TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!

Montag, 29. September 2008

Schon verblüffend wie die Uhren in Bayern gehen.

So ziemlich jeder, der sich ein bißchen für Politik interessiert, wird wohl gestern um 18 Uhr gedacht haben, „jetzt rollt Hubers“ Kopf.
Die Prognose (43%) war schließlich schon derartig desaströs, daß selbst bei äußerster Faktendehnung nichts mehr schön zu reden wäre für den niederhinigen Parteichef der CSU.
Der gute Mann mußte sich offenbar ja auch erst einmal richtig Mut antrinken, bevor er sich vor die Kamera traute.
Mal abgesehen von allen politischen Positionierungen - faktisch übernahm Huber eine Partei, die fast ein halbes Jahrhundert mit unangefochtenen absoluten Mehrheiten gottgleich geherrscht hatte. Mit 58,19 % der Delegiertenstimmen wurde er am 29. September 2007 auf dem CSU-Parteitag zum Parteivorsitzenden gewählt und schaffte es in GENAU einem Jahr die Partei von ihrer Zweidrittelmehrheit im Landtag auf 43 % zu drücken.
Ob dabei Berlin, Voodoo, Brüssel, dumme Zufälle, Washington oder Sonnenfinsternisse eine Rolle gespielt haben, ist bei dem beispiellosen Absturz egal - der Kopf des Verantwortlichen muß rollen.
Hans Michlbauer resümiert, der Mythos CSU müsse auch in Zukunft erhalten bleiben: "Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf!"
Konsterniert schreibt die SZ:
„CSU-Chef Erwin Huber klebt am Amt - und lehnt den angebotenen Rücktritt der Generalsekretärin Haderthauer ab.“
Realschüler Erwin H. versteht ganz offensichtlich gar nicht was da gestern gelaufen ist - das war keine kleine Kommunikationpanne, sondern ein Quittung vom Wähler.
Es war nicht so, daß die CSU alles großartig gemacht hätte und lediglich beim Kommunizieren patze, sondern sie hat eben schlecht regiert und taktiert.

Da ist an erster Stelle Huber selbst zu nennen, der als Finanzminister und Vizechef im Verwaltungsrat der Bayern-LB schon im März tatenlos mit ansah, wie die zweitgrößte Landesbank Deutschlands 4,3 Milliarden Euro verdaddelte.
Nicht genug damit - Huber ist auch beratungsresistent und so kam letzte Woche vor der Wahl heraus, daß seine Landsbank schon wieder bis zu 1,3 Milliarden Euro bei Hypothekenzinszockerreien mit Lehmann Brothers verloren hat.

Taktisch extrem verblödet war es zudem, daß Huber als einziges Wahlkampfthema die Pendlerpauschale einfiel:
Erst vor zwei Jahren hatte die CSU die Pendlerpauschale abgeschafft, schreibt nun das Wiedereinführungskonzept bei der LINKEn ab, votiert aber auch wieder im Bundestag dagegen, als andere Parteien den CSU-Antrag wörtlich in den Bundestag einbringen und gibt damit offiziell dem bayerischen Wähler bekannt:
„Wir haben ohnehin nichts zu melden, nichts zu sagen und sind sogar mit 2/3-Mehrheit in Bayern so schwächlich, daß wir die Pendlerpauschale eh nicht wieder zurück bekommen können“.

Schließlich möchte ich noch erwähnen, daß die CSU auch in ihrer Bildungspolitik grandios scheiterte. Da hatte Stoiber noch 2006 in der Föderalismusreform dafür gesorgt, daß alle Kompetenzen der Bildungspolitik ausschließlich Ländersache sind und sich stets auf die eigene Brust geklopft, weil die bayerischen Schüler ja so spitze wären.
Haltbar ist die Theorie allerdings nicht.
Die OECD prügelt ja dauernd auf Deutschland ein, weil hier kaum noch Akademiker ausgebildet werden: Als „verblüffend“ und „besorgniserregend“ bezeichnete es der Pariser OECD-Generalsekretär Angel Gurría, dass in Deutschland nur 21 Prozent der 15-Jährigen für sich ein Studium überhaupt in Betracht ziehen. Im OECD-Schnitt sind dies 57 Prozent.

Obwohl es jetzt schon einen extremen Bedarf an Ingenieuren und anderen Fachkräften gibt, kürzen deutsche Bundesländer munter weiter:
Während der Anteil der Bildungsausgaben an den Gesamtausgaben der öffentlichen Hand zwischen 2000 und 2005 im Mittel von 12,8 auf 13,2 Prozent stieg, sank er in Deutschland von 9,9 auf 9,7 Prozent.
Dazu schrieb ich vor Wochen: Pro 100 000 Erwerbstätige im Alter von 25 bis 34 Jahren gibt es im OECD-Schnitt 1649 Hochqualifizierte mit naturwissenschaftlich-technischem Studium. Der DURCHSCHNITT einer Ländergruppe, zu denen Mexiko, Ungarn, Portugal und die Türkei gehören.
Deutschland liegt mit 1423 Hochqualifizierten massiv UNTER dem Schnitt.

Generell kacken die Deutschen bei der Akademikerquote im internationalen Vergleich ab:
Im OECD-Durchschnitt erwerben bereits 37 Prozent eines Jahrgangs einen Hochschulabschluss - Deutschland schafft gerade mal gut 20 %.

Angesichts des CSU-Debakels lohnt aber auch ein Blick auf die einzelnen Bundesländer in dieser Angelegenheit. Meldungen über nicht besetzbare Ingenieurstellen, über fehlende Ärzte oder einen Lehrermangel häufen sich. Wir werden zudem durch die demographischen Entwicklung in der nächsten Dekade ein Schrumpfung der Studienanfänger-Jahrgänge (18 - 20 -Jährige) um ~ 200.000 Menschen erleben.
Für den gleichen Zeitraum erwarten Experten, dass die Nachfrage nach Hochschulabsolventen um etwa 320 000 steigt, also um jährlich 32 000 Absolventen.

Eine ökonomisch betrachtet katastrophale Entwicklung für Deutschland - denn mit dem immer gravierenderen Mangel an Fachkräften wird das Rückgrat der Betriebe der Bundesrepublik zerstört.
KLAUS KLEMM, einer der einflussreichsten Bildungsforscher und Professor emeritus der Universität Duisburg/Essen sagt dazu:
Bereits ein erster Blick auf die Anteile, die die einzelnen Länder an der bundesweiten "Akademikerproduktion" haben, und auf die, die ihren "Akademikerverbrauch" kennzeichnen, zeigt erhebliche Ungleichgewichte. Legt man die Zahlen der Hochschulabsolventen des Jahrs 2007 zugrunde und zieht zur Ermittlung der Nachfrage die Zahlen der jüngeren (unter 40-Jährigen) beschäftigten Akademiker in den einzelnen Bundesländern heran, so wird die innerdeutsche Unausgewogenheit deutlich. Auf der einen Seite findet sich Nordrhein-Westfalen, das 22,4 Prozent der Hochschulabsolventen stellt und 19,8 Prozent der unter 40-jährigen Akademiker beschäftigt. Auf der anderen Seite steht Bayern, das bei einem Absolventenanteil von 14 Prozent bei den beschäftigten jüngeren Akademikern einen Anteil von 16,7 Prozent erreicht. In Ländern wie Bayern, Hessen und auch Baden-Württemberg übersteigt der Bedarfsanteil den Ausbildungsanteil.
Bayern muß jedes Jahr 7200 Akademiker aus anderen Bundesländern und dem Ausland anwerben, weil das CSU-Land selbst in der Hochschulpolitik schläft. Bayern ist also ein NEGATIVER Ausbildungsstandort - muß dringend Akademiker importieren (und ähnlich übel sieht es in den anderen großen CDU-regierten Bundesländern aus).
Wollte Bayern seinen aktuellen Akademikerbedarf selbst decken, müsste das Land eine Universität von der Größe der Münchener Ludwig-Maximilian-Universität und eine Fachhochschule von der Größe der Fachhochschule München, die zusammen derzeit jährlich gut 7000 Absolventen hervorbringen, zusätzlich betreiben. Er müsste dann für diese zusätzliche Hochschule - bei Kosten je Absolvent von durchschnittlich 35 000 Euro - mehr als eine Viertelmilliarde Euro jährlich aufbringen.
Bayern taugt also auch auf dem Gebiet Bildungspolitik als NEGATIVBEISPIEL und nicht etwa als leuchtendes Vorbild, wie es der Huber-Erwin immer behauptet.
Um seiner Sicht der Dinge folgen zu können, muß man schon mindestens drei bis vier Maß trinken.

Kommentare:

Jakester hat gesagt…

Von der anderen Seite.

Nachdem ich in den 70gern meine Handwerkslehre abgeschlossen hatte, war ich und andere noch 'Jemand.
Mich und mein Handwerk nannte man sogar den 'Koenig des Bau's'

Leben und Bezahlung Stunde/Akkord waren gut und natuerlich war unser gutes Geld damals auch noch wesentlich mehr wert.
Dies, durch unserer Grossvaeter Kampf fuer ein gerechteres Dasein des 'Arbeiters, war nur ein kurzer Hoehenflug der durch Jahrtausend gepruegelten 'Unterschichten.

Ich vermisse diesen kurzen Eindruck als 'Arbeiter etwas wert gewesen zu sein.
Es war nie so und soll auch nicht so sein.
Und Morgen noch viel weniger.

Po8 hat gesagt…

Die strategische Planung (wo soll .de/Bayern in 20 Jahren sein) wurde halt mehr und mehr durch eine taktische (wie gewinne ich die nächste (kommunal) Wahl) abgelöst. Der Bildungssektor ist nur ein bezeichnendes Beispiel, weitere Konzepte fehlen in der Gesundheitsversorgung oder Alterssicherung.

Mittlerweile bleibt dem Urnengänger ja gar nicht mehr die Wahl zwischen der besten Alternative, sondern nur noch zwischen dem kleinsten Übel. Und das hat man in Bayern gewählt ;-)

TAMMOX hat gesagt…

@Jake , immerhin bist Du „als Arbeiter“ noch nicht ganz in Vergessenheit geraten, sondern als „Kostenfaktor“, den man allerdings dringend reduzieren möchte, doch stets im Kopf der Wirtschaftsweisen.
„Koenige des Baus“ wird es auch noch weiterhin hier geben - nur eben nicht aus Deutschland - eher aus Moldawien und Rumänien - also Menschen, die nicht so gierig sind und mehr als einen Euro die Stunde verlangen oder gar nach Krankenversicherung und Kündigungsschutz schreien!
Man MUSS sich eben auch ein BISSCHEN bescheiden können. So wie zum Beispiel auch die Münchner Hypo Real Estate Bank AG, die mit gerade mal 26,6 MILLIARDEN EURO Bundesbürgschaft von eben auf jetzt ausgestattet wird.


@Po8, wie meinen? „Strategische Planung“? Ich denke mal, daß das Konzept abgelöst wurde durch die Methode „Nach mir die Sintflut“ und „St. Florian“.
Das mit dem KLEINSTEN ÜBEL - also Regine Hildebrandts alter Forderung, daß man sich schon EINMAL alle paar Jahre aufraffen könnte, um eben diese Entscheidung zu treffen, ist doch gar keine schlechte Sache.
Außerdem ist die Auswahl hier in Deutschland doch noch GOLD: Stell Dir mal vor Du müßtest in GB wählen, wo ein BLAIR von der Arbeiterpartei tief in Bushs Arsch steckt, Kriege führt und die konservative Opposition ist NOCH kriegslüsterner und rechter.

Stell Dir mal vor Du wärest Amerikaner und hast im November die Auswahl zwischen ZWEI tiefreligiösen Christen und nichts anderem….
Wie Helmut Schmidt immer sagt: Unser Wahlrecht erlaubt immerhin 19 Parteien im Parlament - da ist also noch Luft und potentiell gäbe das doch eine beeindruckende Auswahl von Übeln.

warlord'snightmare hat gesagt…

Hallo,
wir in Österreich hatten gerade vorgezogene Neuwahlen, da die große Koalition (SPÖ + ÖVP) nicht mehr zusammen arbeiten konnte/wollte. Diese Neuwahlen wurden vor allem von der ÖVP gewünscht. Als Ergebnis, hat nun die ÖVP sehr stark und die SPÖ stark an Stimmen im Vergleich zur letzten Wahl vor 2 Jahren verloren. Gewinner wahren ausschließlich die beiden Parteien BZÖ + FPÖ, welche etwas bräunlich angehaucht sind.
Die Wahlen waren somit vollkommener Blödsinn und zumindest ist der Chef der ÖVP zurückgetreten. Wahrscheinlich geht die große Koalitition weiter, jedoch nun mit weniger Sitzen im Parlament.

Was die Bildung anbelangt, bin ich der Meinung, dass man die Leute nicht ständig so stark fordern soll. Es ist doch schon mal genug Leistung, wenn man fähig ist, ein Haus als Maurerpolier zu bauen, welches solide Qualität darstellt. Von den heutigen Architekten, kann man nicht einmal verlangen, dass sie ein schönes Haus planen, welches ein Leben lang hält. Wenn ich in den Bauzeitschriften blättere, wird mir übel, wenn ich diese Baracken sehe, fürchterlich.

Ich hätte zur Sache mit der Bildung sowieso folgenden Vorschlag:
Warum nicht die älteren Arbeitnehmer, welche nicht mehr so leistungsfähig sind als Lehrpersonen einsetzen? Die hätten doch genug Erfahrung und Wissen, welches für die ersten Schulklassen bei weitem ausreichend wäre.

Wenn wir ganz ehrlich sind, dann wird auch viel Wissen mitgeteilt, welches dann im Berufsleben nicht gebraucht wird.
Und außerdem wird in der Schule und UNI nur "gespielt" und "geübt" aber es wird keine wirkliche Arbeit verrichtet. Das würde nun wieder für die Lehre und für eine berufsbegleitende Weiterbildung sprechen. Dass die Leute nach einer 40-Stunden-Woche nichts mehr von Weiterbildung hören wollen, ist verständlich. Es sollte eben ein Modell geben, wo man beispielsweise nur 30 Stunden arbeitet und die restliche 10 Stunden für eine erforderliche Weiterbildung verwendet, welche man sofort einsetzen kann.

Es ist sicher Blödsinn, wenn man die Leute mit Wissen füllt und stopft, aber dann nie wirklich etwas dadurch geschaffen wird, weil die Leute nicht die Möglichkeit haben oder ihnen der letzte Schliff fehlt, um das Wissen nutzbringend einzusetzen.

Es gibt in der Geschichte viele Leute, welche bahnbrechende Erfindungen gemacht haben, jedoch keine besondere Schulbildung hatten.
Eventuell wird auch die Kreativität in den Schulen abgetötet?

TAMMOX hat gesagt…

Hallo Warlords Nightmare - ja der Blick auf Österreich wurde auch schon von Deutschland aus getan. In dem Sinne, daß es mit einiger Wahrscheinlichkeit den beiden Parteien der „großen“ K.O.alition“ auch so ergehen wird.
Hoffentlich ohne den Österreichischen Rechtsdrall - ich glaube auch ganz so braun ist Deutschland tatsächlich nicht.
CDU und SPD (und FDP und LINKE….) drücken sich um die eigentlichen Zukunftsaufgaben mit dem diffusen Wunsch aus der großen Koalition wieder rauszukommen. Dabei werden BEIDE Parteien schon regelmäßig bei Landtags- und Kommunalwahlen abgestraft. Sie werden auch abgestraft bei der Mitgliederentwicklung.
Es ist also zu vermuten, daß es bei den Bundestagswahlen für eine klassische deutsche Koalition (eine große Partei plus eine Kleine) nicht mehr reichen wird. Es bliebe dann nur eine - GESCHRUMPFTE - erneute „große“ Koalition, die dann natürlich noch frustrierter agieren wird.
Ich bin tatsächlich der Auffassung, daß diese Regierungsparteienschrumpfung nur durch eine ausgesprochen charismatische Führungspersönlichkeit aufgehalten werden könnte.
Führung meine ich eher im Brandt’schen Sinne als das was man sonst so assoziieren könnte (1933-1945)
Dummerweise hat unsere Form der politischen Kultur solche beindruckenden Persönlichkeiten erfolgreich aus der Politik verdrängt.
Das Wahlvolk; der Urnenpöbel; ist erfolgreich domestiziert worden.
Es will keine Visionen, es will keine Wahrheiten, es will keine Komplikationen, es will keine Pläne. Es will nur einen Tranquilizer als Amtsinhaber, der ausstrahlt, daß sich niemand vor Änderungen fürchten muß.
Das begann spätestens im Wahlkampf 1990 als Kanzlerkandidat Lafontaine richtigerweise sagte ‚Leute, das mit der Einheit wird ökonomisch anstrengend und teuer - da heißt es jetzt Zähne zusammen beißen‘.
Dass Lafontaine recht hatte, wußte eigentlich jeder der bis drei zählen kann - Banker und Ökonomen sowieso.
Nur - es wollte niemand hören. Kohl versprach „blühende Landschaften“ und Finanzminister Weigel sagte (wörtlich) es müsse keine Steuererhöhungen geben - das könne man alles aus der Portokasse bezahlen.
DAS wollten die Wähler hören! Die SPD stürzte auf 33, irgendwas % und die Grünen flogen gleich ganz raus aus dem Bundestag.
Lafontaine hat immerhin gelernt, daß man mit harten Wahrheiten vom Wähler auf den Sack kriegt und macht nun auch - erfolgreich - in Populismus.

Insgesamt spricht das schon für eine gewaltige Dämlichkeit der gemeinen Wählers.
So will ich auch gar niemanden dazu zwingen Hochschulstudiengänge zu belegen, oder nach harter Knochenarbeit noch auf die Abendschule zu gehen.
Aber in der Schule sollte schon so weit das Denken angeregt werden, daß sich der Durchschnittswähler doch aus eigenem Interesse ab und an mal ein paar Minütchen mit Politik beschäftigt anstatt nur die großen Überschriften der BLÖD-Zeitung nachzuplappern.


LG
T