TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Mittwoch, 22. Juni 2011

Seitenverkehrt.

Die Koalition agiert wie ein Club politischer Messies: Themenfelder werden nicht besetzt, sondern irgendwie zugeschüttet, bis keiner mehr hinsehen mag.
(FAZ 12.06.2011)

Seit Wochen wird das Thema „Hellenische Schulden“ immer dramatischer.
Ein Blog-Posting über die Ursachen und weiteren Strategien würde aber jeden Rahmen sprengen. Daher nur eine kurze Betrachtung des deutschen Agierens.

Es liegt in der intransparenten Struktur des Weltfinanzsystems, daß es kaum Gewissheiten gibt. Offensichtlich weiß man noch nicht mal bei wem eigentlich Griechenland verschuldet ist.
Das macht den Populismus so untauglich.

Den Impuls „den Scheiß-Banken“ die Kosten einer Griechischen Pleite auf’s Auge zu drücken, haben viele. Sollen doch Ackermann und Co mal bluten.
So einfach ist es aber nicht. Wer weiß schon wie viele Riesterrentner und Rürup-Altersversorger, wie viele Menschen mit Minirente eine private Altersversorgung abgeschlossen haben, die voller Finanzprodukte mit Griechischen Staatsanleihen ist?
Soll etwa Oma Kowalke von nebenan, die ihre mühsam zusammengesparten Kröten einst auf die Postbank trug und vom freundlichen Schalterbeamten zu „sicheren europäischen Staatsanleihen“ überredet wurde, die Suppe auslöffeln?

Oder stimmt gar die Theorie, daß Banken, die viel Geld in Griechenland investiert haben bei einer Athener Zahlungsunfähigkeit von den drei großen Amerikanischen Rating-Kraken so abgewertet würden, daß sie ganz zusammenbrächen und die dann neu aufzulegenden staatlichen Bankenrettungsfonds noch teurer wären als Griechenlands Schulden?

Die Bundesregierung steckt bei der Gläubigerbeteiligung in einer selbst gestellten Falle: Sie hat etwas versprochen, was sie nicht halten kann. Für die Europagegner in den eigenen Reihen forderte sie eine Beteiligung der Gläubiger. Sie wusste schon damals, dass dies gegen die Europäische Zentralbank nicht durchzusetzen ist, da diese eine der größten Gläubiger ist. Auch die europäischen Partner waren immer skeptisch.
Nun versucht sie ihre eigene Koalition zu retten, indem sie sich in eine freiwillige Beteiligung flüchtet. Die Banken wollen von einer freiwilligen Gläubigerbeteiligung nichts wissen – warum sollten sie auch Geld verschenken? Merkel glaubt immer noch an die ehrbaren Banker und lässt sich erneut von Ackermann & Co. düpieren. Deren Forderungen nach Staatsgarantien sind dreist – aber nicht überraschend. Merkels Hoffnung auf ein Entgegenkommen der Banken war als Beruhigungspille für die eigenen Leute gedacht. Auch dieses Kalkül ist nicht aufgegangen.
So endet auch diese Volte in der Europapolitik mit einem Desaster. Erst werden Pirouetten auf dem euroskeptischen Boulevard gedreht. Dann muss man dem eigenen Laden doch die europäischen Notwendigkeiten erklären – wie beim Europäischen Stabilitätsmechanismus, wie bei Irland, wie bei Portugal. So kann man aber weder die europäischen Partner noch die eigenen Leute überzeugen. Das Ergebnis ist eine Position der Schwäche – und damit eine Einladung an die Banken, der Regierung erneut auf der Nase herum zu tanzen.
(Jürgen Trittin 21.06.2011)

Ähnlich aussichtslos sieht es wohl mit den anderen großen populären Forderungen aus - lasst Griechenland doch aus dem Euro austreten und die Drachme wieder einführen.

Oder:

Lasst Griechenland doch Pleite gehen.

All das hätte ebenfalls desaströse Folgen für die ganze Weltwirtschaft. Investoren würden aus dem Euro fliehen, weitere Länder würden den gesenkten Daumen der Rating-Agenturen entgegen sehen. Banken blieben auf ihren Griechischen Staatsanleihen sitzen.
Die Drachme und später auch der Escudo und die Lira würden so dramatisch abgewertet, daß Deutschland als Hauptexportnation einen totalen Handelsstillstand erführe.

Das ist das Dramatische an der Defizitkrise: Nun gibt es keinen eleganten way out mehr.
Gründe gibt es dafür eine Menge - vermutlich noch am wenigsten in Griechenland selbst - denn was ist deren riesiges Handelsbilanzdefizit auf Pump anderes als die Kehrseite des Exportüberschusses von Deutschland?
Immerhin das einzige Standbein des sogenannten „Aufschwungs XXL“ (Brüderle Leichtfuß).
Das zweite Standbein - Binnenkonjunktur - haben wir uns ja freiwillig abhacken lassen, indem wir durch exzessives Lohndrücken zum Billiglohnland Europas geworden sind und Millionen Menschen unter Tarif, sowie als Halbtagsjobber, Leiharbeiter, Ein-Eurojobber und Aufstocker schuften lassen.

Nun ist also das Kind Europa im Brunnen.
Und zwar weil die drei Christdemokratischen Eltern - Sarkozy, Berlusconi und Merkel - das bekanntermaßen suizidale Gör unbeaufsichtigt am Abgrund spielen ließen, ohne einzugreifen.

Man hätte natürlich Sicherungen errichten können; Stichworte „Europäischer Finanzminister“, gemeinsame Wirtschaftspolitik, Europäische Rating-Agenturen, Haushaltskonsolidierung, etc.

Stattdessen haben sich aber die konservativen Regierungen Europas mit Privatskandalen beschäftigt, oder wie im Falle Berlins einfach durch Arbeitsverweigerung aus der Affäre gezogen.

Der brave und saturierte ARD-Brüssel-Korrespondent Wolf-Dieter Krause wird angesichts der unterirdischen Performance Berlins schon ganz rappelig. Insbesondere die ständigen Ankündigungen der Kanzlerin, die dann aber doch alle wieder einkassiert werden, gehen ihm auf die Nerven.

Rolf-Dieter Krause: Das Problem ist, dass Deutschland nicht zum ersten Mal etwas ankündigt und verlangt, aber dann kommt es zu nichts. Merkel hat schon Verschiedenes gefordert. Erinnern Sie sich an die deutsche Forderung nach einer Befristung des Rettungsschirms. Jetzt gibt es den Rettungsschirm unter anderem Namen und unbefristet. Deutschland hat Verfahren zum Austritt aus der Euro-Zone gefordert, was nicht gekommen ist. Deutschland hat geordnete Verfahren für den Staatsbankrott gefordert, was nicht gekommen ist. Man kann diese Aufzählung noch sehr lange fortführen. Auf die Finanzmärkte gehen davon verheerende Signale aus: Wenn das größte und wichtigste Land, der größte und wichtigste Spieler in der Euro-Zone, permanent Dinge in die Welt setzt, die nicht umgesetzt werden, dann trägt das nicht zum Vertrauen in die Politik bei.
(Tagesschau.de 20.06.2011)

Allerdings muß auch Krause einräumen, daß Merkel und Schäuble nicht nur aus Bosheit so miserabel managen.
Es kommt hinzu, daß sie einfach keine Ahnung von dem Thema haben und zudem beratungsresistent agieren.

Krause: Ich habe das Gefühl, dass es einen Mangel an finanzpolitischer Kompetenz gibt, der mich geradezu erschreckt. […] Dass immer wieder aus Berlin undiszipliniert geschwatzt wird, ist erschreckend. […]

tagesschau.de: Welche Fehler hat die Bundesregierung Ihrer Meinung nach in der Euro-Krise noch begangen?

Krause: Sehr lange hat Berlin allein in der Kategorie von Strafen gedacht. Nach dem Motto: Wer bei den Schulden sündigt, der muss durch Strafen davon abgehalten werden oder eben dafür bestraft werden. Das war eine völlige Verkennung der Krise, in der wir uns befinden. Uns droht dieser Laden um die Ohren zu fliegen. Der Euro, der eine Klammer für Europa sein sollte, ist der gefährlichste Sprengsatz für Europa geworden - ein Treppenwitz der Geschichte.
(Tagesschau.de 20.06.2011)

Das fällt inzwischen wirklich auf.
Haben sich bis 2009 hauptsächlich Linke, Liberale, Grüne, Alternative, Sozis und „Tammoxsche Gedanken“ gegen Schwarzgelb ausgesprochen, kommt inzwischen die schärfste Kritik an der CDUFDPCSU-Regierung von ihren natürlichen Unterstützern:

Die Mehrheit der deutschen Topmanager und führenden Politiker ist unzufrieden mit der Arbeit der schwarz-gelben Koalition. Das ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts für das Wirtschaftsmagazin „Capital“. 77 Prozent bescheinigten Schwarz-Gelb keine gute Arbeit.
[…] „In der Elite hat sich eine ausgeprägte Frustration breitgemacht, vor allem in der Wirtschaft“, erklärte die Chefin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher, das die Umfrage erhob.
(Moritz Honert 21.06.2011)

Glückwunsch Guido, Horsti, Angie und Philipp: Das muß man erst mal schaffen!
Selbst diejenigen, denen Ihr treu dient, wenden sich mit Grausen ab.

Das Flaggschiff der konservativen Presse, die F.A.Z. kommentiert das hilflose verschlimmbessernde Debakulieren der Kanzler-Truppe geradezu vernichtend, da man sich auf nichts mehr verlassen könne:

Es lässt sich gar nicht mehr zählen, wie viele markig markierte Positionen Merkel schon geräumt hat.
[…] Die Halbwertzeit deutscher Forderungen in der europäischen Schuldenkrise wird immer kürzer. Es ist gerade zehn Tage her, dass der Bundesfinanzminister seinen Euro-Kollegen mitgeteilt hat, Deutschland werde neuen Krediten für Griechenland nur zustimmen, wenn private Gläubiger einen „messbaren und substantiellen“ Beitrag zur Finanzierung dieser Kredite leisteten. Von Freiwilligkeit war keine Rede. Jetzt hat die Kanzlerin Schäubles Position beim trauten Beisammensein mit dem französischen Staatspräsidenten ohne viel Federlesens geräumt. Es ist letztlich egal, ob diese Wende auf einen neuen Dissens zwischen Merkel und Schäuble zurückgeht, oder ob es sich um einen weiteren traditionellen Umfaller gegenüber Frankreich handelt. Fest steht, dass die Bundesregierung es schafft, ihre Krisenpolitik immer noch ein wenig wirrer erscheinen zu lassen. Es lässt sich gar nicht mehr zählen, wie viele markig markierte Positionen Merkel schon geräumt hat.
(Werner Mussler in der FAZ. 17. Juni 2011)

Die konservativen Knochen aus Frankfurt klingen kaum anders als offizielle SPD-Pressemitteilungen.

Die Bundeskanzlerin hat Deutschland in Europa isoliert. Das bisherige Durchlavieren hat die Krise nur weiter verschlimmert. Mit Rettungspaketen wurde lediglich Zeit erkauft. Den Finanzmaerkten ist jedoch nicht entgangen, dass eine tragfaehige Loesung verschleppt wurde. Unverantwortlich hat die Bundeskanzlerin mit Beschimpfungen ueber die angeblich faulen Suedeuropaeer den Zusammenhalt in Europa gefaehrdet. Anstatt mit ueberzeugenden Argumenten bei der deutschen Bevoelkerung um Zustimmung zu werben, bedient sie Ressentiments und Klischees.
Griechenland steht am Abgrund und Angela Merkel verkauft die Einigung mit dem franzoesischen Staatspraesidenten auf eine freiwillige Beteiligung der Glaeubiger an einer Umschuldung als grossen Erfolg, nur um ihre instabile Koalition vor dem endgueltigen Auseinanderbrechen zu retten.
Sie fuehrt die Buergerinnen und Buerger einmal mehr hinters Licht. Denn eine Antwort auf die Ursachen der Krise bleibt sie nach wie vor schuldig. Was Europa endlich braucht, ist eine wirksame Banken- und Finanzmarktregulierung. Um Griechenland - und damit auch den Euro - schnellstmoeglich zu stabilisieren, brauchen wir eine Umschuldung bei gleichzeitiger Einfuehrung von Eurobonds.
(Michael Roth für die SPD-Bundestagsfraktion 22. Juni 2011)

Der Flirt der tiefschwarzen Presse-Elite mit den Sozis geht aber noch weiter.

Nicht nur, daß sie jede Hoffnung auf vernünftiges Regieren der Gurkentruppe Merkel/Rösler fahren lassen haben; nein, sie haben auch schon eine Alternative im Auge und loben den letzten roten Finanzminister über den grünen Klee.

Da ist auch die F.A.Z. bescheiden geworden - das Parteibuch ist ihnen egal.
Daß überhaupt noch einer weiß wovon er redet, begeisterte Nils Minkmar von der FAZ regelrecht:

Peer Steinbrück geht es in quälender Ausführlichkeit durch: Wer könnte, in der brennenden und unübersichtlichen Aktualität dieses Jahres, für Europa sprechen? Der Präsident des Europäischen Parlamentes? Der Regierungschef des Landes, das gerade den halbjährig wechselnden Ratsvorsitz innehat? Wer hat je Herman van Rompuy oder Catherine Ashton gesehen, wer wüsste, wo sie sind? Einstweilen ist Europa, so Steinbrück, „eine intergouvernementale Veranstaltung von Männern unterschiedlichen Alters mit einer Frau“. Und so etwas wecke nun mal keine Begeisterung, im Gegenteil - selbst in wegen ihrer Stabilität bewunderten nordeuropäischen Ländern blühen die chauvinistischen Parteien. In zahlreichen Versammlungen beschleiche ihn das Gefühl, so bringt Steinbrück die Versuchung für den politischen Redner auf den Begriff, mit einer Forderung für den Ausstieg aus der Währungsunion eine siebzigprozentige Zustimmung im Saal erreichen zu können: „Das ist eine Tonne, auf der man lärmen kann!“ Und wer könnte ebenso wuchtig dagegen argumentieren? Steinbrück gibt sich offen entsetzt über die Leichtfertigkeit, mit der Politiker, Medienvertreter und selbst Wissenschaftler hierzulande mit dem Gedanken an ein Auseinanderbrechen der Währungsunion spielen.

[…] Steinbrück zeigt diese großen Linien scheinbar mühelos und mit wachsender Freude an der Erhöhung der Komplexität auf. Man ist gar nicht mehr daran gewöhnt, wenn politische Reden etwas anderes sind als entweder Johanniskraut oder Brandbeschleuniger. Doch wenn man die Bürger dauernd nur wie Kinder anspricht, dann benehmen sie sich irgendwann auch so. Man rechnet gar nicht mehr damit, dass ein Politprofi an passender Stelle einen Historiker wie Heinrich August Winkler nennt, ihn selbst kennt und dass der dann auch noch im Saal sitzt. Dabei war das doch das Versprechen der Berliner Republik gewesen, dass Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler und Politiker gemeinsam eine Sprache finden. Unter Angela Merkel gibt es das nicht, keine solchen Runden und schon gar keine Sprache, keinen Begriff für unsere Lage. Es gibt, bei aller rituellen, in der Aussprache fast schon verschliffenen Beschwörung unseres Bildungskapitals, stattdessen eine drastische Entintellektualisierung des öffentlichen Lebens, an der allerdings auch die Sozialdemokraten ihren Anteil haben. Peer Steinbrück belebt, gerade wenn er zu einem kulturellen Thema sprechen kann, eine vergessene europäische Tradition: die des lesenden und schreibenden Politikers. Er hat über das Frankreich des 16. Jahrhunderts nicht nur Heinrich Mann gelesen, sondern eben auch die Hugenotten-Saga von Robert Merle. Und er empfahl es dem frankophilen Publikum, kleine Hausaufgabe: „Alle zehn Bände als Paperback erhältlich!“
(FAZ 12.06.2011)

Eigentlich ist das alles starker Tobak.
Kommen doch das Roten-Lob und der Schwarzen-Verriss aus den Redaktionsräumen der treuesten CDU-Anhänger der Journaille.

Aber Merkel ist nicht nur die Politik egal - sie pflegt genauso ein Desinteresse an Kritik derselben.

Heute erschien die Kanzlerin vor dem Europa-Ausschuss des Bundestages, um Rede und Antwort zu stehe. Vorwürfe gab es eine Menge. Die einzige Antwort der Bundesmerkel war ein Schulterzucken Marke „Ihr seid mir scheißegal“, wie Guido Bohsem beobachtete:

Weil sich die Abgeordneten derzeit nur schlecht über die Pläne der Regierung zur Bewältigung der europäischen und insbesondere der griechischen Schuldenkrisen informiert fühlen, waren neben den Europapolitikern auch die Finanz- und Haushaltsexperten erschienen. Immer wieder fordert die Regierung kurzfristige Abstimmungen und eiserne Gefolgschaft, obwohl viele Mitglieder der Fraktionen von Union und FDP am liebsten gar nicht mitmachen würden beim Retten der Pleite-Griechen. Mehr noch wurmt es die Parlamentarier, dass die Regierung viele ihrer kritischen Beschlüsse gar nicht umsetzt.
"Es geht nicht", sagen die verantwortlichen Kabinettsmitglieder. "Die wollen nicht", mutmaßt mancher Abgeordneter. Das Murren der Parlamentarier, egal ob sie nun in der Opposition oder der Regierungsmannschaft sitzen, wird jedenfalls dieser Tage immer lauter, weshalb die Kanzlerin sozusagen zweifach vor dem Ausschuss auftauchte - als Regierungschefin und als Zeichen ihres guten Willens.
[…] Und vielleicht war es der Frust über diese Erkenntnis, der den Abgeordneten Michael Roth (SPD) so wütend machte. "Sie nehmen Ihre Führungsverantwortung in Europa nicht wahr", schimpfte er in Richtung Bundeskanzlerin. Das Ansehen Deutschlands in den europäischen Ländern sei so schlecht wie seit 40 Jahren nicht mehr. Die Bürger in Griechenland seien nicht bereit, das Merkel'sche Spardiktat länger zu ertragen. "Mit Ihrer oberlehrerhaften Attitüde schaden Sie nur", betonte Roth mit, nun ja, hochrotem Kopf, was den Ausschussvorsitzenden Gunther Krichbaum zu der Bemerkung veranlasste, dass man unter Ausschluss der Öffentlichkeit konstruktiver tage. Jedenfalls waren es Roths Bemerkungen und auch die Forderungen des FDP-Politikers Michael Georg Link nach einer Beteiligung der Banken und Versicherungen an den Kosten des griechischen Schuldendebakels, was Merkels Schultern so oft so komisch zucken ließ.
[…] Gänzlich unklar sei […], bei welchen Versicherern sich die Banken gegen einen Ausfall der Griechen-Bonds abgesichert hätten. So könnten die Umschuldungspläne dazu führen, dass das ein oder andere europäische Land, das derzeit noch gut dastehe, gezwungen werde, seine Banken oder Versicherungen zu retten, um dann selbst wieder von der Europäischen Union gerettet zu werden. Schulterzucken. Ähnliches gelte, so die Kanzlerin auch für die immer wieder geforderte Steuer auf Bankgeschäfte. Schulterzucken.
[…] Und dann war sie auch schon vorbei, die Stunde, die Angela Merkel dem Parlament gewährt hatte. Lächelnd schlenderte die Kanzlerin aus dem Saal und zurück blieben die Abgeordneten, frustriert und genauso klug wie vorher.
(SZ 22.06.2011)

Jeder bekommt die Regierung, die er verdient.

Freitag, 3. Juni 2011

Peer!!!

Ich erinnere mich noch daran, als 1993 Günter Rexrodt Wirtschaftsminister wurde und bei der Debatte zu seinem Amtsantritt Matthäus-Maier die weisen Worte sprach:

„Wir hatten erst einen Bangemann, dann einen Haussmann, dann einen Möllemann - wie wäre es denn einmal mit einem FACHmann?“

Fachleute in der Politik wären eigentlich eine schöne Sache.
Das wird umso klarer, wenn man debakulierende Laien wie Brüderle, Guttenberg, Aigner oder gar Westerwelle in schwierigen Ministerien erlebt.

Das Problem ist nur, daß die kompetenten Experten verständlicherweise wenig Interesse an einer Ochsentour durch die Parteien haben.
Zumal sie als Minister; welches schon die maximale Karrierestufe darstellt, nur einen Bruchteil dessen verdienen, das ein durchschnittlicher DAX-Vorstand bekommt - bei erheblich weniger öffentlichem Stress.

So kommt es dann, daß sich in der derzeitigen EHEC-Krise der Ärger über die Deutschen international ballt.

Die zuständigen Minister Bahr und Aigner sind einfach für ihre Jobs ungeaignert und stiften mehr Verwirrung, denn Aufklärung.
Man weiß noch nicht mal so genau, wer eigentlich die Federführung hat.
Das Robert-Koch-Institut, die Gesundheitsämter, die Landesminister?
Kein Wunder, daß Putin und Zapatero der Kamm schwillt, wenn sie an Berlin denken.

Glück im Unglück, aber wenig tröstend, ist die Tatsache, daß man auf internationaler Ebene durch den schwer versagenden und desinformierten Guido Westerwelle schon daran gewöhnt ist, die Deutschen zu ignorieren.

Wir konnten das just beim G-8-Gipfel in Deauville beobachten:
Jedes Mal, wenn die ganz harten Kernthemen, wie zum Beispiel Libyen auf den Tisch kamen, hat man Merkel gleich außen vorgelassen und sie gar nicht mitreden lassen.

Angesichts der Berliner Politattrappen die einzig sinnige Maßnahme.

Verglichen mit den schwarzgelben Lobbysockenpuppen wird jeder halbwegs geistig Zurechnungsfähige der Opposition schnell zum Hoffnungsträger.

Auch wenn es den Linken nicht passt, aber mit Peer Steinbrück existiert sogar ein Zweiäugiger unter den einäugigen Oppositionskönigen.

Der Ex-Finanzminister und Ex-NRW-MP triggert offensichtlich in der sozialromantischen Szene Abwehrreflexe und ist auch kein gegelter Strahlemann à la Guttenberg, der ebenfalls von den Linken bejubelt wurde (85% Zustimmungsrate!)

Peer Steinbrück wird auch keinen Model-Contest gewinnen.
Seine Frisur taugt sowieso nicht als modisches Vorbild für Myriaden.

Dennoch hat er einiges auf der Habenseite.

Er ist persönlich integer, ist unbestritten extrem kompetent in Finanzfragen und kann zudem auch noch klar und verständlich reden.

Als der Finanzminister der großen Koalition Ende 2009 seinen Job aufgab, verabschiedeten sich viele über Dekaden bekannte Politiker aus der ersten Reihe.
Steinbrück war der einzige, dem die Journalisten-Meute richtig nachweinte. Berliner Schwergewichte wie Andreas Hoidn-Borchers vom Stern bekannten freimütig, daß Steinbrück der Lieblingspolitiker der Journaille war; weil er nie langweilte und als einer der ganz wenigen keine sinnlosen Sprechblasen von sich gab.

Es ist geradezu unheimlich, wie präzise Steinbrück - IN FREIER REDE (auch das sehr unüblich bei Bundestagsreden) prognostizierte, wie sich eine FDP-Politik gestalten würde.



Aber der Urnenpöbel wollte das nicht hören, schickte die Gelben in die Regierung und somit herrschte wieder der politische Grundsatz „Parteibücher gehen über Kompetenz.“

Nach knapp zwei Jahren Guido und Angie wird Steinbrück mehr denn je vermißt.
Einen solchen Redner trifft man in den Regierungereihen nicht.

Der Ex-Ministerpräsident in Düsseldorf und Ex-Finanzminister in Berlin füllt die Zeilen derzeit wieder spielend. Kanzlerkandidat der SPD? "Wer, wenn nicht Peer?", titelt das Magazin Cicero. Neuer Präsident der Europäischen Zentralbank, nachdem Kandidat Axel Weber abhanden gekommen ist? Peer Steinbrück! Präsident des IWF, nachdem Dominique Strauss-Kahn sich aus der Bahn geworfen hat? Warum nicht Peer?
(Bonner General Anzeiger 21.05.2011)

Zuletzt erhielt Peer, der Große den Cicero-Redner-Preis.

Der SPD-Politiker und frühere Finanzminister Peer Steinbrück ist am Freitag in Bonn mit dem Cicero-Rednerpreis für herausragende rhetorische Leistungen ausgezeichnet worden. Mit dem 64-Jährigen, der als Kanzlerkandidat der SPD gehandelt wird, werde ein politischer Redner geehrt, „der sich mit klaren, bildhaften Worten dem aufklärerischen Kampf gegen Selbstbetrug und politischer Unmündigkeit verschrieben hat“, erklärte der Verlag für die Deutsche Wirtschaft in Bonn, der seit 1994 die nicht dotierte Auszeichnung verleiht. Der Vorjahrespreisträger und Festredner Heribert Prantl, Jurist und Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“, würdigte laut Manuskript Steinbrück als einen Politiker, der nicht gemocht werden wolle. Vielmehr wolle er Probleme lösen, „und er ist überzeugt davon, dass er das hinkriegt“. Steinbrück sei kein „Lächler“, der mit ein paar liebenswürdig zugeneigten Bemerkungen Leute für sich gewinnen könne. „Er will, und er muss sie manchmal erst erschrecken mit seinem Spott und seinem pointierten Witz, und dann überzeugen mit seiner gedanklichen Schärfe, mit seinem Sach- und Fachverstand.“
(Abla 20.05.2011)

Steinbrück wird Unrecht getan, wenn er als knallharter Schröderianer dargestellt wird, dem man wegen Hartz-IV zürnt.

In Wahrheit hat Steinbrück sein soziales Gewissen bewahrt und sagt dies auch mehr als deutlich.

In der liberalen Wochenzeitung „DIE ZEIT“ fungiert der Finanzfachmann als Kolumnist und schafft es auch in geschriebener Form, keinerlei Blabla abzusondern, wie man es von CDUlern und FDP’lern kennt.

Als untypischer Politiker räumt er sogar ein sich ab und an geirrt zu haben und ständig dazu zu lernen.
Seine sozialen Aussagen sollte man sich hinter die Ohren schreiben.

Die Spaltung des Arbeitsmarktes gefährdet die soziale und demokratische Stabilität.
[…] Asymmetrien in der Einkommens- und Vermögensverteilung werfen nicht nur Gerechtigkeitsfragen auf, sondern spalten unsere Gesellschaft mit der Folge, dass ein Teil sich deklassiert sieht und sich in seiner Unzufriedenheit politisch, kulturell und lebensweltlich abkapselt. Eine solche soziale Desintegration öffnet Türen für Fliehkräfte und Ressentiments, die genau die Basis bedrohen, auf der die Bewohner der oberen Etagen der Gesellschaft sitzen – und von wo aus sie ihren sozialen Status und materiellen Wohlstand oft sehr selbstbezogen als ebenso dauerhaft wie normal unterstellen. Die Drift in der Einkommens- und Vermögensverteilung ist offensichtlich. Sie steht im Zusammenhang mit einer Zellteilung unserer Gesellschaft auf dem Arbeitsmarkt. Die Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses – gemeinhin eine unbefristete Vollzeitbeschäftigung, die in die sozialen Sicherungssysteme integriert ist – und damit die Spaltung des Arbeitsmarktes hat besorgniserregend zugenommen. Die Zahl der »atypisch« Beschäftigten – etwa Leiharbeiter, Teilzeitbeschäftigte, geringfügig Beschäftigte – ist von 1999 bis 2009 um 1,8 Millionen auf 7,6 Millionen Personen gewachsen. Damit ist ihr Anteil an der gesamten Arbeitnehmerschaft von 19,7 auf 24,8 Prozent gestiegen. Jeder vierte Arbeitnehmer ist demnach »atypisch« beschäftigt und einer höchst unsicheren Perspektive für seinen Broterwerb oder die Versorgung seiner Familie ausgesetzt. Bei Arbeitnehmern mit geringen Qualifikationen beträgt der Anteil »atypisch« Beschäftigter sogar über 40 Prozent.
[…] 75 Prozent der Leiharbeitnehmer arbeiten für einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle.
[…] Dementsprechend sank die Lohnquote – der Anteil von Löhnen und Gehältern an der jährlichen Wirtschaftsleistung – im ersten Jahrzehnt auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, während die Quote aus Gewinnen und Kapitaleinkünften auf ein Rekordniveau kletterte.
(Peer Steinbrück am 30.5.2011)

Nun wollten die Bundesbürger aber nicht Steinbrück als Minister behalten, sondern wählten sich lieber Westerwelle, Brüderle und Rösler ins Kabinett.

Die Konsequenzen sind genau die von Steinbrück Beschriebenen.

Gute Nachricht – für alle Reichen: Sie sind 2010 noch reicher geworden.
Unverschämt reich sogar! Während Nordamerikas Millionäre ihr Vermögen um 10,2 Prozent vermehrten, steigerten Europas Reiche ihre Schätze „nur“ um 4,8 Prozent – fand die Unternehmensberatung „Boston Consulting Group“ in der Studie „Global Wealth“ heraus. Damit hat Nordamerika Europa als „wohlhabendste Region“ der Welt abgelöst. Mit 400.000 Dollar-Millionären liegt Deutschland global auf dem fünften Platz.
(Berliner Kurier 2. Juni 2011)

Nach dem Ende der Wirtschaftskrise wachsen die Vermögen der Reichen und Superreichen wieder ungebremst. Wie es in der neuesten Vermögensstudie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) heißt, sind die privaten Geldvermögen 2010 um acht Prozent auf 122 Billionen Dollar gestiegen. Das sind 20 Billionen mehr als Ende 2008, dem Tiefpunkt der Finanzkrise.
[…] Das Land mit den meisten Millionären (5,2 Millionen) bleiben mit großem Abstand die USA, gefolgt von Japan, China, Großbritannien und Deutschland, das mit 400.000 Millionären an fünfter Stelle liegt.
(Nikolaus Piper 31.05.2011)

Noch besser sieht es für die Deutschen „Superreichen“ (= Vermögen über 100 Millionen Dollar) aus.

Da liegt die Bundesrepublik mit 839 Haushalten mittlerweile noch vor Saudi-Arabien auf Platz 2 der Weltrangliste.