TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!

Montag, 4. Februar 2008

Linke Blogger-Traditionen.

Man kann GANZ linke und bizarrer weise genauso GANZ rechte Blogger daran erkennen, daß sie fast immer geradezu manisch auf Israel einhacken. Wobei sich aktuelle israelische Politik, Judaismus, die israelische Regierung, Nahost-Auseinandersetzung generell, US-Einfluß, die israelische Armee gerne mal so verquicken, daß auch wohlwollende und neutrale Beobachter Antisemitismus wittern. Vermutlich führt gerade diese Unschärfe und die Angst vor einem Antisemitismus-Vorwurf zu besonders subjektiver Sicht auf den Nahost-Konflikt.
Für mich war ein ganz privates Gespräch im September 2002 ein wirklicher Schock. Ich sprach mit einem promovierten und weitgereisten CDU-Wähler, der aber gesellschaftspolitisch liberal eingestellt war. Es war die Hochzeit des FDP-Gaga-Wahlkampf, als Guiiido im spaßigen Guidomobil umher fuhr, bei Frau Christiansen seine Schuhsohlen mit der aufgedruckten „18“ in die Kamera hielt. Damals verlor die FDP endgültig ihren Anspruch als Partei ernst genommen zu werden und folgerichtig musste die Grand Dame des Liberalismus, Hildegard Hamm-Brücher, nach über 50 Jahren Parteizugehörigkeit die Partei verlassen.
Kurzum – Möllemann und Westerwelle führten sich derart absurd und abstoßend auf, daß der anschließende Selbstmord Möllemanns nur zu verständlich war – ich wünschte manchmal, daß der heute immer noch amtierende Parteichef Möllemanns Beispiel gefolgt wäre. Nach der nun wirklich deutlich antisemitischen Anti-Sharon und Anti-Friedmann-FDP-Broschüre, öffneten sich jedenfalls endgültig die Schleusen des sekundären Antisemitismus.

Zur Erklärung – laut bpb bedeutet „sekundär“ in diesem Fall: Man kann das Phänomen "Sekundärer Antisemitismus" ein wenig überspitzt so auf den Punkt bringen: Judenhass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Oder, wie es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex sarkastisch sagte: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nicht verzeihen." Den "Sekundären Antisemitismus", die Judenfeindschaft aus dem Motiv der Erinnerungsabwehr heraus, beschreiben die Antisemitismus- und Rechtsextremismus-Forscher Werner Bergmann und Rainer Erb in wissenschaftlicher Sprache knapp so: "Wir vermuten, dass das Verhältnis von Deutschen und Juden heute außer von fortwirkenden traditionellen Vorurteilen zunehmend davon bestimmt wird, wie sich die Deutschen der NS-Vergangenheit und der daraus erwachsenen Verantwortung für die Juden stellen. Aus der Diskrepanz zwischen dem Wunsch zu vergessen bzw. nicht erinnert zu werden und der beständigen Konfrontation mit den deutschen Verbrechen ergibt sich u.E. ein neues Vorurteilsmotiv, das sich zum Teil in der Form revitalisierter traditioneller Vorwürfe an die Juden äußert (Rachsucht, Geldgier, Machtstreben)."

Zu der Zeit fand auch mein besagtes Gespräch mit dem CDU-Wähler statt.
Er sagte mir, daß er Möllemann nicht ausstehen könne, aber wirklich begeistert davon sei, daß dieses nun endlich mal „Das große Tabu“ bräche, daß man Israel nicht kritisieren dürfe. Ich kann das bis heute nicht fassen, denn seit Ariel Sharon am 28.September 2000 den Tempelberg in Jerusalem bestieg – also immerhin zwei Jahre vor der Anti-Sharon-Broschüre des FDP – gab es in den deutschen Feuilletons wirklich kein Halten mehr.
Diese extrem provokative Tat Sharons, die mehr oder weniger direkt die zweite Intifada auslöste, wurde zumindest in der deutschen Presse (andere kann ich nicht beurteilen) derart extrem kritisiert und verurteilt, daß sich schon vereinzelt arabische Journalisten zu Wort meldeten und für mehr Ausgewogenheit plädierten. Ich weiß nicht mehr wer es war -aber ich erinnere mich an die Schlagzeile: "Nicht alle Palästinenser sind echte Friedensengel"
Sharon wurde nach dem allseits beliebten und adorierten Rabin damit zum absoluten Buhmann des deutschen Feuilletons. Kein Tag verging, an dem nicht in deutschen Zeitungen schwere Kritik an der israelischen Regierung geäußert wurde.
Giordanos Buch Israel, um Himmels willen, Israel. Stammt übrigens auch schon von 1991. Der Film nach Motiven seines Buches. Regie: Jens-Uwe Scheffler entstand 1993.
Aber noch Ende 2002 im Bundestagswahlkampf musste ich mir von nicht verblödeten Deutschen anhören, daß „man“ ja nicht Israel kritisieren dürfe.
Die FDP brachte es damals übrigens statt der avisierten 18 Prozent auf 7,4 %.
Der mangelnde Erfolg dürfte auch der Grund sein weswegen sich Gaga-Guido auf seine antisemitische „Spaß-Zeit“ incl Bigbrother-Besuch nicht mehr gerne erinnern lässt.

Heute möchte ich nicht das Faß Nahost-Konflikt aufmachen. Daß ich die Politik der amerikanischen Regierung diesbezüglich für den falschsten und dümmsten Weg überhaupt halte, dürfte sich von selbst verstehen.
Aber wer unterstützt heute überhaupt noch Bush?
Es ist aber generell leicht zu äußern was man alles für falsch destruktiv hält.
Insbesondere ist es einfach und Fehler aus der Vergangenheit aufzulisten.

Eine Sache, die mir bisher an Barak Obama missfällt – bei jeder Frage nach dem Irak beginnt er sich damit zu brüsten, daß er gegen den Einsatz gestimmt hätte und zählt dann auf was die Bush-Regierung alles komplett falsch gemacht hätte. Die Liste ist in der Tat beeindruckend – denn so extrem hat wohl überhaupt noch nie irgendeine Regierung der Welt gestümpert und gelogen. Schlimmer geht’s nimmer. NUR: Die Rückschau nützt in der praktische Politik auch nichts und von einem Mann, der sich anschickt Präsident der USA zu werden. Wüsste ich schon gerne wie es ZUKÜNFTIG besser gemacht werden soll.

Für uns andere, die demnächst nicht zufällig Mitglieder der US-Regierung werden, kann ich aber nur empfehlen sich zu informieren, sich zu informieren, sich zu informieren.
Man muß sich in alle Seiten hineindenken und versuchen eigene Vorurteile abzulegen.
Konkret möchte ich das Buch von Leshem empfehlen:

RON LESHEM: Wenn es ein Paradies gibt. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Rowohlt, Hamburg, 2008. 352 Seiten, 19,90 Euro.
Leshem ist ein Journalist aus Tel Aviv, Anfang 30, aus einer linksliberalen Intellektuellenfamilie stammend.
Sein Buch, das in englisch einfach „Beaufort“ heißt, stand im hebräischen Original 2006 neun Monate auf Platz eins der Bestsellerlisten, insgesamt 140 000 Exemplare wurden verkauft, was in einem so kleinen Land wie Israel enorm ist.
Der Roman wurde mit dem Sapir-Preis, dem bedeutendsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet und unter dem Titel "Beaufort" verfilmt (der Film ist für den Auslands-Oscar nominiert).
Beschrieben wird ein Jahr (2000) im Südlibanon aus Sicht eines Leutnants der israelischen Armee namens Eres.
Eres, „seine Kinder“ (so werden die Soldaten von ihren Vorgesetzten liebevoll genannt) und die Festung Beaufort existieren wirklich.
Leshem ist aber „nur“ der Chronist, der aus einer anderen Galaxie zu kommen scheint, wie er selbst im Interview mit Deutschlandradio sagt:

"Ich stamme aus einer Wohngegend bei Tel Aviv, einer intakten Wohngegend. Meine Mutter ist Rechtsanwältin, mein Vater leitet ein Privatklinik-Unternehmen. Ich bin in einer Art Blase aufgewachsen. Geistig habe ich sie lange einfach nicht verlassen. Aber auch räumlich: Ich war damals nie im Gazastreifen. Meine Familie reiste nach Europa, aber den Schritt vor die eigene Haustür machten wir nicht. Während der zweiten Intifada kam er als Reporter erstmals mit Soldaten im Gazastreifen zusammen: "Sie waren so wütend auf mich, weil ich keine Ahnung hatte und nichts dagegen unternommen hatte, dass sie dort monatelang, abgeschnitten von der Welt, ihr Dasein fristeten. Sie erzählten mir ihre Geschichten und ich wurde immer wütender auf mich selbst. Aber es geht nicht nur um mich. Wir Israelis reden nicht wirklich miteinander, wir lieben uns nicht. Wenn wir die Armen und Schwachen aufs Schlachtfeld schicken, tun wir das, ohne das ausreichend in Frage zu stellen."

Als Nichtisraeli weiß man zwar von der allgemeinen Wehrpflicht dort so kann man sich eigentlich denken, daß die Heterogenität unter den Soldaten sehr viel größer sein muß, als beispielsweise in der US-Berufsarmee.
Heutzutage schaffen es aber immerhin 30 % der israelischen jungen Menschen nicht zur Armee zu kommen. Immerhin fast ein Drittel des jeweiligen Jahrgangs, die offensichtlich enorm daran interessiert sind ein möglichst normales und friedliches Leben zu führen.
So hat das Leshem-Buch wohl auch ein Tabu gebrochen – indem verschiedene Welten Israels, die in Wirklichkeit manchmal nur einen Katzensprung auseinander liegen plötzlich auf einander trafen.
"Wir schicken die Jungen aus den armen Familien an die Front", sagt Leshem, "und die, die neu ins Land kommen." Die meisten der Jungs in seinem Roman träumen nur davon, endlich von der trägen Mittelschicht akzeptiert zu werden. Sie stehen auf dem windzerzausten Hügel zwischen Betonschutzblöcken, seit vier Wochen ungeduscht, und sprechen ihr Testament in Handykameras, hoffend, dass das in den Abendnachrichten gesendet wird, im Lichtjahre entfernten Tel Aviv, falls sie sterben sollten.
Das Leben im sogenannten U-Boot, der von christlichen Kreuzfahren errichteten Feste Beaufort, umzingelt von Hisbollah-Kämpfern, wird geradezu physisch spürbar bei dieser Lektüre.
Ich konnte quasi die Fürze der eng an eng gekauerten Soldaten riechen, die unter andauerndem Mörserbeschuß ein Jahr in der Hölle durchmachten.
18-Jährige, denen es verständlicherweise nicht leicht fällt sich einzugestehen, daß ihr Einsatz möglicherweise sinnlos ist.
Wie gehen so junge Leute damit um, daß es vorkommt, wenn der Spaßvogel der Kompanie, den alle wegen seiner Sprüche lieben, von eben auf jetzt nur noch als Rumpf neben einem sitzt und daß sein Kopf im allgemeinen Kampfgetümmel leider nicht mehr auffindbar ist?
All dies findet 30 Autominuten entfernt von der vollkommenen Normalität statt, in der ihre Altersgenossen am Strand vom Surfen entspannen.
Für mich war die Lektüre ungeheuer lehrreich und geradezu unheimlich plastisch – das soldatische Rotwelsch, die Sprüche, die Mode, die Musik, die Interessen kamen mir schnell vor wie meine eigene Jugend, obwohl die ganze Situation ferner und fremder nicht sein könnte, wenn man zufälligerweise in einer friedlichen deutschen Großstadt ohne Krieg und Armee aufgewachsen ist.
Das beschriebene Sterben wird umso grauenvoller, da es nicht quantifiziert wird, sondern an wenigen dem Leser ans Herz gewachsenen Protagonisten vorgeführt wird.
Beginnt man auch noch über diese kleine Einheit hinaus zu denken und sich gar auszumalen, wie viele Menschen auf der „anderen Seite“ ganz genau so elend verrecken in einem Konflikt, der so unlösbar erscheint, kann man wirklich in Depressionen versinken. Leshem selbst tröstet sich übrigens über das Internet:

"Ich bin mir ziemlich sicher: Es wird keine Lösung geben. Aber seit einigen Monaten bin ich auf den Seiten von Facebook, einem sozialen Netzwerk wie Myspace, registriert und chatte mit jungen Menschen aus Teheran und Damaskus. Wir tauschen Bilder aus, sprechen über den Alltag, aber nicht über Politik. Wenn jeder der 300.000 bei Facebook registrierten Israelis mit einem Menschen im Iran spräche, würde das viel verändern. Plötzlich stellt man fest, dass sie ganz anders sind, als man dachte, oder als man zu denken erzogen wurde."

Na hoffentlich!

Ein Hoch auf das Internet.

Und lest trotzdem das Buch.

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