TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Freitag, 25. November 2011

Bleibt alles anders

Aus der der ersten Generation der Grünen, die man immer wieder gerne in alten Dokus über ihren 1983er Einzug in den Bundestag betrachtet, sind sich wenige treu geblieben.
Joschka Fischer wurde Maßanzugträger und Vizekanzler. Die Ikonen Petra Kelly und Gert Bastian sind auf eine mehr als dubiose Weise ums Leben gekommen. Schily und Ditfurth sind keine Parteimitglieder mehr.
Einige, die ich damals richtig klasse fand, sind einfach in der Versenkung verschwunden.
Waltraud Schoppe wurde in den 1990ern in Hannover Ministerin und ward seit 1998 nicht mehr gesehen.
Mein Lieblingsgrüner der 80er Jahre, Gerald Häfner, verschwand ebenfalls aus dem Focus der Öffentlichkeit, ist aber seit 2009 Mitglied des Europaparlaments.

Eine klasse Grüne der ersten Stunde ist auch Marieluise Beck, die heute immer noch so gut ist wie vor 30 Jahren und immer noch Bundestagsabgeordnete ist.
1998-2002 war sie Ausländerbauftragte der Bundesregierung und ab Oktober 2002 als Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration.

Christa Nickels hat sich sowohl optisch, als auch in ihren Positionen nie verändert.
Sie ist der phänotypische Ur-Müsli: Brille, fettige lange Haare und auch wenn ich das nie gesehen habe: Sie trägt garantiert Birkenstocksandalen.
Nickels ist DIE Christin der ersten Stunde und seit 2001 Mitglied Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Da bin ich ja vorurteilsbelastet - wenn sich eine Frau so stark in einer Organisation wie der RKK, die Frauen für viel zu unwürdig für die Weihe hält, engagiert, zweifele ich an ihrem Verstand.
Ebenso könnte ein Vegetarier sich um den Vorsitz der Metzgerinnung bewerben.


Und natürlich war ich immer ein Fan einer der berühmtesten Grüninnen; nämlich Antje Vollmer, die es zur von allen Parteien hochgeachteten Bundestagsvizepräsidentin brachte.

Im Gegensatz zu Nickels sieht Vollmer immer erstklassig gekleidet aus und muß für ihren Mut und ihr stetiges Trachten nach Ausgleich wirklich bewundert werden.
Die kleine, leise Frau mit der brüchigen Stimme ist aber nicht nur eine Intellektuelle, sondern auch ein Kraftpaket.
Sie hat wirklich Mut und wagte sich immer wieder dahin, wo es wehtut.
Mitten in die Wespennester, in die normalerweise kein Grüner geht.
Sie diskutierte mit den Chinesen über den Dalai Lama, trat schon 1985 in einen Dialog mit der RAF, um deren Loslösung vom Terror (Selbstauflösung 1998) zu betreiben. Sie setzte sich schon vor 30 Jahren für eine Entschädigung für Zwangsarbeiter, NS- und Euthanasieopfer, Homosexuelle und Wehrdienstverweigerer ein und ging als absolute Exotin zu den Treffen der Vertriebenenorgansiationen, die normalerweise nur CSU’ler vom rechten Rand akzeptieren.
Vollmer wollte aber eine echte deutsch-tschechische Versöhnung erreichen.
Legendär sind ihre Vermittlungen auf unzähligen Grünen-Parteitagen, wenn sich Fundis und Realos gegenseitig den Krieg erklärten.

So eine vorbildliche Pazifistin muß man eigentlich lieben.

Aber, ..

Es gibt auch eine Kehrseite. Antje Vollmer studierte Theologie und wurde Pfarrerin, bevor sie politisch aktiv in Erscheinung trat.
Man kann jemanden noch so sehr schätzen, aber you can never trust a priest.
Welcher wirklich vertrauenswürdige Mensch verschreibt sich schon dem Christentum?
Ich bin tatsächlich der Meinung, daß ein wirklich guter Mensch nicht Christ sein kann.
Das Grundgerüst der Christenlehre - Erbsünde, Vater bringt seinen Sohn um, wir haben die Wahrheit gepachtet, wer seine Kinder liebt, schlägt sie - muß doch abschrecken.

Vollmer, als inkarnierte Vermittlerin war zuletzt ihr Christentum anzumerken, als sie den Vorsitz des Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren übernahm, der im Frühjahr 2009 von der Bundesregierung auf Empfehlung des Bundestages eingerichtet wurde und bis 2010 die Geschehnisse in der Heimerziehung im westlichen Nachkriegsdeutschland aufarbeiten sollte.
Dabei geht es um rund 900.000 Kinder, die in kirchlichen Anstalten ausgebeutet, vergewaltigt, als Arbeitssklaven eingesetzt, zu Medikamentenversuchen missbraucht, religiös malträtiert, geschlagen, gedemütigt und traumatisiert wurden.
Wie so oft bei solchen „Runden Tischen“ saßen mehrheitlich die Täter-Vertreter zusammen.
Von 22 überwiegend kirchlichen Mitglieder und der vorsitzenden Pfarrerin Vollmer, waren gerade mal drei Vertreter der Opfer.
Und zwar sollten das genehme und nicht aufmüpfige Opfer sein.
Als der Verein ehemaliger Heimkinder andere Vertreter schicken wollte, blockte Vollmer dieses Ansinnen knallhart ab.
Man tagte vom 17. Februar 2009 bis zum 10. Dezember 2010 und verabschiedete einstimmig einen Abschlußbericht, der ganz den Vorstellungen der Kirchen entsprach.
Für den 120 Mio-Entschädigungsfonds sollte zudem hauptsächlich der Steuerzahler und nicht etwa die 700 Milliarden schweren Kirchen einstehen.


Am 13. Dezember wurde der Abschlussbericht des RTH während einer zusätzlich angelegten Pressekonferenz der Öffentlichkeit von der „Freien Initiative ehemaliger Heimkinder“ vorgestellt. Die ehemaligen Heimkinder reagierten empört auf bekanntgewordene Einzelheiten des Berichtes und auf das Zustandekommen des "einheitlichen" Abstimmungsergebnisses. In der Pressekonferenz wurde reklamiert dass:
  • der im Abschlussbericht vorgeschlagene Fonds (zu gründen von Bund, Ländern und den beiden großen Kirchen) mit 120 Millionen Euro auf keinen Fall ausreichend sei - rein rechnerisch ergebe das eine Summe von höchstens 1.000 bis 4.000 Euro pro Person;
  • eine "Entschädigung" an sehr detaillierte Einlassungen von Seiten der ehemaligen Heimkkinder geknüpft sei;
  • den ehemaligen Heimkindern in großen Teilen ihrer Schilderungen NICHT gefolgt wurde - obwohl es im Bericht heißt, die Schilderungen der Ehemaligen seien glaubhaft;
  • ehemalige Heimkinder mit Behinderungen erst gar nicht berücksichtigt worden seien;
  • ehemalige Heimkinder aus der Ex-DDR ebenso wenig berücksichtigt wurden;
  • das Zeitfenster (50er und 60er Jahre) eindeutig zu klein sei;
  • großer Druck auf die Heimkindervertreter bei der Abstimmung ausgeübt wurde, um hier eine Einstimmigkeit herzustellen. Vertreter des VEH empfanden dies als einen ungeheuerlichen Vorgang und mit Sicherheit einer Demokratie nicht würdig.

Auch Manfred Kappeler empfand diesen Abschlussbericht als äußerst kritikwürdig und ging nur wenige Tage nach dem Erscheinen desselben mit einer scharfen Kritik an die Öffentlichkeit.[3]

"Sie waren mit Vertrauen in die vorbehaltlose Aufklärung der Heimerziehung und ihrer Folgen für die ihr ausgelieferten Kinder und Jugendlichen und mit der Erwartung einer ihnen gerecht werdenden Rehabilitation und Entschädigung in dieses Gremium gegangen und mussten erleben, dass sie von den meisten anderen Mitgliedern herablassend und wie „Klienten“ behandelt wurden, deren substantielle Anliegen nicht akzeptierte wurden. Sie wurden nicht gehört, sondern angehört, wie Zeugen vor einem Untersuchungsausschuss. Alle sechs Ehemaligen am RTH, die drei Mitglieder und ihre drei Vertreter (diese mit einem bloßen Anwesenheitsrecht, d.h. ohne Rede- und Stimmrecht wenn die Vollmitglieder anwesend waren – nur in der letzten Sitzung durften sie reden und abstimmen), haben mir diese demütigende Erfahrung, die sie an ihre Kindheit in den Heimen erinnerte, wiederholt berichtet."
(Wikipedia)

Das hat man davon, wenn man Pfaffen einsetzt. Vollmer hatte dafür gesorgt, dass die Begriffe Zwangsarbeit und Menschenrechtsverletzungen nicht im Abschlussbericht stehen.

Mit 120 Millionen Euro aus einem Hilfsfonds sollen Hunderttausende Menschen entschädigt werden, die als Kinder in Heimen misshandelt wurden. Die Opfer sind verbittert: Es könnte noch Jahre dauern, bis die Summen ausgezahlt werden - für viele kommt das Geld bereits zu spät. in einen Finanztopf für die Opfer von Misshandlung in Kinderheimen fließen. Andere Staaten hätten ihren Opfern mehr gegeben, meinte Matthäus-Maier, "da müssen wir uns schämen".
[...] Vieles ist im Vagen und Ungefähren geblieben. Die Gefühlslage unter den Ex-Heimkindern, die beim dramatischen Ringen um die letzte Fassung des Abschlussberichts am Runden Tisch mit dabei waren, schwankte, wie ein Beteiligter sagt, "zwischen Nötigung und Erpressung". Die Vereinsvorsitzende, Monika Tschapek-Güntner, sagte, sie habe das Gefühl gehabt, bei den Verhandlungspartnern auf eine Haltung nach dem Motto "Wenn ihr das nicht wollt, gibt es gar nichts!" zu stoßen. Ihr Mistreiter Jürgen Beverförden ergänzt: "Mit gar nichts wollte ich nicht zurückfahren." Es klingt wie eine Entschuldigung.
(Spon 13.12.10)

Vollmer hat nichts anderes als eine weitere Demütigung der gequälten Kinder erreicht und bekam für diese Tat nun einen kirchlichen Preis zuerkannt.

Eine verdiente Preisträgerin, eine würdevolle Zeremonie, eine angeregte Podiumsdiskussion - so hatte man sich in Bochum die Verleihung des Hans-Ehrenberg-Preises an Antje Vollmer am Dienstag (22.11.2011) vorgestellt. Die Grünen-Politikerin und ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages soll für ihre nachhaltigen Versöhnungsleistungen geehrt werden, so der ausrichtende Evangelische Kirchenkreis Bochum, der mit der Auszeichnung an Leben und Werk des Theologen Hans Ehrenberg (1883-1958) erinnern will. "Er war ein Vertreter der Dialogphilosophie", sagt Traugott Jähnichen, Vorstandsmitglied der Hans Ehrenberg Gesellschaft. "Frau Vollmer wirkt in seiner Tradition, sie hat sich in unterschiedlichen Belangen moderierend eingesetzt."
(WDR 21.11.2011)

Die Kirchen sind entzückt über die außerordentlich billige Lösung, die Vollmer ausbaldovert hat, die Vorsitzende kann sich über einen Preis freuen und die gefolterten Heimkinder sind wieder einmal gedemütigt worden.
Sie kündigten scharfe Proste an - aber seit wann kümmern sich die großkopferten Kirchenvertreter um die Opfer ihrer Verbrecherorganisation?
Vollmer fand das auch alles ganz prima und nahm den Preis an.

Unter lautstarkem Protest ehemaliger Heimkinder ist am Dienstagabend in Bochum der evangelische Hans-Ehrenberg-Preis an die langjährige Bundestagsvizepräsidentin und ehemalige Leiterin des "Runden Tisches zur Heimerziehung", Antje Vollmer (Grüne), für ihre Versöhnungsarbeit verliehen worden.
[…] Verschiedene Gruppen ehemaliger Heimkinder hatten bereits im Vorfeld die Ehrung Vollmers als "obszön und skandalös" kritisiert, denn sie habe nichts zur Versöhnung beigetragen. Der Hilfsfonds sei nicht ausreichend. "Eine Kritik in der Form haben wir nicht erwartet und halten sie für völlig unangemessen", betonte der Bochumer Theologieprofessor und Vorsitzende der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft, Traugott Jähnichen, gegenüber dem epd.
[…] Statt einer Laudatio hatten die Veranstalter anlässlich der Preisverleihung zu einem Dialog zwischen Vollmer und der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, über "Gott und die Politik" eingeladen.
(epd)

Daß Vollmer schon vor neun Jahren über die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule informiert gewesen sein soll, aber das Wissen geheim hielt, passt ins Bild.

Die ehemalige Bundestagsvizepräsidentin sei bereits vor gut sieben Jahren über den Missbrauch an der Odenwaldschule informiert worden. Laut Zeitungsbericht habe die Grünen-Politikerin damals mitteilen lassen, dass sie die "Angelegenheit nicht beurteilen kann".
Was wusste Antje Vollmer? Die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, ist offenbar bereits im November 2002 von einem Lehrer der Odenwaldschule über die Missbrauchsvorwürfe gegen deren vormaligen Schulleiter Gerold Becker informiert worden.
(Spon 03.04.2010)

Donnerstag, 10. November 2011

Bischöfliche Werte.

Die bizarre Margot, ehemalige Chefbischöfin der Evangelen in Deutschland liebte das Rampenlicht so sehr, daß sie einen Exklusivvertrag mit dem rechten Einpeitscherblatt BILD abschloß.
Eine echte Symbiose. Da hatten sich zwei gefunden.
Auf der einen Seite die Agitatoren, die Journalismus mit Kampagnen verwechselten, die mal PRO Sarrazin und Guttenberg oder CONTRA („Ihr griecht nix von uns!“) austeilten.
Auf der anderen Seite die Bischöfin, die sich mangels eigener Substanz zu jedem Lautverstärker ins Bett legt und diesem die Aura des Gutmenschentums überstreift.

Margot Käßmann wurde zur Marke, die sich am enthirnten BILD-Publikum eine goldene Nase verdienen konnte.
Dutzende völlig inhaltsfreie Bücher, hat Europas bekannteste Bischöfin auf den Markt geworfen. Keine Bestsellerliste, auf der sich nicht einige der verstandesantagonistischen Titel Käßmanns finden.

Auf gutem Grund. Standpunkte und Predigten. 2002, Erziehen als Herausforderung. 2002, Was können wir hoffen – was können wir tun? Antworten und Orientierung. 2003 Kirche in gesellschaftlichen Konflikten. Kirchenleitende Predigten. 2003, Gut zu leben. Gedanken für jeden Tag. 2004, Gesät ist die Hoffnung. 14 Begegnungen auf dem Kreuzweg Jesu. 2007, Mehr als fromme Wünsche. Was mich bewegt. 2007, Mit Herzen, Mund und Händen. Spiritualität im Alltag leben. 2007 Mütter der Bibel. 20 Porträts für unsere Zeit. 2008, In der Mitte des Lebens. 2009, Meine Füße auf weitem Raum. 2009, Was ich dir mitgeben möchte. Orientierungspunkte auf dem Weg. 2009, Wie ist es so im Himmel? Kinder fragen nach Gott und der Welt. 2009, Einfach Evangelisch Band 3. Das große Du: Das Vaterunser, 2010 Fantasie für den Frieden oder: Selig sind, die Frieden stiften. 2010 Zur Geborgenheit finden. Antworten auf Fragen des Lebens. 2010, Vergesst die Gastfreundschaft nicht! 2011, Kirche in Bewegung. 50 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag.1999,Gewalt überwinden. Eine Dekade des Ökumenischen Rates der Kirchen. 2000, Ökumene am Scheideweg. 2003, In der Welt habt ihr Angst. Hannover 2004, Wenn eure Kinder morgen fragen. Zur Zukunft der evangelischen Kirche. 2005, Wurzeln, die uns Flügel schenken. Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde. 2005, Ökumene bewegt. Die Kirchen auf dem Weg zueinander 2006, Mit Leib und Seele auf dem Weg. Handbuch des Pilgerns in der hannoverschen Landeskirche. 2007, In Gottes Hand gehalten. Frauengebete. 2011

Käßmanns Tantiemen dürften astronomische Höhen erreicht haben.
Leider konnte ich nicht recherchieren welche Drogen man einnehmen muß, um sich diese Titel einfallen zu lassen.

Das Auffüllen des Platzes zwischen den Buchdeckeln, ist dagegen einfach - die immer gleiche Soße aus Gutmenschenstichworten wird einfach immer wieder in den Miefquirl gehalten und erneut gedruckt.

Der arme Denis Scheck, der all die Käßmann-Bücher tatsächlich gelesen hat, fand angemessene Worte.

Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"

Margot Kässmann "In der Mitte des Lebens"
Changierend zwischen Predigtentwürfen und autobiographischen Notizen, geschrieben in jenem anbiedernden theologischen Kauderwelsch, das zum Niedergang der protestantischen Predigt beigetragen hat, ist dieses in seiner Konzeption nicht nachvollziehbare, in seinen Gedankengängen sprunghafte Büchlein eher eine Art Promigucken als wirklich etwas zum Lesen.

Margot Kässmann: "Sehnsucht nach Leben "
In zwölf besinnungsaufsatzähnlichen Texten denkt die Ex-Vorsitzende der EKD über Leben und Liebe, Kraft, Heimat, Stille und ja, auch über Gott nach. Dabei schreibt sie Sätze wie: "Ein Nein ohne jedes Ja – das wurde auf lila Tüchern beim Kirchentag 1983 in Hannover gegen den Willen von Kirchentagsleitung und Evangelischer Kirche in Deutschland zum Symbol." "Ein Nein ohne jedes Ja", auf diesen wirren Nenner könnte man auch meine Meinung zu diesem Mischmasch von einem Buch bringen.

Bis heute hadere ich sehr mit dem Begriff „Gutmenschentum“.

Einerseits läßt sich dieses Zeitgeistwort nur diffus definieren, andererseits ist es zu einem der Lieblings-Totschlagargumente der ultrarechten und islamophoben Pest von PI und Co avanciert.
Schon deswegen möchte ich instinktiv eine Lanze für die Gutmenschen brechen.

Was soll auch schlecht daran sein, fair gehandelten Kaffee zu kaufen, Bananen aus ökologischem Anbau zu essen und Jutesäcke statt Plastiktüten zu verwenden?

Aber Gutmenschentum wird durch die schwere Heuchelei der Gutmenschen diskreditiert.

Da macht Käßmann ein großes Bohei mit dem geflügelten Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“, sitzt aber gleichzeitig mit den mächtigsten Unterstützern des Afghanistankrieg-Befürworters Guttenberg, nämlich der BILD-Zeitung in einem Boot und läßt sich von Springer bezahlen.

Afghanistan ist ein kompliziertes Thema.
Nach zehn Jahren sind tatsächlich jede Menge Abhängigkeiten von den Besatzungstruppen entstanden.
Für Mädchen in Schulen, für arbeitende Frauen oder Musiker wäre es womöglich ein Todesurteil, wenn plötzlich alle NATO-Leute abzögen und die Taliban wieder ans Ruder kämen.

Es gibt jetzt, NACH der grandiosen Fehlentscheidung dort überhaupt einzumarschieren, nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ich habe einiges Verständnis für den Ärger der Konservativen über Käßmanns Simple-Satz.
Sie macht sich dadurch beliebt - hilft aber niemanden.

Für Bundeswehrgeneral a. D. Klaus Naumann war ihr Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“ ein „hochmütiges, ... in jeder Hinsicht falsches Pauschalurteil“, das den für das Retten bedrohter Menschen verantwortlichen Soldaten die tröstliche Vergebungshoffnung entzogen, ihr Tun als verfehlt und ihre Opfer als vergeblich bezeichnet habe. Zwei in Afghanistan stationierte Militärdekane warfen ihr öffentlich vor, sie habe deutsche Soldaten beleidigt, ihnen die Solidarität aufgekündigt und moralischen Rückhalt entzogen. Sie polarisiere auf ihre Kosten zwischen militärischen und zivilen Optionen. Ihre Mahnung zu mehr Fantasie sei realitätsfern, da sie keine praktikablen Alternativen aufgezeigt habe. Der Militäreinsatz müsse verstärkt werden, um die afghanische Bevölkerung vor getarnten Selbstmordattentätern zu schützen. Reinhold Robbe (SPD), Bundeswehrbeauftragter des Bundestages, warf Käßmann Naivität und „populistische Fundamentalkritik“ vor. In den meisten Regionen Afghanistans gebe es keine kriegsähnlichen Zustände. Die EKD erlaube Militärinterventionen mit humanitären Zielen als äußerstes Mittel. Er hätte sich Dank für zivile und militärische Aufbauleistungen gewünscht. Hans-Ulrich Klose (SPD) warf ihr vor, gegen die Bundestagsmehrheit die Position der Linkspartei zu vertreten. Für die Soldaten dürfe „nicht der Eindruck entstehen, dass sie keine Christen seien, weil sie unter Umständen töten müssten“.
(Wiki)

Da hält Käßmann auf der Jahreskonferenz des Rates für Nachhaltige Entwicklung am 1.10.03 die Eröffnungsrede mit hübschen Sätzen wie:

Kurs nehmen, unser Land nachhaltig verändern und dabei die Frage nach weltweiter Verantwortung stellen, darum geht es. Sie werden vielleicht denken: Verantwortung klingt nach Appell, Erziehung, Gutmenschentum oder auch: typisch Kirchenfrau.
[…] Ich meine, wir brauchen eine neue Praxis von Verantwortung und neue Ideen, wie denn Veränderung möglich, gestaltet und akzeptabel werden kann. Dabei ist die Idee der Nachhaltigkeit unverzichtbar, weil sie Orientierung und Übersicht gibt. […] Verantwortung für Nachhaltigkeit ist vor allem die Übernahme von Verantwortung, die über den eigenen unmittelbaren Bereich hinausgeht. Das gilt für jeden und jede einzeln genauso 5 wie für große Unternehmen, die das dann Corporate Social Responsibility nennen mögen. Der Großteil der Menschen ist m.E. durchaus bereit, Verantwortung für Zukunft und Nachhaltigkeit zu übernehmen – aber sie können das Wort „Reform“ nicht mehr hören. Es ist zerrieben und zerredet in der alltäglichen politischen Praxis. Der Grundstoff für Verantwortung ist Vertrauen. Die Frage ist berechtigt: Ist genug Vertrauen vorhanden in die Politik beim Bund und Ländern, in das Agieren der Wirtschafts- und Lobbyverbände, in die Wahrhaftigkeit von Bekenntnissen zu Nachhaltigkeit? Und wie kann verloren gegangenes Vertrauen neu gewonnen werden?
(Nachhaltigkeitsrat)

Acht Jahre später wissen wir schon mal eins sicher:

Der größte Konzern Deutschlands (gemessen an den über eine Million Beschäftigten) kümmert sich immer noch einen Dreck um Nachhaltigkeit. Um Lebensmittel aus fairem Handel oder Ökoanbau macht man einen großen Bogen.

Ach ja, dieser Konzern ist übrigens Käßmanns evangelische Kirche.

Der Einkauf von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau oder Fairem Handel ist für die evangelischen Kirchen noch immer ein Randthema. Nach einer Studie von „Brot für die Welt“ und dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) werden kaum zehn Prozent der jährlichen Beschaffungssumme in Kirchen und Diakonie für diese Produkte ausgegeben. Trotz gegenteiliger Beschlüsse setzen kirchliche Einrichtungen ihre Marktmacht bislang kaum zugunsten ökologischer und fairer Nahrungsmittelproduktion ein. „Der Ruf der Kirchen nach einer gerechten Wirtschaftsweise und einem nachhaltigen Lebensstil richtet sich nicht nur an andere, sondern zunächst an sie selbst“, so Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin „Brot für die Welt“. „Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit und des klugen Einsatzes der eigenen Marktmacht.“
(eed.de, Stuttgart/ Bonn, 08.11.2011)

Oder Arbeitnehmerrechte.
In einer DGB-Kampagne für die Wahl der Betriebsräte gab auch Margot, die Gute werbewirksam ihr arbeitnehmerfreundliches Statement ab.

Es ist nicht das Geld, und es sind nicht die Maschinen, die unsere Arbeitswelt menschlich bleiben lassen: Es sind die Menschen in den Betrieben. Sie sorgen dafür, dass die Wirtschaft im Dienste der Menschen steht und nicht der Mensch im Dienst der Wirtschaft. Für diese Ziele setzen sich Betriebsräte ein und lassen nicht zu, dass Arbeitsplätze wegfallen, um an anderer Stelle Gewinn zu machen. Sie sind dicht bei den Sorgen und Nöten der Menschen. Es gab viele Enttäuschungen in letzter Zeit. Aber es ist wichtig, die demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten in den Betrieben zu erhalten. Deswegen: Gehen Sie wählen! Setzen Sie ein Zeichen gegen Ellenbogenmentalität und Misstrauen.
(brw.dgb.de/betriebsrat/prominente.htm)

Käßmanns Kampf gegen „Ellenbogenmentalität und Misstrauen“ hat allerdings enge Grenzen.

Den kirchlichen Mitarbeitern, die nach dem Motto „Juden unerwünscht“ eingestellt werden, verweigert die Bischöfin Arbeitnehmerrechte.
Selbst essen macht fett.

Laut Grundgesetz dürfen Kirchen in Deutschland 'innere Angelegenheiten' selbst ordnen, inklusive Teile des Arbeitsrechts - die Kirchen verhindern so in ihren Zehntausenden Krankenhäusern, Pflegeheimen, Kindergärten und sonstigen sozialen Einrichtungen Dinge, die in der Arbeitswelt selbstverständlich sind: Tarifverträge, Streiks, Betriebsräte.
[…] Gegen das Kirchenarbeitsrecht regt sich nie dagewesener Widerstand. Hinter den Protesten steht eine groß angelegte Kampagne der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Deren Chef Frank Bsirske nennt das kirchliche Arbeitsrecht einen 'Verfassungsbruch'.
[…] Der Protest wird auch die Synode erreichen, die Tagung des evangelischen Kirchenparlaments. […] Auf der Synode soll ein neues Kirchengesetz erlassen werden, das die Praxis des Streikverbots in Gesetzesform gießen soll. Für den Bremer Arbeitsrechtler Bernhard Baumann-Czichon, der das Kirchenarbeitsrecht seit Jahren kritisiert, ein Irrweg: Über die Grundrechte bestimme immer noch der Staat, ein solches Verbot liege nicht im Kompetenzbereich der Kirche. 'Das ist ein alberner Versuch, ganz so, als ob der ADAC für seine Mitglieder die Aufhebung aller Tempolimits beschließt', so der Anwalt. 'Wir halten es für falsch, Grundrechte per Kirchengesetz auszuschließen', sagt Reinhard Haas, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gesamtmitarbeitervertretungen der EKD.
(Süddeutsche Zeitung, 02. November 2011)

Auch hinter den Kulissen schämten sich einige des Synodalen ein wenig für ihre Heuchelei und das Auspressen der Mitarbeiter durch Konzern-eigene Leiharbeitsfirmen.
Wie viel Leiharbeit es genau in der Kirche gibt und wie weit unter den normalen Tarifen kirchliche Krankenschwestern und Altenpfleger verdienen, geben die Kirchenchefs aber nicht preis. Transparenz bei den Finanzen gibt es nicht.

Zweifel am Dritten Weg.
Am Montagabend aber, als die Synode in einer ersten Runde über das Gesetz diskutiert, wird überraschend viel Grundsatzkritik laut. Kerstin Griese, die SPD-Bundestagsabgeordnete, wünscht, dass das Streikverbot aus dem Gesetzentwurf gestrichen wird. Der Hamburger Probst Horst Gorski springt ihr zur Seite: Wie kann die evangelische Kirche eine 'Kirche der Freiheit' sein, wenn sie ihren Arbeitnehmern verbietet, mit Hilfe der Gewerkschaft Tarife auszuhandeln? Edeltraud Glänzer, Mitglied im Rat der EKD und im Hauptvorstand der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, spricht sich für Flächentarife im Sozialbereich aus, um faire Löhne zu sichern.

(SZ, 09. November 2011)

Inzwischen ist die Sache entscheiden.

Käßmanns Kirche entschied sich gestern - GEGEN ARBEITNEHMERRECHTE:

EKD POCHT AUF STREIKVERBOT
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält am besonderen kirchlichen Arbeitsrecht fest, bei dem die Arbeitnehmer nicht streiken und die Arbeitgeber nicht aussperren dürfen.
[…] Sie forderte 'ernsthafte Konsequenzen' für 'Missstände wie Outsourcing mit Lohnsenkungen, ersetzende Leiharbeit und nicht hinnehmbare Niedriglöhne'. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kritisierte den Synodenbeschluss scharf. 'Die Festschreibung des Streikverbots im Kirchengesetz ist skandalös', sagte Verdi-Chef Frank Bsirske dem Evangelischen Pressedienst. Die EKD regiere als Staat im Staate und verweigere Hunderttausenden Mitarbeitern ein elementares Grundrecht.
(Matthias Drobinski 10.11.11)

Gutmenschentum à la Bischof - sich stets für die Armen und zu kurz gekommenen in Sonntagsreden einzusetzen, aber in der Praxis genau das Gegenteil tun - ist tatsächlich ätzend.

Samstag, 8. Oktober 2011

Serviceorientierung.

Wat nich oans givt!
Soeben erschien der erste weltweite «Mord-Bericht» (2011 Global Study on Homicide) des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) mit tollen Erkenntnissen über das Sozialverhalten des Homo Sapiens.

Im Jahr 2010 sind weltweit 468.000 Menschen umgebracht worden.
Afrika (36 Prozent der Morde in Afrika) und Amerika (31 Prozent) sind absolute Spitze. Asien kann mithalten (27 Prozent), aber Europa und Australien mit ihren relativ hohen sozialen Standards sind weit abgeschlagen.
Fünf Prozent der Morde finden in Europa statt und ein Prozent wird in Ozeanien verübt.
Die Zahlen für Afrika und Amerika sind umso höher, wenn man den Anteil an der Weltbevölkerung berücksichtigt. 60 % aller Menschen leben in Asien; die Mordrate von 27% ist also weit unterdurchschnittlich, während Amerikas Rate von 31% angesichts eines Gesamtbevölkerungsanteils von 14% gewaltig ist.

Das Morden ist also sehr unterschiedlich ausgeprägt:

Some 80 countries (approximately 40 per cent of the total) show low homicide rates of less than 3 homicides per 100,000 population per year, a third of which show rates of under 1 homicide per 100,000. In contrast, 35 countries (approximately 17 per cent of the total) show high homicide rates of more than 20 homicides per 100,000 population, some going beyond 50 and others as high as 80 per 100,000 population.
(2011 Global Study on Homicide, p.22)

Betrachtet man Europa genauer, ist Deutschland eins der Schlusslichter.

Deutschland weist mit 0,8 Morden pro 100 000 Einwohner (insgesamt 690 Fälle) dagegen eine geringe Rate auf. In Frankreich liegt sie bei 1,4, in England bei 1,2. Russland ist mit einer Rate von 11,2 Europas Spitzenreiter.
(Abla 07.10.2011)

690 ist natürlich etwas lau - verglichen mit den 15.241 Morden allein in den USA.

So wie die Mordraten selbst sind auch die Methoden unterschiedlich. Amerika als Kontinent des Waffenwahns erledigt einen Großteil der Morde durch Schusswaffen, während Pistolen in Asien als feige und unmännlich gelten. Sie werden viel weniger zum Killen benutzt und so sinkt auch die Gesamtmordrate in Japan und Co.
In Ostasien werden gerade mal 5% der Morde mit Schusswaffen begangen.

Data based on criminal justice and public health sources provide different breakdowns of homicide mechanism committed in different regions. Using public health sources, it can be estimated that 74 per cent of homicides are committed by firearm in the Americas (based on 30 countries), as compared to 21 per cent in Europe (based on 32 countries). In contrast, sharp objects such as knives account for a greater proportion of violent deaths in European countries (36 per cent) than the Americas (16 per cent), while the use of any weapon accounts for 90 per cent of homicides in the Americas but for only 57 per cent of homicides in Europe.
(2011 Global Study on Homicide, p.41)

Ganz anders als es die GOPer-Fanatiker behaupten, sind Pistolen gefährlich.
Welch Überraschung.


Over the whole age range, a male in the Americas is around six times more likely to be killed by a firearm than a knife. In contrast, in 17 countries in Asia, firearm and sharp object homicides are much more equally distributed in the 15 to 34 age group: while a slightly higher proportion of violent deaths are caused by firearm in each group, a male in the countries examined in Asia is almost as likely to be killed by a knife as a firearm.

(2011 Global Study on Homicide, p.42)

Wie so oft dominieren Männer ganz stark das Geschehen.
Sie stellen mit vier von fünf Mordopfern (82%) die große Mehrheit und werden auch zu 69% von anderen Männern umgebracht.
Während die Gleichberechtigung in Europa schon fortgeschrittener ist - hier sind immerhin schon 27% der Getöteten Frauen - weist Amerika gerade mal einen Frauenanteil von zehn Prozent auf.
Männer sind nach wie vor mobiler und werden dementsprechend überall verteilt umgebracht.
Ganz anders die Frauen, die laut UNODC-Statistik eher ganz familiär erledigt werden.
Sie werden weit überwiegend in ihren eigenen vier Wänden umgebracht und können sich auch bei den Tätern auf die Familie verlassen; in weit über 50% der Fälle ist ihr Killer ein Verwandter.
80% der innerfamiliären Mordopfer sind Frauen. Home sweet home.

Deutschlands Mordrate ist so niedrig, weil Gang- und Drogendelikte selten sind.
Das hat aber zur Folge, daß der Prozentsatz der weiblichen Mordopfer, die eben eher von ihren Partnern umgebracht werden, weltweit der höchste ist. Nur die Schweiz kann da mithalten.

Countries with higher homicide rates are often affected by high levels of “street crime” related to drug trafficking, organized crime, street fights or other forms of violent crime. This is an environment traditionally dominated by young males who both commit the great bulk of the violence and make up the greatest share of its victims. At the other end of the spectrum there are countries with a very low homicide rate where the presence of gangs and organized crime groups only accounts for a small share of all homicides. The relative share (but not the absolute rate) of homicides related to domestic disputes and intimate partner/ family-related violence is therefore higher in those countries and the profile of the victim changes accordingly as women become more predominant among all homicide victims.
(2011 Global Study on Homicide, p.60)

Als Lebensmüder kann man sich also in Deutschland wenig Hoffnung machen aus seinem Elend erlöst zu werden.
Der Servicegedanke ist hier bekanntlich wenig ausgeprägt.
Also muß man alles selbst machen.

Die Zahl der Selbstmorde in Deutschland ist im vergangenen Jahr erstmals seit 2005 wieder gestiegen. Mehr als 10.000 Deutsche nahmen sich selbst das Leben. Die Zahl stieg von 2009 um 405 Fälle auf 10.021 Selbstmorde in 2010, so das Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Damit seien in Deutschland deutlich mehr Menschen durch Suizid gestorben als durch Verkehrsunfälle (3648), Mord und Totschlag (2218), illegale Drogen (1237) und Aids (etwa 550) zusammen. Bei den Suizidmethoden dominierte den Angaben des UKE zufolge das Erhängen mit 4550 Fällen deutlich. Es folgen Medikamente (1442 Fälle), Stürze aus großer Höhe (850), Schusswaffen (772) und das „Sich-überfahren-Lassen“ (766). Die Zahl der Fälle von Selbsttötung durch giftige Gase stieg von 184 im Jahr 2007 auf 340 (2010).
[…] „Die über 10.000 Toten des Jahres 2010 bedeuten zugleich, dass weit über 100.000 Menschen einen Suizidversuch unternommen haben“, sagte Georg Fiedler vom Hamburger Therapie-Zentrum. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehe davon aus, dass im Durchschnitt mindestens sechs nahe Menschen von einem Suizid betroffen sind. Das bedeute für Deutschland, dass mehr als 60.000 Menschen im vergangenen Jahr einen nahe stehenden Menschen verloren haben. Die Zahlen bedeuteten zugleich, dass sich in Deutschland alle 53 Minuten ein Mensch das Leben nehme, so Fiedler. Alle fünf Minuten finde ein Suizidversuch statt. Alle neun Minuten wird ein Mensch in Deutschland ein „Hinterbliebener“.
(Abla 07.10.2011)

Prinzipiell finde ich es absolut gerechtfertigt sich umzubringen und niemand sollte das Recht haben über die Stichhaltigkeit der Gründe zu urteilen, wie es sich die selbstverliebte, TV-affine Margot Käßmann anmaßt.

Wenn jemand Selbstmord begeht, weil er einen schlechten Haarschnitt hat, oder traurig wegen der Erhöhung der Benzinpreise ist, so mag das der Majorität der Menschen als lächerliche Begründung erscheinen.
Aber ich behaupte, daß so eine Entscheidung so individuell ist, daß man gar nicht urteilen darf.
Wo sollte das sonst enden?
Könnten etwa kirchlich besetzte „Ethikkommissionen“ von außen feststellen, wann die Leiden eines Kranken so groß sind, daß er sich selbst erlösen darf, oder ob er noch einen Monat durchhalten soll, bis die Schmerzen ein gesetzlich definiertes Maß erreicht haben?

Dennoch gibt es unter den über 100.000 Deutschen, die jährlich einen Suizidversuch unternehmen, sicherlich auch welche, die aufgrund von Depressionen, die behandelbar wären, unglücklich sind.

Depressionen sind mit rund 15% Mortalität eine tödlichere Krankheit als manche Krebsart.

Depressiven kann man auch helfen.

Allerdings steht das politisch nicht auf der Agenda und daher gibt es in Deutschland eine drastische Unterversorgung mit Psychotherapieplätzen.

Ein psychisch kranker Mensch wartet durchschnittlich 12,5 Wochen auf ein erstes Gespräch beim Psychotherapeuten. Diese Zeit kann je nachdem, wo er wohnt, noch deutlich länger sein: In Ostdeutschland sind es 16,1Wochen, im Ruhrgebiet sogar 17 Wochen. […] Während sich in Großstädten normalerweise knapp 40 Psychotherapeuten je 100000 Einwohner niederlassen dürfen, sind es zwischen Duisburg und Dortmund nur gut zehn, also etwa ein Viertel.
[…] Die Zahl der Psychotherapeuten reicht in ganz Deutschland nicht aus, weil die Häufigkeit psychischer Erkrankungen noch immer erheblich unterschätzt wird. […] Nur zehn Prozent der psychisch kranken Menschen in Deutschland erhalten - und das nach konservativen Schätzungen - eine im weitesten Sinne adäquat zu nennende Therapie. Für die Betroffenen stehen im deutschen Gesundheitssystem bei weitem nicht die notwendigen Therapieplätze und finanziellen Mittel zur Verfügung, die für ihre ausreichende Behandlung erforderlich sind. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für die ambulante Psychotherapie betragen im Jahr rund 1,3 Milliarden Euro. Die Kosten für Psychopharmaka liegen mit 2,5 Milliarden Euro fast doppelt so hoch. Selbst die Kosten für Krankengeld, das die Krankenkassen arbeitsunfähigen Arbeitnehmern aufgrund psychischer Erkrankungen zahlen, sind höher als jene für die Therapie und betragen zwei Milliarden Euro.
Dabei lohnt jeder Euro, der in die Psychotherapie investiert wird. […] Die derzeitige Versorgung hat also viele Lücken, die allesamt dazu führen, dass die Patienten länger und schwerer erkranken als notwendig - und damit natürlich auch erheblich mehr Geld kosten.
Wir brauchen deshalb zukünftig mehr psychotherapeutische Behandlungsplätze in Deutschland. Die Bundesregierung plant jedoch eine Verringerung. Durch das Versorgungsstrukturgesetz droht sich die Versorgung psychisch Kranker weiter zu verschlechtern. Schon im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes könnte es 2000 psychotherapeutische Praxen weniger geben. […] Die amtliche Bedarfsplanung ist eine doppelte Täuschung, sie hat weder mit Bedarf noch mit Planung etwas zu tun.
(Rainer Richter, Professor für Medizinische Psychologie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Süddeutsche Zeitung 06. Oktober 2011)

Ja, dann auch noch mal vielen Dank an Ex-Gesundheitsminister Rösler und seinen Nachfolger Bahr.

Die 10.000er-Selbstmordmarke knacken wir zukünftig wohl noch leichter.

Samstag, 18. Juni 2011

Wohlfühlreligion.

Religion ist für Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen und niedrigen IQs eine prima Erfindung. Denn die eine Sache, die man rational oder mit menschlichen Anstand NICHT begründen kann, gibt es unter dem Mantel einer göttlichen Ideologie gratis:
Das „wir sind besser als die“-Gefühl.
Das unbedingte Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen. Die Erhöhung der eigenen Gruppe und die Erniedrigung der anderen. Das macht das Leben ja so viel leichter. Keine lästigen Zweifel mehr, keine Abwägungen, keine Notwendigkeit nachzudenken.
„Die“ liegen falsch, „wir“ machen alles richtig. Thema durch.

Hierin liegt nicht nur der Schlüssel zum „Wohlfühlfaktor“, den eine religiöse Gemeinschaft bietet, sondern gleichzeitig auch die Wurzel des Übels; nämlich der religiösen Gewalttätigkeit.
Mit dem „wir sind mehr wert als die“ konnten Religiöse tausende Kriege anzetteln.
Da die Gegner ohnehin nur „Heiden“ oder „Gottlose“ waren, fiel auch die Tötungshemmung.
Mit Gott auf seiner Seite kann man umso leichter den Opponenten, der sich also gewissermaßen gegen Gott stellt, umbringen.
Rassenhass und Antisemitismus gediehen nicht etwa TROTZ des Christentums, sondern wurden durch Religion zumindest begünstigt.
In Neuen Testament, dem Heiligen Gral der Bibel, lesen wir unzweideutig, wie Christen über Juden zu denken haben.

Die Juden haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen so das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn ist schon über sie gekommen.
(Paulusbrief an die Tessalonicher. 1, Thess 2, 15-16)

Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes Brot zu essen.
(2, Thess 3, 10-12)

Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus. Arbeitet nicht nur, um euch bei den Menschen einzuschmeicheln und ihnen zu gefallen, sondern erfüllt als Sklaven Christi von Herzen den Willen Gottes! Dient freudig, als dientet ihr dem Herrn und nicht den Menschen. Denn ihr wisst, dass jeder, der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann.
(Paulusbrief an die Epheser, 6,5-8)

Es ist kein Wunder, daß sich Adolf Hitler stets als ideologischer Enkel Martin Luthers sah.

Der Stammvater aller Protestanten, den die Käßmanns und Göring-Eckhardts dauernd loben und preisen, war bekanntlich einer der fanatischsten Antisemiten der Weltgeschichte.

Luthers 7-Punkte-Plan zur Judenverfolgung: Originaltext
1.
"Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien"
2.
“Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande“
3.
“Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird“
4.
“Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren“
5.
“Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe“
6.
“Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren“
7.
“Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen“
(Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen)

Es ist und bleibt eine Schande ersten Ranges, daß sich die protestantischen Kirchen nicht entschieden von diesem Apologten des Hasses distanzieren und immer noch stolz an jeder dritten Kirche „Lutherkirche“ prangen haben.
Jener Luther, mit dem sich NS-Bischöfe brüsteten:

"Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird ... die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden."
(Der evangelisch-lutherische Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach im Vorwort zu seiner Schrift "Martin Luther und die Juden - Weg mit ihnen!", Freiburg 1938)

So wie insbesondere die evangelische Kirche fest an der Seite des NS-Regimes stand, so versagt sie auch heute noch, wenn es um das Thema Rechtsradikalismus geht.

Immer noch bewegen sich die Ultras der evangelischen Szene, insbesondere die Evangelikalen auf der ganz rechten Seite des politischen Spektrums.

Man soll sich nicht von den organisierten Grünen an der Spitze der evangelische Kirche täuschen lassen.
Sicher, der evangelische Kirchentag in Dresden wies Ähnlichkeiten zu einem Grünen-Parteitag auf. Friede, Freude Eierkuchen. Atomkraft und Krieg sind schlecht, Frieden ist gut.

Man feierte sich selbst und trat die Konsens-Themen breit.
In Afghanistan läuft es irgendwie nicht so doll und kann man da nicht mal friedlich sein?

Man bejubelte die inhaltliche Leere, die Inkarnation des Unkonkreten, die Ikone des Blabla ohne Tiefgangs: Bizarra Käßmann.

Mit den weniger Privilegierten der Gesellschaft, zum Beispiel den Opfern rechtsextremer Gewalt, mochte man sich nicht beschäftigen.

Am Ende hätte man noch die eigenen kackbraunen Wurzeln betrachtet.

Bei der zentralen Veranstaltung zu Kirche und Rechtsextremismus blieb der große Konferenzraum halb leer. Aus einer eingangs vorgestellten Studie ging hervor, dass Glaube nicht vor rechtsextremen Einstellungen schützt – egal in welcher Religion.
Im Gegenteil: Der Anteil jener, die davon ausgehen, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind, ist unter Religiösen signifikant höher als unter Konfessionslosen. Nach dieser Diagnose berichteten Initiativen und Personen aus ihrem Alltag mit Nazis und der harten Auseinandersetzung mit ihnen. Besonders in Sachsen ist das schwer – wegen ihrer Anzahl und des Organisationsgrads und wegen mangelnder Klarheit bei den Verantwortlichen in Freistaat und Kirche. Ähnliche Diagnosen kamen aus anderen Regionen Deutschlands. Christen sind aus Unterlassung häufig Teil des Problems. Umso bewundernswerter ist der Kampf der Pfarrerinnen und Pfarrer, hier nicht duldsam zu sein. Das christliche Menschenbild, so sagten sie, vertrage sich nicht mit Abwertung und Vorurteil. Solche Pfarrer sind in der Minderheit.

Solange Christen die ermordeten Juden und die Toten von Dresden dem gleichen Opferstolz zuordnen, werden Vorurteile nicht verschwinden. Solange Rechtsextremismus und Vorurteile in den eigenen Reihen nicht ernst genommen werden, stimmt etwas nicht. Deshalb klingt es selbstgerecht, wenn Margot Käßmann aus Deutschland der Welt den Frieden erklärt. Gewiss ist das nicht das Gleiche, wie der Welt den Krieg zu erklären, doch umso mehr besteht Anlass zu Bescheidenheit in dieser Frage. Denn solange es noch einen Neonazi in diesem Lande gibt oder einen rassistischen Christen, sollte Kirche in Deutschland mit diesen ringen, statt mit Taliban beten zu wollen.
(Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung), 10.06.2011)


Noch ein paar Evangelen als Wort zum Sonntag:

Der Geistliche Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche, erstmalig seit Beginn des Entscheidungskampfes im Osten versammelt, versichert Ihnen, mein Führer, in diesen hinreißend bewegten Stunden aufs neue die unwandelbare Treue und Einsatzbereitschaft der gesamten evangelischen Christenheit des Reiches ... Das deutsche Volk und mit ihm alle seine christlichen Glieder danken ihnen für diese ihre Tat.“
Der Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche, 30.6.1941
Gezeichnet August Marahrens, (Landesbischof von Hannover) Walter Schultz (Landesbischof von Schwerin) Johannes Hymmen (Pfarrer, Oberkonsistorialrat und Mitglied des Evangelischen Oberkirchenrat.

„Ich kenne nur einen Feind: Wer diesen Staat Adolf Hitlers nicht will. Mit solchen werde ich sehr kurz fertig. Das bin ich nicht nur meiner Kirche schuldig, sondern meinem Staat, meinem Volk und meinem wunderbaren Führer“.
Der evangelische Bischof von Hamburg, Franz Tügel, 5.3.1934, vor der Synode, unmittelbar nach seiner Wahl zum Bischof

„Mit dem gesamten deutschen Volke feiert die Evangelische Kirche am 20. April in jubelnder Freude den fünfzigsten Geburtstag unseres Führers. In ihm hat Gott dem deutschen Volke einen wahren Wundermann geschenkt ...
Deutsche Evangelische Kirche, 14.4.1939

„Die nationalsozialistische deutsche Führung hat mit zahlreichen Dokumenten unwiderleglich bewiesen, daß dieser Krieg in seinen weltweiten Ausmaßen von den Juden angezettelt ist. Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der unter anderem die Reichspolizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat. Schon Dr. Martin Luther erhob nach bitteren Erfahrungen die Forderung, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Landen auszuweisen. Von der Kreuzigung Christi bis zum heutigen Tage haben die Juden das Christentum bekämpft oder zur Erreichung ihrer eigennützigen Ziele missbraucht oder verfälscht. Durch die christliche Taufe wird an der rassischen Eigenart der Juden, seiner Volkszugehörigkeit und seinem biologischen Sein nichts geändert. Eine deutsche evangelische Kirche hat das religiöse Leben deutscher Volksgenossen zu pflegen und zu fördern. Rassejüdische Christen haben in ihr keinen Raum und kein Recht. Die unterzeichneten deutschen evangelischen Kirchen und Kirchenleiter haben deshalb jegliche Gemeinschaft mit Judenchristen aufgehoben. Sie sind entschlossen, keinerlei Einflüsse jüdischen Geistes auf das deutsche religiöse und kirchliche Leben zu dulden.“
Die evangelischen Landesbischöfe und Landeskirchenpräsidenten von Sachsen, Hessen-Nassau, Mecklenburg, Schleswig-Holstein, Anhalt, Thüringen und Lübeck, 17.12.1941

Samstag, 11. Juni 2011

Ganz, ganz dunkelgrün - Saulus/Paulus Teil II

Die Grünen mit ihrer frommen Front-Frau Göring-Eckardt werden immer attraktiver für die Konservativen.
Die studierte Theologin ist nicht nur Grüne Vize-Bundestagspräsidentin, sondern Hardcore-Christin.
Sie ist Präsidiumsmitglied des deutschen Evangelischen Kirchentages, gehört dem Kuratorium „Mutter und Kind – Schutz des ungeborenen Lebens“ und dem Kuratorium der „Internationalen Martin Luther Stiftung“ an.
Sie wurde 2007 für eine Amtszeit von sechs Jahren zum Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages gewählt, ist Patin des fundamental-christlichen "Kinderhospizes Bethel“ und setzte sich 2009 sogar bei der Wahl zum Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gegen den Ex-Ministerpräsidenten Bayerns, Günter Beckstein durch.
Die Ober-Grüne gehört dadurch natürlich auch dem einflussreichen Rat der EKD an.
Katrin Göring-Eckardt, die Mutter zweier Söhne ist zudem Präsidentin des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2011 in Dresden und sprach als solche auch das Schlußwort zu den geistig verflachten Käßmann-Jüngern, die in jede Kamera ein aus den Händen geformtes Herz zeigten.

Liebe Kirchentagsgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
ein wunderbarer Kirchentag liegt hinter uns. Wir haben Großes und Bewegendes gesehen.
[…] Wir müssen reden, haben wir zu Beginn gesagt – und: Wir haben geredet. Miteinander und mit Gott. Gott sei Dank!
[…] Das alles ist großartig. Liebe Kirchentagsbesucherinnen und -besucher, in Ihrer Nähe sehen Sie bestimmt eine Helferin / einen Helfer. Zeigen Sie Ihnen doch einfach einmal das Herz, unser Handherz.
Als Dankeschön.
[…] So sind wir unterwegs: Die Welt nicht ohne Gott, Gott nicht ohne Welt, beides zusammen wohnt mitten in unseren Herzen. Denn da, wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Und wir sind frei, wenn Gott unser Schatz ist, frei für eine bessere, lebenswertere Welt.
[…] seid barmherzig mit Euch selbst, gebt Gott Raum in eurem Herzen, denn er ist barmherzig, und wir können es auch sein.
(goering-eckardt.de)

Ja, der liebe Gott. Er ist so barmherzig.



(Wäre ich Grüner, würde ich jetzt meine Parteimitgliedschaft kündigen. Aber ich habe schließlich mit den Katholiban Nahles und Thierse in meiner Partei genauso zu leiden.)

Was mich abstößt, zieht die Konservativen an.

Ohnehin verstehen selbst CDU-Abgeordnete nicht mehr den Unterschied zwischen Union und Grünen.

Als sich am vergangenen Montag die Unionsfraktion traf, um über das neue Energiekonzept zu beraten, stellte der Karlsruher Abgeordnete Axel Fischer eine simple Frage: "Was unterscheidet uns eigentlich noch von den Grünen?" Eine klare Antwort blieb die Kanzlerin schuldig.
(Der Spiegel 11.06.2011)

In der Tat; das Alleinstellungsmerkmal der CDU - die bedingungslose Hörigkeit gegenüber dem Atomoligopol - wurde soeben abgeräumt.
Erklären kann das die Kanzlerin natürlich nicht, die unter maximaler Heuchelei dem Bundestag weismachen wollte, sie allein habe den Atomausstieg erfunden.

Keine Kanzlerin bekennt es, kein Minister sagt es, aber sie alle wissen es - wollen es aber sogleich wieder vergessen: Wenn das richtig ist, was jetzt getan wird, dann waren Hunderte Wahlkämpfe der CDU und CSU ein kolossaler Irrtum; dann war der nukleare Glaube der Union ein Aberglaube; dann waren und sind die alten Feindbilder Trugbilder; dann haben diejenigen recht behalten, auf die man einst mit Fingern gezeigt und gegen die man die Polizei hat aufmarschieren lassen. Wenn das richtig ist, was jetzt propagiert wird, dann standen nicht Christdemokraten und Christsoziale auf der richtigen Seite, sondern die Anderen, die einst langhaarigen, jetzt bürgerlichen Parka- und Pulloverträger, die Grünen und Ostermarschierer, die Leute vom BUND und von Greenpeace und die angeblich suspekten Gestalten der Demonstrationen von Wyhl, Brokdorf und Gorleben. Das ist für die Union ein Kulturschock und eine Katastrophe.
[…] Die Regierung Merkel hatte sich und das Land noch einmal in das nukleare Gefängnis gesperrt, obwohl dessen Gitter von der rot-grünen Vor-Vorgänger-Regierung schon gesprengt worden waren.
[…] Der Staat spielte nun fünfzig Jahre lang die Bad Bank für die Energiekonzerne:
Er nahm ihnen die Aufgabe der Entsorgung des Atommülls ab, gewährte ihnen Steuervorteile und begrenzte die Haftung der Konzerne für nukleare Unfälle auf Summen, die in Anbetracht der Gefahren lächerlich waren. Das heißt: Die Konzerne strichen die Gewinne ein, der Staat übernahm die Risiken. Das waren paradiesische Zustände für die Stromkonzerne.

(Heribert Prantl, 11.06.11)

Fürwahr paradiesische Zustände, in denen RWE, EnBW, Vattenfall und E.on bisher lebten.

Durchgesetzt hatte den Zustand die CDU und dabei besonders maßgeblich Angela Merkel als Umweltministerin und Kanzlerin.

Die Heuchelei sich als Architektin des Ausstiegs selbst zu feiern, ist kaum zu übertreffen.

Heucheln - das ist inzwischen das Markenzeichen der Merkel geworden.

Also, was habe ich in der Bundestagsdebatte gehört: Ehrlich gesagt – jede Menge politische Heuchelei. Die erste Heuchelei besteht darin, dass eine Fata Morgana bemüht wird. Das nach Konsolidierung in der Finanz-Wüste dürstende Volk soll glauben, es gebe eine Alternative zur Griechenland-Hilfe. Die gibt es nicht. Wenn wir nicht helfen, knallt's. Und dann stolpern auch deutsche Banken in den Abgrund.
[…] Die zweite Heuchelei besteht darin zu suggerieren, wir armen Deutschen müssten dauernd für die finanzpolitischen Chaoten in Griechenland zahlen.
[…] Die dritte Heuchelei besteht darin, wie hochstaplerhaft jeweils Union, FDP und SPD für sich beanspruchen, die Gralshüter des Europagedankens zu sein. Scheinheiliger geht’s kaum noch. Die Bundeskanzlerin zielte auf klassische Ressentiments als sie behauptet hatte, im europäischen Süden gehe man viel früher in Rente als im fleißigen Deutschland, das sei zu teuer für die Staaten. Nachweislich falsch, gibt aber Populistenpunkte!
(Jens Borchers, HR, ARD-Hauptstadtstudio)

Zurück zu den Grünen, die inzwischen auf den Christenzug gesprungen sind, von Gottes Barmherzigkeit und Bewahrung der Schöpfung fabulieren.
Sie sind inzwischen die wahren Konservativen.
Es wundert immer weniger, wenn frustrierte CSUler und CDUler gleich zu ihnen übertreten.

Wir haben bereits Beispiele gesehen.

Der frühere CSU-Ortsvorsitzende Thomas Müller, Bürgermeister im Bayerisch Eisenstein wurde noch amtierend zum GRÜNEN Zwieseler Bürgermeister-Kandidat.

In Zwiesel wird am 30. Januar ein neuer 1. Bürgermeister gewählt, weil das bisherige Stadtoberhaupt aus Gesundheitsgründen das Amt aufgibt. Die Grünen im Stadtrat haben sich einen ungewöhnlichen Kandidaten ausgesucht:
Thomas Müller (38), derzeit CSU-Chef und ehrenamtlicher Bürgermeister in Bayerisch-Eisenstein.
Müller: „Meine politische Orientierung hat sich nicht verändert.“
(gruene-bayern.de)

Es war ein bißchen viel Opportunismus - er landete nur auf dem vierten Platz.

Aber das war im Januar 2011.
Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen und die Unterschiede zwischen CSU und Grünen sind immer kleiner geworden.
Inzwischen treten ganze Ortsgruppen von der CSU zu den einstmals hart bekämpften „Ökostalinisten“ über. So geschehen letzte Woche in Niederbayern.
Der ganze Ruhmannsfelder Ortsvorstand der CSU verließ die CSU und gründet die erste grüne Ortsgruppe im Bayerischen Wald.
Schuld daran soll der "Guttenberg von Ruhmannsfelden", der Bürgermeister des Ortes, sein.
Ein erneuter schwerer Fall von Unions-typischer Plagiatitis war nur der Anlass.

Als Grund nennen die Abtrünnigen den Guttenberg von Ruhmannsfelden: Bürgermeister Brunner. 2009 hatte das Amtsgericht Viechtach den gelernten Bautechniker verurteilt, weil er sich Diplom-Ingenieur nannte, ohne studiert zu haben. Als Diplomarbeit soll er in weiten Teilen ein Gutachten vorgelegt haben, das ein anderen Planer im Auftrag der Gemeinde erstellt hatte. Als Brunner dann im April zum CSU-Ortschef gewählt wurde, hatte CSU-Frau Gaby Englmeier genug. Eigentlich sollte ihr Sohn Tobias, ein treues JU-Mitglied, sie in dem Amt als Ortschef beerben. Gewählt wurde Brunner. Mit beinahe dem gesamten Ex-Vorstand trat Englmeier aus der Partei aus.
Eine Politposse in der Provinz möchte man meinen. Doch die Beauty-Salon-Besitzerin Englmeier sieht darin große Politik: 'Die CSU macht keine ehrliche Politik mehr.' Als Frau sei sie in 'dem Männerverein' ohne Chance, sagt die 44-Jährige. Und dann der ständige Meinungswechsel in Sachen Atomausstieg. 'Das machen die nur, weil Wahlen anstehen, im Herzen will die CSU das nicht.'
Der ehemalige CSU-Chef und personifizierte Niederbayer Erwin Huber sieht schon eine Zeitenwende. 'Vor zehn Jahren war sowas undenkbar', sagt er.
(Frederik Obermaier und Christian Sebald 09.06.2011)

Sobald Grüne und CSU endgültig fusionieren, bin ich dann aber doch sehr froh bloß SPD-Mitglied zu sein.


Samstag, 4. Juni 2011

Der Feind meines Feindes bleibt feindlich.

Zwei Herzen schlagen in meiner Brust.
Wenn abstoßende Widerlinge der Kleriker-Fraktion wie Altbischof Lohse oder die Hakenkreuznattern abfällig über eine Frau herziehen, weil sie geschieden, weiblich, protestantisch oder alles zusammen ist, habe ich natürlich sofort den Impuls ihr beizustehen und sie gegen das rechte Kirchenpack zu verteidigen.

Aber da ist Vorsicht geboten; allzu schnell sitzt man in der Gutmenschenfalle und hat sich mit der Falschen solidarisiert.

Handelt es sich um Frau Käßmann, dann ist von jeglichen Sympathiebekundungen dringend Abstand zu bewahren.

Sie ist eine klassische Religiotin, deren Anmaßungen (indem sie beispielsweise anderen vorschrieben will wann sie sterben dürfen) nur noch von ihrer sagenhaften Dummheit (Madonna-Schelte) übertroffen wird.

Margot von Hannover, die den Fesseln des höchsten evangelischen Jobs in der organisierten Kirche entsprungen ist, ist zum Superstar des real existierenden Kirchismus der Bundesrepublik mutiert.
Sie war Chefin der Milliarden-absaugenden Steuerzahler-Krake EKD, die bis heute keine Entschädigung für Hunderttausende Kinder zahlen will, die sie in ihren Heimen drangsaliert, körperlich gequält, finanziell ausgebeutet und psychisch ruiniert hat.
Die Steuerzahlermilliarden hat Käßmann beständig weiter abgegriffen, während ihre Schäfchen in Hunderttausender-Gruppen jedes Jahr ihren Kirchen-Moloch verließen.

Als „schlichte Pastorin“ kann die Ex-Bischöfin nun noch stärker drei privaten Leidenschaften frönen:
- Geld scheffeln
- Sich selbst reden hören
- Private Details in alle Öffentlichkeit tragen.

Schon als Bischöfin stand sie als Exklusiv-Autorin dem rechten Hetzblatt BILD, der womöglich größten Bedrohung der deutschen Demokratie zur Verfügung.

Sie arbeitete mit der CDU-Propaganda-Maschine Hand in Hand und posaunte jede Intimität - seien es Eheprobleme oder Klimakteriumsbeschwerden - sofort via Springer einem Millionenpublikum aus.

Käßmann ist über alle Maßen eitel und drängt wie kaum eine andere Kirchenfigur in die Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zu ihren Kollegen Ratzinger oder Meisner, die sogar noch eine Spur unsympathischer sind, hat die Ex-EKD-Vorsitzende allerdings keine Agenda.
Das muß man J.R. immerhin zugestehen - er weiß was er will; nämlich stramm nach rechts, wider die Emanzipation und wider den Humanismus. Für Antisemitismus und katholische Allmacht.

Die heilige Margot hingegen weiß nichts, kann nichts und denkt nichts.

Das aber umso lauter.

Sie mischt sich in alles ein, haut sinnbefreite Allgemeinplätzchen à la „nichts ist gut in Afghanistan“ in die Öffentlichkeit und macht sich damit zur idealen Projektionsfläche für denkfaule Herdenmenschen, die nun endlich die legitime Nachfolgerin ihren geheiligten Barons von und zu Guttenberg gefunden haben.

Auch Guttenberg glänzte mit strikter politischer Abstinenz, verfügte über keinerlei genuines Gedankengut und trug zum gesellschaftlichen Diskurs absolut nichts bei.
Er war, wie Käßmann heute, das grell schillernde Nichts.

Der Unkonkrete zum Anfassen.

Das Mädchen mit den Blumen im Haar lächelt entrückt. Warum sie hier sei? "Wegen Margot, ist doch klar!" Vor der Ausstellungshalle "Zeitenströmung" in Dresden stehen Männer und Frauen, Kinder und Rentner in langen Schlangen. Sie alle sind gekommen, um eine Frau zu sehen: Margot Käßmann.
[…] Auch in der Dresdner Eisarena ging sie auf Afghanistan ein: Es sei "besser mit den Taliban zu beten, als sie zu bombardieren", sagte Käßmann.
[…] Die Halle musste unmittelbar vor Veranstaltungsbeginn geschlossen werden, zu groß war der Andrang. Fernsehteams drängen sich vor der Bühne. Die Luft im Saal ist stickig.
[…] Margot Käßmann legt die Stirn in Falten: "Es gibt keinen gerechten Krieg. Es gibt nur einen gerechten Frieden", ruft sie ins Mikrofon. Ihr Anhänger jubeln nach jedem Satz. "Margot Käßmann ist für mich ein Vorbild", sagt Melanie, eine Studentin, die aus Berlin zum Kirchentag nach Dresden gereist ist. Den meisten Menschen hier geht es so.
[…] Die Theologin bedient eine Sehnsucht, die viele Menschen teilen: Sie gibt einfache Antworten auf komplizierte Fragen. In ihren Schilderungen tauchen die Widersprüche der Gegenwart nicht auf: Wird der Westen schuldig, wenn er gegen Gaddafi vorgeht? Oder wenn er dem Massaker in Libyen tatenlos zusieht? Käßmann fordert "mehr Kreativität" bei der Lösung von Problemen. Eine Antwort auf die Frage, wie genau diese "kreativen" Lösungen aussehen könnten, gibt sie nicht. Ihren Anhängern vermittelt sie dennoch das gute Gefühl, auf der moralisch richtigen Seite der Geschichte zu stehen.
(Maximilian Popp 02.06.2011)

Den Kirchentag im atheistischen Dresden dominiert sie nach Belieben.
Angereiste Journalisten verstummen vor Ehrfurcht und reiben sich anschließend die Augen.

Was hat die Dame eigentlich gesagt? Niemand kann das beantworten und ihre Fans vermissen auch nichts.
Religiotie at it‘s finest!

„Sie hat das Geschehen in Libyen in den vorangegangenen Wochen öfters kommentiert. Es ist ein Thema, für das sie sich zuständig fühlt. Ihre Antworten waren nicht immer ganz widerspruchsfrei, auch moralische Autoritäten sind zu einer gewissen Flexibilität fähig. Das erste Mal, als Käßmann sich äußerte, war der Bürgerkrieg bereits im Gange. Sie mochte sich nicht recht festlegen: "Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, um ganz anders mit Konflikten umzugehen", sagte sie. Das war eine sehr allgemeine Einschätzung, vielleicht etwas unterkomplex, aber sie würde auf alle denkbaren Entwicklungen passen. Dann setzte Oberst Muammar al-Gaddafi den Krieg gegen das eigene Volk ziemlich phantasielos fort, er versprach, Libyen "Haus für Haus zu säubern", ein Massaker schien unmittelbar bevorzustehen. Käßmann hielt nun eine Flugverbotszone "eng begrenzt für richtig, weil man das freiheitsliebende Volk vor einem völlig irrsinnig gewordenen Diktator schützen muss". Das schien eindeutig. Zeitgleich autorisierte der Uno-Sicherheitsrat den militärischen Einsatz gegen Gaddafi. Käßmanns Sympathie für eine Flugverbotszone verflüchtigte sich in dem Moment, als diese durchgesetzt wurde. In Libyen schossen Raketen durch die Luft, Panzer gingen in Flammen auf, Menschen starben. Das war gar nicht die friedliche Flugverbotszone, die Käßmann gemeint hatte. Das war Krieg.
[…] Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
[…] Offenbar ist niemandem bewusst, welche Positionen Käßmann in dieser Sache schon vertreten hat, oder es stört zumindest niemanden. Für ihre Fans passt immer, was sie gerade sagt.
[…] Die Bürger vertrauen Käßmann. Bei einer SPIEGEL-Umfrage nach moralischen Instanzen in Deutschland landete sie vor Günter Grass und Jürgen Habermas - allerdings hinter Karl-Theodor zu Guttenberg. Da war noch keine Rede von dessen Doktorarbeit.
[…] "In der Mitte des Lebens" ist Käßmanns erfolgreichstes Buch. Die Kapitelüberschriften lauten "Veränderungen wagen" oder "Die Mitte finden". Sie bestehen aus Sätzen wie: "Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann." Eiapopeia-Prosa, wie der Literaturkritiker Denis Scheck treffend schrieb.
[…] Käßmann weiß, was die Leser von ihr erwarten, und sie liefert. Mehr als 50 Bücher hat sie geschrieben, sie heißen "Meine Füße auf weitem Raum" oder "Was im Leben trägt". Es sind Bücher, die immer die gleiche Botschaft haben: Fehlschläge sind normal, du darfst nicht verzweifeln. Die Bücher sind aus Fertigbauteilen zusammengesetzt wie ein Ikea-Regal. Und genauso erfolgreich.
[…] "Nichts ist gut in Afghanistan", hat sie vor anderthalb Jahren in einer Predigt gesagt, eine ziemlich plakative Aussage, die für viel Aufregung gesorgt hat.
[…] In der Wahrnehmung der Käßmann-Verehrer wurde daraus die Geschichte von der mutigen Bischöfin. Hatte sie sich nicht mit dem Establishment angelegt und eine Position bezogen, für die sie dann kräftig Prügel bezog? In Wirklichkeit war die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Wie viel Mut erfordert es, gegen einen Krieg zu sein, den die meisten nicht wollen? Selbst der Verteidigungsminister lobte, Käßmann habe eine wichtige Debatte angestoßen. Trotzdem klagte sie: "Es hat mich sehr verletzt, dass ich so angegriffen wurde." Die angeblich so heftigen Angriffe dienen als Ausweis des eigenen Mutes.
[…] Sie ist die prominenteste Vertreterin der evangelischen Kirche, auch ohne hervorgehobenes Amt. Sie hat eine Verantwortung, als öffentliche Person und als Christin. Mit dieser Verantwortung geht sie fahrlässig um. In Käßmanns Welt lassen sich komplexe politische Themen auf einen Satz bringen: Nichts ist gut in Afghanistan. Das stimmt nicht, in Afghanistan hat sich vieles verbessert, die Situation der Frauen zum Beispiel. Aber Käßmanns Satz ist einprägsam, deshalb erreicht er die Menschen.
[…] Durch ihre vereinfachende, moralisierende Art verstärkt sie die Ressentiments, die es ohnehin gegen die Politik gibt. Das sichert ihr Aufmerksamkeit, aber für das politische Klima im Land ist es nicht gut.
(Ralf Neukirch 30.05.11)

Zum Glück habe ich nie ein Buch von Margot Käßmann gelesen; da ich davon sofortiges Absterben von Gehirnzellen befürchte.

Daher will ich einen Promi-Literaturkritiker zu Wort kommen lassen, dessen Urteile sich weitgehend mit meinen decken; Denis Scheck.
Nie hat er eins der blablaesken Machwerke der mitteilungswütigen Bischöfin zum Gegenstand eines vollen Beitrags gemacht - zu Recht. Aber er erklärt in seinem Kommentar zur Top10 der Spiegel-Bestsellerliste anschaulich, was von Käßmann zu halten ist:

Margot Käßmann: "In der Mitte des Lebens"
So gewinnend die Autorin, so unausgegoren wirkt dieses Machwerk. Zwischen den Buchdeckeln von "In der Mitte des Lebens" findet nun wirklich alles seinen Platz: ob Brustkrebsdiagnose, der Einsatz für zwangsverheiratete iranische Christen oder Sterbebegleitung. Man mag dieses Buch einen Kuddelmuddel, ein Hoppelpoppel oder ein Mischmasch nennen: Unverdaulich ist es in jedem Fall.
(Herder, 160 Seiten, 16,95 €)

Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"


(watch 3:50 - 4:20)

Aus groupiehafter Sehnsucht nach der medialen Wiederaufstehung einer wegen Trunkenheit am Steuer zurückgetretenen Landesbischöfin und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland ein grauenhaftes Mischmasch aus Sermon, Erbauungsliteratur und moralisierenden Textautomatenbausteinen über Monate an die Spitze der deutschen Bestsellerlisten zu jubeln – für solch merkwürdige Heiligenverehrung kennt man meines Wissens im Norddeutschen das schöne Wort "katholisch!"

Margot Kässmann "In der Mitte des Lebens"
Changierend zwischen Predigtentwürfen und autobiographischen Notizen, geschrieben in jenem anbiedernden theologischen Kauderwelsch, das zum Niedergang der protestantischen Predigt beigetragen hat, ist dieses in seiner Konzeption nicht nachvollziehbare, in seinen Gedankengängen sprunghafte Büchlein eher eine Art Promigucken als wirklich etwas zum Lesen.

Margot Kässmann: "In der Mitte des Lebens"
In der Kirche schweigen müssen Frauen schon lange nicht mehr. Aber wenn Sie das Wort ergreifen, sollte es etwas konziser geschehen als hier. Dieses schwurbelige Buch der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche übers Älterwerden kommt zwar vom Hölzchen aufs Stöckchen, aber nie auf den Punkt.

Margot Kässmann: "Sehnsucht nach Leben "
In zwölf besinnungsaufsatzähnlichen Texten denkt die Ex-Vorsitzende der EKD über Leben und Liebe, Kraft, Heimat, Stille und ja, auch über Gott nach. Dabei schreibt sie Sätze wie: "Ein Nein ohne jedes Ja – das wurde auf lila Tüchern beim Kirchentag 1983 in Hannover gegen den Willen von Kirchentagsleitung und Evangelischer Kirche in Deutschland zum Symbol." "Ein Nein ohne jedes Ja", auf diesen wirren Nenner könnte man auch meine Meinung zu diesem Mischmasch von einem Buch bringen.

Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens
Eine evangelische Bischöfin predigt: über Liebe und Leid, Schönheit und Vergänglichkeit, Arbeit und Erfolg. Ich glaube durchaus, dass dieses Buch vielen Menschen helfen kann. Aber nach 159 sprunghaften Seiten über "Geben-Können" und "Gebraucht-Werden", über Brustkrebs und deutsche Rüstungsexporte, über die Schönheit von Mädchen mit Down-Syndrom und von der Abschiebung bedrohte iranische Christinnen fühle ich mich als Leser wie nach dem Verzehr einer zu fetten protestantisch gefüllten Weihnachtsgans.


Es gibt einen öffentlichen Christen in Deutschland, der sich noch weit rabiater in die Talkshows drängelt und von seinen religiösen Ansichten so überzeugt ist, daß er schon mal nach dem ARD-Presseclub zur Argumentation mit den Fäusten übergeht.

Seine Auftritte im TV sind gewürzt, um seine religiotös bedingten geistigen Defizite überzukompensieren.

So z.B. im Mai 2006 bei Beckmann, als Matthias Matussek fragte: „Was sollen wir machen: Sollen wir die erste Strophe wieder singen?“
Wenn dem Mann, der mit seinem großkotzig-restaurativen Schlichtnationalismus immer mehr der Realität entschwebt, nicht einer seiner Kumpels von FAZ oder WamS aufnehmen sollte (sein letztes Buch erschien dort in Auszügen), würde ich empfehlen eine Wrestling-Karriere ins Auge zu fassen.
Hatte er doch kurz nach seinem Beckmann-Auftritt im Juni 2006 im Presseclub auch handgreiflich argumentiert und versucht Handelsblatt-Vize-Chef Tichy zu würgen, während er zappelnd und zornend zeterte: „Sie sind ein ganz linker Finger! Sie mache ich fertig! Sie merke ich mir!".
Eine Szene, die der zuständige WDR-Redakteur in einem Parade-Euphemismus zusammen fasste:
"Das war eher eine Frage der Kinderstube. Herr Matussek hat ein sehr hohes Erregungspotential." Künftig werde man mit temperamentvollen Gästen vor der Sendung ein Gespräch über das "erforderliche Mindestmaß an bürgerlichen Umgangsformen" führen, so WDR-Mann Hirz.

Er ist so aggressiv und cholerisch, daß man im SPIEGEL so sehr um das körperliche Wohl seiner unterstellten Kulturredakteure fürchtete, daß man ihn 2008 als Kulturchef feuerte.
Auch ihm hat das nicht geschadet - er ist präsenter denn je.

Matthias Matussek hat es geschafft noch abstoßender als Meisner und Käßmann zusammen zu sein. Seine ultrakatholischen Texte sind eine einzige Qual.

Heute schimpft er zufällig über Käßmann, deren Friedenseiapopeia er als katholischer Mann der Faust nicht erträgt. „Wider Käßmanns Polemik.“

Das ist immerhin lustig.

Als Atheist kann man sich in Ruhe zurücklehnen und genießen.

Mein Freund wird Matussek dadurch sicher nicht - auch wenn ich bezüglich Margot, der heiligen Labertasche, seine Abneigung teile.

Margot Käßmanns Gabe besteht darin, aus den komplizierten politischen Gemengelagen handliches und leicht verdauliches theologisches Mokkagebäck zu formen. Jung und alt und meist weiblich knabbern und juchzen und schmachten sie sich dann ins selig Ungefähre. Die meisten dieser Kirchentag-Groupies gehen nur noch selten in Kirchen, die sind doof und langweilig, aber von Margot Käßmann haben sie alle gehört. Die Dame mit dem Angorapulli und dem Perlenkreuz auf den zahllosen Bestsellern, die alle irgendwas mit "Sehnsucht" heißen. […] Nun sagt sie gestern, genau an diesem Tag, an dem ein weiterer Bundeswehrsoldat in einen Hinterhalt gelockt wurde: Man solle beten mit den Taliban, statt sie zu bombardieren. Gute Idee, sagt man sich da prompt, sofern es gelingt, sich mit ihnen um ein Kreuz zu gruppieren, ohne die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen, denn die Taliban diskutieren sowieso ungern über "Zeitströmungen" und von Frauen, die beim Beten den Ton angeben, halten sie gar nichts. "Es gibt keinen gerechten Krieg, es gibt nur einen gerechten Frieden", sagt sie weiter. Das ist so wohltönend wie falsch. Es gibt einen faulen Frieden, der puren Terror und Menschen- und vor allem Frauenvernichtung bedeutet wie im Iran. Und es gibt den gerechten Krieg wie den im Kosovo, der einen Genozid verhindern half.
[…] Ich kann dafür beten, dass Jesus Christus die Herzen noch der grimmigsten Taliban erleuchtet und mit der Botschaft des Friedens erfüllt. Auf dass sie davon absehen, weiterhin Krankenhäuser und Polizeistationen mit gehirngewaschenen jugendlichen Selbstmordattentätern in die Luft zu jagen. Aber gleichzeitig kann ich versuchen, die Taliban auszuschalten, sollte das Gebet kurzfristig nicht zur Entwaffnung und Verhinderung von Verbrechen führen.
[…] Margot Käßmanns indes setzte auf Demagogie. Sie glänzt mit frommem Augenaufschlag vor Tausenden. Sie führte aus, es sei besser zu beten, als Tanklastwagen zu bombardieren. Ach ja? Alles ist besser!
[…] Käßmann also hat aus unseren Soldaten, die unter enormen Entbehrungen und Belastungen Dienst tun, wider besseren Wissens kaltblütige Täter gemacht. Das ist ein Anschlag auf die Ehre jener, die ihren Arsch letztlich auch für diejenigen riskieren, die Kirchentage ausrichten, auf denen sie dann als Mörder beschimpft werden. Mit derartigen demagogischen Verkürzungen arbeitet normalerweise nur Gregor Gysi im Bundestag. Oder Roger Willemsen, wenn er in einer Talkshow punkten möchte. Allerdings bemühen beide nicht die theologische Tarnkappe, um den Gegner - de Mazière, die Politik, das Establishment - zu treffen und sich in Szene zu setzen. Das bleibt unserer sanftmütigen Pastorin aus Hannover überlassen. Allerdings ist zu beachten, dass es neben dem Tötungsverbot auch noch das achte Gebot gibt: "Du sollst kein falsches Zeugnis geben". Da wir ja auf dem Kirchentag sind, sollte man auch hier eine modische Übersetzung versuchen. Sie könnte lauten: Du sollst keinen scheinheiligen Stuss erzählen.
(Matthias Matussek 03. Juni 2011)

Mittwoch, 20. April 2011

Der Christ des Tages - Teil XLIV

Es gibt keine Christen mehr in Norddeutschland.
- Von wegen!
Das Grocery-shopping is ohnehin eine Qual, aber mir geht das im Moment besonders auf die Nerven, weil der große TOOM-Markt, in den ich leider ab und an muß, gerade ein neues Gebäude hochzieht und während der einjährigen Umbauphase so eine Art Notverkauf auf dem Parkdeck stattfindet. Das Angebot ist trotzdem ziemlich üppig; es ist nur alles enger und voller.
Daß die Fleisch- und Fischtheke pausiert, kommt mir natürlich entgegen; der verdammte Pangasius stinkt immer hundert Meter weit. Es ist mir ein Rätsel, wieso die Leute das Zeug kaufen.
Heute war es natürlich noch voller, weil sich alle für das lange Osterwochenende präparieren. Da werden Schokoladenhasen und gefärbte Eier Zentnerweise abtransportiert.
Als Lactovegetarier wühle ich natürlich besonders ausführlich an den Kühlregalen mit den Milchprodukten rum. Gerade hatte ich mich besonders lang gestreckt, um aus der hintersten Reihe einen Joghurt mit besserem MHD zu fischen, da piekst mich etwas in die Seite.
Ich befürchtete erst, daß es sich um einen Angestellten handelte, der mir erklären würde die Joghurts vorn wären auch noch gut.
(Herrgott - das ist doch das Konzept der SELBSTBEDIENUNG: Der Laden spart Personal, die Kunden machen die Arbeit selbst, aber dafür kann man sich auch aussuchen was man haben möchte)

Aber nein, es war ein blondierter Schopf einer mittelalterlichen Pyknikerin, der ich schon an der obligatorischen Petrus-Fisch-Brosche ansah, aus welcher Richtung der Wind nun wehen würde.
Was denn „heiba“ wäre.
Heiba? Wie meinen?
Die Fischgeschmückte war offensichtlich der deutschen Sprache nicht besonders mächtig. Freundlich, wie ich bin, werde ich dann ganz geduldig und setze ein Lächeln auf.
„Heiba“ oder „eiba“ stellte sich als „heilbar“ heraus und stammte natürlich von dem großen „Religion ist heilbar“-Button auf dem Revers meines Sakkos.
Wie erklärt man nun vor Heuschnupfen triefend mit einem Grieß-Jogurt in der Hand mal eben am Kühlregal einer Portugiesin, die sich hartnäckig als „gute Katholikin“ bezeichnet, daß ich mit „heiba“ nicht meine Unterstützung für’s Religiöse ausdrücken will?
Verdammt. An den anderen Sakkos habe ich meistens nur die drei Verbote-Buttons, mit dem durchgestrichenen Kreuz, dem durchgestrichenen Wort „Merkel“ und dem durchgestrichenen Wort „Papst“. Das ist irgendwie besser zu verstehen.
Scheinbar konnte ich mich aber doch verständlich machen, denn sofort rückte mir die drei Köpfe kleinere Dame mit beiden Zeigefinger Luftlöcher in meine Richtung pieksend auf den Pelz.
Das Universum sei ein „gross engine“ und das müsse ja wohl jemand mit einem Plan kreiert haben. Und im Übrigen solle ich doch endlich mal anerkennen welche Leistung Jesus, den sie sehr liebe (natürlich…) erbracht habe, indem er allen Kindern einen Vater gegeben habe.
Offensichtlich hatte ich da einige Buttons gepusht, denn nun ging die Bibelgeschichte à la Toom-Kühlregal erst richtig los.
Es sei doch in allen Religionen dasselbe - Männer kümmern sich nicht um ihre Kinder und verschwänden einfach. So sei es Maria, die sie auch ganz besonders liebe (hatte ich mir schon gedacht…), schließlich auch gewesen.
Nichtsnutz Joseph habe sich nicht richtig gekümmert und um den armen Jesus, der sich so vaterlos fühlte zu trösten, habe Maria ihm gesagt, Gott sei sein Vater.
Als Erwachsener sei Jesus dann Politiker geworden und habe das Gesetz erlassen, alle Kinder hätten einen Vater - nämlich Gott.
Das Evangelium von der nonkonformistischen Maria als alleinerziehende Mutter kenne ich leider nicht so gut, aber ich konnte es doch nicht lassen ihrem im Zweiminutentakt fallenden Satz „ich bin eine gute Katholikin“ zu widersprechen.
Höflich lächelte ich ihr zu und unterstützte sie in ihrer Interpretationsfreiheit - auch ich bin schließlich der Meinung, daß jeder das glauben kann, was er will.
Mit Joseph Ratzinger, der letztendlich bestimmt wer ein guter Katholik ist, bekäme sie allerdings Probleme.
Die Flexibilität der Religioten ist doch immer wieder beeindruckend:
Einerseits pochte die kajalumrahmte Toom-Agitatorin darauf, ich MÜSSE einsehen, es gäbe eine Gott, denn sonst gäbe s ja auch kein Universum und ich müsse anerkennen welch Großartiges Jesus und Maria geleistet hätten!
Aber andererseits kam auch ein herzliches „ist mir doch ganz egal“, als ich den Katholischen Katechismus oder Ratzinger ins Spiel brachte.
Darauf bohrte sie mir noch energischer ihre beiden Zeigefinger in die Brust - pah Ratzinger.
Sie glaube an Gott und Maria.

Soweit ich es aus meinen verbirkenpollten Augenwinkeln noch erkennen konnte, waren einige der uns umkreisenden Zuschauer ganz entzückt davon, wie es so eine kleine engagierte Christin dem großen bösen Atheisten zeigte.
Denn es ist ja Kar-Woche.

Im Unterschied zu den gläubigen Christen wissen Atheisten besser über die Jesus-Basics Bescheid. Was war am Karfreitag, was an Himmelfahrt, was zu Ostern?
If you are not sure, ask an atheist!

Verblüffend finde ich mit welcher Emsigkeit Fernsehmagazine und Lokalzeitungen zu jedem Pfingstfest und jedem Osterfest erklären, welche Christlichen Ursprünge diese Feiertage haben, obwohl sich die Erkenntnis nie verbreitet.
Was ist Pfingsten? ist die jährliche Standardfrage, die aber hartnäckig 90% der Christlichen Bevölkerung nicht beantworten können.
Irgendwie dringt die Kirche wirklich nicht mehr durch. Die immer wieder als Gastschreiber und Gastredner geladenen Kirchenvertreter, denen Zeitungen und Fernsehsender devot kostbare Sendezeit überlassen, verpuffen völlig wirkungslos.

Damit komme ich endlich zum Christen des Tages No 44. Es handelt sich um Pastor Hinrich C. Westphal, der im gestrigen Hamburger Abendblatt gleich auf Seite 2 erklären durfte, wieso sich die Menschen nach Gott sehnen.
Ebenso erfolgversprechend könnte der Pfaff erklären weswegen ich zwei Köpfe habe und der Schwerkraft trotze.
Eine ordentliche geistige Degeneration, die MSS dem Gottgläubigen attestiert, ist tatsächlich Voraussetzung, um Westphal zu folgen:

Wir verstehen die Ungerechtigkeit der Welt nicht und beklagen die Untätigkeit Gottes. Die Karwoche vor Ostern liefert jedem Antworten.

??? Dreimal nein, Herr Pfarrer.
1.) Die Ungerechtigkeit der Welt verstehe ich sehr gut. Um das zu erklären schreibe ich unter anderem diesen Blog.
2.) Auf die Idee große Schlaglöcher, Malaria oder das Aussterben der sibirischen Tiger mit der Untätigkeit Gottes zu erklären bin ich nie gekommen.
3.) Und ganz bestimmt erwarte ich keine Erkenntnisse von der Karwoche.

So einem Pfaff zahlt man als Steuerzahler die Ausbildung und mit meinem Abla-Abo zahle ich auch noch seine Werbeplattform.
DAS ist eine echte Ungerechtigkeit Gottes - wenn man an ihn glaubt.

Vor das lichthelle Auferstehungsfest hat die christliche Tradition "Karwoche" in unsere Kalender geschrieben, den Namen jener stillen Woche der Klage. Sieben Tage in Moll - muss das heute immer noch sein? Haben wir mit Unfällen und Krankheit, Fukushima und Kriegswirren nicht schon genug zu tragen? Täte uns nicht mehr Leichtigkeit gut? Seien wir realistisch: Das Leben ist kein Rosengarten und kein Streichelzoo. Es kann auch hart, schmerzhaft, bedrohlich und traurig sein. Das alles hat seine Zeit. Darum können wir nicht ganzjährig Weihnachtsbäume schmücken oder Eier bemalen, als nähmen wir die Probleme der Welt nicht zur Kenntnis. Wir können nicht pausenlos shoppen, feiern und Schweres verdrängen, das wäre kurzsichtig und ungesund. Stattdessen ist es sinnvoll und heilsam, sich einmal im Jahr der Leidensgeschichte Jesu zuzuwenden, wie sie in der Karwoche bedacht und begangen wird.

???
Es ist erstaunlich wie weit sich der Hamburger Pastor von der Lebensrealität entfernt hat.
Sieben Tage Moll? Mal abgesehen davon, daß Moll meine bevorzugte Tonart ist, sollte der Pfaff einsehen, daß sich 99 von 100 Menschen in Deutschland nicht aufgrund der Karwoche vorschreiben lassen deprimiert zu sein.
Wie sollte das auch gehen; es weiß ja kaum einer, was „Karwoche“ ist!
Dafür, daß niemand das Leben als „Streichelzoo oder Rosengarten“ missversteht, war die Kirche allerdings in den letzten 2000 Jahren sehr aktiv.
All die von Christen Massakrierten bei Kreuzzügen, Hexenverbrennungen, Missionierung, Inquisition und Judenpogromen haben ebenso wie all die von katholischen Geistlichen missbrauchten Kinder durchaus gelernt, daß das Leben kein Ponyhof ist.
Angesichts all der Todesopfer, die das Christentum verursacht hat, dahin zu plappern es sei „sinnvoll und heilsam“ sich reinzuziehen, wie der Lattenhansel abgemurxt wurde, schlägt allerdings dem Faß den Boden aus.

Offenbar ist an diesem leidenden Jesus, an den Texten und Gesängen von Liebe und Schmerz etwas dran, was viele Menschen im Innersten berührt. Offenbar fasziniert es sie, dass es hier nicht um eine Majestät geht, die in ferner Höhe über uns thront, sondern um einen Menschen, der wie wir leidet und uns zu einem glaubwürdigen Bruder in der Tiefe wird.

In welcher Welt leben Sie eigentlich Herr Pfarrer?
Ich würde Ihnen dringend vorschlagen einen Psychiater aufzusuchen. Offenbar fasziniert die Ostergeschichte eben NICHT, denn sonst würden nicht Europaweit Millionenfach die Menschen aus der Kirche austreten.
Die Christliche Grundkonzeption, daß ein allmächtiger Schöpfer die Menschen so fehlerhaft konstruierte, daß er aus Ärger über seinen eigenen Fauxpas seinen Sohn elendig krepieren ließ und wir uns zur Erinnerung an diesen Akt des Sadismus‘ für ewig den malträtierten und geschundenen Körper als so eine Art frühzeitliche Splatter-Actionfigur angucken sollen, ist doch mehr als fragwürdig.
Der Sohn scheint mir keinen allzu schlechten Deal gemacht zu haben - was macht es schon groß aus am Kreuz zu sterben, wenn man eh danach wiederaufersteht, so als ob nichts gewesen wäre?
Das ist doch ein Schnäppchenpreis für die Sünden der ganzen Welt.

Natürlich kann es sich auf Westphal, wie fast jeder Pfaff, nicht verkneifen auf Kranke und Sterbende hinzuweisen.

Die Texte und Melodien der Karwoche sind etwas, was die Angst und das Leiden vieler Menschen anspricht und auffängt, sie können an Krankenbetten und in Hospizen auch heute aktuell und tröstend sein.

Eine ausgesprochene Frechheit! Was maßt sich dieser Mensch an?
Das erinnert mich immer an die 79-Jährige Bettina Schardt aus Würzburg, die mit Hilfe Roger Kuschs Selbstmord beging und dann von Bizarra Käßmann verleumdet wurde.
Dabei hatte sie sich insbesondere bei der Vorstellung gegruselt, daß eine Person wie Bizarra Käßmann sie im Heim besuchen würde.
Sie mit Bibelversen zu zuschwafeln würde und man hätte nicht die Möglichkeit die Bischöfin „abzuschalten“.

Käßmann im Interview mit der „Neuen Presse“:
"Diese selbstherrliche Inszenierung finde ich einfach abstoßend. Er hätte der älteren Dame, die nicht krank war, sondern Angst vor dem Pflegeheim hatte, einfach sagen können, ich nehme sie bei mir auf, ich pflege und kümmere mich um sie."
Ach, wie realitätstauglich - alte Leute, die nicht mehr leben wollen, sollen alle privat in Kuschs Wohnung unterkommen. Und dann?
Was wenn jemand dennoch nicht mehr leben will (oder gerade deswegen?)
Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte, wenn ich all die selbsternannten Moralapostel über die Beweggründe eines Menschen, der den Suizid wählt, richten höre.
Die Dame hatte ja „NUR Angst vorm Pflegeheim“ und war doch noch „einigermaßen gesund“. NUR. Schande über sie! Das Weichei! Und immer feste druff!
Angst dürfte ja wohl IMMER eine zentrale Rolle spielen, wenn man sich das Leben nehmen möchte und ob die Angst in den Augen von irgendjemand anders begründet ist, oder nicht, ist irrelevant.
Ich persönlich finde den Grund „Angst vorm Pflegeheim“ übrigens extrem überzeugend - was daran liegen mag, daß ich schon sehr viele Pflegeheime von innen gesehen habe.
Ich habe sehr wohl den Urin-Geruch in der Nase, der dort üblicherweise auf den Fluren herrscht, weil die Leute eingenässt in ihren Windeln liegen gelassen werden.
Ich habe die vollkommen durchgelegen Körperteile gesehen, wo der Dekubitus nur noch rohes Fleisch hinterlässt, so daß die Menschen sich vor Schmerzen gar nicht mehr bewegen können.
Ich habe auch das Geschwafel von der Palliativmedizin gehört - als ob das ein neues Problem wäre - von dem netten schmerzfreien Tod wird schon lange viel geredet - aber Frau Käßmann, wie oft sind sie denn schon gestorben, um das beurteilen zu können?

Und wem die Karwoche allzu traurig ist, der sollte nicht vergessen: Sie ist der unerlässliche Auftakt für eine nachhaltige Osterfreude. Ostern wird alles anders und das Kreuz zum Siegeszeichen über den Tod.

Das soll Herr Westphal besser nicht den Müttern auf der Kinderkrebsstation erzählen, die über Monate und Jahre ihren Kleinen beim Sterben unter grausamen Schmerzen zusehen müssen.



Siegeszeichen über den Tod - ich glaube es hackt.