TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Donnerstag, 7. Juli 2011

Nun ist der Irrsinn vollständig ausgebrochen.

Als die marodierenden Finanzjongleure vor drei Jahren die Welt in den Abgrund führten und man dann auf die grandiose Idee verfiel der Kapitalismus 2.0 bedeute Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, gab es eine kleine Anstandspause bei den Gewinnexplosionen.
Ab sofort sollten die Finanzmärkte reguliert werden, es sollte eine Bankenabgabe eingeführt werden und die Allmacht der privaten drei Ratingagenturen, die zuvor wertlose Schrottpapiere mit Bestnoten angepriesen hatten, sollte gebrochen werden.

Gekommen ist davon nichts.

Es wird wild spekuliert wie eh und je, die Banken geben gar nichts ab und erst recht nicht gibt es eine Finanztransaktions- oder Tobinsteuer.
Es ist sogar noch absurder.

Nachdem nun "Standard & Poor's Ratings Services" und „Moody's Investors Service” ihren damaligen Fehler NICHT wiederholen und sowohl Griechenland als auch Portugal keine Bestnoten mehr ausstellen möchten, passt es den Politikern wieder nicht.
Nein, Frau Merkel und ihre Kollegen schäumen.
Sie verlangen, daß die rating-Noten nicht gesenkt werden dürften.
Ein offensichtlich zahlungsunfähiges Land soll also für zahlungsfähig erklärt werden.
Wegen der Märkte.

Hat Frau Merkel den Schuß nicht gehört?

Wenn ihr das Moody’s und S&P-rating nicht gefällt, braucht sie sich ja nicht danach zu richten.
Niemand muß sich an die Empfehlungen einer privaten Firma halten.

Aber von Botanikern zu verlangen sie sollten ab sofort die Farbe der Blätter als pink definieren, ist mehr als lächerlich.

Die Rüstungskanzlerin hat sich statt des Regierens inzwischen vollkommen auf Beugung der Realität verlegt.

In der Unionsfraktion verteilen sie jetzt schon kleine Hochglanzbroschüren, die in jede Tasche passen. Die Politiker können sie immer bei sich tragen. "Dem Land geht es gut", steht darauf, und: "Eine Zwischenbilanz der christlich-liberalen Koalition". Innen drin 60 Seiten Uns-geht's-doch-gut, 60 Seiten Erfolgsmeldungen, von Themen wie "Wohlstand" bis "Internationale Politik".
(Spon 07.07.11)

In Berlin ist also alles super.
So super funktioniert die Finanzwirtschaft, daß sich die DAX-Vorstände von 2009 auf 2010 lockere 22 % Gehaltszuschlag genehmigten.

Von solchen Zuwächsen können normale Arbeitnehmer nur träumen: Durchschnittlich 4,5 Millionen Euro verdiente ein Chef eines Dax-Konzerns im vergangenen Jahr, und damit fast 22 Prozent mehr als 2009. Das geht aus einer Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) hervor, die die Bezüge von Dax- und M-Dax-Vorständen untersucht hat. Damit kassieren die wichtigsten Konzernlenker im Land wieder so viel wie vor der Finanzkrise. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer konnte dagegen kaum die Inflation kompensieren. Er kam laut Statistischem Bundesamt 2010 nur auf einen Lohnzuwachs von brutto 2,2 Prozent.
(Jahel Mielke 07.07.11)

Wer gar keine Arbeit hat, braucht hingegen kein Geld.

Die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rechnet für das kommende Jahr mit sinkenden Ausgaben für das Arbeitslosengeld II. Dafür sind 19,5 Mrd. Euro vorgesehen und damit 900 Mio. weniger als in diesem Jahr geplant, wie aus dem Reuters am Dienstag vorliegenden Haushaltsentwurf hervorgeht. Auch die Mittel für Förderprogramme der Hartz-IV-Bezieher werden um 900 Mio. Euro auf 4,4 Mrd. Euro verringert.
(Reuters 05.07.2011)

Die Vereinten Nationen erklären inzwischen Deutschland im fünften Länderbericht des UN-Wirtschafts- und Sozialausschusses für „beratungsresistent“ - nirgendwo klaffen reich und arm so sehr auseinander, nirgendwo wird Bildung und Kinderbetreuung so sehr vernachlässigt.

Die UN kritisiert eigentlich alles, was den Alltag in Deutschland ausmacht: die schlechte Integration von MigrantInnen, die im Osten im Vergleich zum Westen doppelt so hohe Arbeitslosenquote, zu wenige Frauen in Führungspositionen, die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fehlende Kitaplätze, ein überholtes Frauenbild und klischeehafte Geschlechterrollen. Moniert werden auch Gewalt in der Familie, die hohe Kinderarmut, Studiengebühren oder die Diskriminierung trans- und intersexueller Menschen.
Als positiv interpretiert man die gesunkenen Arbeitslosenzahlen, den Kinderschutz und die Idee der häuslichen Langzeitpflege.
Die Kritik an sich ist nicht neu: Die UN übte sie bereits mehrfach. Doch jetzt heißt es in dem Papier: "Der Ausschuss ist tief besorgt darüber, dass viele seiner früheren Empfehlungen … nicht umgesetzt wurden." Die UN rät Deutschland, dies zu ändern. Und fordert den "Vertragsstaat nachdrücklich dazu auf, zu erwägen, durch die Annahme von Quoten" die Diskriminierung von Frauen mit Führungsanspruch abzuschaffen und darüber aufzuklären, "dass Mädchen und Jungen gleiche Berufschancen offenstehen". Vor allem aber sollte die Kinderarmut bekämpft werden. 2,5 Millionen Kinder leben aufgrund des geringen Hartz-IV-Satzes unter der Armutsgrenze, kritisiert die Organisation. Jedes vierte Kind gehe ohne Frühstück zur Schule.

(Simone Schmollack 06.07.2011)

Immerhin ist der Bundestag in einer finanziellen Angelegenheit aktiv geworden.
Sie haben sich letzte Woche die Diäten um 584 Euro pro Monat erhöht.

Die 620 Abgeordneten im Bundestag können sich schon bald auf ein höheres Einkommen einstellen. In zwei Schritten, 2012 und 2013, werden die Diäten um jeweils 292 Euro steigen. Darauf verständigten sich die Fraktionen von Union, SPD und FDP im Grundsatz, wie am Montag aus Koalitionskreisen zu erfahren war.
(Spon 27.06.2011)

Und noch eine finanzielle Angelegenheit wurde geklärt.
Die Entschädigung für die rund eine Million in christlichen Kinderheimen gequälten Kinder wurde verabredet.
Ein Drittel soll der Bund, also der Steuerzahler übernehmen.
Genauer gesagt soll Familienministerin Schröder die Summe von 40 Millionen Euro berappen. Das passt doch - demnach wird bei den Kindern von heute das Geld weggenommen, um die vergewaltigten und misshandelten Kinder von damals zu „entschädigen“.

Schwarz-Gelb will Kinder und Jugendliche für Entschädigung der Heimkinder zahlen lassen.
Es wäre katastrophal, wenn der Bundesanteil für die Entschädigungsleistungen für ehemalige Heimkinder in Höhe von 40 Millionen Euro maßgeblich aus Mitteln des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert werden muss. Denn diese Summe muss im schmalen Etat des Ministeriums an anderer Stelle eingespart werden. In der Konsequenz bedeutet diese Entscheidung, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen einen hohen Preis für das Leid der ehemaligen Heimkinder zahlen müssten.
(Katja Dörner Sprecherin für Kinder und Familienpolitik, und Sven-Christian Kindler. PM Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen NR. 0598 vom 7. Juli 2011)

Gestern hat ein 48-Jähriger Mitarbeiter der Bundestagspolizei die Poststelle des Bundestags ausgeraubt.
Der Frust bei seiner Arbeit hatte allerdings so sehr an ihm gezehrt, daß er sich kurz nach der Tat selbst erschoss.
Er hatte also nicht mehr viel von seiner Beute.

Der Mann hatte offenbar am Mittwochabend gegen 19 Uhr die Filiale in dem Gebäude in unmittelbarer Nähe des Reichstags überfallen. Die Beute verstaute er in einer Tragetasche. Nach Polizeiangaben war der Mann mit einer Papiertüte maskiert, bedrohte die 42-jährige Postangestellte mit einer Schusswaffe. Als die Frau der Forderung nach Bargeld nur langsam nachgekommen sei, habe er ihr mehrfach mit der Waffe auf den Hinterkopf geschlagen, teilte die Polizei mit.
(dpa, 07.07.11)

Der Wahnsinn seiner Umgebung hatte schon zu sehr auf ihn abgefärbt.

Es wundert mich nicht.

Es wundert mich schon gar nicht, wenn jemand zur Flasche greift, der im Bundestag Abgeordneter ist.

Wenn man zudem auch noch zur CDU/CSU-Fraktion gehört, halte ich schweren Alkoholismus sogar für zwingend geboten.
So wie beim CDU-Fraktionsvize Schockenhoff, der letzten Samstag nach einem Kreismusikfest in Baindt im Kreis Ravensburg beim Ausparken ein Auto schrottete und Fahrerflucht beging.
Laut Polizeibericht habe eine noch in der Nacht des Festes genommene Blutprobe eine Alkoholkonzentration "von deutlich über zwei Promille" ergeben.
Heute wendet sich der CDU-Fraktionsvize mit den Worten „ich bin krank und brauche Hilfe“ an die Presse.

Noch Fragen?

"Ich habe es mir lange nicht eingestanden, sagte der Parlamentarier der Onlineausgabe der Schwäbischen Zeitung. "Aber ich bin krank und brauche Hilfe." Die eigentliche Tat hatte er in einer früheren Mitteilung bereits zugegeben und sich für sein Verhalten entschuldigt. Nach eigener Aussage wollte er den Parkunfall am nächsten Tag der Polizei melden. Die förmlichen Ermittlungen konnten eingeleitet werden, weil der Bundestag nicht innerhalb der vorgeschriebenen 48 Stunden mit Verweis auf Schockenhoffs Immunität widersprochen hatte.
[…] Dem Abgeordneten wurde am Donnerstag auch der Führerschein entzogen. Dagegen hatte er zunächst Widerspruch eingelegt. Zu einem Bericht des Kölner Stadt-Anzeigers, wonach er bereits zweimal wegen Alkohols Gegenstand von Beratungen im Immunitätsausschuss gewesen sei, sagte er: "In solchen Fällen besteht eine Verjährungsfrist nach zehn Jahren. In den letzten zehn Jahren hat es nichts gegeben." Schockenhoff bestätigte einen Vorfall in den 1990er Jahren, der im Immunitätsausschuss behandelt worden sei.
(Sueddeutsche.de 07.07.2011)

Freitag, 19. November 2010

Wie der Herr, so das Gescherr.

Qualis dominus, talis et servus
(Wie der Herr, so auch der Sklave - Titus Petronius)

14 Monate nach der letzten Bundestagswahl dürfte wohl niemand mehr abstreiten, daß unsere politische Führungsriege vollkommen unfähig, faul, stümperhaft, lobbyhörig*, tatenlos und dummdreist agiert.

Vizekanzler und Co-Koalitionär Seehofer sind psychiatrische Fälle, die Chefin mauschelt, murxt und mogelt sich durch.
Wie so oft in Deutschland wird völlige Tatenlosigkeit aber geschätzt im Wahlvolk. Die Umfragen für CDU und FDP ziehen seit ein paar Wochen wieder an. In BW ist die prognostizierte Mehrheit für Rot/Grün schon wieder futsch. Nun sieht es wieder gut aus für Mappus.

Nichts fürchtet der Bundesteutone so sehr wie echte Reformen - auch und gerade weil er unablässig die Reformunfähigkeit und Verkrustung Deutschlands beklagt.

Steuerreform und Gesundheitsreform sind inzwischen einfach abgesagt worden, Schäuble hat keine Lust und Rösler will nicht.
Seine ganze Agenda ist mit der einseitigen Belastung der Versicherten* bereits abgegolten.

Brüderle Leichtfuß begnügt sich damit seiner Klientel Geschenke zu machen.


Steuerabkommen mit Singapur: FDP macht weiter Klientelpolitik.
Die Klientelpolitik der FDP dehnt sich auf immer mehr Politikbereiche aus – jetzt sind die Steuerhinterzieher an der Reihe. Nicht anders ist die Position von Wirtschaftsminister Brüderle zu verstehen, in den Verhandlungen über eine Teilrevision des Doppelbesteuerungsabkommens mit Singapur das Freistellungsverfahren durchzusetzen. Hätte der Wirtschaftsminister damit Erfolg, müssten in Singapur erzielte Gewinne deutscher Anleger nur noch in dem als Steueroase bekannten Stadtstaat besteuert werden. In Deutschland würden diese Gewinne von einer Besteuerung freigestellt werden. Seit aber in Europa glücklicherweise die Steuerhinterziehung mit immer mehr kleinen Schritten erschwert wird, hat sich Singapur zu einem zentralen Zielstaat für Fluchtkapital entwickelt. Und die aus diesem Kapital erzielten Erträge will Rainer Brüderle nun in Deutschland nicht mehr versteuern – es klingt, als wolle Brüderle die Steuerhinterziehung legalisieren.
[…] Brüderle entlarvt damit erneut, wofür die FDP steht: Sie vertritt die Interessen derjenigen, die in Deutschland am liebsten keine Steuern zahlen möchten, aber dennoch die Infrastruktur in Anspruch nehmen. Damit belastet sie all diejenigen mehr, denen Verlagerungsmöglichkeiten nach Singapur nicht offen stehen.
(PM der Bü90/Grünen-Fraktion NR. 1109 vom 20. September 2010)

Alle fünf FDP-Ministerien sind, wie nicht anders erwartet, in Agonie verfallen.
Getan wird einfach nichts. Außenpolitik findet zum Beispiel gar nicht statt.
Offenbar war das aber gewünscht, sonst hätte die Kanzlerin keinen außenpolitischen Laien in das Amt gehievt.
Auch der Totalausfall in der Bildungs- und Forschungspolitik ist gewollt - schließlich hatte Schavan schon von 2005 - 2009 bewiesen, wie sie das Ministerium führt: Indem sie in Kataplexie verfällt, die Füße stillhält, die föderalen Strukturen nicht anrührt und bis zur nächsten Wahl ein Nickerchen macht.
Zwischendurch hat sie REM-Phasen, in denen sie in Aktionismus verfällt - bisher aber ohne den geringsten Erfolg.

Bundesbildungsministerin produziert Flops am laufenden Band.
Das naechste Prestigeprojekt der Bundesbildungsministerin wird nun beerdigt: Mangels Interessenten wird das 2007 gross angekuendigte "Freiwillige Technische Jahr" Ende September eingestellt. Das Stipendienprogramm implodiert, die Zukunftskonten Bildung auf Eis gelegt, die Bildungsbuendnisse bis 2013 verschoben, das Technikum jetzt wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Die Liste der Flops aus dem Hause Schavan wird immer laenger.
Es genuegt nicht, wenn die Bundesregierung mehr Geld fuer Bildung und Forschung ankuendigt und vor sich her traegt, aber leider gerade im Bildungsbereich nicht dazu kommt, diese Mittel zielgerichtet und haushaltswirksam fuer erfolgreiche Vorhaben einzusetzen. Von den aktuell sieben Haushaltssperren im Etat 2010 ueber eine Gesamthoehe von rund 2,8 Milliarden Euro sind auf Antrag der schwarz-gelben Koalition gerade einmal 3,5 Millionen Euro, also 0,1 Prozent, fuer einen Wettbewerb fuer wissenschaftliche Weiterbildung teilentsperrt.
Mit lediglich auf dem Papier stehenden Mitteln, die nicht verausgabt oder gar vergeudet werden, ist wirklich niemandem geholfen. Ministerin Schavan darf nicht immer nur ankuendigen, sie muss endlich auch liefern.
(PM der SPD-Fraktion Nr 1126 vom 26. August 2010)

Einige der usual suspects unter den Großkommentatoren wundern sich noch ein bißchen über Wolfgang Schäuble, der ebenfalls konsequente Arbeitsverweigerung betreibt.
Sollte die mit großer Mehrheit ausgestattete schwarz-gelbe Koalition nicht die Zeit nutzen, um endlich grundlegende Steuervereinfachungen und Entflechtungen vorzunehmen?

Ich wundere mich über diese Mahnungen.

Schon 2005 hatte man uns die Vorteile der großen Koalition damit schmackhaft gemacht, daß eine so breit aufgestellte Mehrheit in beiden Parlamentskammern endlich all das durchsetzen könne, das dringend notwendig sei, das man sich vorher über Dekaden nicht traute.
Aber schon die vier Jahre hatte Merkel ausgesessen und mit ihrer berühmten Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ Mehltau über das Regierungsviertel gelegt.
Bis auf die Reformen, die SPD-Minister allein durchziehen konnten, passierte dementsprechend auch NICHTS.
Wie albern von Claus Hulverscheidt anzunehmen, daß Schäuble in einer kleinere Koalition, in der die Schwergesichte durch fünf tatenlose Gurkentruppler subsituiert wurden, aktiv würde.

Sein erstes Jahr als oberster Steuerreformer des Landes hat Wolfgang Schäuble vor allem damit zugebracht, den Bürgern zu erklären, was alles nicht geht: Steuersenkungen vergrößern demnach das Haushaltsloch, Steuervereinfachung ist zu teuer, gegen die Abschaffung der Gewerbesteuer rebellieren die Kommunen, und mit einer Beseitigung der ebenso zahlreichen wie wirren Mehrwertsteuer-Ausnahmen würden zu viele Interessengruppen vor den Kopf gestoßen.
[…] Ein […] umfassendes Paket aus Steuervereinfachungen, Steuerentlastungen, kommunalen Finanzhilfen und der Kappung von Mehrwertsteuer-Ausnahmen ließe sich durchaus schnüren.
[…] Für all das bräuchte es allerdings jemanden, der zeigt, dass es geht. Zum Beispiel den Bundesfinanzminister.
(Claus Hulverscheidt in der SZ am 19.11.10)

Aber nun zum „Gescherr“.
Auch die zweite Reihe der Schwarzgelben ist komplett überfordert in ihren Jobs.

Bernd Neumann, der Kulturstaatsekretär legt gemütlich die Hände in den Schoß, während die Länder ob der Geldknappheit Kulturleistungen zusammenstreichen.

Die Integrationsstaatsekretärin hat sich auf Symbolisches verlegt, während ihre Leute sich in Xenophobie üben.

Maria Böhmer (CDU), will am 1. Dezember bei einer Feierstunde im Bundeskanzleramt in Berlin acht Integrationsmedaillen verleihen, wie die "Passauer Neue Presse" unter Berufung auf Regierungskreise berichtet.
(AFP 19.11.10)

Beim vierten Integrationskaffeekränzchen kündigte Frau Böhmer an Integrationskurse einzuführen.
Tolle Sache.
Deswegen wird jetzt auf’s Tempo gedrückt und schon in circa sechs oder sieben Jahren könnte es so einen Kurs für alle Migranten (die dann noch da sind - im Moment leidet Deutschland unter Netto-Abwanderung) geben!

Allerdings räumte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein, man könne erst in fünf bis sieben Jahren allen Migranten, die einen Integrationskurs absolvieren wollen oder müssen, einen Platz anbieten. Soviel zu den Leistungen.
(FR 03.11.10)

Meine Lieblings-Staatssekretärin ist aber die religiöse Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans, die sich darauf konzentriert der Pharmaindustrie Milliönchen zuzuschieben und ansonsten alle Drogen-spezifischen Probleme konsequent ignoriert.

Die Bilanz der neuen Drogenbeauftragten ist erschreckend.
Mechthild Dyckmans ist bislang nur als Bremserin aufgefallen. Sie hat die Vorschläge ihrer Vorgängerin Sabine Bätzing zur Alkohol- und Tabakprävention aus Rücksicht auf die Industrie einkassiert. Eine auch aus den Reihen der Liberalen geforderte Entkriminalisierung weicher Drogen lehnt sie ab. Den repressiven Kurs bei den illegalen Drogen setzt sie unbeirrt fort.

Substanzielle Vorstöße, wenigstens die Behandlung und die Schadensminderung bei Konsumenten illegaler Drogen zu verbessern, sind von Frau Dyckmans nicht in Erinnerung. Zuletzt sprach sie sich gar für eine Abschaffung des Sportwettenmonopols aus. Ohne Not hat sie 2010 auf den Drogen- und Suchtbericht verzichtet und der Aktionsplan Drogen und Sucht ist bislang nur vage angekündigt.
Diese Art der Tatenlosigkeit darf sich in den nächsten Jahren nicht fortsetzen.
(PM der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Nr. 1363 vom 18. November 2010)

Falls also mal ein Minister hinwerfen sollte, können aus der Garde der Staatssekretäre genauso Unfähige nachrücken.

Beruhigend zu wissen.



*Abzocke und Drei-Klassen-Medizin.
Der Beitragssatz wird um 0,6 auf 15,5 Prozent angehoben und dabei festgefroren. Alle weiteren Kostensteigerungen gehen einseitig zulasten der Versicherten und der Steuerzahler, da sie in den Zusatzbeitrag im Sinne einer kleinen Kopfpaushale hineinlaufen.
Das ist der Sinn der Reform: Die dauerhafte Entlassung der Arbeitgeber aus der Paritaet. Weil die Arbeitgeber aber an der Steigerung der Kosten in Zukunft nicht mehr beteiligt sein werden, werden sie fuer die Arbeitnehmer genau doppelt so schnell steigen: Weniger Netto vom Brutto fuer jeden Versicherten.
[…] Das ist der Ausstieg aus einem Solidarsystem von mehr als 100 Jahren Tradition. Jeder, der es sich leisten kann und oberhalb der Versicherungspflichtgrenze von rund 50.000 Euro pro Jahr verdient, kann zukuenftig bereits nach einem Jahr in die private Krankenversicherung wechseln. Bisher musste er mindestens drei Jahre warten nach dem Erreichen der Verdienstgrenze. Die privaten Versicherungskonzerne bekommen so die Belohnung von der FDP fuer die lange gemeinsame politische Arbeit.
In Zukunft duerfen Aerzte ihren Patienten fuer die Behandlung die Kostenerstattung fuer die Dauer von mindestens drei Monaten anbieten. Dies ist eine Art der Vorkasse, auch wenn der Minister diesen Ausdruck nicht fuer richtig haelt, aber er beschreibt die Lage genau. Der Patient bezahlt dabei naemlich den Arzt nach den Regeln der privaten Krankenversicherung, der Gebuehrenordnung der Aerzte, aus eigener Tasche, und bekommt dann nach der Weitergabe der Rechnung an seine Krankenkasse nur den Betrag erstattet, den die gesetzliche Krankenkasse bezahlt haette. Im Durchschnitt bleibt der Patient dabei auf etwa 50 Prozent der Kosten sitzen, einschliesslich einer Verwaltungsgebuehr, die er entrichten muss.
Niemand braucht eine solche Abzocke. Wenn der Arzt nur bei Vorkasse bereit ist, einen schnellen Termin zu vergeben, oder bei Vorkasse eine bessere Behandlung verspricht oder sich die drei Augenaerzte einer Kleinstadt verstaendigen, Vorkassepatienten zu bevorzugen, dann hat der kranke Patient keine echte Wahl. Es handelt sich um Abzocke, nicht um Wahlfreiheit.
Genau wie die Aufzahlung bei Arzneimitteln wendet sich diese Regelung gegen die Kranken und die Aelteren, die es sich nicht leisten koennen, mit dem Arzt zu verhandeln und ihm ausgeliefert sind. Bei der Terminvergabe und der Behandlungsqualitaet ist der Einstieg in die Drei-Klassen-Medizin somit vollzogen. Privat geht immer vor, dann kommt Vorkasse und schliesslich der normale gesetzlich Versicherte ("Holzklasse"), wobei auch diese dritte Klasse durch die Beitragssatzerhoehung und die Zusatzpraemien teurer wird.
(PM der SPD-Fraktion Nr 1561 vom 12. November 2010)

Donnerstag, 12. August 2010

Altersfragen

Gelegentlich rutscht mir der Satz „wenn ich später mal groß bin….“ aus dem Mund.
Damit weine ich nicht verpassten Karrierechancen hinterher, sondern gebe nur zu erkennen, daß ich den Prozess des Erwachsenwerdens noch nicht abgeschlossen habe.
Man lernt ja nie aus.
Ständig zieht man sich Informationen rein und kommt zu weiseren Schlüssen.

Die Kehrseite meiner Denke ist die, daß ich jüngeren Menschen grundsätzlich misstraue.
Das sind Küken, die noch gar keine Ahnung vom Leben haben.

Am schlimmsten ist es im Krankenhaus, wenn da auf einmal ein Arzt Anordnungen und Diagnosen mitteilt, der oder die offensichtlich jünger als ich ist.
Pah. So jemanden kann man doch nicht ernst nehmen?
Was wissen die schon?

Daß nun schon Kinder Regierungsämter haben, kann ja nur ins Chaos führen.
Ich kann Politikern, die jünger als ich sind grundsätzlich nicht trauen.
Rösler, Schröder, Guttenberg, Christoph Ahlhaus und David McAllister KÖNNEN nicht gut sein, wenn die sogar jünger als ich sind.

(Allerdings gelegentlich älter aussehen)





Was wissen die denn schon?
Die Schröder lag noch in den Windeln als ich schon zur Schule ging.
Die Praxis zeigt ja auch ganz eindeutig, daß sie keine Ahnung von Politik hat.

Habe ich vielleicht ein etwas starres Altersbild?

Ich muß zugeben, daß ich durchaus erschreckt bin, wenn man über 30-Jährige Sportler gelegentlich liest, daß sie nun wirklich langsam aus Altersgründen aufhören müßten.

Ganz bestimmt könnten sie das Leistungsniveau der „Aktuellen Generation“ nicht mehr erreichen.
Im Tennis gelten 25- Jährige schon als alte Hasen.

Die Weißrussische Turnerin Swetlana Boginskaja, die dreifache Olympiasiegerin und fünffachen Weltmeisterin (1986 - 1992), stach aus dem Turnbetrieb hervor, weil sie riesengroß war - nämlich 1,61 m.
Damit überragte sie ihre Konkurrentinnen um Haupteslänge.
Boginskaja hatte darüber hinaus noch nie gesehene Körpermerkmale. Sie hatte sowas wie einen Busen und ansatzweise weibliche Rundungen. Shocking.
Bei den anderen brettartigen laufenden Metern wurden derartige Behinderungen strikt ausgesondert.
Ich erinnere mich an Swetlana Boginskaja, da ich einmal zufällig in eine Übertragung zappte, in der die damals 19-Jährige hartnäckig als „Turn-Oma“ bezeichnet wurde.
Die Gerontin des Leistungssports wagte sogar nach ihrem Rücktritt ein Comeback und gewann im wahrhaft biblischen Alter von 23 Jahren noch eine EM-Silbermedaille.

Was kommt als nächstes?
Jopi Heesters als BRAVO-Pin-up-boy?

Nein, Berufe haben spezielle Altersgrenzen, die man nicht über- oder unterschreiten soll.

Politiker sollen graumeliert sein, Nachrichtensprecher jungendlich, Ärzte nicht unter 50, Vlogger Teenager, Bischöfe über 60, Kardinäle über 70 und Päpste über 80.

Ein schöner Beruf für Twens ist „Popstar“. Sex, drugs and Rock’n Roll verkürzen die Lebenserwartung ohnehin ganz gewaltig.

Ein Forscherteam unter Mark Bellis von der Universität Liverpool analysierte die Lebensläufe von 1.064 Größen des Pop, die zwischen 1956 und 1999 berühmt wurden und deren Alben bei der Jahrtausendwende auf der Liste der "All time Top 1.000" rangierten.
(taz)

Lange hält der gemeine Superstar aber nicht durch.
Die sind einfach zu zerbrechlich.

Bellis ermittelte für die nordamerikanischen Stars eine durchschnittliche Lebenserwartung von 42 Jahren, und ihre Kollegen aus Europa kommen sogar nur auf 35 Jahre.
"Die Popstars haben nach dem Erlangen ihres Ruhms ein etwa doppelt so hohes Sterberisiko wie andere Menschen", so der Epidemiologe. Die Ursachen für das frühe Ableben reichen von Selbstmord über Aids bis zu Autounfällen, doch sie spielen allenfalls eine Nebenrolle gegenüber dem Drogenkonsum, der für mehr als jeden vierten Todesfall verantwortlich ist.

(taz)

Künstler und Kreative sind angeblich ja ohnehin alle Psychos - da greift man gewissermaßen zwangsläufig zur Droge.

Sie war die Erste, die völlig bedenkenlos zwischen Film und Leben pendelte und das Innerste zur öffentlichen Angelegenheit machte. Sie war eine wirkungsstarke, eine wirkungssüchtige Borderline-Heldin: Lange vor Britney Spears oder Lindsay Lohan oder Kate Moss hat.
[…] Sie nahm Männer, sie mischte Whisky in den Rotwein, sie nahm Tabletten, sie nahm fast jede Droge, doch eine vor allem: die Kamera.
[…] Sie und Meyen sind zwei Süchtige und Borderliner, die sich in ewigen Zyklen aus Selbstvergötterung und Leere, Hochstimmung und Angst und Einsamkeit aneinanderklammern. Sie nehmen Tabletten, Optalidon und Staurodorm in erster Linie. Dazu viel Alkohol.
Heute weiß die Kreativitätsforschung, dass die narzisstische Störung nicht Ergebnis des Ruhms ist, sondern dessen Ursache. Nicht die allgemeine Akklamation macht verrückt, sondern es ist die Verrücktheit, die zur Akklamation führt. Psychiater Borwin Bandelow, ehemaliger Rockgitarrist und Autor des Buchs "Celebrities.
Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein", in einem Gespräch mit dem SPIEGEL: "Wer es im Showbusiness bis ganz nach oben schafft, kann kein ganz gesunder Mensch sein." Romys Kollege Peter O'Toole weiß das längst: "Jenseits der Leinwand haben Schauspieler überhaupt kein Ego", sagte er. "Sie müssen eine Rolle spielen, um die Wirklichkeit zu spüren, und sie brauchen Aufmerksamkeit, um sich lebendig zu fühlen, sie schwanken ständig zwischen Hochstimmungen und Depression."
Wer Romy Schneiders Tragödie verstehen will, muss nicht das feministische oder politische Besteck bemühen, sondern er muss die Schauspielkunst verstehen. Sie und die Sucht, diese Krankheit der Kreativen. Die Sucht nach Liebe, nach Applaus, nach Alkohol, von allem immer mehr, und das gilt nicht nur für die "Rampensäue", sondern für viele Künstler - von den ersten sechs US-Literaturnobelpreisträgern waren fünf Alkoholiker.

(Matthias Matussek über Romy Schneider am 21.05.2007)

Der Göttinger Psychiater Borwin Bandelow sieht hingegen in den inneren, charakterlichen Dispositionen der Musiker einen Hauptkeim für deren Probleme: Nicht der Showrummel mache sie psychisch auffällig, sondern viele würden es nur deshalb nach oben schaffen, weil sie eben nicht "normal" seien. "Sie zeigen die Merkmale einer Borderlinestörung: Depressionen, Suizidversuche, Selbstverletzungen, ein Hang zu Drogen und Impulskontrollstörungen", so der Angstexperte. Hinzu kämen Bindungsängste sowie eine dauernde Unzufriedenheit, "ein Gefühl der Leere, das die Betroffenen ständig durch neue Kicks zu vertreiben suchen".
(taz)

So einfach ist das - alle Künstler sind irre Borderliner, müssen sich deswegen mit Drogen vollpumpen und geben daher unweigerlich mit Mitte 30 den Löffel ab.

Gut zu wissen.

Also ist der künstlerische Zug in meinem hohen Alter schon lange abgefahren.

Samstag, 26. Juni 2010

Staatliche Regeln

In diesem schönen Land haben wir Bürger allerlei Freiheiten.
Das ist nett.
Alle Freiheiten gibt es natürlich nicht.
Keine Freiheit darf so weit gehen, daß sie beliebig andere Wesen oder die Umwelt beeinträchtigt.

Wo genau die Trennlinie zwischen akzeptablen Freiheiten und gefährlichen Freiheiten liegt, bestimmt der Staat. Das ist zunächst einmal zu begrüßen - welche übergeordnete Instanz käme sonst dafür in Frage?
Der Verlauf der Trennline ist in einigen Bereichen unumstritten.

Ich darf mir zuhause mit dem Hammer auf den Fuß hauen, kann aber nicht raus gehen und einem beliebigen Passanten auf den Kopf schlagen.

Ich darf Kastenweise häßliche Geranien in den Garten stellen; ich darf aber kein Faß mit Giftmüll auskippen.

Das Prinzip klingt einfach und notwendig.

Unglücklicherweise ist die notwendige Neutralität, auf die der Staat beim Setzen der Grenzen fußt, nicht immer gegeben.

Manchmal mäandert der Grat zwischen Legal und Illegal im Nebel umher.

Ich darf unbehelligt eine Stange Zigaretten und ein Fass Rum konsumieren. Bei anderen Genußmitteln, die womöglich sogar harmloser sind, sieht das schon anders aus.
Nehme ich statt Rum einen Joint, gibt es Ärger mit der Polizei.
Dabei hängt der Umfang des Ärgers auch noch davon ab, wo ich mich zufällig befinde.
Berlin hat eine Haschisch-Eigenkonsum-Grenze von 15 g - so viel kann man dabei haben, ohne in den Knast zu müssen. In Bayern werden 15 g schon streng verfolgt.

Besonders eigenartig wird die Differenzierung zwischen Erlaubten und Unerlaubten, wenn es ausschließlich um die Gefährdung der eigenen Person geht.

Das Leben ist eine ausschließlich auf sexuellem Wege
übertragene Krankheit, die in 100% der Fälle tödlich endet.


So viel steht unverrückbar fest. In grotesker Weise setzt nun der Staat Standards, ob und wie man dieses tödliche Ende vorverlegen darf.

Viele todbringende, oder zumindest stark gesundheitsschädigende Aktivitäten sind völlig akzeptiert und werden massenhaft praktiziert.

Dazu zählen Reiten, Boxen, Wein trinken, Zigarre rauchen, Extrembergsteigen, Sonnen, Schlaftabletten nehmen, Fastfood-Ernährung, Skiurlaub, Motorradfahren oder Haare-färben (steigert das Blasenkrebsrisiko).

Andere Methoden sind streng verboten, wie zum Beispiel: Magensonde verweigern, Beatmungsmaschine abstellen, Kokain schnupfen oder Zyankali essen.

Was für den einen objektiv die Gesundheit beeinträchtigt, kann darüber hinaus für den anderen gerade "die Rettung" sein:

Man darf sich nicht ein gesundes Bein abhacken lassen. Basta. Auch nicht in dem Fall, daß man MIT dem Bein so unglücklich ist, daß einem nur der Suizid als Ausweg bleibt.

Unter dem Begriff „Apotemnophilie“ machte spätestens die berühmte BBC-Doku von 2000 dieses Leiden bekannt.
Zwei Fälle in Schottland haben eine Diskussion darüber ausgelöst, wie weit Selbstbestimmung gehen darf. Der Arzt Robert Smith aus Filkirk hatte 1997 und 1999 zwei Männern ihre gesunden Beine amputiert, einer der beiden war Deutscher.

Inzwischen wird statt des Begriffs „Apotemnophilie“, Body Integrity Identity Disorder, Kurzform BIID gesagt.
Menschen mit BIID haben den überwältigenden Wunsch sich Gliedmaßen zu amputieren, oder einen der Sinne, bzw die Beweglichkeit (Durchtrennung der Rückgrats) zu verlieren.
Offensichtlich empfinden sie sich selbst als so deutlich erblindet, querschnittsgelähmt, oder einbeinig, daß sie den tatsächlichen (vollständigen) Körper nicht ertragen können.


Einige gar nicht gesundheitsgefährdende Praktiken sind willkürlich verboten.

So dürfen zum Beispiel zwei (über 18-Jährige) Brüder, genauso wie zwei Schwestern miteinander Sex haben.
Nicht erlaubt ist aber Sex zwischen Schwester und Bruder.

Dahinter steckt neben altmodischen Moralvorstellungen die Sorge um den Nachwuchs, der ein höheres Erbkrankheitsrisiko hat.
Aber was ist mit einem Geschwisterpaar jenseits der Menopause? Oder mit einer sterilisierten Person, oder einem Hetero-Geschwisterpaar, das ausschließlich Analverkehr betreiben möchte?

Sie sind tatsächlich in ihren Freiheiten in Relation zu den homosexuellen Geschwistern benachteiligt.

Bei den offensichtlich willkürlichen genehmigten Methoden und Praktiken verwirrt darüber hinaus, daß sich diese Grenzen gelegentlich verschieben.

Sex zwischen zwei Männern ist jetzt straffrei; wurde einst schwer bestraft.

Bis gestern war passive Sterbehilfe nicht erlaubt.
Die Patientenverfügung hat nicht die juristische Durchschlagskraft, daß ein sterbewilliger Komapateint an der Beatmungsmaschine erlöst werden konnte.
Kein Arzt durfte das legal tun.
(Natürlich „tut man“ das dennoch im Krankenhaus - es gibt genügend verschleiernde Methoden. Ein „aus Versehen“ in einer kalten Nacht offen gelassenes Fenster neben einem Intensivpatienten kann schnell eine Lungenentzündung auslösen, die dann den letzten Rest gibt.)

Das BGH ist gestern bei seiner Grundsatzentscheidung weiter gegangen als man dachte - hat sich aber natürlich nicht getraut Sterbehilfe einfach zu erlauben.
„Aktiv“ ist gar nichts möglich und „passiv“ gibt es auch Grauzonen.

Wer nur noch von der Magensonde ernährt wird und dies aber vorher schriftlich ausdrücklich abgelehnt hatte, darf darauf hoffen, daß man ihm die Sonde entfernt.
Der Tod kommt dann durch Verhungern und ist erlaubt.
Nicht erlaubt ist der humanere Weg - beispielsweise Morphium letal zu dosieren.
Ein bißchen Quälerei hätten die Richter schon gerne noch.

Wenn man eine sehr schwere Krankheit hat; das eigene Leben nur noch an lebenserhaltenen Maßnahmen hängt, dürfen diese nur aufgrund einer Patientenverfügung eingestellt werden, wenn die Krankheit irreversibel ist.
Wenn man also ohnehin sterben würde, kann das Leiden verkürzt werden.
Bei nicht tödlichen Krankheiten muß man sich allerdings gefallen lassen gegen den eigenen Willen an der Beatmungsmaschine zu hängen.

Die BGH-Richter setzen also voraus, daß eine medizinische Unterscheidung zwischen irreversibel tödlich verlaufender Krankheit und möglicherweise reversibel verlaufender Krankheit zu treffen ist.

In der Praxis mit all den multimorbiden Patienten ist das natürlich großer Unfug, wie ich leider aus eigener bitterer Erfahrung weiß.


„Staatlich erlaubt“ bedeutet nicht - um das Chaos perfekt zu machen - „für jeden erlaubt“.

Ich darf beispielsweise nicht aus niederen Motiven ein Wirbeltier töten.
Hühnerzüchter dürfen das aber schon.
Es lohnt sich für sie aus rein finanziellen Erwägungen nicht männliche Küken groß zu ziehen; es ist sogar zu teuer frühzeitig das Geschlecht zu bestimmen.
Also werden jedes Jahr Millionen Hahn-Küken „geschreddert“.
Unfassbare 40 Millionen Hahn-Küken werden pro Jahr in Deutschland „vernichtet“ – insgesamt sind es in Europa jährlich sogar 300 Millionen.
Und weil es so häßlich klingt, haben wir dafür einen ganz besonders perfiden Euphemismus; Hähne kommen lebendig in den »Homogenisator«, einer Maschine mit rotierenden Messern, die sie zu Brei zermatscht. Die Hahnenküken sind für die Brütereien schlicht Abfall – diejenigen, die dem „Homogenisator“ entgehen, werden mit Kohlendioxid vergast.

Nach dem Tierschutzgesetz ist das illegal - aber da alle so gerne billiges Huhn fressen, werden alle Hühneraugen zugedrückt.

Ähnliche Grauzonen gibt es bei der Bewertung von tierischem Leben in der Pharma- und Kosmetikforschung.

Wie eingangs gesagt, darf ich keine Eimer mit Giftmüll rauswerfen.
Ich darf auch nicht runter zum Fleet gehen und da Chemikalien einleiten.

Andere dürfen das schon.
Die RWE, EnBW, E.on und Vattenfall-Herren beispielsweise haben nicht den geringsten Schimmer wo sie mit ihrem Myriaden Jahre tödlich strahlendem Müll abbleiben sollen.
Aber ihre Freundin Merkel läßt sie dennoch machen.

Atomkraftwerke dürfen auch Flüsse mit ihrem Kühlwasser soweit aufheizen, daß die Fauna abstirbt, während ich keinesfalls die Alster aufkochen darf, um zu sehen, wie die Schwäne verenden.

Die besten Sonderregelungen haben aber die sogenannten „Tendenzbetriebe“ wie die CDU, oder die Römisch-Katholische Kirche.
Sie unterliegen nicht normalem Arbeitsrecht und können sich allerlei rausnehmen.

Verkündungsnah arbeiten, menschenfeindlich bezahlen.

Das ist die Zauberregel. Wenn ein Kindergarten katholisch ist, kann man die Kindergärtnerin untertariflich bezahlen und sogar feuern, weil sie sich scheiden läßt, konvertiert, oder womöglich lesbisch wird.

Diese kirchlichen Extrawürste zuungunsten der Beschäftigten sind keineswegs nur gewohnheitsmäßig akzeptiert sondern immer wieder juristisch determiniert:

Kindergärtner und Sozialarbeiter im Dienst der Kirche haben außerdem weitreichende Loyalitätspflichten: Sie müssen die christlichen Glaubensgrundsätze auch in ihrem Privatleben beachten. Andernfalls droht ihnen die Entlassung. "Ein Kirchenaustritt zum Beispiel ist ein Kündigungsgrund", sagt Prof. Ulrich Hammer, Arbeitsrechtler aus Hildesheim. Er verweist auf ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Rheinland-Pfalz in Mainz (Az.: 7 Sa 250/08).
Darin erklärten die Richter es für zulässig, dass ein kirchliches Altenheim eine Pflegerin entlassen darf, wenn sie aus der Kirche austritt. Dies stehe weder im Widerspruch zur Glaubensfreiheit, noch verstoße es gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Die Kirchen hätten vielmehr das Recht, von Mitarbeitern "ein loyales und aufrichtiges Verhalten" im Sinne ihres eigenen Selbstverständnisses zu verlangen. Ärzte in einem Krankenhaus der Caritas oder der Diakonie riskierten außerdem ihren Job, wenn sie sich öffentlich für Abtreibungen aussprechen, ergänzt Kirchenrechtsexperte Hammer. Im Streit um dieses Thema hatte das Bundesverfassungsgericht 1985 im Sinne der Kirche entschieden (Az.: 2 BvR 1703/83).
Seitdem folgen auch die Arbeitsgerichte dieser Linie. "Das wäre also auch heute noch ein Grund für eine Entlassung", sagt Hammer. Denn Ärzte seien als Autoritätspersonen zu den "verkündungsnahen" Personen zu zählen. Letztlich müsse sich aber selbst der Pförtner oder Archivar einer kirchlichen Einrichtung mit solchen Äußerungen vorsehen. "Er kann sich zumindest nicht sicher sein, dass es ihm keinen Ärger bringt." Auch erneut zu heiraten, kann kirchlich Beschäftigten den Job kosten, wie das Bundesarbeitsgericht 2004 entschieden hat. In dem Fall war die zweite Ehe eines katholischen Kirchenmusikers erst nach seiner Einstellung bekanntgeworden. Prompt wurde ihm gekündigt - zu Recht, wie die Richter urteilten. Denn nach den Regeln der Kirche sei es ein schwerwiegender Verstoß, eine Ehe einzugehen, die nach dem Verständnis der Kirche ungültig ist (Az.: 2 AZR 447/03).
(SZ)

Es gibt also kein gleiches Recht für alle und es gibt auch kein vernünftiges Recht.

Sonntag, 2. Mai 2010

Der Christ des Tages. Teil XIX


Nein, nein, ich mache gar nicht alle Politiker schlecht.
Hin und wieder lobe ich sogar ausdrücklich und überschwänglich.

Über einen Berufspolitiker etwas Positives zu sagen, der in der Ära Westerwelle in der FDP aufstieg, ist allerdings extrem schwer.
Stammt dieser auch noch aus der Führung des hessischen Landesverbandes, besser bekannt auch als Roland-Koch-Apendix, sucht man vergeblich nach integeren Personen.
Die hessische Verwaltungsrichterin Mechthild Dyckmans, 59, ist so ein Fall von Antityp.

Seit 2005 sitzt sie im Bundestag und da es nach der Bundestagswahl 2009 reichlich Pöstchen zu verteilen gab, kam auch sie zum Zuge.
Als Mitglied der mächtigen Gruppe ''Christen in der FDP-Bundestagsfraktion'' stand ihr ein schicker Job zu.
Am 19. November 2009 wurde Dyckmans als Nachfolgerin von Sabine Bätzing zur Drogenbeauftragten der Bundesregierung ernannt.
Nach drei fachlich bewanderten Drogenbeauftragten, - Christa Nickels (GRÜNE, 1998–2001), Marion Caspers-Merk (SPD, 2001–2005) und Sabine Bätzing (SPD, 2005–2009), scheint sie nun die Tradition des total überforderten Eduard Lintners (CSU, 1992–1998) weiterzuführen.

Der Bayer war zu dem Job gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde und fiel schnell damit auf, daß er noch nicht mal die simpelsten Begriffe aus dem Drogenalltag kannte.

„Bürgerliche“ Drogenpolitik ist ohnehin von Ignoranz und Realitätsblindheit gekennzeichnet.
Die beiden Drogen die mit weiten Abstand die meisten Todesopfer fordern - Alkohol und Tabak - sind legal und spülen erfreuliche Steuermilliarden in die Kassen.
Die EU zahlt sogar Subventionen für den Tabakanbau.
Süchtige, also kranke und behandlungsbedürftige Menschen werden aber in die Beschaffungskriminalität getrieben.
So beschäftigt man sinnlos die Polizei, richtet einen Milliardenschaden an und sorgt dafür, daß die Knäste voll mit Junkies sind, die sich dort mit HIV, Hepatitis und Co infizieren.

Voller Ignoranz wird nach wie vor in den meisten Städten keine Heroin- oder Kokain-Abgabe an Schwerstsüchtige erwogen.
Mit medizinisch reinen Opiaten könnten die Betroffenen zwar wieder zu produktiven Mitgliedern der Gesellschaft werden und ein weitgehend normales Leben ohne Kriminalität führen, aber die Scheuklappen sind einfach zu groß bei CDUCSUFDP-Politikern.
Sie haben stattdessen lieber Kleinkriminalität, Elendsprostitution und Bandenkriege - und auch schön viele Drogentote, die an verunreinigten (oder zu reinem) Stoff verrecken.

Hysterisch war, ist und bleibt auch der Umgang mit THC.
Es wird verteufelt. So sehr verteufelt, daß man THC noch nicht mal für schwerkranke Krebs- und Aids-Patienten als Medikament zulassen mag.

Ich werde mich an dieser Stelle nicht zum Hanf-Guru aufschwingen, aber solange sich dieselben Politiker, die sich einerseits bei jeder Gelegenheit beim Stemmen dicker Bierhumpen feiern lassen, andererseits massiv gegen das erheblich harmlosere Marihuana einsetzen, kann ich konservative Drogenpolitik nicht ernst nehmen.

Marihuana ist nur deshalb eine sogenannte „Einstiegsdroge“, weil es übermäßig kriminalisiert ist und nur illegal erworben werden kann.
Natürlich kommt man in der Illegalität auch an andere „Stoffe“ ran.
Das müßte nicht sein, wenn man dem Beispiel Holland folgend andere Beschaffungswege hätte.

BTW:
Für einen im positiven Sinne „liberalen“ Politiker wäre es ohnehin zu überdenken, ob so ein Nanny-Staat gewünscht ist, der dem aufgeklärten und erwachsenen Bürger vorschreibt was er zu seinem Vergnügen tun darf und was nicht. Zu Tode saufen akzeptiert der Staat - und kassiert dabei die Branntweinsteuer - aber wenn sich jemand zu Tode fixen will, gehört er in den Knast? Wieso sollte sich nicht überhaupt jeder ERWACHSENE umbringen dürfen, wie er will? Obliegt es nicht lediglich dem Staat über Risiken aufzuklären? So wie auch der Staat über die Gefahren von Geschlechtsverkehr ohne Kondome aufklärt, sollte er auch über die Risiken beim Autobahnrasen, Medikamentenmissbrauch, Junkfood, Kokain-Schnupfen und Extremsport aufklären. Deswegen müßte man aber nicht den Beischlaf verbieten - Risiko auf eigene Gefahr. Anders sieht es schon beim Rasen auf den Straßen aus - da hier immer auch andere Verkehrsteilnehmer und die Umwelt gefährdet werden. Daher bin ich für ein Tempolimit.

Nun ist für diese Dinge also die FDP-Hessin Dyckmans zuständig.

Irgendwelchen neuen oder gar vernünftigen Impulse sind von dem Stellvertretenden Mitglied der 11. Synode der EKD Dyckmans nicht zu erwarten.

Sie nahm im März an der 53. Sitzung der Suchtstoffkommission der Vereinten Nationen (Commission on Narcotic Drugs, CND) teil und betonte dort die besondere Bedeutung der THC-Prävention.

Die besondere Berücksichtigung von Cannabis kann nur damit erklärt werden, dass der Umgang mit Cannabis illegalisiert ist, nicht aber ein besonderes Gefahrenpotenzial von dieser Substanz ausgeht.
Generell soll die Suchtstoffkommission die globale Drogenpolitik überwachen. Trotz dieses wichtigen Mandats bekommt man kaum etwas von der Arbeit, die dort geschieht, mit. Die Treffen werden nicht im Internet gezeigt und es werden auch keine Protokolle oder Zusammenfassungen der Öffentlichkeit präsentiert.
(Das Hanf-Journal)

Frau Dykmans geheimnist ganz gewaltig über ihre Aktivitäten bei der CND herum.
Genaueres erfährt man nicht, es gibt keine Protokolle.
Es ist lediglich bekannt, daß sie oft vom dem Pharmalobbyisten Dr. Tobias Brouwer (Referent für Wirtschaftsrecht beim Verband der Chemischen Industrie) begleitet wird und sich ganz in seinem Sinne für die weltweite Verfügbarkeit von Schmerzmitteln, die aus synthetischen Opioiden hergestellt werden, einsetzt.
Diese Analgetika sind sehr teuer und werden unter erheblichen Energieaufwand von der chemischen Industrie hergestellt.

Man könnte die gleichen Wirkstoffe auch aus Opiaten - also aus dem Schlafmohn gewinnen. Das wäre erheblich billiger, schadete der Umwelt nicht und würde vermutlich die WinWin-Lösung sein, um den Afghanischen Bauern zu helfen - indem man ihnen ihre Mohnernte einfach aufkaufte und daraus Schmerzmittel gewänne.

Eine Idee, die bizarrerweise einst ausgerechnet von Dirk Niebel propagiert wurde.

Aber wie für alle FDP-Politiker gilt auch für Niebel „Was schert mich mein Geschwätz aus Oppositionszeiten?“
Statt also einen wichtigen Beitrag zur ökonomischen Stabilisierung und damit Friedenssicherung in Afghanistan zu leisten, mit dem man gleichzeitig noch die Umwelt erheblich entlasten würde, macht die FDP lieber genau das Falsche und stopft die Taschen der Pharmaindustrie voll.

Beim CND konnte also Pharmalobbyist Dr. Brouwer für seinen Verband werben - aber Dyckmans hüllt sich in Schweigen.

Leider findet man nirgends eine Stellungnahme der Drogenbeauftragten Dyckmans zu dem besagten Beitrag Deutschlands in dem Plenum. Insbesondere interessiert es die Öffentlichkeit, ob es einen Einfluss seitens des Referenten für Wirtschaftsrecht beim Verband der Chemischen Industrie auf die Wortwahl des Beitrages Deutschlands in diesem Plenum gegeben hat. Hier besteht akuter Handlungsbedarf seitens Mechthild Dyckmans in Sachen Aufklärung der Öffentlichkeit.
(Hanf-Journal)

Schweigen, Vertuschen und Faulenzen scheint aber ohnehin das Motto der Kasseler Wuchtbrumme zu sein.
Sie läßt den diesjährigen „Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung“ einfach ausfallen - obwohl fast alle Daten vorhanden sind und auf der Arbeit ihrer fleißigen Vorgängerin Bätzing beruhen.

„Verliererin des Tages“ und „Schlaftablette in der Bürokratie“ schalt da sogar die notorisch FDP-freundliche BILD.

Dyckmans hat sich also perfekt der Aussitz- und Abwart-Methode von Merkel und Co angepasst.
Seit der Bundestagswahl hat sie noch keine Rede gehalten; ihr letzter Auftritt im Bundestag war am 26.08.2009 eine Rede zur ersten Beratung der Begleitgesetze zum Lissabon-Vertrages.

Ihre neue Idee der Drogenpolitik ist es einfach nichts zu tun und in Ruhe auszuschlafen.

Höchstens wenn es mal darum geht der Pharmaindustrie einen Gefallen zu tun, bequemt sich die FDP-Frau aktiv zu werden.

In einer Pressemitteilung kritisiert die zuständige Fachpolitikerin, Angelika Graf, Dyckmans bisherige Arbeit als „nichtssagend und inhaltsleer“. Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin sei die FDP-Politikerin regelrecht abgetaucht. Sollte sie tatsächlich keinen Bericht vorlegen, verpasse Dyckmans nicht nur die Gelegenheit, auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen, so Graf. So helfe sie nicht, „neue Erkenntnisse zu einer verbesserten Aufklärung und Prävention in der Drogen- und Suchtpolitik“ zu gewinnen.
Auf eine SPD-Anfrage dazu im Gesundheitsausschuss habe Dyckmans nicht geantwortet. Für Graf ist das der Beleg, „dass eine Strategie der Bundesregierung auf dem Gebiet der Drogen- und Suchtpolitik nicht existiert“. Dyckmans werde nicht konkret, warte ab und versuche, Zeit zu gewinnen. „Sie agiert verantwortungslos, wenn sie weiterhin durch Nichtstun glänzt, nur um der schwarz-gelben Streitkoalition weiteren Ärger zu ersparen“, kritisiert Graf.
(HNA)

Im November 2009 hatte Dyckmans außerdem die Einberufung eines „Drogen- und Suchtrats“ angekündigt.
Seitdem ist sie wie ihre Kollegen aus dem Kabinett aber in Kataplexie verfallen und wurde nicht mehr beim Arbeiten erwischt.
Nach sieben Monaten ist noch kein einziges Mitglied dieses „Drogen- und Suchtrats“ benannt.
Dazu äußerte sich die Drogenbeauftragte nicht selbst. Vermutlich schläft sie noch.

Ihr Sprecher räumte ein, daß die „Amtsgeschäfte sehr schleppend“ anliefen - man müsse sich nach dem Regierungswechsel noch einarbeiten.

Naja, ein zwei Jahre kann die Bundesregierung auch mal ausruhen.
Es ist ja nicht so, daß irgendwelche dringenden Dinge anstünden.

In der Zwischenzeit hat Frau Dyckmanns wenigstens Zeit für ihre Website.

Das hat zwar mit ihrem Job herzlich wenig zu tun - aber dafür gibt es dort schicke Rezept-Ideen, wie zum Beispiel das Dyckmans Menue:

Vorspeise: Canapes mit Lachsmousse.
Hauptgericht: Rehrücken mit Erdbeersauce.
Dessert: Nordhessische Schmandcreme.

Das hilft einem Heroin-Junkie jetzt zwar nicht direkt bei seinem Beschaffungsdruck, aber falls er mal Kürbissuppe, Hirschsteak mit frischen Pflaumen, Torta al mascarpone oder Original Frankfurter Grüne Soße zubereiten möchte, ist Dyckmans die Richtige.

Außerdem verfügt sie über ein komödiantisches Talent - man ahnt es ja nicht, wie die phlegmatische Arbeitsverweigerin ihren Fragebogen beantwortet:

Frage:
Warum sind Sie politisch aktiv?

Dyckmans:
Weil ich mit dazu beitragen will, unser Gemeinwesen und unsere Demokratie zu erhalten und zu verbessern. Es liegt mir nicht, Dinge als gegeben hinzunehmen; ich möchte aktiv mitgestalten.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Worum ging es eigentlich noch mal?

Nach wie vor kann ich mich nur darüber wundern, wie lange Bundesselbstverteidigungsminister Guttenberg mit seiner inhaltsleeren Inszenierung auf die geballte Bewunderung der Presse traf.
Sein Mantra-artig vorgetragenes „ich lasse mir die eigene Meinung nicht verbieten“, das noch jedes Bierzelt zu orgiastischen Jubelstürmen hinriß, ist genauso sinnlos, wie das mit ähnlicher Emphase vorgetragene „Ich werde mich nicht dafür schämen eine heterosexuelle Ehe zu führen“ des Wowereit-Herausforderers Frank Steffel.
Beide Sätze sind komplette Wählerverarschung.
Niemand hatte einem der beiden Bavaria-affinen Unionisten jemals etwas verbieten wollen.
Während aber Steffel als unseriöser Unglückling in die Geschichte einging und mit einem Wahlergebnis irgendwo bei 20% zurecht abgestraft wurde, bejubelte man Guttenberg dermaßen, daß er sich nun Erststimmenkönig nennen darf - fast 70% holte er in seinem Wahlkreis bei der Bundestagswahl.
Nein, die Welt ist eben nicht gerecht.

Die Guttenberg-Lügen
sind inzwischen dann doch noch zu einer Polit-Affäre nach erschreckend banalem Muster geworden:
Da wollte jemand ein aufkochendes Skandälchen vertuschen, gab immer nur das zu, was ohnehin bekannt geworden war, oder bekannt zu werden drohte und schob die Schuld anderen zu.
Es läuft auf das alte Ministerdilemma raus - wie immer wenn etwas gründlich schiefgelaufen ist. Eine No-Win-Situation; entweder man hat von nichts gewußt und damit bewiesen, daß man dem Amt nicht gewachsen ist, oder man hat es doch gewußt und gelogen.

Diese Situation führen gerne mal zum Rücktritt - allerdings nicht beim Erststimmenkönig, denn der wird nicht nach politischen Maßstäben gemessen, sondern nach den Kriterien von Bruce, Dieter Bohlen und Sylvie van der Vaart: Performance, Optik und Ausstrahlung.

So tauchen denn auch (endlich) im SPIEGEL süffisante Bemerkungen über den „Mr German Minister“ auf - andere Periodika hatten sich schon länger an der Guttenberg-Show gestoßen.

Am nächsten Tag, am Freitag, war der Verteidigungsminister für drei Stunden bei den Soldaten in Kunduz. Diesmal trug er einen lässigen Rollkragenpullover und Khaki-Hosen, darüber einen fliesgefütterten schwarzen Blouson. Die Kleidung ist immer wichtig bei Guttenberg.
…..
Guttenberg wurde vom Menschen zum Phänomen. Doch nun läuft die Entzauberung des Zauberers.
……
Ein Spitzenvertreter der CSU sagte kürzlich im kleinen Kreis, er fühle sich an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert. Der hochgelobte Guttenberg stehe bei Lichte betrachtet ziemlich nackt da.
….
Guttenberg fing an, seine Freude an seiner Beliebtheit zu zeigen. Er ließ sich in Starpose auf dem Times Square in New York fotografieren, er ließ sich in einem Berliner Park auf einem Dinosauriermodell ablichten. Er stand da wie der siegreiche Siegfried, seine Frau hockte zu seinen Füßen und himmelte ihn an.

„Nichts“ sage Guttenberg, befand auch Stefan Kuzmany in einer Fernsehkritik zu seinem Auftritt am 10.12. bei Maybrit Illner:

Karl-Theodor zu Guttenberg hat mit ernster Stimme und für seine Verhältnisse nur ganz wenig grimassierend erläutert, dass er alles richtig gemacht hat und auch in Zukunft gedenke, alles richtig zu machen, wozu auch ein geregelter Abzugsplan aus Afghanistan gehört - aber erst, wenn der Taliban nicht mehr die Mädchenschule anzünden kann, weil die afghanische Polizei ihn daran hindert.
Wobei man ja schon sagen muss, dass es eine Hundsgemeinheit ist, dass dieser Obama den Nobelpreis bekommt und nicht Guttenberg, er hätte in Oslo mindestens genauso schön gesprochen - und überhaupt: ein t weniger und er hätte den Buchdruck erfunden. Das soll ihm erstmal jemand nachmachen.

Die gute Nachricht ist also, daß so langsam mal die Beißhemmungen gegenüber dem fränkischen Modepüppchen fallen.

Interessanter ist natürlich die ganz nebenbei bekannt gewordene Tatsache, daß die ach so zahnlosen Kuschel-Bundeswehrsoldaten zusammen mit der KSK offenbar inzwischen zur Strategie der gezielten Tötungen übergangen sind.
Nichts mehr mit „nur schießen, wenn man bedroht wird“.

Wenig erstaunlich, daß sowohl Hardthöhe als auch Kanzleramt zu diesem grundlegenden Strategiewechsel „die Unwahrheit sagen“.

Eine Kanzlerin, die sich im fünften Jahre ihrer Amtszeit immer noch davor wegduckt dem Volk mal zu erklären was das überhaupt soll da am Hindukusch, ist als Führungsfigur untauglich - und genau daher als Führungsfigur gewollt.
Deutsche Wähler wollen nach dem Schröder-Schock nämlich fürs Erste nichts mehr mit konkreten Problemen zu tun haben.
Das wolkige „es wird schon nicht so schlimm werden“ ist ihnen allemal lieber als das schmerzhafte Finger in die Wunde legen.

Schöner ist es allemal sich vorzustellen, daß die Deutschen in Afghanistan zur Freude der Zivilbevölkerung Brunnen bohren, medizinische Hilfe leisten und pitoreske Landschulen für wissbegierige ihren Burkas entstiegene kleine Mädchen aufstellen.
Die verarmten Bauern lassen alle das blöde Opium sausen und bauen stattdessen erfolgreich Kohlrabi und Blumenkohl an.
Nach dieser Theorie lösen sich die Taliban auf wundersame Weise in Luft auf, die korrupten Warlords werfen ihre Waffen weg und werden Muster-Parlamentarier, die sich gerne auch von den gutausgebildeten und emanzipierten Frauen Ratschläge geben lassen.
Deutschland engagiert sich für den zivilen Aufbau.
Damit das alles auch so schön klappt, werden in Null Komma nix mal eben 160.000 Afghanen zu demokratischen Muster-Polizisten ausgebildet.

Ich mach mir die Welt, widiwidiwitt, wie sie mir gefällt.

Wenn nur nicht diese vermaledeite Realität immer dazwischen käme.

Nach neun Jahren Nation-building in Afghanistan sind wir leider irgendwie noch nicht dazu gekommen das mit den Polizisten hinzubekommen.

Der Sonderbeauftragte für Afghanistan, Richard Holbrooke, spricht etwas aus, das zwar jeder weiß, das Merkel aber nie über die Lippen käme:

Sie können keinen Polizisten gebrauchen, der nicht einmal einen Ausweis lesen kann. Aber offenbar war unsere Ausbildung unzureichend. Ich habe als erstes verlangt, dass Lesen und Schreiben in das Ausbildungsprogramm aufgenommen werden. Andere Probleme sind ebenfalls enorm: die Fluktuation, der Mangel an Nachwuchs, die Korruption, die Drogenabhängigkeit. ….Ich höre immer die Zahl 160.000 Mann in drei bis vier Jahren. Es wäre schön, wenn das klappt. Ich habe genug von Programmen, in denen eine Planungsgruppe willkürlich Zahlen nennt, die keinen Bezug zur Realität haben.

Vorangekommen sind wir bisher leider gar nicht:

Die Briten sollten sich um die Drogen kümmern, die Deutschen um Ausbildung, die Italiener um das Rechtssystem. Das Ganze war unkoordiniert und hat uns nicht sonderlich weit gebracht. Im Ergebnis fangen wir im neunten Jahr des Krieges wieder von vorne an.

Unser grandioser Vizekanzler kann das alles gar nicht verstehen und plappert faktenfrei vor sich hin:
"Deutschland ist bereit, mehr für die Ausbildung der Polizei zu tun", sagte Westerwelle kürzlich, schließlich sei entscheidend, dass die Afghanen langfristig ihre Sicherheit selbst gewährleisten können.

Die Deutschen haben auf ganzer Linie versagt - zwar befinden sich tausende Uniformierte in der Region Kundus, doch das sind fast alles Soldaten, die in ihren Camps eingegraben sind.
Über die Hälfte davon verläßt diese Camps niemals.
Um die Kleinigkeit von 160.000 Polizisten auszubilden, hat Deutschland bisher ganze 47 Polizeiausbilder vor Ort.
Das Heimatbundesland von Super-Guttenberg schickte vor zwei Wochen auch Personal: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hatte 15 Mann einer Schnellausbildung unterziehen lassen. Nach drei Jahren die ersten Bayern, die sich beteiligen.

Na dann ist Afghanistan ja quasi gerettet.

Eine Konzeption konnte in den letzten Jahren leider noch nicht erarbeitet werden, schließlich war der Stuhl des Verteidigungsministers von 2005 - 2009 faktisch vakant.

Reinhard Erös, den ich bereits würdigte
, bildet deutsche Polizeiausbilder aus.
Sein Fazit:
"Deutschland hat kläglich versagt", beim Aufbau einer afghanischen Polizei. Eines der größten Probleme ist seiner Beschreibung zufolge, dass viel zu wenige Beamte im Einsatz sind. "Wenn 1500 Ausbilder gebraucht und 30 geschickt werden, ist es kein Wunder, dass das nichts wird", sagt der Afghanistan-Experte.

Gabriel legt heute seinem Ex-Kabinettskollegen Guttenberg nahe zurück zu treten.

Der Rücktritt wäre natürlich tatsächlich fällig; er wird nur nicht erfolgen, da der beliebte Baron anders als sein seniler und bar jeder Ausstrahlung agierende Vorgänger in der grauen Union noch gebraucht wird.

Schäuble sollte auch mal zurücktreten, denn in seine Verantwortung als Bundesinnenminister von 2005 bis 2009 fällt es, daß Deutschland bei der Polizeiausbildung komplett blamiert dasteht.

Weil er seine Hausaufgaben nie machte und vier Jahre sinnlos verstrichen, ohne dass Afghanistan durch einheimische Polizisten sicherer wurde, müssen jetzt wieder Soldaten ran.

Soldaten, die töten werden und selbst getötet werden.
So sagte es der Friedensnobelpreisträger Obama.
Seine Rede war in der Tat gar nicht schlecht und für einen amerikanischen Präsidenten relativ wenig arrogant.
Ich sehe seine Afghanistan-Pakistan-Politik EXTREM kritisch - aber eins muß ich ihm lassen:
Er beschäftigt sich immerhin überhaupt damit und schafft es sich vor die Öffentlichkeit zu stellen und dabei auch noch einige kluge Dinge zu sagen.

Das ist SEHR VIEL MEHR als man von Guttenberg, Westerwelle oder gar Merkel sagen kann.
Dafür erreichten aber die Waffenexporte der Bundesrepublik Deutschland unter der Kanzlerschaft Merkels noch nie dagewesene Umfänge.

Montag, 23. November 2009

Väter

Eigenartig ist es schon - noch - daß sich derzeit alle naslang deprimierte Fußballer in den Zeitungen zu Wort melden und sowohl BILD-Leser, als auch Hooligan davon in Kenntnis setzen, daß sie sich an Suizid dächten.
Sicher, so ein „Outing“ wäre für den Fan schlimmer, wenn es sich um das handelte, was man üblicherweise mit Outing assoziiert, aber daß auf dem Platz lauter Frustrierte umher laufen, verblüfft den Hertafrosch und Borussenfrontler schon genug.

Was ist aber das Schockierende an einer Depression?
Immerhin ist das eine sehr sehr häufige und somit „ganz normale“ Erkrankung der Hirnchemie.
Mit einer Mortalität von 15 % und bis zu 15.000 Todesfällen im Jahr, ist sie bei Menschen unter 40 Jahren die zweithäufigste Todesursache.
Die Chancen zu überleben sind bei so mancher Krebsart höher.
80% der Suizide erfolgen im Rahmen depressiver Erkrankungen. Depressive Erkrankungen weisen eine erhöhte somatische Komorbidität und Mortalität auf.
Depressionen verursachen 7% der Krankheitslast in Europa.
80% der an Depression leidenden Menschen erhalten keine adäquate Behandlung oder nehmen keine in Anspruch.
Depressionen beeinflussen andere Erkrankungen; so verdoppelt sich das Risiko an einem Herzinfarkt zu sterben.

Das Schockierende an Depressionen ist in Wahrheit, daß sie gut behandelbar sind und möglicherweise alle Todesfälle zu verhindern wären - WENN nicht das soziale Umfeld durch Ignoranz und Häme krankheitsverschlimmernd aufträte.

Beindruckend die Brutalität, zu der Menschen fähig sind.

Eine Gemeinheit, die erstaunlicherweise bei den verwandten Störungen der Botenstoffchemie im Gehirn (Parkinson, MS,..) nicht beobachtet wird.

Kurt Rebmann, der Nachfolger Siegfried Bubacks als Generalbundesanwalt (1977-1990), der sich selbst gerne als „Hardliner“ ansah, ist so ein Beispiel für Brutalität in der Familie.

Man soll über die Toten nur Gutes sagen, aber obwohl Rebmann vor vier Jahren starb, werde ich mich nicht daran halten.

Seinen Sohn, der das vom Papa aufoktroyierte Elitegymnasium nicht schaffte, warf er kurzerhand raus.
Als sich der Teeanger aus Frust in den Alkohol flüchtete, wies Rebmann seine Personenschützer an den eigenen Sohn nicht mehr aufs Grundstück zu lassen.
So verbrachte schon der 17-Jährige Weihnachten 1979 auf der Straße, Rebmann sorgte dafür, daß er schon vor der Gartenpforte des elterlichen Anwesens abgefangen wurde.
Ein Jahr später brachte sich Hans-Peter Rebmann im Alter von gerade mal 18 Jahren um - in Sichtweite des Elternhauses auf einer Parkbank.

Tiefe Einblicke in die Gedankenwelt Rebmanns verdanke ich dem bedauerlicherweise 2003 verstorbenen Wolfgang Korruhn.
Der einfühlsame Journalist hat drei Bücher geschrieben, die ich allesamt dringend zu lesen empfehle:
-Hautnah. Indiskrete Gespräche. 1994.
-Ach du lieber Gott. Irdisches aus dem Himmel,1995
-Dann hab ich's einfach gemacht. Was mir Mörder erzählten. 1995

Zunächst hatte ich gar nicht vor alle Interview-Portraits aus „Hautnah“ zu lesen - aber das sollte sich schnell ändern.
Wer ein bißchen psychologisch interessiert ist, wird in jedem Kapitel seine Freude haben.

Korruhn besucht die Interviewten zuhause - schon seine Eindrücke der Wohnungen/Häuser sind extrem aufschlußreich.

(In der SZ von heute steht, daß Buhrow und Kleber nur noch sogenannte „Wortlautinterviews“ geben. Dabei sind Kommentare, Beobachtungen und Analysen des Fragers nicht erlaubt.)

Was der oberste deutsche Ankläger, Einserjurist (Magna Cum Laude), Grundgesetzkommentator und vielfach preisgekrönte (das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, Senator-Lothar-Danner-Medaille, Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg) Vorzeigebürger zum Thema Erziehung denkt, macht er unmißverständlich klar:

Prügel und Züchtigungen müssen schon sein - schließlich sei er sowohl von seinem Vater, als auch seiner Mutter pausenlos geprügelt worden und habe es so stets zum Klassenprimus gebracht.

Rebmanns Frau pflichtet bei und selbst Rebmanns Schwester erzählt lobend:
„Die Reitgerte, die Vater noch aus dem Ersten Weltkrieg hatte, lag für uns Kinder immer bereit!“

Daß die Methode bei seinem Hans-Peter offenbar versagt hatte, ficht ihn nicht an - denn sein Tod kam wenig überraschend.
Hans-Peter und Tochter Regine waren Zwillinge, der Bruder kam einige Minuten später zur Welt.
Nach Ansicht Rebmanns sei der erstgeborene Zwilling stets viel kräftiger und überlebensfähiger.
Die Jüngeren seien „eben sehr sensibel“.
„Sensibilität“ ist im Rebmann-Kosmos eine üble Sache; in einem Atemzug mit Depressivität oder Lebensuntauglichkeit zu nennen.

Immerhin - das muß man ihm lassen - in dem Sinne ist Vater Rebmann, der hochdekorierte Bundesanwalt, keineswegs sensibel.
Er macht sich nicht nur keine Vorwürfe, nein er hat die Causa fein säuberlich abgehakt - gekümmert habe er sich um den kraftlosen Charakter nicht, er ersparte sich sogar den Sohn noch einmal zu sehen, als er tot wear - zur Identifizierung ging seine Frau.
Rebmann hatte den schwächlicheren Sohn abgehakt und kann sich nicht einmal daran erinnern wann und wo er die Todesnachricht bekam.

Nein, zimperlich ist dieser Rebmann nie gewesen - „früher“ (in der Nazizeit) wäre er auch gerne Jurist gewesen:
„So schlecht war ja nicht alles, was der Nationalsozialismus gemacht hat. Schlimm war halt der Rassismus.“ Gut waren hingegen: „Sicherheit und Ordnung. Die Ankurbelung der Wirtschaft, da wurden Autobahnen gebaut, der Neckarkanal weitergeführt usw….ach Gott, wissen Sie, da muß ich jetzt mal so sagen: Wenn sie annehmen würden, man hätte die ganze Judenverfolgung, die ja furchtbar ist, nicht gemacht, und wenn wir den zweiten Weltkrieg nicht geführt hätten, dann wäre das Deutschland gar nicht so schlecht gewesen!“

Ich staune welch fundamentale historische Unwissenheit der hochdekorierte Bildungsbürger und Spitzenjurist uns da offenbart!
Die Wirtschaft brummte im „dritten Reich“, weil Europa und insbesondere Millionen Juden komplett ausgeraubt wurden.
Der Weltkrieg war auch nicht etwa eine Petitesse, die Herr Hitler auch hätte weglassen können - nein, der Krieg war DAS große Ziel allen Strebens, allein daraufhin wurde die Wirtschaft aufgeblasen!
Rüstung - auf Pump finanziert - und anschließend durch Arisierungen und Raub refinanziert.

Ja, aber der Nationalsozialismus hatte eben auch gute Seiten.

Eine davon ist Rebmann bis ins hohe Alter ein großes Anliegen.

Als der Interviewer schon das Haus verlassen will, legt der Ex-Generalbundesanwalt die Causa extra noch auf den Tisch.

Seine Ansicht soll unbedingt in Korruhns Buch:
Die Sünde des Schwulseins!

Rebmann: „Ein Homo hat in meinen Augen einen Macken. Wenn eine Tasse irgendwo angeschlagen ist und da fehlt was, dann hat sie einen Macken. Ich würd schon sagen, daß die krank sind!“

Man kann diese Einstellung dem Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband nicht verdenken, denn er erlitt ein grauenvolles Trauma:

Einst war er nämlich Verwaltungsdirektor des ZDF und hatte in dieser Funktion einst Alfred Biolek in das Justiziariat gebracht. Eine Personalie, die Rebmann noch Dekaden später zur Weißglut bringt:

„Außerdem ist es eine Sauerei,. Die Homosexualität. Ich war tief betroffen, als auf einem Kanzlerfest mein alter Freund Biolek zu mir sagte: „Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen?“. Das war für mich und meine Frau EIN SCHOCK, daß das sein Homofreund ist. Das hat mich geschockt!“

Homosexualität sei schließlich eine Sünde.
Dass diese Homoperversen überhaupt Juristen werden dürfen (auch Alfred Biolek ist Jurist!), entsetzt den hochgeachteten Grundgesetzexperten.

In seinem eigenen Zuständigkeitsbereich erlitt er das nächste Trauma - im Zuge der Kießling-Affäre, hatte sich ein Bundesrichter „geoffenbart, daß er ein Homo ist“.

Rebmann fackelte nicht lang:

„Ich habe dann sofort seine Ermächtigung, Verschlußsachen zu bearbeiten, zurückgezogen!“

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es Hans-Peter Rebmann mit dem Vater ergangen wäre, wenn er auch noch schwul gewesen wäre.

Montag, 3. August 2009

WAHLEMPFEHLUNG

Gestern bekam ich von olyly die Frage:

Aber sag doch bitteschön, Tammox, was soll man im Herbst wählen? Es ist doch nur die Frage: "Welchen Scheißhaufen wähle ich denn"?

Das wollte ich gerne in einem Extra-Blogposting beantworten.

Allerdings ist mir nun in der Nacht OBERCLOWN in einem Kommentar dazu zuvor gekommen ;)
Vielen Dank dafür.

Oberclowns Darstellung voraussetzend möchte ich aber dennoch einmal persönlich aufschreiben, was ich zur Wahl empfehle.

Ein Vorbemerkung noch:

Für mich ist es immer besonders bitter zu hören, daß jemand gar nicht wählt, weil es für mich so ein starkes Bedürfnis an den Bundestagswahlen teilzunehmen.
Wegen des Deutschen Ius Sanguinis, das die Staatsbürgerschaft nur aufgrund des VÄTERLICHEN Blutes gewährt (vor 1974 Geborene) bin ich aber nicht wahlberechtigt, obwohl meine Mutter Deutsche ist, meine Familie schon seit dem 15. Jahrhundert nachweislich im norddeutschen Raum lebt und ich in Hamburg geboren wurde.
Wie ich schon einmal ausführte, bin ich dennoch Ausländer - ein hochabsurder Zustand, den Rot/Grün schon 1998 beheben und an internationale Gepflogenheiten anpassen wollte.
Dann kamen allerdings Angela Merkel und Roland Koch mit ihrem 1999er „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“-Wahlkampf dazwischen und setzten sich damit durch.

Hätte Merkel damals diese Kampagne nicht abgesegnet und durchgeführt, wäre ich schon seit zehn Jahren Deutscher.
Ich fühle mich also persönlich von ihr und den CDU-Konsorten abgelehnt und um meine Rechte betrogen - dabei lebe ich schon deutlich länger in dieser Demokratie als die Kanzlerin!
„Ausländern“ wie mir wollte man aber auch mehrheitlich nicht die Doppelstaatsbürgerschaft zugestehen.
Koch gewann schließlich in Hessen.
Meine genaue Bezeichnung ist übrigens „Bildungsinländer“ wie ich erfuhr als ich anfing zu studieren und zunächst einmal keinen Studienplatz bekommen sollte.
Mir wurde der normale Zugang zur Hochschule verwehrt; es gab nur die Möglichkeit sich über das „akademische Auslandsamt“ zu bewerben, das für mein Fach genau EINEN Studienplatz zur Verfügung stellte.
Glücklicherweise war mein NC gut genug - ich mußte aber dennoch zum Deutschtest antreten.
Ob das wirklich notwendig sei, fragte ich - immerhin sei Deutsch meine Muttersprache, ich sei in Hamburg geboren, hätte in Deutschland Abitur gemacht und dabei übrigens den "Leistungskurs Deutsch" belegt.
Man ließ sich aber nicht erweichen und bedeutete mir in Sätzen ohne Adjektive und im Infinitiv (das Ganze in doppelter Phonstärke), daß keine Ausnahmen gemacht würden.
Kurz danach (beinahe 20 Jahre her) trat ich in die SPD ein.
Ich war (und bin) der Meinung, daß man sich politisch engagieren muß, um diese kafkaesken post-nazimäßigen Zustände zu beheben.

Wahlentscheidung 2009:

Bedauerlicherweise gibt es auch meiner Ansicht nach derzeit keine Politfiguren à la Willy Brandt oder Helmut Schmidt oder Egon Bahr für die man sich begeistern kann und dementsprechend wählt.

(Bei den bundespolitisch noch aktiven Großpromis mag ich noch am ehesten Trittin, Wiefelspütz, Zypries, Künast, Höhn, Gabriel, Lauterbach,..)

Also bleibt nur die Suche nach dem kleinsten Übel; das ist die lästige Pflicht, die Wahlberechtigte derzeit haben.
Ich prophezeie schon einmal, daß bei einer genaueren Betrachtung keine Partei da sein wird, die man mit Enthusiasmus ankreuzt.

Ich möchte, um zu einem Ergebnis zu kommen, ein Ausschlußverfahren durchführen:

- Kleine Parteien, die unter die 5%-Hürde zu fallen drohen, kommen nicht in Frage, da man damit seine Stimme nicht nur verschenkt, sondern mutmaßlich schwarz/gelb hilft.
Sogar auf zweierlei Weise; zum einen reicht bei mehr Parteien unter der 5%-Hürde eine dementsprechend kleinere Anzahl an Stimmen für die Mehrheit der Mandate und zum anderen profitiert die Union als mutmaßlich stärkste Partei sogar überproportional durch die (inzwischen verfassungswidrigen, aber doch noch mal akzeptierten…) Überhangmandate.

- Es bleiben als „wählbar“ übrig: Linke, Grüne, SPD, FDP, CDU/CSU.
Die Linke fällt aufgrund der taktischen Gegebenheiten auch weg, da ihre Stimmen nur Merkel helfen.
Wie das auch schon 2005 der Fall war - nur die Stimmen für die LINKE haben Merkel in den Kanzlersattel geholfen! Ich führte das bereits genauer aus.
Zur Erinnerung: Derzeit hat die CDU/CSU-Fraktion 222 Sitze und die SPD-Fraktion 221 Sitze!
Die LINKE hat weitere 53 Abgeordnete. Da die stärkste Koalitionsfraktion den Kanzler stellt, wäre also Merkel UM EIN HAAR nicht Kanzlerin geworden und würde nun nicht mit diesem Jubelamtsbonus antreten.
Gerade mal zwei Abgeordnete weniger von der Linken und mehr für die SPD hätten die Verhältnisse komplett auf den Kopf gestellt.
Vielleicht wäre Merkel sowieso inzwischen von ihrer eigenen Partei weggemobbt worden ohne die Kanzlerautorität.
Ulrich Maurer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE und SPD-Abtrünniger, schrieb zwar gerade “Nur eine starke LINKE kann Schwarz-Gelb verhindern“ - aber das ist nun mal echter Schwachsinn.

- Bleiben also als theoretisch „wählbar“:
Grüne, SPD, FDP und CDU/CSU.
Analog zu Oberclown kann man ebenfalls FDP und CDU/CSU ausschließend.

Zusätzlich zu seinen Argumenten (Atomfrage, Bildungspolitik, Steuern, Ehrlichkeit,..) möchte ich noch ein paar weitere fundamentale Unterschiede zwischen den sogenannten bürgerlichen Parteien (als ob SPD und Grünen-Wähler keine Bürger wären!) und Rot/Grün erwähnen:

- Die Bürgerlichen haben immer wieder Berührungen mit ganz BRAUNEN Angelegenheiten. Antisemitische Vergleiche kommen Koch oder Oettinger immer wieder über die Lippen. Stoiber warnte vor der "durchrassten Gesellschaft" und von Hubert Hüppe oder Martin Homann will ich erst gar nicht anfangen.

- Die Bürgerlichen betreiben eine konzernhörige absurde Gesundheitspolitik.

- Die Bürgerlichen kriminalisieren Schwerstkranke; nämlich Drogensüchtige; statt ihnen die Beschaffungskriminalität und Infektionen durch Abgabe von reinem Heroin zu ersparen.
Der Gipfel war diesbezüglich Justizsenator Roger Kusch, der 2001 in den Hamburger Gefängnissen die Spritzentauschautomaten abmontieren ließ.
Das war faktisch TOTSCHLAG, weil er damit Schwersüchtige zu HIV verurteilte.

- Die Bürgerlichen haben eine hysterische Angst davor Cannabis zu entkriminalisieren.

- Gesetzlicher Mindestlohn! Würde die eklatante Import-Schwäche und darbende Binnennachfrage ankurbeln. Gibt es in 22 EU-Ländern auch. Bekanntlich ist in GB und USA auch noch nicht der Sozialismus ausgebrochen, obwohl es da Mindestlohn zum Wohle der Binnennachfrage gibt. In Deutschland wollen SPD, LINKE und GRÜNE ebenfalls Mindestlohn. Nur CDU und FDP nicht und ausgerechnet DIE BEIDEN werden aber offenbar vom Wähler derzeit extrem favorisiert.

- Die Bürgerlichen stehen noch mehr auf Überwachung, Online-Trojaner, Internetsperren, Videoüberwachung und Lauschangriff.

- Thema "selbstbestimmtes Sterben". Die CDU/CSU will den Bürgern den freien Willen entziehen und stimmte am 18.06.2009 mit 209 von 210 (!) Stimmen gegen den Stünker-Entwurf. CDU’ler wollen einem also nicht zugestehen auch nur ein bißchen SELBST über den eigenen Tod zu bestimmen.

- Ich nannte schon die CDU-Position beim Staatsbürgerschaftsrecht. Ähnlich übel waren die CDU-Positionen bei der Zwangsarbeiterentschädigung, der Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren oder der Anerkennung von Prostituierten, die sich Dank Schröder/Fischer nun endlich krankenversichern können.

- Die CDU vertritt traditionell revisionistische Bestrebungen gegenüber den östlichen Nachbarn. Die von Willy Brandt initiierten Friedensverträge wurden ebenso wie seine ganze Ost-Politik, für die er mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, massiv und demagogisch von der CDU bekämpft. Noch 1990 sträubte sich Kohl bis zuletzt die Resultate des deutschen Überfalls auf Polen, der ab 1939 EIN FÜNFTEL der polnischen Bevölkerung das Leben kostete, zur Kenntnis zu nehmen und sträubte sich die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. In der CDU von heute unterstützt Merkel die extrem rechtslastige, Polenhasserin Erika Steinbach. Auf keiner noch so schrillen Vertriebenenversammlung der Ewiggestrigen fehlt es an Unions-Größen, die vor der bizarren Trachtentruppe die Ergebnisse von 1945 umdichten wollen.

- Die CDU rannte unter Frau Merkel zum Bundesverfassungsgericht, um gegen die „Homo-Ehe“ zu klagen. Jetzt sieht es beim Thema „Adoptionen“ wieder genauso ewiggestrig aus.

- CDU und FDP sind hochverlogen bezüglich der Steuern! Sie sind die Steuererhöhungsparteien. Bis sie endlich 1998 abgewählt wurden stiegen nicht nur die Steuersätze, sondern vor allem die Lohnnebenkosten exorbitant. Dabei verfügten CDU und FDP über dicke Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat - wieso wurden denn 1982 - 1998 unter erheblich günstigereren Bedingungen nie die Steuern gesenkt?
Zur Erinnerung: Unter Kohl lag der Eingangssteuersatz bei 26% und der Spitzensteuersatz bei 56%. Nun sind wir bei 15 % und 45 % und das bei höheren Freibeträgen!
Das haben Rot/Grün durchgeprügelt und zwar gegen eine Merkel, die im Bundesrat hockte und allen ihren Schäfchen immer nur ein „Njet“ einprügelte.
Das ist nach wie vor die massivste Steuerentlastung für die Arbeitseinkommen, die es je gab und das hat die CDU eben NICHT hinbekommen, sondern stattdessen stets nur die Steuern erhöht.

- Außenpolitisch setzte Merkel auf Bush und den Irakkrieg - UNVERZEIHLICH!

- CDU-Familienpolitik stammt aus der Mottenkiste: Sie setzen auf Herdprämie und verschleppen die KITA-Platzversorgung.

- CDU und FDP unterstützten massiv die Lügenkampagne der Kirchen beim Berliner Pro-Reli-Volksentscheid. Merkel streitet für den Gottesbezug in der EU-Verfassung.

(An dieser Stelle werde ich sicherlich noch weitere Punkte einfügen)

Unterm Strich:
Union und FDP geben es den Reichen zu Lasten von Umwelt und dem untersten Einkommensdrittel.

Dabei ist die FDP noch wesentlich schamloser (Hartz IV um 30 % kürzen) und bei ihren Steuersenkungsversprechungen verlogener als die CDU.
Andererseits ist die CDU bei den gesellschaftspolitischen Themen noch gestriger als die FDP, die hier einige Einsichten weiter ist und neuerdings (vernünftigerweise) die Wehrpflicht abschaffen will.

- Bleiben also als „wählbar“ Grüne und SPD.
Ökologisch, gesellschaftspolitisch und energiepolitisch bin ich ganz auf Grünen-Linie; allerdings hat sich die SPD in jüngster Zeit dort fast ganz angepasst.

Dafür gefällt mir an der SPD besser, daß sie noch unideologischer als die Grünen ist.
Bei den Grünen gibt es doch etliche christlich Bewegte (Andrea Fischer, Katrin Göring-Eckhardt, ..), die heftig gegen Stammzellenforschung und Patientenverfügung sind.
Ideologischer Ballast, der meiner Ansicht nach nichts in der Politik zu suchen hat - hier ist wieder die SPD mehr auf meiner Linie.

Ich kann mit Stimmen für Rot oder Grün leben.

Im Moment würde ich aber eher SPD wählen, weil sie es einfach „nötiger“ haben.

Zum einen, weil sie ungerecht schlecht dastehen im Moment.

Sie dazu den Leitartikel „Gerechtigkeit für die SPD!“ von Matthias Geis (DIE ZEIT, 09.07.2009 Nr. 29)

Zum anderen kann man eine Wiederauflage der großen K.O.alition nicht ausschließen und dann sind Grüne irrelevant.

In dem Fall wäre es wichtiger, daß die SPD möglichst stark ist.

Der Hamburger Politologe Patrick Horst schrieb kürzlich „Stoppt Westerwelle!“
Das sei ein Thema, das das linke Lager einigen könne - ähnlich wie damals „Stoppt Strauß“ (1980).

Dem möchte ich mich anschließen - wenn WENIGSTENS dieser extrem verlogene Gaga-Guido nicht in der nächsten Regierung wäre, könnte ich schon mal „ein Glas Sekt aufmachen“ ….

Samstag, 16. Mai 2009

Positionen

Der geschätzte Kollege Jens Berger imponiert üblicherweise mit seiner Unabhängigkeit.
Er schreibt oft das, was man in den sogenannten „Mainstreammedien“ nicht so eindeutig und pointiert findet.
Das ist auch gut so.

Vorgestern war allerdings verkehrte Welt. Da hieß es aus Bergers Feder:

Sollen sie doch Kuchen essen. Pöbel-Thilo hat wieder zugeschlagen: Wer dachte, Berlins Ex-Finanzsenator Sarrazin würde nach seinem Wechsel zur Bundesbank die Klappe halten, hat sich getäuscht.
An Deutlichkeit läßt Bergers Diktion nicht zu wünschen übrig - schon in der Überschrift fallen die verbalen Schlaghämmer „Pöbel-Thilo“ und „Klappe halten“.

Nun schätze ich Meinungsfreudigkeit; nichts ist alberner als die alltäglichen „Sowohl, als auch“-Kritiken, bei denen die Autoren penibel vermieden sich irgendwie festzulegen.
Diese Merkel-Methode ist inzwischen nämlich in Deutschland zu einem pathologischen Problem geworden.
So wie die Kanzlerin in fast vier Jahren Regierungszeit noch keine einzige politisch konkrete Aussage getan hat und sich ihre Festlegungen in dem Satz „Da sollten alle Beteiligten zu einer gemeinsamen Lösung kommen“ gipfeln, wagen sich inzwischen weder Parteipolitiker noch Großjournalisten aus der Deckung.
Westerwelle wurde gestern mit einem Honecker-artigen Wahlergebnis von seiner devoten Stimmviehmasse bestätigt, obwohl er de facto keinerlei Richtung vorgab.
Die Regierungskoalition mag er nicht, stattdessen sollte ab Herbst 2009 die FDP mitregieren war das nicht eben überraschende Destillat seiner Rede.
Nur WIE, geschweige denn MIT WEM Westerwelle regieren will, sagte er nicht.

Da ist Jens Berger zu loben - er überzieht die Sarrazin’schen Thesen mit einer ganzen Kaskade von groben Keulen!
Da darf als erstes der populistische Verweis auf das Jahresgehalt Sarrazins nicht fehlen - garniert mit der Beschreibung, daß es der Ex-Senator genieße „die Schwachen des Landes hemmungslos zu verhöhnen“.
Zudem sei er „seit längerem Opfer tiefgreifender Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörungen“, dessen Welt „sich zum einen aus unreflektierten Stammtischargumenten, und zum anderen aus der kalten ökonomischen Logik eines Finanzsenators“ speise.
Sein Zynismus gegenüber Armen sei legendär: „Mit sichtbarer Genugtuung keilt er dann auch regelmäßig gegen diese fetten, faulen und dummen Müßiggänger aus“.
Der neue Bundesbanker schüre ein Klima des Hasses: „Isolieren, verhöhnen, brandmarken – dies ist die Sarrazin-Strategie“.
Sarrazins Aussagen wären „erbärmliche Pauschalisierungen und Beleidigungen“.

Etc pp.
Kurz zusammen gefasst:
Nein, Jens Berger mag Thilo Sarrazin offensichtlich gar nicht.
Das sei ihm unbenommen.

Der Spiegelfechter-Macher hat dabei allerdings übersehen, wie ihm das Koordinatensystem um 180° verrutscht ist, denn in diesem Fall dürfte sich Sarrazin keineswegs bei den Stammtischen anbiedern - immerhin propagiert er eine massive Rentenkürzung.

Das kommt nun bestimmt nicht gut an am sogenannten Stammtisch- genau deswegen hauen mitten in der schwersten Geldnot der Bundesrepublik die Großkoalitionäre eine fette Rentenerhöhung raus - es ist schließlich Superwahljahr.
Auf der anderen Seite reiht sich viel mehr Berger bei den Stammtischbrüdern ein.

Er hakt sich in der ganz ganz großen Anti-Sarrazin-Koalition unter.
Denn der neue Bundesbanker ist zur Persona non Grata geworden; das unausgesprochene Motto lautet offensichtlich gerade „Alle gegen Sarrazin!“.
Kein Politiker kann es sich im Wahljahr 2009 leisten nicht Sarrazin zu verdammen.
Selbst Diejenigen, die gerade nicht akut um ihre Jobs fürchten müssen, beeilen sich ihre political correctness zu demonstrieren:
Sein neuer Arbeitgeber ist "not amused". Bundesbank-Präsident Axel Weber lässt am Mittwoch über seinen Sprecher mitteilen: "Die Äußerungen Sarrazins geben nicht die Position der Bundesbank wieder."

Der Sozialverband VdK reagiert empört. "Es ist an Absurdität kaum zu übertreffen, dass man seinen Lebensstandard durch Kinder verbessern können soll", sagt Sprecher Michael Pausder.

Verdi verlangt unterdessen ultimativ Sarrazins Entlassung:
«Er hetzt gegen Hartz-IV-Empfänger und schürt mit seinem asozialen Gequatsche Hass auf Menschen, die sich kaum wehren können», erklärte ver.di-Landeschef Wolfgang Rose am Donnerstag.

Schon am Mittwoch hatte die Senioren-Union eine Entschuldigung von Sarrazin gefordert. „Einmal mehr zeigt der notorische „Polit-Punker“, dass ihm die Lust an der Provokation wichtiger ist als sachgerechte Arbeit“, sagte der Chef der CDU-Seniorenvereinigung, Otto Wulff.

Soviel Einheitlichkeit war nie.
Spiegelfechter goes Grundkonsens.

Von ganz rechts bis ganz links heißt es nun sich möglichst glaubwürdig öffentlich zu empören - und Jens Berger mittendrin; meinungsmäßig nivelliert.

Dieser Sarrazin!
Den Preis als höflichster Diplomat des Jahres wird er vermutlich nie gewinnen.

Aber diese „alle gegen einen“-Dresche behagt mir gar nicht und wenn es niemand anderes öffentlich tut, so muß ich eben ran:

Thilo Sarrazin hat RECHT.

Leute, es hilft ja nichts - aber die demographische Entwicklung ist nun einmal tatsächlich so, daß es immer weniger Arbeitnehmer gibt, die Rentenbeiträge bezahlen und gleichzeitig gibt es immer mehr Rentner.
Im Stern liest sich das so:
Lieber denkt Sarrazin schon einmal 25 bis 30 Jahr in die Zukunft voraus. Was er dort entdeckt, gefällt ihm nicht. Er sieht immer mehr Rentner und immer weniger Beschäftigte. Gegenwärtig komme auf einen Arbeitnehmer ein halber Rentner, in 25 bis 35 Jahren liege das Verhältnis bei eins zu eins, sagt er. Das lässt für ihn nur einen Schluss zu. "Langfristig müssen die Renten natürlich real fallen", sagte er. "Wir können die Erwerbstätigen nicht ohne Ende belasten." Deshalb müssten die Renten "langfristig auf das Niveau einer Grundsicherung sinken", sagte Sarrazin.

Ehrlich gesagt verstehe ich die Aufregung gar nicht.
Das ist doch eine Binse!
Schon seit Schröders Amtsantritt kann auch die breite Bevölkerung und die sogenannte „veröffentlichte Meinung“ wissen, daß die Rente eben NICHT sicher ist.
Der gute alte Blüm, 16 Jahre CDU-Minister bei Kohl, hat Euch die Hucke zugelogen!

Daher ja das Theater mit der „Dritten Säule“; deswegen Riestern und Rüruppen inzwischen Millionen Deutsche.

Wenn man nicht gerade im sozialen Wolkenkuckucksheim lebt, muß man (zähneknirschend) Sarazins Analyse teilen.
Ein Arbeitnehmer kann nicht einen Rentner mit durchfüttern. Schon gar nicht zwei.

Die größte Koprolalie löste aber eine zweite Attacke Sarrazins aus:

"Die große Frage ist: Wie kann ich es schaffen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die damit fertig werden", sagte er dem Stern. Gegenwärtig würden manche Frauen zwei, drei oder mehr Kinder in die Welt setzen, obwohl sie "nicht das Umfeld" oder "die persönlichen Eigenschaften" hätten, "um die Erziehung zu bewältigen". Deswegen müsse das Sozialsystem so geändert werden, "dass man nicht durch Kinder seinen Lebensstandard verbessern kann, was heute der Fall ist", sagte er.

Jaja, diplomatisch ist das nicht.
Keiner kann ernsthaft behaupten, daß Kinder in einem Haushalt aus Nichterwerbstätigen in Saus und Braus lebt.
Im Gegenteil, offensichtlich ist es so, daß sie sozial stigmatisiert sind.

Richtig sind aber einige andere Dinge, die Sarrazin gemeint haben dürfte:

Je ungebildeter und je verarmter die Frauen sind, desto eher bekommen sie Kinder und desto mehr Kinder bekommen sie.
Reich werden sie damit nicht, aber sie haben eine Generalausrede dafür, daß sie keine Ausbildung machen können.
Die lästige Frage „Wieso machst Du den Schulabschluss nicht nach?“ oder „Wieso jobbst Du nicht?“ ist dann so bequem beantwortet - ich habe ja die Kinder!

Es ist millionenfach- unter anderem auch in diesem Blog - beschrieben worden, daß in keinem anderen Land der Welt die Bildung so sehr von dem Geldbeutel der Eltern abhängt.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer:
Wir haben ein massives Problem damit, daß tatsächlich - volkswirtschaftlich betrachtet - die falschen Leute Kinder bekommen. Nämlich gerade die, deren Erziehung mit der höchsten Wahrscheinlichkeit in eine erneute von Transferleistungen abhängige Existenz münden.

Wir sehen das an den verschiedensten Aspekten:

Explosion der Schulabbrecherzahlen, Zunahme des Drogenkonsums Jugendlicher, Zunahme des Rechtsradikalismus bei Jugendlichen, Koma-Saufen, Unsportlichkeit, Verlust des Lesevermögens, totale Verfettung der Deutschen (wir haben schon die dicksten Kinder in ganz Europa), etc.

Jeder, der ehrlich ist, möge mal in seiner Stadt anklicken WO Kinder geboren werden - die Geburtenrate ist immer in den ärmsten und sozialproblematischsten Stadtteilen am höchsten und die wenigsten Kinder gibt es dort, wo die Sozialhilfeempfängerquote am kleinsten ist.

In Hamburg ist der Stadtteil mit der höchsten Geburtenrate Jenfeld - das bekannte Problemviertel, in dem die „kleine Jessica“ angebunden auf dem Balkon verhungert aufgefunden wurde.
Die wenigsten Kinder gibt es auf der Uhlenhorst, jener schicke Stadtteil an der Außenalster mit den vielen teuren Single-Wohnungen.

Das ist natürlich ein desaströser Zustand, der dazu verlockt die Augen fest vor der Zukunft zu verschließen - denn alle Soziologen sagen uns, daß sich Sozialhilfe-Empfänger-Existenzen vererben.
Lebt die Mutter schon von Hartz-IV, ist die Wahrscheinlichkeit, daß es die Kinder später auch trifft, erheblich höher, als bei der gutverdienenden Akademikermutter.

Nein, das ist politisch nicht korrekt und das will auch keiner wahrhaben.
Genau deswegen blenden das Thema eben auch fast alle Politiker aus:
Bildungsausgaben stagnieren, wir kriegen eine PISA-Keule nach der nächsten übergebraten und gleichzeitig werfen die großkoalitionär Agierenden der nächsten Generation so viele Steine in den Weg wie möglich, indem Schulden angehäuft werden und dafür die jetzigen Rentner (die wählen nämlich) mit Geldgeschenken beglückt werden.

Dieser fatale Zustand müßte nicht immer so bleiben.

Meiner Ansicht nach gibt es zwei Hauptprobleme:

1.) Das Steuersystem ist ungerecht, die Besitzenden werden immer reicher und die Geringverdiener immer ärmer. Unter anderem der Spiegelfechter führte das jüngst aus. Auch die im internationalen Vergleich erheblichen Ausgaben für Kinder werden so abstrus verteilt, indem auch Multimillionäre Kindergeld bekommen und die dicksten Steuerentlastung die EHE (Ehegattensplitting!) statt Kinder subventionieren.

2.) Das Bildungssystem ist komplett falsch und verdreht. Es fördert die frühzeitige Selektion und läßt die Bedürftigen, die am dringendsten kulturelle und pädagogische Förderung benötigen, in verrottenden Restschulen vergammeln, so daß sie a priori keine Chancen haben.
So multipliziert man die sozialen Probleme von morgen.


Beide Mißstände könnte man beheben, indem anders gewählt würde.

Dafür müssen CDU, CSU und FDP in Opposition.

So sieht es aber nicht aus, weil das deutsche Volk bereits ausreichend verblödet ist.


Das ist aber nicht Thilo Sarrazins Schuld!