TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!

Mittwoch, 17. Dezember 2008

DAS Geschenk.

Manchmal gerate ich an Dinge, die mich sofort überschlucken.
Dinge, die so massiv in meinen Kosmos herein rauschen, daß ich auf der Stelle außerstande bin mir vorzustellen, wie ich es bisher ohne sie aushalten konnte.
So ein Ding donnerte heute in meine kleine Welt und blies sie in eine neue akustische Dimension auf.
Das 15-Minuten-Epos, „How We Left Fordlandia” von Jóhann Jóhannsson dürfte wohl das schönste Musikstück sein, das ich seit „A Choral Room“ und „Sunset“ (K.B. 2005) gehört habe.
Jóhann Jóhannsson also mal wieder.Der Mensch ist einfach großartig.
Isländer natürlich.
Auch wenn ich 1000 Schubladen durchgucke, finde ich wohl keine, in die er hineinpasst.
Sein Plattenlabel nennt es „Ambient“, in Rezensionen fallen üblicherweise die Begriffe „Sound-Tüftler“, „Klassik“ und „Elektro-Experimentierer“, die miteinander verknüpft werden.
Die Elektro-Keule würde ich allerdings etwas außen vor lassen - immerhin wurde dieses aktuelle Album, „Fordlandia“, wie schon der thematische Vorgänger IBM 1401, A User’s Manual vom City Of Prague Philharmonic Orchestra And Chorus unter Leitung von Miriam Nemcova in Prag aufgenommen
einer Truppe, die sich exklusiv für Schallplattenaufnahmen aus der Crème der besten Musiker verschiedener Tschechischer Orchester rekrutiert und der man ihre 20-jährige Tonstudioerfahrung anhört. (Victoriah Szirmai)
Wer also unbedingt eine Schublade braucht, kann eigentlich ruhig das Etikett “Klassik” aufkleben - wenn auch der ein oder andere fremde Ton dazwischen sein mag.
Jóhannsson benamst sein opulent-fragiles Meisterwerk erneut nach einer sich im Abstieg befindlichen amerikanischen Technik-Ikone.

Fordlandia ist dabei ein zu mannigfachen Konnotationen einladendes Wort:
In den 1920er Jahren hatte der Auto-Konzern Ford ein 10.000 km² großes Stück Regenwald in Brasilien gekauft.
Das ist in etwa viermal Luxemburg oder einmal das Kosovo.
Ohne die geringste Kenntnis von der dortigen Landwirtschaft, wollten die Ford-Großindustriellen dort eine gigantische Gummiplantage, inklusive einer Stadt nach amerikanischem Vorbild errichten. 8000 einheimische Arbeiter hatten ab sofort nach dem Ideal-Vorbild des amerikanischen Vorstadtbürgers zu funktionieren: Fastfood und american way of life.
Der erste Massenaufstand wurde noch vom brasilianischen Militär niedergeknüppelt, aber das Projekt wurde ein derartiges Desaster, daß sich Ford schließlich zurück zog.
Nämlich zu dem Zeitpunkt, als Naturkautschuk nicht mehr für die Reifenproduktion gebraucht wurde, da petrolchemische Alternativen entwickelt worden waren.

Während Fordlandia also seit 1945 kontinuierlich verkommt und verrottet und lediglich von ein paar Hundert Menschen bevölkert wird, schickt sich im Dezember 2008 der einst Gott-große Gründer in Michigan an, es seinem Dschungel-Humunculus gleich zu tun und bettelt in Washington um Almosen.
Der Isländer lockt uns in die ganz große Assoziations-Welt.

Was fasziniert ihn an diesen Titeln, wie inspiriert ihn das zu dieser so melodiösen tieftraurig-betörendschönen Fabelmusik?
Das Jóhannsson-Booklet versteckt unter der CD eine im Sumpf steckende Tin-Lizzy; offensichtlich aufgegeben im Dschungel - Ankor Wat läßt grüßen.
(Ja, verdammt! Man muß die CD schon kaufen und soll nicht immer in mieser Tonqualität billigheimernd downloaden)

Einen weiteren Hinweis finden wir in einigen Zeilen der viktorianischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning (1806-1861), deren sozialphobisches, hypersensibles Wesen idealtypisch zu den epischen Klangdramen Fordlandias passt.
Bis zur Abschaffung der Sklaverei hatte sie auf einer Plantage auf Jamaica gelebt und den von Weißen malträtierten Dschungel selbst erlebt:

"And that dismal cry rose slowly and sank slowly through the air full of spirits melancholy and eternity's despair and they heard the words it said; Pan is dead - Great Pan is dead."

Sakral, distanziert, dennoch warm und empathisch wirken Jóhannssons Kompositionen.
Ich kann mich dem nicht entziehen - als ob am Ende doch die Kunst über die Technik obsiegte.

Kritiker überschlagen sich mit Lob und finden wohlige Wort-Wolken:
Jóhann Jóhannsson's spellbinding new album draws these tantalising threads together, weaving a musical tapestry of hypnotic richness and surprising emotional depth.

Na ja, klingt gut, sagt aber nicht viel aus, finde ich.
Muß man anhören - am besten LAUT und aufmerksam.
Ist kein U-Musik-Klangteppich für nebenbei.

Wer doch frevelhafterweise mal am PC rein hören will, kann eine auf 7.40 Minuten gekürzte Version des Titelsongs Fordlandia auf JJs Myspace-Seite anhören.


Aus "IBM 1401, A User’s Manual" von 2006 gibt es ein Video:

IBM 1401 Processing unit

Kommentare:

jakebaby hat gesagt…

Anfang 90ger fragte ein Guide des Alwa Edison Labs in Fort Myers,FL, vor allem die deutschen Touristen in der Gruppe, was denn wohl AEG heisse.

Im Laufe der Tour kam er auf eine der groessten Herausforderungen Edisons zu sprechen, welche sich ueber Jahre hinweg mit der optimierten Mischung von verschiedenen 'Kautschuk/Gummi-Pflanzen befasste um den groesstmoeglichen individuellen, als denn auch massenproduktiven Gewinn zu gewaehrleisten.
Diese Ford/Firestone-Forschung fand zum groessten Teil in Sued-America statt und dafuer waren wohl auch die 10000Square KM in Brasilien vorgesehen.

Ich kann mich noch daran erinnern, das der Tourfuehrer mit gespieltem Grimm/Laecheln auf den Lippen auf den verheerenden Untergang dieses Projekts hinwies, da die boesen Deutschen in der Zwischenzeit das 'Gummi auf 'synthetische Weise herstellten.

Fuer wen das dann wohl am uebelsten gelaufen ist?

Zur Musik:
Auch die Klassik beruecksichtigend ist mir das wesentlich zu schwer und depressiv (auch ohne die videoelle Untermalung)

Andererseits bin ich so magnetisch abgefahren, das mich Eisen als schier erschlaegt. METALLER vom 'Uebelsten.
Moshn ist immer noch mein Ding auch wenn ich es schon seit Langem nicht mehr realphysisch praktiziere.
Leider.

To better Times

J.

TAMMOX hat gesagt…

Hi Jake, das ist eine interessante Betrachtungsweise.

Ich muß zugeben, daß ich keine guten Infos darüber gefunden habe, was eigentlich JETZT in Fordlandia so los ist.
Weiß auch nicht, ob sich Ford da noch (moralisch???) verpflichtet fühlt, oder wann die zuletzt etwas geäußert haben.
Da muß ich noch mal recherchieren.
Aber am Ford-Wesen wird wohl die Welt demnächst nicht mehr genesen.

Die müssen jetzt erst mal vor ihrem (schwarzen) Präsidenten auf den Knien rutschen und betteln.


LG
Tammox

Anonym hat gesagt…

Danke für das freundliche Zitat! Mit vielen Grüßen
Victoriah Szirmai

TAMMOX hat gesagt…

Liebe Victoriah Szirmai


Ich danke Ihnen!

LG
T