktor" zwischendurch auch noch sechs Kinder - hätte Luther wohl nie sein für die damalige Zeit enorm hohes Alter von 62 Jahren erreicht.
Ohne den leisesten Hauch von Kritik schreibt Frau Möller auch über von der Bundesregierung unterstützte „Lutherdekade“:
In Wittenberg wird man 2017 den Weltveränderer Martin Luther feiern. Im September hat man dort bereits den Beginn der "Luther-Dekade" ausgerufen. Ein Kuratorium gibt es auch. Geleitet wird es von Wolfgang Huber, ihm zur Seite sitzen die bischöflichen Brüder der reformatorischen Kernlande Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, deren Ministerpräsidenten, der Kulturstaatsminister und sogar der Bundesinnenminister.
Der Staat, in Form von CDU/CSU und SPD-Fraktion agiert hier also als Missionar, der im großen Stil Mitglieder für die Kirche werben soll.
(Einvernehmliche Überweisung des SPD/CDU/CSU-Antrages Ende September an den Tourismus-Ausschuss des Bundestages) Soviel zur angeblich weltanschaulichen Neutralität der deutschen Regierung.
Voller Elan setzen sich Minister, Parteien, Bischöfe und Barbara Möller für den größten Judenhasser des letzten Jahrtausend neben Hitler ein.
Ein Antisemit, wie es ihn schlimmer nicht vor dem 20. Jahrhundert gab.
Unnötig zu erwähnen, daß im Sechsseiten-Artikel des Abendblatts, der am Vorabend des 70sten Jahrestag der Judenpogrome in Deutschland erschien, nicht ein Wort zu Luthers Antisemitismus steht.
Einem Fanatiker, der schrieb:
Luthers 7-Punkte-Plan zur Judenverfolgung: Originaltext
"Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien"
2.
“Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande“
3.
“Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird“
4.
“Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren“
5.
“Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe“
6.
“Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren“
7.
“Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen“
Es ist und bleibt eine Schande ersten Ranges, daß sich die protestantischen Kirchen nicht entschieden von diesem Apologten des Hasses distanzieren und immer noch stolz an jeder dritten Kirche „Lutherkirche“ prangen haben.
Jener Luther, mit dem sich NS-Bischöfe brüsteten:
Es sind schließlich keine vereinzelten Anwürfe aus dubiosen Quellen, die Luther als größten Antisemiten seines Jahrhunderts bezeichnen, sondern wohl fundierte allgemein bekannte Fakten.
Ursula Homann beschreibt Luthers Fanatismus und endet mit dem frommen Wunsch:
60 Jahre nach Kriegsende und Jahrhunderte nachdem Luther mit der antisemitischen Keule nur so um sich schlug, dürfte das wohl ein Frommer Wunsch sein.
Weitere Originalzitate:
