TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

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Dienstag, 20. Dezember 2011

Hypokrit.

Wenn man sich in amerikanischen Online-Polit-Diskussionsforen rumtreibt und nicht so sicher in der Sprache ist, muß man als erstes das Wort „hypocrite“ lernen.
Heuchler/Heuchlerin. Heuchelei = hypocrisy.

Amerikaner scheinen einen großen Hang zur Heuchelei zu haben. Die prüde Nation der Puritaner, welche der mit Abstand größte Pornoproduzent der Erde ist.

Der Präsident, der immer von „Freedom“ redete und seinem Volk erklärte, Al Kaida möge Amerika nicht "because they hate freedom“ beschäftigte sich intensiv damit die Freiheit zu beschneiden möglichst abzuschaffen; Stichwort „PATRIOT act“.

Der Hauptankläger Clintons während der „Lewinsky-Affäre“ betrog selbst seine krebskranke Frau. Inzwischen ist Newt Gingrich das dritte Mal verheiratet und zum Katholizismus konvertiert.

Gingrich ist auch der hardcore-Republikaner, der ganz auf Parteilinie staatliche Hilfen für die Hypothekenbank Freddie Mac in Grund und Boden verdammt.
Off camera hat er aber 1,6 Millionen Dollar Beraterhonorar von Freddie Mac einkassiert, was selbst Konservative als Hochleistungsheuchelei brandmarken.

Newt Gingrich should donate ALL of his Freddie Mac profits to homeless vets, not spend it on his Tiffany's account. Ron Paul was absolutely right when he attacked Gingrich for serial hypocrisy. Newt should either give up the money or give up the campaign.
[…] Newt Gingrich should not keep one penny of his Freddie Mac profits. If he does, he should drop out of the race.
(Brent Budowsky - 12/16/11)

Auf demokratischer Seite machte sich 2004 und 2008 North Carolinas Senator John Edwards als Präsidentschaftskandidat stark.
Edwards war so ein hochmoralischer Mensch, daß er stets wie ein Methodisten-Prediger klang. Seine krebskranke Frau Elizabeth schloß Edwards Moral aber nicht ein, stattdessen schwängerte er 2008 eine „Schauspielerin“ namens Rielle Hunter.

Wenn eine Michele Bachmann mit irrem Blick gegen staatliche Subventionen wettert, die sofort abgeschafft gehörten, ist es schon fast sicher, daß ihre Familie (die elterliche Farm und die „pray-away-the-gay“-Klink ihres Mannes) ordentlich Subventionen kassieren.

Und dann die Anti-gay-Aktivisten.

In der Praxis halten sich die stramm rechten Prediger und US-Politiker nicht immer so ganz an diese Linie. Rechter Sex eben.

Da gab es den Abgeordneten Mark Foley, der männlichen Pagen schlüpfrige Pimmel-E-Mails sandte, Bob Allen, republikanischer Abgeordneter in Florida, der bei der Bitte nach Oralsex versehentlich an einen Polizisten geriet und James Guckert alias Jeff Gannon, der einen "Begleit-Service" für Männer betrieb und vom Weißen Haus einen Presseausweis bekam, weil er immer so nette Fragen an George W. Bush stellte. Glenn Murphy Jr., der Vorsitzende der GOP-Jugendorganisation Young Republicans, trat von allen Ämtern zurück, nachdem er einen 22-jährigen Mann sexuell genötigt hatte. Senator David Vitter aus Louisiana steht auf der Kundenliste der Washington Madam, des bekanntesten Bordells in Washington. In South Carolina musste der Staatspolitiker Thomas Ravenel als Wahlkampfleiter des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain zurücktreten, nachdem er offenbar Kokain geschnupft hatte. In North Carolina erwischte die Polizei im Juni den republikanischen Kirchenmann und Sittenwächter Coy Privette einer Prostituierten.
"Als die Nachricht von Senator Craig die Runde machte, forderten manche Republikaner seinen Rücktritt — andere wollten seine Telefonummer haben", spottete der Late-Night-Talker Dave Letterman.
Der einzige Republikaner, der wenigstens bloß gegenüber Frauen anzüglich wird, ist Arnold Schwarzenegger.

Auch da ist es an der Tagesordnung, daß diejenigen, die am lautesten die Homoperversion verdammen und durch die same-sex-marriage den Untergang des Abendlandes eingeleitet sehen, sofort nach Abschalten der Kameras ihre schwulen Callboys anrufen, um mit ihnen Koks-Sex-Orgien zu veranstalten (Ted Haggard) oder wie Senator Craig auf Flughafentoiletten andere Männer molestieren.

Hypocrisy all überall.
Dabei könnte man sich all den Ärger sparen, wenn man nicht immer von anderen genau das Gegenteil dessen verlangen würde, was man selbst tut.

Heuchelei ist der böse Bruder der Glaubwürdigkeit. Die geht dann nämlich flöten.

Was könnte die RKK für ein sympathischer Verein sein, wenn sie einfach offensiv das Offensichtliche vertreten würde.
Unsere Mönche sind alles warme Brüder und der Petersdom ist das gay paradise - man sieht es ja an den ganzen Transen in ihren bunten Kleidern.
Heute mag doch jeder Schwule und Dragqueens sind große Stars.
Man würde den Hut vor der RKK ziehen wollen.
Aber nun ausgerechnet die größte transnationale Schwulenvereinigung der Welt als „homofrei“ zu erklären und wie Ratzinger es angeordnet hat, grundsätzlich keine Schwulen zum Priesteramt zuzulassen, ist natürlich Gift für die Glaubwürdigkeit.

Übrigens, Prof Uta Ranke-Heinemann hielt ihren Kommilitonen Joseph Ratzinger, den sie 1953 kennengelernt hatte, früher immer für asexuell.
Diese Meinung hat sie aber offensichtlich geändert.

Wir mussten die fertige Doktorarbeit zusammenfassen in Thesen. Und die Thesen musste man ins Lateinische übersetzen. Und ich dachte, hm, das könnte ich mit einem Kommilitonen zusammen machen. Da war zum Beispiel ein Franziskaner, der grüßte mich morgens immer so freundlich. Nein dachte ich, für mich als Verlobte ist das nichts. Das war mir zu gefährlich, in diesen riesigen Hörsälen, die abends immer leer und dunkel waren. Und wenn wir dann zu zweit da sitzen, könnte er mir einen Kuss auf die Backe knallen. Also nein! Und so bin ich dann fündig geworden: Ratzinger. Er hatte schon immer die Aura eines Kardinals, hochbegabt, bei gleichzeitiger Abwesenheit jeglicher Erotik. So war es dann auch. Er war das reine Latein. Wobei ich sagen muss, dass ich ihn für absolut asexuell gehalten habe. Jetzt habe ich Fotos von ihm gesammelt. Es gibt ein Foto mit Tarcisio Bertone, seinem neuen Staatssekretär, darauf überreicht er ihm irgendetwas. Und er blickt ihn so an, und ich dachte .... na, verstehen Sie, was ich dachte?
(U. R-H. 20.12.11)



Aber nun haben wir ja einen weiteren deutschen Meisterheuchler, Christian Wulff.

Der Mann, der es geschafft hat 50 Jahre alt zu werden, ohne die geringste politische Leistung oder Initiative erbracht zu haben.
Der sich hinter den Kulissen bei jedem über sein geringes Gehalt beklagt (derzeit gute € 200.000 im Jahr).
Der Mann, der geradezu manisch versucht aus seinen Verbindungen einen finanziellen Vorteil zu ziehen.

Als Lebemann à la Strauß in den 1970ern, der auch mal Fünfe gerade sein läßt, würde man ihm schon eher durchgehen lassen, sich jeden zweiten Urlaub von seinen steinreichen Freunden bezahlen zu lassen.

Aber nun fällt Wulff so einiges auf die Füße, was ER SELBST mit dem Pathos der Empörung von sich gegeben hatte, wenn Sozis sich kleine Fehltritte leisteten.

Schon als lediglich Gerüchte auftauchten MP Glogowski könnte einen kostenlosen Urlaub verbracht haben, nölte Wulff los. Er sprach von einer "Verflechtung und Verfilzung", die dringend aufgeklärt werden müsse.

"Mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar"
Man erinnert sich nun wieder daran, dass Christian Wulff die Dinge einmal selbst ganz anders bewertet hat. 1999, Wulff war damals Oppositionsführer in Hannover, Niedersachsens Ministerpräsident hieß Gerhard Glogowski, ein SPD-Mann. Glogowski stand unter Druck. Medien hatten berichtet, Glogowski habe Urlaub auf Kosten des Reiseunternehmens TUI gemacht, das in der Landeshauptstadt ihren Firmensitz hat. Es war noch nichts bewiesen, da machte Wulff seinem Widersacher schon schwere Vorwürfe. Solch eine Vorteilsannahme sei „mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar“. Glogowski verliere seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit. Wenig später musste Glogowski als Regierungschef zurücktreten.
(Welt.de 13.12.11)

Das reichte Wulff aber nicht, er wollte einen Untersuchungsausschuss, denn "der Schein von Abhängigkeiten" sei "ein Problem für die Würde des Amtes", erklärte Wulff damals laut "Hannoverscher Allgemeinen Zeitung".

Durch die Zuwendungen privater Firmen zur Hochzeitsfeier Glogowskis sei der "Schein von Abhängigkeit und der Eindruck entstanden, der Ministerpräsident sei ein Werbeträger", kritisierte der damalige niedersächsische CDU-Chef [Christian Wulff].
(Spon 20.12.11)

Jener Wulff, der 1988 seine erste Hochzeit von Millionär Geerkens in dessen Osnabrücker Luxus-Penthouse ausrichten ließ.

Noch heftiger zeterte Wulff gegen Amtsvorgänger Rau. Er „leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben."

Im Jahr 2000 ging Wulff den damaligen Bundespräsidenten an. Johannes Rau stand wegen einer Flugaffäre unter Druck. Nachdem erneut Vorwürfe gegen Rau bekannt geworden waren, forderte der CDU-Politiker dessen Rücktritt. Wulff erklärte damals im "Focus", die SPD solle "Johannes Rau zurückziehen". Damit attackierte er den Präsidenten weit schärfer als seine Parteifreunde, die sich eher zurückhielten, um das Amt nicht zu beschädigen. Wulff ruderte zurück, nachdem sich andere Unions-Politiker von seiner Rücktrittsforderung distanziert hatten.
[…] Zugleich betonte er aber, dass "wir gerade jetzt einen unbefangenen Bundespräsidenten" bräuchten und "ihn gegenwärtig nicht zur Verfügung haben".
(Tagesschau 20.12.11)

Mit der Wahrheit nimmt es Präsident Wulff nicht so genau, wie wir spätestens jetzt alle wissen.

Den Niedersächsischen Landtag hatte er angelogen.
Da passt es ja gut, daß sein Freund Maschmeyer im Jahr 2007 zur Landtagswahl das Wulff-Buch „Besser die Wahrheit“ mit einer 40.000-Euro-Anzeige bewarb.
Das findet Christian Wulff auch heute noch völlig kritikunwürdig.
Jeder darf doch Anzeigen für CDU-Politiker bezahlen!
Anders sieht es aus, wenn DERSELBE Maschmeyer eine Pro-SPD-Anzeige aufgibt.
Wulff verlor nämlich die Wahl von 1998 krachend und tobte nur einen Tag später im Niedersächsischem Landtag theatralisch klagend "Wer war das?", während er die Maschmeyerische Pro-Schröder-Anzeige in die Kameras hielt.

Christian Wulff, der Osnabrücker vom Stamme Nimm, rafft von Krediten, Werbenazeigen, sechs Luxusurlauben für lau bis hin zu kostenlosen Flug-upgrades alles an sich, das er kriegen kann.
Aber wehe ein anderer wagt Ähnliches!!!

Zu Gerhard Schröders Engagement bei Gazprom
2006 wurde bekannt, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einen Posten bei dem russischen Konzern Gazprom annehmen würde und eine Bürgschaft der Bundesregierung mit Gazprom noch während Schröders Amtszeit abgeschlossen wurde. Unter den besonders Empörten war auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff. "Alle Umstände, die dazu geführt haben, müssen restlos aufgeklärt werden." Mitgliedern der Bundesregierung müsse es untersagt sein, kurz nach Amtsende eine Tätigkeit bei einem Unternehmen aufzunehmen, mit dem sie während ihrer Amtszeit zu tun hatten. Zu Schröders wirtschaftlichem Engagement sagte Wulff: "Es muss der Anschein vermieden werden, dass es Interessenkollisionen gibt."


Zu Ulla Schmidts Dienstwagen-Affäre.
Vor zwei Jahren musste sich die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wegen ihres Dienstwagengebrauchs an ihrem Ferienort rechtfertigen. Wulff brachte es damals auf die Formel: "Was privat ist, muss privat gezahlt werden."
(Spon 20.12.11)

Freitag, 9. Dezember 2011

Transatlantiker? Noch da?

Eigentlich sind die Amis ja sowas wie unsere Kinder.
Kinder, die einst als Teenager auszogen, weil ihre Eltern kein Verständnis für ihre Jugendkultur (=Fundi-Christentum) aufbringen konnten.
Inzwischen haben es die einstigen Kinder in der großen weiten Welt zu was gebracht und werden gar nicht gerne an das kleine, enge, alte Elternhaus erinnert. Vielen Amis ist Europa auch generell zu kompliziert - so viele winzige Länderchen mit unterschiedlichen Systemen, Währungen und Sprachen.
Sogar veritable US-Präsidentschaftskandidaten wissen nicht, daß Afrika aus mehreren Nationen besteht und sprechen von dem „Land“ Afrika.
Und da soll dieses mickrige Europa auch noch mal unterteilt sein?

Östlich des Atlantiks hat sich derweil auch ein gerüttelt Maß an Antiamerikanismus entwickelt. Die Vorureile über Amerikaner sind ausgeprägt. Man hält sie für zu laut, zu mächtig, zu rücksichtslos, zu ungebildet und zu oberflächlich.

Ganz ohneeinander geht es aber nicht. Zu wichtig sind die gemeinsamen politischen und ökonomischen Interessen, zu mächtig sind andere Regionen der Erde geworden.

Amerikaner und Europäer hassen sich auch nicht gegenseitig. Es changiert vielmehr zwischen Desinteresse und Hassliebe. Auch wenn es vielleicht nicht jeder zugibt - aber insgeheim bewundert man sich auch gegenseitig.
Trotz „America first“-Parolen werden viele Europäische Errungenschaften durchaus geschätzt - Italienische Küche, französische Weine, deutsche Autos, skandinavisches Design, Schweizer Uhren, Flämische Malerei, etc pp.
Und kaum ein Europäer kann sich verkneifen die Amerikanische Power, die Unkompliziertheit, die Größe, die Popkultur und das Fastfood zu bewundern.

In einer durch und durch globalisierten Welt wäre es also an der Zeit sich endlich wieder enger zusammen zu setzen.
Weder kann Amerika allein seine Interessen am Hindukusch oder dem Nahen Osten durchsetzen, noch können die Europäer ihre Wirtschaft ohne Amerika in Gang halten und schon gar nicht funktionieren Klimaschutz oder die Bekämpfung von Hunger und Seuchen ohne den anderen.

Das war alles mal anders.
Auch wenn sich Jimmy Carter heftig über das politische Alphatier Helmut Schmidt empörte - die großen Herausforderungen der damaligen Zeit wurden gemeinsam gewuppt.
Man sprach sich ab.

Bill Clinton, den ich a posteriori immer mehr für einen wirklich guten Präsidenten halte (man beachte was er im Gegensatz zu Obama aus einem feindlichen, alles blockierenden Republikaner-Kongress rausholte), war schlau genug Europa stets im Auge zu haben.

Ab Januar 2001 wurde bekanntlich alles anders, da die Neocons, die Europa einfach nur verachten, ins Weiße Haus einzogen.

Ab 2005 bemühte sich Angela Merkel ihrem hochgeschätzten GWB zu schmeicheln und gewann in der Tat sein volles Vertrauen. Allerdings war da das Kind schon längst im Brunnen.
Die Präsidentschaft Bush-II war bereits in jeder Hinsicht gescheitert.

Und jetzt?
Jetzt herrscht Indolenz. Weder Sarkozy noch Merkel kümmern sich um Amerika.
Obama macht bis heute einen großen Bogen um Deutschland. Offensichtlich trägt er ihr die Demütigung von 2008 nach, als Angie in treuer Verbundenheit zu George W. Bushs Republikanern dem Präsidentschaftskandidaten Obama eine bereits von Steinmeier genehmigte Rede am Brandenburger Tor untersagte.

Ein wenig sind die Amerikaner selbst daran schuld, Deutschland nicht besser zu verstehen. Lange war ihnen Europa herzlich egal, Präsident Barack Obama wollte lieber ein pazifischer Präsident sein. Doch Schuld an der Sprachlosigkeit zwischen Berlin und Washington tragen auch die Deutschen selber. Denn mit wem sollen die Amerikaner eigentlich über die Krise reden? Nun rächt sich, dass die vielbeschworene "transatlantische Partnerschaft" oft nur noch ein Wirtschafts-Netzwerk bildet, dessen Akteure meist in Unternehmen, nicht in Parlamenten beheimatet sind. Die deutschen Spitzenpolitiker, die regelmäßig in der US-Hauptstadt vorstellig werden, lassen sich an einer Hand abzählen. Außenpolitik gilt im Bundestag nicht mehr als Steigbügelhalter für die Karriere. Pforzheim oder Passau sind im Zweifel immer wichtiger als der Potomac. Es fehlt an "Public Diplomacy", wie die Amerikaner die wichtige Vermittlungsaufgabe von Politik nennen. Deutscher Außenminister ist ein "Guido Who?". Als Deutschlands Transatlantik-Beauftragter dient seit Juli der FDP-Abgeordnete Harald Leibrecht, dessen auffälligste Qualifikation sein Geburtsort nahe Chicago zu sein scheint. Und die Kanzlerin? Merkel hat zwar vor dem US-Kongress in einer Rede erläutert, wie sie als junges Mädchen in der ehemaligen DDR von Blue Jeans träumte. Doch jetzt wäre eine große Rede darüber wichtig, weshalb der Euro kein Alptraum wird.
[…] Beim Halifax Security Forum, einer Transatlantik-Konferenz mit vielen hochkarätigen Gästen aus den USA, reiste ein Dutzend deutsche Reporter an, um den gefallenen Polit-Messias Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem Comeback zu beobachten. Doch hochkarätige deutsche Konferenz-Teilnehmer, die den Amerikanern Berlins Euro-Kurs erläutern konnten? Fehlanzeige. Guttenberg fühlte sich dort natürlich pudelwohl.
[…] Beim Abendessen scherzte ein US-Teilnehmer: Er habe immer gedacht, "Guttenberg" sei das deutsche Wort für Bundeskanzler. Dem gefallenen CSU-Politiker schmeichelt das. Doch dass der Schummel-Freiherr vor Amerikanern gerade im Namen Deutschlands spricht, ist für Berlin ziemlich traurig.
(Eine Analyse von Gregor Peter Schmitz, Washington, 05. Dezember 2011)

Diverse Koalitionspolitiker haben schon ihre Regierungstätigkeit komplett eingestellt.
Schäuble hat sämtliche verabredete Reformen zwei Jahre lang ignoriert, um nun zu verkünden alles sei bis nach 2013 verschoben.
Röttgen kämpfte mal für eine Atomlaufzeitverlängerung, mal dagegen. Klima interessiert ihn hingegen gar nicht. In Kopenhagen war er quasi nur Beobachter und schon bevor er (spät) nach Durban reiste, erklärte er, da werde ohnehin nichts rauskommen.
Merkel läßt sich beim Klima-Gipfel ohnehin nicht blicken.

Das große Prioritätsvorhaben der Bundesregierung - flächendeckend Internetbreitbandanschlüsse - ist just eben für genauso gescheitert erklärt worden, wie die einstmals groß angekündigte Versorgung mit KITA-Plätzen.

Das marode deutsche Bildungssystem hat die Kanzlerin nach drei in Folge gescheiterten „Bildungsgipfeln“ aufgegeben. Dann haben wir eben weiterhin das mieseste Schulsystem Europas und 50.000 nicht besetzte Lehrerstellen.
Macht ja nichts.

Da passt der von Gregor Peter Schmitz korrekt als "Guido Who?" bezeichnete Außenminister ins Bild.

Man merkt es kaum, weil man innerlich für jeden Tag dankbar ist, an dem man nichts von Westerwelle hört.

Aber, man möge darüber mal kurz nachdenken - während die internationalen Megagipfel immer öfter und immer dramatischer stattfinden (Weltklimakonferenz in Südafrika, Afghanistan-II-Konferenz in Bonn, Dauer-Eurodrama in Brüssel, etc) ist unser Guido komplett untergetaucht.

Hat irgendjemand in letzter Zeit Westerwelle gesehen?

Macht der überhaupt noch irgendwas?

Ist er noch im Amt?

Man muß Westerwelle allerdings eine charakterliche Festigung zugestehen - er war schon vor seinem Amtsantritt an Außenpolitik desinteressiert und hat das konsequent beibehalten.
Selbst der rechte Arnulf Baring nörgelte im Jahr 2009 in vielen Talkshows, daß Westerwelle der erste zukünftige Außenminister sei, der noch nie in seinem Leben in Frankreich oder Amerika gewesen wäre.
Für Guido gab es 40 Jahre nur Bonn-Bad Honnef und dann entdeckte er die große weite Welt: Berlin.
Westerwelle ist jedenfalls mit Nichten ein Kämpfer für Europa, wie es Joschka Fischer ohne Zweifel war. Und mit Fischers exzellenten Kontakten nach Washington - Madelaine Albright ist heute noch seine Busenfreundin - wird es Guido aus Bad Honnef nie aufnehmen können.

Der Ex-FDP-Chef fällt komplett aus und stellt eben nicht das dringend nötige Bindeglied nach Washington dar.
Dabei wäre es an ihm den Amis einiges zu erklären, während seine Chefin in Brüssel festsitzt.
Aber ohne deutsche Diplomatie läuft so einiges aus dem Ruder.
Die Bundesregiotung bejubelt den heutigen Brüsseler Gipfel - während sich durch die Bank weg alle Ökonomen nur noch an den Kopf fassen.

Damit steht der gewerkschaftsnahe Forscher überraschenderweise auf einer Linie mit den Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs. Auch sie zeigen sich von den Gipfelbeschlüssen enttäuscht - und raten Anlegern, auf fallende Aktienkurse in Deutschland zu wetten. "Wir bleiben bei unserer Einschätzung, dass sich die Euro-Zone auf eine Rezession zubewegt und die Politik keine maßgebliche Lösung für die aktuelle Finanzkrise bietet", schreiben sie in einer Analyse. Auf dem EU-Gipfel hätten sich die Politiker auf die zukünftige Teilung der Risiken und die Grundlagen der notwendigen Reformen konzentriert. Es habe aber keine Antwort auf die Frage gegeben, wie Griechenland, Italien oder das europäische Bankensystem unmittelbar entlastet werden könnten. Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax steht nach Einschätzung der Goldman-Experten deshalb vor einer Talfahrt.
(Spon 09.12.11)

Das ist schon lustig - die amerikanischen Ratingagenturen werten uns ab, die amerikanischen Investmentriesen empfehlen gegen die deutsche Börse zu wetten und Guido schläft sich irgendwo aus.

Aber das ist Polemik. Ich habe mal kurz auf den Websites des Auswärtigen Amtes und der FDP recherchiert, was Guido eigentlich tut.

Er IST noch im Amt.
Heute ist er in Portugal und am Montag wird er nach Washington reisen, um dort an einem Gala-Dinner zur Verleihung der Leo Baeck-Medaille teilzunehmen.

On December 12, 2011, German Foreign Minister Guido Westerwelle will award the Leo Baeck Medal to Anselm Kiefer and bestow a special honor on Dr. Henry A. Kissinger. The presentation will take place during the annual Leo Baeck Institute Gala Award Diner at the Waldorf-Astoria in New York.
(lbi.org)

Und schon am 15.12. 11 hat Guido wieder einen wichtigen Termin - er wird in Berlin ein Gespräch mit dem montenegrinischen Außenminister Milan Roćen führen!

Der Mann kommt rum!

Und erst im November war er in Italien:

Außenminister Westerwelle ist in Rom am 20. November mit seinem neuen italienischen Amtskollegen Giulio Terzi di Sant'Agata zusammengetroffen.
(auswaertiges-amt.de/DE)

Donnerstag, 17. November 2011

Überraschungen

Es ist alles andere als verblüffend, wenn US-Präsidentschaftskandidaten beim Schaulaufen um die Nominierung exorbitante Doofheiten zur Schau stellen.

Man kann sich eben nicht immer nur bei FOX bebauchpinseln lassen, sondern muß auch zu Interviewern gehen, die wenigstens so tun, als ob sie auch mal eine kritischere Frage stellen würden.

Allgemeine politische Interviews, in denen womöglich auch Außenpolitik eine Rolle spielt, sind für GOPer natürlich ein Gang mit verbundenen Augen durch ein Mienenfeld.
Sie sind einfach zu verblödet und zu ungebildet, um bestehen zu können.
Keine Chance sich vorzubereiten, wenn noch nicht mal Grundlagenwissen beherrscht wird.
Es gibt GOPer wie George W. Bush, der vor seiner Präsidentschaft gar keinen Pass besaß, weil er nie die USA erlassen hatte. Auch Sarah Palin trat ihre erste Auslandsreise im Wahlkampf 2008 an.
„Politiker“, die noch nicht mal wissen, daß in Europa verschiedene Sprachen gesprochen werden oder felsenfest annehmen Afrika sei EIN Land, kann man nicht mal eben updaten.
Das ist ähnlich aussichtsreich, wie einem Dreijährigen in einer Stunde die Woodward-Hoffmann-Regeln zur Erhaltung der Orbitalsymmetrie bei sigmatropen Umlagerungen einer pericyclischen Reaktion zu verklickern.

Es ist also keine Überraschung, wenn Sarah Palin in ihrem legendären Interview mit Katie Couric im Sommer 2008 ihre völlige Enthirnung zur Schau stellt.






Es ist also keine Überraschung, wenn Rick Perry demonstriert, daß er noch nicht mal bis drei zählen kann.



Es ist also keine Überraschung, wenn Herman Cain öffentlich beweist, daß er das Wort „Libyen“ noch nie gehört hat und selbstverständlich auch nicht den blassesten Schimmer hat, was dort vorgeht.



Bei den Republikanern läuft es derzeit nicht gut: Erst redete sich Präsidentschaftskandidat Rick Perry um Kopf und Kragen, dann kam Herman Cain beim Thema Libyen schwer ins Stottern. Ein Partei-Rivale profitiert von diesen Aussetzern besonders - Newt Gingrich. Der ehemalige Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses hat sich an die Spitze des Bewerberfelds katapultiert. Nach einer Umfrage des Nachrichtensenders "Fox News" unter Parteianhängern kommt er auf 23 Prozent Zustimmung. Dabei hatten sich Ende Oktober gerade einmal zwölf Prozent der Befragten für den 68-Jährigen ausgesprochen. Der damalige Spitzenreiter Herman Cain fiel dagegen von 24 auf 15 Prozent zurück.
[…] Der Gouverneur von Texas, Rick Perry, überzeugte nach seinem Aussetzer in einer TV-Debatte nur noch sieben Prozent der Befragten.
(Spon 17.11.2011)

Selbst die konservative WELT, die sonst stramm auf GOPer Seite steht, schreibt konsterniert darüber "Wie Cain, Perry & Co. die Republikaner blamieren."

Herman Cain blamiert sich in der Außenpolitik, Rick Perry kann kaum bis drei zählen, alle verteidigen die Folter – die Republikanerkandidaten machen ihrer Partei Schande.
[...] Der US-Wahlkampf ist ein mörderischer Marathon, der im YouTube-Zeitalter noch brutaler geworden ist. Jeder weiß das. Mit ganz wenigen Ausnahmen, wie Barack Obama und Bill Clinton, treten nicht mehr die Besten beider Parteien an, sondern die Reichen, Dickfelligen, Konditionsstarken. Was oft genug nichts anders heißt als beseelte Einfältige. Noch ein knappes Jahr bis zu den Wahlen. Es wird noch lustig zugehen.
(Uwe Schmitt 15.11.11)

Es gibt aber zwei Arten politischen Doofheit.

Neben der anhand der Beispiele Cain, Perry und Palin erläuterten erwartungsgemäßen Doofheit, gibt es auch noch die verblüffende Doofheit, die eigentlich vermeidbar wäre.

Sie zeigt sich, wenn ein Kandidat, der es eigentlich besser wissen muß, sehenden Auges tief in die Grube reitet.

Das Paradebeispiel ist für mich John Edwards, der sich vor vier Jahren ein Rennen um die Präsidentschaftskandidatur mit Barack Obama und Hillary Clinton lieferte.
Edwards war zwar weniger schillernd, als seine Konkurrenten, aber dafür galt er als extrem fromm und klang stets wie ein Prediger.
Ein riesiges Plus im Religiotenparadies Amerika.
Außerdem war seine Frau Elizabeth in Amerika sehr bekannt und populär.
Ganz Amerika litt mit ihr mit, als sie an Brustkrebs erkrankte und John konnte sich als liebender Ehemann inszenieren.
Nebenbei poppte und schwängerte er allerdings die Schauspielerin Rielle Hunter.
Ich will es moralisch nicht bewerten fremdzugehen und die krebskranke Frau im Stich zu lassen.
Aber unter den Umständen nach 2004 erneut eine Präsidentschaftskandidatur zu unternehmen und zu glauben, daß er diese Tatsachen verheimlichen könnte, während der politische Gegner und alle Journalisten des Landes jeden Stein umdrehen und die Persönlichkeit akribisch durchleuchten, ist einfach DUMM.
Wer so wenig die Öffentlichkeitsarbeit einschätzen kann, sollte besser nicht Präsident werden.

Diese Woche gab es wieder eine dieser überraschenden Doofheiten.

Der rechtsextreme notorische Lügner und Hetzer Newt Gingrich, der Molch, verfügt zwar über die abstoßendste Persönlichkeit aller Bewerber, aber ich möchte ihm doch zugestehen nicht ganz so ungebildet und unerfahren wie die Palins oder Perrys zu sein.

Dennoch behauptete er letzte Woche in einer TV-Debatte, daß er vom 2008 nach massiven Verlusten mit Steuergeldern vor der Pleite geretteten Konzern Freddie Mac lediglich 30.000 Dollar Beratungshonorar bekommen habe.

Eine faustdicke Lüge.

Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Newt Gingrich soll deutlich höhere Beratungshonorare von dem Hypothekenkonzern Freddie Mac erhalten haben als bisher bekannt. Das Unternehmen habe dem früheren Präsidenten des US-Repräsentantenhauses mindestens 1,6 Millionen Dollar gezahlt, hieß es aus informierten Kreisen.
(sueddeutsche.de 17.11.11)

Ein heißeres Eisen als die Milliarden-Bailout-Pakete aus Steuermitteln an Pleitefirmen gibt es fast gar nicht (außer natürlich Schwulenbekämpfung).
Wie kann der Molch annehmen es käme nicht raus, daß er sich letztendlich auf Steuerzahlerkosten 1,6 Millionen Dollar in die Tasche gesteckt hatte?

So ein Depp.

Fast tun einem die GOPer leid. Bachmann gilt als unwählbar.
Perry, Palin, Cain und Gingrich haben sich erfolgreich selbst in Knie geschossen.

Bleibt also Romney.

Der ist aber für die Teebeutler eigentlich zu lasch und zudem auch noch Mormone.

Der Mormonenglaube ist so suspekt, daß selbst die notorisch religiösen Amerikaner irritiert sind.



Vermutlich bekommt Obama also doch noch eine Amtszeit.

Einfach mangels Alternative.

Den Vorwurf der „lame duck“, der viele Präsidenten in ihrer zweiten Amtszeit ereilt, muß Obama nicht fürchten.
Er ist schließlich schon von Anfang an eine lame duck.

Sonntag, 13. November 2011

Ab auf den Müll.

Wir neigen dazu die USA als junge Nation zu betrachten.
Die Geschichte ging erst ab 1492 los. Rückblickend auf eine vergleichsweise kurze Zeit gilt ein hundert Jahre alter Gegenstand schon als „antik.“
Drei Generationen sind schon was. Daher tragen einige Amis stolz Namenszusätze wie „der Dritte“, John Ford III. geschrieben, um auf eine vermeidlich lange Tradition hinzuweisen.

Die Sicht auf Amerika als junges Land ist natürlich idiotisch. Vor 1492 waren Nord- und Südamerika von Hochkulturen bevölkert, die allerdings weitgehend von den lieben einwandernden Christen ausgerottet wurden.
Man nimmt an, daß im Namen der Kirche rund 100 Millionen Menschen in Amerika abgeschlachtet wurden.
Heute stört das den Vatikan immer noch nicht. Na schön, die Bewohner eines Doppelkontinents wurden zwar quasi ausgerottet, aber nach der Lesart der Vatikan-Moralexperten sollen sie doch froh sein, denn dafür hätten sie schließlich das Christentum bekommen.

1991, ein Jahr vor dem 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas, kehrte Papst Johannes Paul II. als Vertreter jener Institution, die den verbrecherischen Raubzug zu verantworten hat, an den Tatort zurück.
Nur etwa 5 % der indianischen Urbevölkerung haben die Christianisierung überlebt. Nach etwa eineinhalb Jahrhunderten waren etwa 100 Millionen Menschen ermordet, ganze Völker ausgerottet und Kulturen vernichtet worden. Die übrigen war jetzt weit gehend römisch-katholisch, weswegen Papst Johannes Paul II. in diesem Zusammenhang von einer "glücklichen Schuld" der Eroberer sprach.
(das-weisse-pferd)

Wer so lapidar über 100 Millionen Tote hinweg geht, gerät folgerichtig auch nicht groß in Wallung, wenn sechs Millionen Juden umgebracht werden.

Nachdem die beiden Amerikas entvölkert waren, wurden sie tatsächlich zu einem Einwanderungsland. Nun ging alles sehr schnell. In Rekordzeit bildeten sich neue Traditionen und Geschichtsbewußtsein heran.
Der american way of live war zukunftsorientiert, ganz und gar auf Konsum und Wachstum ausgerichtet.

Auch meine US-Verwandten stammen ursprünglich aus Europa. 150 Jahre ging die Familienvölkerwanderung nur in eine Richtung: Westwärts über den großen Teich.
Zuletzt machten sich einige Deutsche in den 1950er und 1960er Jahren auf nach Amerika, heirateten dort Amerikaner, bekamen Kinder.

Inzwischen ist die alte Welt so attraktiv geworden, daß Amis wie ich zurück nach Europa streben.
Was vor 50 Jahren in Amerika als hoffnungslos altmodisch galt, als europäisch galt, ist nun auf einmal modern.

Auswanderer aus Deutschland, die es in den 1960ern nach Amerika verschlug, erlebten in vieler Hinsicht eine völlig andere Kultur.
Mit diesen Geschichten bin ich aufgewachsen. Wie wunderlich man sich gegenseitig fand.

Besonders eindrücklich ist für mich immer noch welches Erstaunen bei den alteingesessenen Amis erzeugt wurde, wenn in Deutschland Aufgewachsene danach trachteten eine Waschmaschine oder einen Staubsauger zu reparieren.
Wozu denn das? Wie altmodisch, wie umständlich, wie ärmlich.
Throw it away and get a new one! war der Satz, den man auf solche Fragen als Antwort erhielt.
Ob es sich um ein T-Shirt oder ein Auto handelte; jeder war daran gewöhnt, daß solche Dinge binnen (für das deutsche Empfinden) kürzester Zeit in ihre Bestandteile zerfielen, auf dem Müll landeten und ersetzt wurden.
Das war kein Ärgernis, sondern im Gegenteil ein Symbol des allgemeinen „progress“.
Denn so hatte man stets das Neueste und Modernste.

Es gab sogar amerikanische Ökonomen, die im Rahmen der geplanten Obsoleszenz* eine generelle gesetzliche Maximal-Benutzungszeit für alle Produkte planten.
Man stellte sich ein auf ewig gesichertes Wirtschaftssystem vor, bei dem alle Arbeitsplätze garantiert wären, weil alle Hersteller genau wüßten welcher Absatz zu erwarten wäre.

Welch eine tolle Idee. Schon beim Verkauf einer Jeans, hätte Levi gewußt, wann der Kunde wiederkommt, weil die maximale Tragezeit von zwei Jahren nicht überschritten werden dürfte.

*(Die geplante Obsoleszenz ist Teil einer Produktstrategie. Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden. Der Kunde will oder muss es ersetzen. - Wiki)

Aus europäischer Perspektive ist die geplante Obsoleszenz eine hochperverse ausbeuterische Strategie, die ich gar nicht genug verdammen kann.
Umso ärgerlicher, daß die geplante Obsoleszenz weitgehend durchgesetzt ist. Jeder weiß, daß die normalsten Gebrauchsgegenstände wie Telefone oder Kaffeemaschinen eine sehr kurze Lebensdauer haben.
Die Obsoleszenz-Chips sind dabei noch nicht mal getarnt. Das erlebt man bei seinem Drucker/Fax-Kombi-Gerät, das zwar noch einwandfrei funktioniert, bei dem aber nach ein, zwei Jahren Warnungen wie „Foto-Modul ersetzen“ oder „Speicherplatz in kritischem Zustand“ aufblinken.

Wir sind Sklaven des amerikanischen Prinzips “Throw it away and get a new one!” geworden.

Die Methode “Wegwerfen und das Gleiche neu verkaufen” herrscht auch bei den acht republikanischen Präsidentschaftskandidaten-Kandidaten.

Die ungeheuer erfolgreiche Idee des letzten GOPer-Präsidenten Bush-Junior ein paar Kriege anzuzetteln, steht nun wieder auf der Agenda.
Bei der nunmehr zehnten TV-Debatte der acht geistig Zurückgebliebenen war man sich einig, daß Obama zu lasch und zu weich wäre.
Einige machten sich klipp und klar für Militärschläge stark.

Wenn nichts mehr übrig bleibt als eine militärische Operation, dann muss man natürlich eine militärische Operation ausführen", erklärte der Favorit in den Umfragen, Mitt Romney. Der Drittplatzierte, Newt Gingrich, sagte, er würde "alle nötigen Schritte" anordnen, um eine "nukleare Fähigkeit" des Regimes zu verhindern. Nur Herman Cain, überraschend auf dem zweiten Platz, sagte, er denke nicht an einen Militärschlag. Die meisten der insgesamt noch acht Bewerber überboten sich geradezu in ihren Forderungen. Der texanische Gouverneur Rick Perry will Sanktionen gegen die iranische Zentralbank verhängen, ein Schritt, vor dem die US-Regierung offenkundig aus Furcht vor den Auswirkungen auf den Ölmarkt bisher zurückschreckt. Der frühere Senator Rick Santorum kündigte an, dass er Israel bei einem Luftschlag gegen iranische Atomanlagen unterstützen würde. Rick Perry, Herman Cain und die einzige Frau in der Runde, die Kongressabgeordnete Michele Bachmann, kündigten für den Fall ihrer Wahl die Wiedereinführung des berüchtigten "Waterboarding" bei Vernehmungen von Terrorverdächtigen an, Folter also.
(Reymer Klüver, 13.11.11)

Die geplante Obsoleszenz hat auch Nachteile - der ein oder andere Leser mag es geahnt haben.

Es wird Müll produziert und Ressourcen werden verschwendet.

Im Fall der letzten US-Kriege entstand unter anderem jede Menge Human-Müll.
Eine Menge Leichen und LeichenTEILE wurden von der Luftwaffe zurück in die Staaten geflogen. Zum Glück gibt es aber in Amerika nicht ganz so penible Bestattungsgesetze wie in Deutschland und bei den Müllkippen guckt man auch nicht so genau hin.
Abgerissene Gliedmaßen und unvollständige Leichen wurden teilweise einfach eingeäschert und auf die nächste Müllkippe geworfen.
Nun ist Amerika „entsetzt“.

Die Vorgänge wurden übrigens weder von einer Regierungsstelle, noch von Journalisten aufgeklärt - es fragt keiner so genau nach.
Eine Hinterbliebene fragte hartnäckig nach, was mit den Überresten ihres Mannes passiert sei - und wunderte sich.

Dass die Praxis, Leichenteile auf einer Mülldeponie zu entsorgen, überhaupt bekannt wurde, dürfte auch der Hartnäckigkeit einer Kriegerwitwe zu danken sein. Gari-Lynn Smith, deren Mann Scott 2006 von einer Bombe in Irak zerrissen worden war, hatte in einem Autopsiebericht der Air Force ein Jahr später herausgefunden, dass nicht alle Leichenteile ihre Mannes so rasch geborgen werden konnten, um sie in den nach Dover überführten Sarg zu tun. Auf die Frage, was mit dem Rest geschehen sei, habe sie 'keine ehrliche Antwort' bekommen, berichtete die Kriegerwitwe. Erst im April sei sie darüber informiert worden, dass zumindest einige der sterblichen Überreste auf der Deponie gelandet seien. 'Das hat mich umgehauen', gab sie zu Protokoll, 'dass Scott auf den Müll geworfen wurde'.
(Reymer Klüver 11.11.11)

Recht interessant eigentlich.
Ausgerechnet in Amerika, wo man vor lauter Stolz auf die Truppen kaum gehen kann und die Army bei Sonntagsreden mit Ehrenbezeugungen nur so überschüttet, werden Veteranen in Ratten- und Kakerlaken-verseuchten Drecksbuden wie dem Walter Reed-Hospital eingepfercht und wer nicht überlebt, kommt auf den Müll!

Erst am Mittwoch berichtete die Washington Post, dass Leichenteile, von denen keiner mehr so genau wusste, welchem Toten sie zuzuordnen waren, jahrelang kurzerhand verbrannt wurden und die Asche auf eine Mülldeponie in Virginia geschüttet wurde. Inzwischen werden die Überreste auf See bestattet. Am Tag zuvor hatte die Air Force auch in anderen Fällen 'schweres Missmanagement' in Dover eingeräumt. So waren die geborgenen Knöchelknochen eines Toten einfach verschwunden. Auch Leichenteile anderer Gefallener waren nicht mehr aufzufinden. Insgesamt ist die Rede von 14 solcher Fälle.
(Reymer Klüver 11.11.11)

“Throw it away and get a new one!”





Nachtrag:

Zu den brillanten Außenpolitikstrategien der Republikaner auch Jake.

Montag, 24. Oktober 2011

Kompliziertes komplizierter machen.

Das ist ja nun eine Binse.
Natürlich ist es für Beziehungen zwischen Staaten außerordentlich hilfreich, wenn sich die Chefs persönlich gut verstehen.

Gerd Schröder ist so einer, mit dem viele Staatenlenker wirklich gut konnten. Vermutlich machte es die Mischung aus Arbeiterklasse-Jovialität, Klugheit, Kumpelhaftigkeit, Allürenfreiheit und Zuhörtalent. Um mit Schröder auf Staatsmann-Ebene persönlich nicht zu Recht zu kommen, müßte man entweder sehr elitär und dünkelhaft sein, oder so wie GWB sehr irrational verblendet sein.
Es wundert mich gar nicht, daß Schröder insbesondere mit Putin und Chirac richtige private Freundschaften entwickelte.
Freundschaften, die später beim Irakkrieg sehr wichtig werden sollten.

Die Konstellation war an sich nicht so unkompliziert.
Russland und Frankreich sind beides „historische Feinde“ Deutschlands, die beide mehrfach von den aggressiven Teutonen überrannt wurden.
Moskau und Paris sehen sich heute noch als glorreiche Siegermächte, die historisch bedingt mit dem Edelstatus einer UN-Sicherheitsrat-Vetomacht belegt sind. Berlin kann schon froh sein überhaupt mal nicht-ständiges Mitglied in dem Gremium zu sein.
Russland und Frankreich sind ständige Sicherheitsratsmächte. Beides sind Präsidialsysteme, in denen das Staatsoberhaupt auch Regierungschef ist. Daraus ergibt sich, daß bei internationalen Treffen Chirac und Putin einen deutlich höheren protokollarischen Rang als Schröder hatten, mit mehr Ehren und mehr weißen Mäusen umschmeichelt wurden, während der Deutsche ja „nur“ Kanzler und somit protokollarische Nummer Vier seines Landes war.
Pikanterweise sind aber die Deutschen heute wirtschaftlich und finanziell dennoch viel stärker als die beiden ABC-Mächte mit ihren Flugzeugträgern.
Zur Minderwertigkeitskomplexkompensation gäbe es also viel Munition, aber Schröder hat sich brillant mit den Präsidenten arrangiert und ihnen neidlos ihren höheren diplomatischen Status gegönnt.

Mit Merkel ist das alles ganz anders geworden.
Zwar muß man ihr wohl zugestehen, daß sie (wenn die Presseberichte stimmen) ebenfalls diplomatisch unprätentiös ist und ganz im Gegensatz zu ihrem Ex-Vize Westerwelle überhaupt nicht dazu neigt beleidigt zu sein, wenn es an protokollarischen Ehren fehlt, aber dafür hat sie eine pestige Persönlichkeit.

Die emotional retardierte Phlegmatikerin kommt mit vielen anderen Regierungschefs einfach nicht zurecht.
Teilweise ist es ihre Schuld.
So zum Beispiel im Fall Obama, dem sie in seinem Wahlkampf partout die Tour vermasseln wollte und einen schon von Steinmeier genehmigten Auftritt am Brandenburger Tor untersagte.
In Treue fest zu George Bush wollte sie den aufstrebenden Demokraten unbedingt ächten.

Auch Putin nervte sie durch das demonstrative Abkühlen der Beziehungen zu Russland nach 2005. Merkel pochte auf einmal auf die Menschenrechte und schlug sich ausgerechnet auf die Seite des Folterbefürworters und Todesstrafen-Rekordhalters GWB, während sie den Russen (dort ist die Todesstrafe abgeschafft!) für menschenrechtsinkomaptibel hielt.

Teilweise ist es auch nicht ihre Schuld.

Berlusconi mag Merkel nicht, weil er grundsätzlich Frauen verachtet, die älter als 19 Jahre sind und von den 90-60-90-Idealmaßen abweichen.

Regelrecht ruiniert ist aber das Verhältnis zu Frankreich.
In schwierigen Zeiten mit unterschiedlichen Interessen verschärft die persönliche Animosität Merkel-Sarkozy das Problem noch.
Man kann heute wohl mit Sicherheit sagen, daß die beiden sich gegenseitig nicht leiden können.

Ich bin zwar der Letzte, der nicht verstünde, daß ein Staatspräsident, welcher dauernd mit Merkel zu tun hat, genug von ihr hat.
Aber der aufbrausende, selbstverliebte Sarko scheint auch eine Strafe für jeden rationalen Verhandler zu sein.

Man erzählt sich in Berlin, daß Merkel ihn schon seit seinem ersten offiziellen Besuch als Wahlkämpfer hasst.
Da er in der richtigen (=konservativen) Partei ist, hatte sie ihn im Gegensatz zu Barack Obama schon als Wahlkämpfer ohne Amt empfangen.
Im Frühjahr 2007 war er als Vorsitzender der konservativen gaullistischen UMP zu einem Treffen ins Kanzleramt geladen. Dort wartete er aber nicht, bis Merkel IHN begrüßte, sondern raste ihr wie Blücher auf Speed entgegen, um sie kräftig zu umarmen und abzuknutschen.

Eine der wenigen privaten Eigenschaften, die man von Merkel weiß, ist ihre enorme Abneigung gegen körperliche Kontakte.
Sie hasst die haptischen Angriffe, wie man unschwer sehen konnte, als GWB sie im Juli 2006 beim G8-Gipfel in St. Petersburg von hinten an den Schultern packte.



Seitdem beobachte ich sie übrigens immer gerne Bundestagssitzungen solange Westerwelle noch als Vizekanzler neben ihr sitzen durfte.
Gaga-Guido ist auch ein notorischer Grabbler, dem offenbar jedes Gefühl dafür abgeht, ob das seinem Gegenüber gefällt oder nicht. Dauernd greift er ihr an die Unterarme und es ist schon lustig zuzusehen, wie extrem sie sich vor den Kameras zusammenreißen muß nicht schreiend wegzulaufen.
Was allerdings verständlich ist - arme Angie. Es muß ja schon hart genug sein überhaupt neben Westerwelle sitzen zu müssen, aber die Vorstellung, daß er einen dabei auch noch befummelt, ist die ultimative Strafe Gottes.

Merkel hat es also bei dem gegenwärtigen Gipfelmarathon wirklich nicht leicht.

Einerseits ist sie selbst zu unentschlossen und zu zögerlich und zu desinformiert, um mal mutig den Kurs vorzugeben, andererseits verlängert sich dadurch das Elend des Zusammensitzens mit den Kanaillen, die nun einmal gegenwärtig die EU-Regierungschefs stellen.

Berlusconi geriet vor wenigen Wochen mit dem Spruch in die Schlagzeilen, daß er Merkel nicht durchbumsen würde, weil sie dazu einen viel zu fetten Arsch hätte.
(Die Kanzlerin sei eine „culona inchiavabile“ - so Berlusconi am 15.09.2011)

Gestern bekam der reichste Mann Italiens in Brüssel Hausaufgaben - der italienische Staat sei chaotisch und zu hoch verschuldet.
Nun beklagt man sich bitter über das "Kommissariat von Merkozy."

Die schweren Rüffel und das Hausaufgabenpaket, die Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi vom Brüsseler Euro-Gipfel nach Hause bringt, setzen ihn innenpolitisch unter Druck. Die Behandlung, die Berlusconi erlebt hat, löst in Italien zudem vielerlei Verstimmung aus. "Unangebracht" nennt Außenminister Franco Frattini die ironisch-amüsierte Reaktion von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel auf Fragen nach dem Vertrauen in die römische Regierung. […] EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso führte dem Italiener das Beispiel Spaniens vor Augen. Ministerpräsident Zapatero habe schwere Reformen umgesetzt und zugleich den Weg für vorgezogene Neuwahlen eingeschlagen, gaben italienische Medien Barrosos Worte wieder. Der hatte beim Euro-Gipfel auch gesagt, "es ist nicht nur Italien in Gefahr, sondern Italien ist die Gefahr für ganz Europa". Das Staatsdefizit beläuft sich auf mehr als 1800 Milliarden Euro.
(Andrea Bachstein 24.10.2011)

Berlusconi tobt. Er betrachtet Italien als das so wörtlich „solideste Land Europas!“

"Niemand innerhalb der EU kann den Partnern Lektionen erteilen", sagte [Berlusconi] am Abend und regagierte damit auf Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy.
[…] Die italienischen Parteien forderte er auf, zum Wohle des Landes zusammenzuarbeiten. "Niemand hat etwas zu befürchten von der drittgrößten europäischen Volkswirtschaft, von diesem außerordentlichen Land, dem an der internationalen Kooperation ebenso viel liegt wie an seiner stolzen Unabhängigkeit." Betrachte man Staatsschulden und Privatverschuldung zusammen, sei Italien neben Deutschland "das solideste Land Europas", so Berlusconi.
(TS 24.10.11) [WTF....?]

Da Großbritannien keine Euro-Nation ist, vergisst man hin und wieder, daß die Engländer mit ihrem Cholerix-Ministerpräsidenten Cameron auch mit am Tisch sitzen, wenn die EU über Wirtschafts- und Finanzpolitik debattiert.

Der Konservative ist auch so einer, der seine Worte schwer zügeln kann.

Wenn die Abgehängten und Verarmten unserer Gesellschaften ihrem Frust riotig Luft machen (und das erleben wir nicht nur bei Occupy the world, sondern auch im August in London. Und zuvor gärte es in Tel Aviv, Athen, L.A. und Paris) dann wird gerne martialisch durchgegriffen.

Premier Cameron wählte am Mittwoch harte Worte. Einige Teile der Gesellschaft seien "schlicht und einfach krank". […] "Wir mussten den Kampf aufnehmen, und der Kampf ist im Gange." […] Der britische Premier drohte am Mittwoch erstmals mit dem Einsatz von Wasserwerfern und sagte, der "Gegenschlag" sei bereits im Gange. […] Er werde nicht zulassen, dass sich auf britischen Straßen eine "Kultur der Angst" breitmache. Die Regierung erlaubte den Einsatz von Wasserwerfern, die bislang nur bei den Unruhen in Nordirland zum Einsatz kamen. Es gebe neue Notfallpläne, nach denen Wasserwerfer innerhalb von 24 Stunden einsatzbereit seien, sagte Cameron. Auch Gummigeschosse seien erlaubt.
(rp-online.de 10.08.11)

Gestern in Brüssel gab Cameron schlaue Ratschläge über die Bewältigung der Euro-Krise, woraufhin dem Kollegen Sarkozy die Hutschnur durchbrannte.

Sarkozys Attacke sorgt heute für dicke Schlagzeilen auf der Insel: "Sie haben eine gute Gelegenheit verpasst, den Mund zu halten", sagte der französische Staatspräsident gestern in einer großen Konferenzrunde. "Wir haben es satt, dass Sie uns ständig kritisieren und uns sagen, was wir tun sollen", erklärte Sarkozy und fuhr fort: "Sie hassen den Euro, wollen sich aber in unsere Beratungen einmischen."
(tagesschau.de 24.10.2011)

Ausnahmsweise muß man aber den konservativen Franzosen verstehen - denn der konservative Brite scheint sogar noch dümmlicher als die konservative Merkel zu agieren.

Der Premier macht eine äußerst unglückliche Figur“ analysiert heute der Spiegel:

Eigentlich wollte David Cameron am Mittwoch zu einer Reise nach Neuseeland und Australien aufbrechen. Während in Brüssel der entscheidende Gipfel zur Zukunft des Euro stattfindet, wollte der britische Premierminister sich auf den Weg zu den Commonwealth-Partnern machen, um die wirklich wichtigen Fragen wie die britische Thronfolge zu besprechen. Nachdem die Labour-Opposition den Premier am vergangenen Wochenende deswegen übel verspottet hatte, besann Cameron sich eines Besseren. Er verschob den Abflug. Und er setzte in Brüssel durch, dass vor dem Entscheidungsgipfel der 17 Euro-Länder auch noch ein Treffen aller 27 EU-Regierungschefs stattfindet, zu dem er selbst erscheinen wird. Es soll ein Signal sein, dass die Nicht-Euro-Länder bei der Gestaltung Europas auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. Der Kurswechsel kommt jedoch zu spät, der Schaden ist längst angerichtet: Camerons geplanter Ausflug ans andere Ende der Welt wird zum Sinnbild der Bedeutungslosigkeit Großbritanniens in Europa. Politisch noch fataler ist die Euro-Rebellion in seiner eigenen Partei. Wie schon unter Camerons konservativen Vorgängern Margaret Thatcher und John Major tobt bei den Tories ein regelrechter Bürgerkrieg um Europa. Die Euro-Skeptiker sind so stark wie seit Jahren nicht und fordern den Pragmatiker Cameron offen heraus.
(Carsten Volkery 24.10.2011)

Armes Europa.

Ein Unglück kommt selten allein.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Idiotenreduktion.

Obama, der große Hoffnungsträger von 2008 ließ vor drei Jahren die Republikaner erschauern, weil sie in ihm einen Linksextremen sahen, der das Land in einen Sowjetunion 2.0 umwandeln würde.

Fast drei Jahre nach seiner Wahl kann man wohl nicht mehr von Anfangsphase sprechen.
Wer immer noch darauf wartet, daß Obama endlich mal anfängt zu regieren, muß über übermenschlichen Optimismus verfügen.

Ganz, ganz am Anfang sah es so aus, als ob No. 44 tatsächlich Pflöcke einschlagen würde.
Noch am ersten Amtstag bekräftigte er das Aus für Guantanamo und stellte fest „Amerika foltert nicht!“
Dann folgte noch eine programmatische Rede in Kairo, die weltweit als ein so deutliches Mea Culpa bei der arabischen Welt verstanden wurde, daß nach den kriegsverbrecherischen Jahren der GOP-Regierung Bushs tatsächlich so etwas wie Hoffnung auf Aussöhnung der Völker und Frieden in Nahost aufkam.
Den Israelis signalisierte ein für jeden Zionisten unverdächtiger Stabschef Rahm Emanuel, daß Bibi gefälligst das Maul halten solle und den Siedlungsbau zu stoppen hätte.
Im Weißen Haus so angebrüllt zu werden, hatte der Israelische Regierungschef sich nicht träumen lassen.

Die Welt war entzückt und es war nur logisch, daß der Friedensnobelpreis folgte.
Nun würde es richtig losgehen!

Obama startete mit Fullspeed durch wie der neue Eiskunstweltmeister beim Anlauf zum fünffachen Rittberger.
Unglücklicherweise folgte dann aber nur ein halber Toeloop.

Der neue Präsident hatte plötzlich nur noch ein Ziel; nämlich sich unter allen Umständen bei den Republikanern einzuschmeicheln, indem er alle anderen Versprechen kassierte.
Als der Mikrostaat Israel weiterhin neue Siedlungen bauen wollte, entgegnete der Oberbefehlshaber der Supermacht Amerika nur ein kleinlautes „na gut“. Pieps, pieps.

Mein neuer Kanarienvogel Egon leidet an ähnlichem Obamismus.
Während seine gefiederten Freunde um ihn herum flattern und auf und ab hopsen, kauert Egon auf einem Ästchen und ist auf dem Sprung.
Stets auf dem Sprung.
Springt aber nicht. Er visiert ein Ziel an, sei es die Vogelbadewanne oder die neuen Dari-Kolben, kann sich aber einfach nicht durchringen seine Position zu verlassen.
Die Angst ist letztendlich doch immer zu groß und so zuckt und zuckt er in Startposition auf seinem Platz, kommt aber doch nie in Wallung und muß zusehen, wie Herta, Frieda und Erwin den ganzen Romana-Salat aufpicken, den Egon eigentlich auch gerne essen wollte.

Beim US-Präsidenten ist es genauso.
All die geplanten Innovationen sind abgesagt, keine Investitionen in die Infrastruktur, keine grünen Techniken, kein Umweltschutz, keine Friedensinitiativen, Guantanamo ist immer noch offen, Baghram sowieso, die Superreichen zahlen immer noch die niedrigsten Steuern aller Zeiten, die internationalen Finanzhooligans unterliegen immer noch keinen Beschränkungen und im Irak und Afghanistan wird fleißig weiter gemordet.
Überall das gleiche Bild.
Für die Mikroentscheidung endlich „Don’t ask don’t tell“ aufzuheben, brauchte Obama volle drei Jahre. Dabei handelt es sich um eine gesellschaftliche Liberalisierung, die alle anderen zivilisierten Staaten schon vor Jahrzehnten getroffen haben.

Obama ist das paralysierte Kaninchen, das auf die böse GOP-Schlange guckt.

Seine Strategie scheint zu sein durch möglichst massives Verprellen der eigenen Basis doch endlich Anerkennung bei den Republikanern und Teebeutlern zu bekommen.

Eine erstaunliche Prioritätensetzung, denn von allen schwer bis unmöglich zu erreichenden Zielen, ist es am aussichtslosesten das Wohlwollen der Rechten zu erlangen.

Der Mann ist schließlich halb schwarz, Demokrat und hat einen eigenartigen Vornamen.
Bevor ein echter GOPer so einen anerkennt, friert die Hölle zu.

Da könnte Obama noch einfacher Frieden in Nahost schaffen und die weltweite Arbeitslosigkeit auf Null reduzieren.

So einen Lutscherpräsidenten zu besiegen, sollte für die Republikaner simpel sein.
Davon zeugt auch ihr Durchmarsch bei den Zwischenwahlen 2010.
Nun braucht es nur noch einen Kandidaten, der das kleine Einmaleins kann, fähig ist die USA und Israel auf einer Weltkarte zu entdecken und möglichst in den letzten Monaten keine paraphilen Sexskandale produziert hat.

Aber nun kommt es: Unter 300 Millionen Amis konnten all die Obamahasser nicht einen Zimmertemperatur-IQ’ler auftreiben, der diese Simpel-Kriterien erfüllt.

Das ist in etwa so, als ob Westerwelle Kanzler wäre und es die SPD 2013 schaffte einen Kandidaten aus dem Hut zu zaubern, der noch unsympathischer wäre.

Man kann es den nicht in Amerika Lebenden immer nur wieder sagen:
Unterschätzt nicht die Doofheit und den Fanatismus der Teebeutler!

Die von Merkel und Co nun alles andere als politisch verwöhnten Deutschen staunten 2008 nicht schlecht, als eine Alaskanische Provinzgouverneurin mit Waffenfetischismus coram publico ihre völlige Ahnungslosigkeit ausposaunte.
Sie glaube, daß die Welt 6000 Jahre alt sei und außenpolitisch sei sie qualifiziert, weil sie Russland von ihrem Wohnzimmerfenster sehen könnte.

Man rätselte. Wie kann sowas angehen?
Gibt es in Wasilla schon so lange Inzucht? Oder hat sich Palins Mutter mit Karibus gepaart? Oder sind im harten Alaskanischen Winter einfach die Hirnzellen erfroren?

Aber weit gefehlt. Wo das herkommt, gibt es noch viel mehr!
Die republikanische Partei scheint so was wie ein überdimensionaler Destillationsapparat zu sein, der in komplizierten physikalischen Prozessen die konzentrierte Dummheit hervorbringt - garantiert 100% Gehirn-frei.
Palin selbst, die lange als Ikone der Teebeutler galt und stolz Millionen ihrer Twitter-follower mit grammatikalischen Fehlleistungen verwirrte, rechnete fest damit in einer Art Akklamationsverfahren nach der GOP-Spitzenkandidatur zu greifen.
Ihre Radikalität und ihre treuen Anhänger mit dem Intellekt unter der Grasnarbe würden ihr diese Macht verleihen.
Sarah, die amerikanische Brunhild für Arme leistete es sich sogar politische Sachfragen zu umschiffen. An den parteiinternen Hearings nahm sie gar nicht erst teil und veranstaltete stattdessen gagaeske Happenings mit geisteskranken Rechtsradikalen wie Glenn Beck; immer in Sichtweite der Parteilinie.

Nicht gerechnet hatte Palin allerdings damit, daß sich mit Michel Bachmann eine noch abstoßendere, noch radikalere, noch reaktionärere Fanatikerin ins Rampenlicht schieben würde.
Palin verpasste den Zeitpunkt auf den Kandidatenzug aufzuspringen.
Und ob man es glaubt oder nicht, selbst sie verfügt noch über Rudimentär-Hirnfunktionen, die ausreichten, ihr zu signalisieren, daß die weggebrochenen Ratings keinerlei Chance auf einen Wahlsieg ließen.

Gestern warf sie hin.

Sollte Sarah Palin nach ihrer Verzichtserklärung auf ein Aufstöhnen der Enttäuschung in ihrer Partei gehofft haben, wurde sie schwer enttäuscht: Kein Republikaner von Rang zeigte sich überrascht, gar schockiert von ihrer Entscheidung, sich fortan „Gott, der Familie und der Nation“ zu widmen, in dieser Rangfolge.
Es mag Palin geschmerzt haben, wie unverhohlen bei Freund wie politischem Feind Gleichgültigkeit und Gähnen überwogen – von Bedauern oder Erleichterung keine Spur.
(Uwe Schmitt 06.10.11)

Drei Tage vorher hatte auch die heimliche Hoffnung der Repse, New Jerseys Gouverneur Chris Christie, 49 Jahre alt, seit eineinhalb Jahren Regierungschef des Ostküstenstaates, endgültig abgesagt.
Auf ihn hatten die Milliardenschweren GOP-Finanziers gesetzt, die mit der augenblicklichen Gurkentruppe unzufrieden waren.

Kein Präsidentschaftsbewerber erscheint bisher als ernstzunehmender Konkurrent für Obama. Zu radikal, zu viel Tea-Party-Klamauk - und gleichzeitig zu blass. Die Zweifel an den eigenen Kandidaten reichen bei den Republikanern von der Basis bis ins Establishment. Vor allem aber zeigen sich die Spender besorgt. Viele von ihnen halten bisher das Geld zusammen, denn eine Großspende ist wie ein Investment: Man will nicht auf den falschen Kandidaten setzen.
(Sebastian Fischer 30.09.2011)

Kolumnist Christoph von Marschall spricht schon von einem republikanischen „Wettlauf der Übel“.

Doch die Parolen, mit denen die Kandidaten bei ihren TV-Debatten wetteifern, klingen so schrill, dass nur Erzkonservative applaudieren, die Wähler der Mitte jedoch Distanz wahren: runter mit den Staatsausgaben, ruhig auch zu Lasten der Ärmeren, keine Steuererhöhungen für die Reichen, Mauerbau an der Grenze zu Mexiko, um die illegale Einwanderung zu stoppen, verächtliche Ablehnung von Toleranz gegenüber Homosexuellen und Wende rückwärts bei Obamas Gesundheitsreform sowie der verschärften Kontrolle der Finanzmärkte.
(TS 29.09.2011)

Nach dem letzten großen Aufeinandertreffen der acht GOPer vor einem Teebeutler-Publikum stellte ein geschockter CNN-Senior-Analyst David Gergen fest, daß die Passagen, bei denen die Kandidaten frenetischen Jubel erhielten, genau die Aussagen wären, bei denen die andere Hälfte Amerikas „horrified“ sei.
Kein Wunder; denn am meisten freuten sich die Teebeutler, als Rick Perry stolz über seinen Exekutionsweltrekord vermerkte er habe keine Sekunde bei der Unterzeichnung eines Todesurteils gezögert.
Daß er auch ab und an mal einen Unschuldigen dabei abmurxe störe ihn schon gar nicht.
Erneuter Jubel von der GOPer Basis.
Das empfinden sie als echten Mut. Wenn man sicher wüßte, daß man nur Schuldige killt, wäre es ja auch leicht!

Blöd nur, daß selbst in diesen GOP-internen Hearings, die ganz ohne kritische Fragen auskommen gerade Bachmann und Perry durch Ahnungslosigkeit auffielen.

Rick Perry beharrte geistig völlig entrückt darauf, daß „Abstinenz wirkt!“.
Nur die Enthaltsamkeitsprogramme würden sexuell übertragebare Krankheiten und Teenagerschwangerschaften stoppen.
Obwohl Texas nach 11 Jahren Perry-Abstinenzpredigten die dritthöchste Schwangerschaftsquote von allen Bundesstaaten hat.



Aber es ist de facto schon zu spät noch neue Aspiranten aus dem Hut zu zaubern.

Die Anmeldefristen für die Vorwahlen in den 50 Bundesstaaten enden in wenigen Wochen. Da erneut einige Staaten die Terminvorgaben der Parteiführung missachten und eigenmächtig ihre Vorwahl nach vorne ziehen, um mehr Einfluss auf die Kandidatenauswahl zu gewinnen, werden die Vorwahlen wohl bereits am 3. Januar in Iowa beginnen, gefolgt von New Hampshire am 7. Januar, Nevada am 14. Januar, South Carolina am 21. Januar und Florida am 31. Januar. In jüngsten Umfragen hat sich Mitt Romney mit 25 Prozent wieder an die Spitze gesetzt.
[…] Viele Republikaner halten Romney für zu liberal, christliche Wähler misstrauen ihm, weil er Mormone ist. Laut Umfragen hat er aber die besten Chancen, Obama zu besiegen. Auf Platz zwei der Kandidaten stehen Herman Cain, der schwarze Ex-Manager von „Godfather’s Pizza“, und Perry mit je 16 Prozent, gefolgt von dem Libertären Ron Paul mit elf Prozent. Die übrigen vier Bewerber sind abgeschlagen.
(Christoph von Marschall 06.10.11)

Herman Cain, die aktuelle Nummer Zwei, ist der nächste, der sich Mühe gibt sich selbst aus dem Rennen zu schießen.

Angesichts der sich ausweitenden Proteste gegen wahnsinnige Banker und Geldvernichter an der Wallstreet, nahm er die armen Finanzhaie in Schutz.
Sie hätten keine Schuld an der Wirtschaftskrise, ließ er Alan Murray von The Journal’s wissen, sondern nur die Arbeitslosen selbst. Und Obama natürlich:

“I don’t have the facts to back this up, but I happen to believe that these demonstrations are planned and orchestrated to distract from the failed policies of the Obama administration. Don’t blame Wall Street, don’t blame the big banks; if you don’t have a job and you’re not rich, blame yourself!”



So macht man sich beliebt.

Freitag, 16. September 2011

Andrea go home.

Man hat mir schon Schizophrenie unterstellt, weil ich mich einerseits klar für Freiheitsrechte, Säkularismus und sozialen Ausgleich positioniere, aber andererseits SPD-Mitglied bin.

Tatsächlich ist es leicht aufzuzählen was mich alles an der Politik der Genossen im Willy-Brandt-Haus stört. Der Spagat zwischen meinen theoretischen Politik-Idealvorstellungen und der praktischen Verbundenheit zu den Genossen ist sehr weit.
Das tut schon richtig weh im Schritt.

Diese Art Schmerzen sind aber nach meiner Ansicht ein natürlicher Zustand.
Wenn man nicht darunter leidet, sondern sich einem Programm, einer Ideologie oder einer Person 100% verpflichtet, wenn man durch und durch begeistert ist, wenn man keine Kritikpunkte hat, wenn man sich voll und ganz hingibt, dann ist das Fanatismus.
Die „100%igen“ sind mir erst recht suspekt.
Mangelt es da nicht erheblich am kritischen Denken?

Die Amerikaner konnten sich vor zehn Jahren regelrecht für George W. Bush begeistern, obwohl niemand, auch seine größten Fans nicht, behauptet hätte er sei ein Intellektueller oder verfüge über besondere außenpolitische Kenntnisse.
GWB war und ist kein Gebildeter, aber man sah in ihm alle positiven Eigenschaften eines Manichäisten. Einer, der wüßte, was falsch ist und was richtig sei, einer, der sich nicht in Abwägungen und Grautönen verlöre, sondern der klar entscheide.
„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ simple as that.
Hier „Gods own country“ (=USA) und da „die Axe des Bösen“ (=Iran, Irak, Nordkorea, später auch Syrien).
Gute Europäer (=England, Polen, Spanien) und böse Europäer (=Belgien, Frankreich, Deutschland)
Natürlich sehnen sich viele nach diesen Simplifizierungen. Deswegen versuchen es Populisten und schäbige Rattenfänger wie Rösler und Merkel und Wilders und LePen und Haider und Hitler genau mit diesen Methoden.
Ausländer sind alle Sozialschmarotzer, Moslems sind alles Fundamentalisten und Griechen sind generell faul.
Ronald Reagan ist bis heute die größte Ikone der konservativen Amerikaner, weil er mit hochriskanten militärischen Provokationen gegen das „Empire of Evil“ (=Reich des Bösen = Sowjetunion) vorging.

Ich hingegen halte so eine Schwarz-weiß-Politik nicht nur für naiv und dumm, sondern für gefährlich.
Eine ganze Nation kann nicht „böse“ sein. Das ist schlicht und ergreifend bullschit.
Die Sowjetunion war ein gigantischer Vielvölkerstaat mit fast 300 Millionen Einwohner in 15 Unionsrepubliken auf 22 Millionen Quadratkilometern.
Das soll ALLES durch und durch böse gewesen sein?
Jemand, der das behauptet gehört statt ins Oval Office eher in eine Gummizelle.

Um den Bogen zu schlagen: Es ist leicht solche Ansichten zu kritisieren.
Dafür ist viel schwieriger als Dagegen.

Aber nur mit Dagegens kann Politik nun mal nicht funktionieren.
Protestwähler oder Wahl-Boykottierer sind immer die Steigbügelhalter derjenigen, die man erst recht nicht will.
Man hat als Wähler die verdammte Pflicht sich das kleinste Übel rauszusuchen und sollte dabei möglichst aus dem Pool der Parteien schöpfen, die eine einigermaßen realistische Chance haben auch in die Parlamente zu gelangen.
Die Partei, die man unterstützt hat idealerweise eine möglichst hohe Schnittmenge mit den eigenen Grundüberzeugungen.
Zur Not reichen aber 51% aus. Solange mich nicht mehr als 49% an der SPD stören, kann ich also in dem Verein bleiben. Im aktuellen Grundsatzprogramm, dem Hamburger Programm 2007, stehen eigentlich lauter sinnvolle Dinge, denen ich zustimmen kann.

2. […] Zugleich aber prägt den globalen Kapitalismus ein Mangel an Demokratie und Gerechtigkeit.
3. Es gibt keinen Weg zurück in die Ära der alten Industriegesellschaft und der Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts.
[…]
4. Wir bestehen auf dem Primat demokratischer Politik und widersprechen der Unterwerfung des Politischen unter das Ökonomische. Politik muss dafür sorgen, dass nicht zur bloßen Ware wird, was nicht zur Ware werden darf: Recht, Sicherheit, Bildung, Gesundheit, Kultur, natürliche Umwelt.
[…]
6. Die gleiche Würde aller Menschen ist Ausgangspunkt und Ziel unserer Politik.
[…]
9.
[…] Jegliche Form von Angriffs- und Präventivkriegen lehnen wir ab. Krieg darf kein Mittel der Politik sein.
10. Die Unteilbarkeit und universelle Geltung der Menschenrechte ist für uns nicht verhandelbar. Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts schafft internationale Sicherheit.
[…]
12. Unkontrollierte Kapitalbewegungen auf den Finanzmärkten können ganze Volkswirtschaften gefährden. Wir streben einen wirksamen ordnungspolitischen Rahmen für die Finanzmärkte auf internationaler Ebene an.
[…]
19. Soziale Demokratie erfordert einen handlungsfähigen Staat. Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten.
[…]
30. Einkommen und Vermögen sind in Deutschland ungerecht verteilt. Sozialdemokratische Steuerpolitik soll Ungleichheit begrenzen und gleiche Chancen fördern.
[…]
38. Wer Vollzeit arbeitet, soll mit dem Lohn auch seinen Lebensunterhalt bestreiten können. Wir kämpfen für Existenz sichernde Mindestlöhne in Deutschland und Europa.
(Programmkurzfassung)

Kommen wir aber zur Religion, die mich besonders interessiert.
Da findet man:

Wir wenden uns gegen jede Form von Privilegien oder Benachteiligungen aufgrund der Herkunft, des Standes, der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religion. (s.16)

Unser Grundgesetz bietet Raum für kulturelle Vielfalt. Daher braucht niemand seine Herkunft zu verleugnen. Es setzt aber auch Grenzen, die niemand überschreiten darf, auch nicht unter Hinweis auf Tradition oder Religion. Daher darf niemand Frauen und Mädchen daran hindern, sich frei zu entfalten und zu bilden. (s.36)

Wir bekennen uns zum jüdisch-christlichen und humanistischen Erbe Europas und zur Toleranz in Fragen des Glaubens. Wir verteidigen die Freiheit des Denkens, des Gewissens, des Glaubens und der Verkündigung. Grundlage und Maßstab dafür ist unsere Verfassung. Für uns ist das Wirken der Kirchen, der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften durch nichts zu ersetzen, insbesondere wo sie zur Verantwortung für die Mitmenschen und das Gemeinwohl ermutigen und Tugenden und Werte vermitteln, von denen die Demokratie lebt. Wir suchen das Gespräch mit ihnen und, wo wir gemeinsame Aufgaben sehen, die Zusammenarbeit in freier Partnerschaft. Wir achten ihr Recht, ihre inneren Angelegenheiten im Rahmen der für alle geltenden Gesetze autonom zu regeln. (s.39)

(Hamburger Programm 28.10.2007)

Ich gebe zu, das KLINGT recht kirchenfreundlich.
Aber es ist sorgfältig formuliert.

Ausdrücklich wird das „humanistische Erbe Europas“ gewürdigt, es wird ganz klar gestellt, daß die Religionen nur INNERHALB des Grundgesetzes ausgeübt werden dürfen und daß keine Religion bevorzugt werden darf.

Damit bekommt die deutsche Sozialdemokratie im Moment ein Problem, denn ein Religiöser, nämlich Joseph Ratzinger, wird nächsten Donnerstag besonders bevorzugt.

Er soll vorm Parlament sprechen, wo nie ein anderer Religionsführer sprechen durfte.

Ausgerechnet dieser Religionsführer ist insofern problematisch, da auf seine ausdrückliche Anweisung „innere Angelegenheiten“ eben NICHT „im Rahmen der für alle geltenden Gesetze“ geregelt wurden.
Er bestand vielmehr sogar unter Androhung von Exkommunikation darauf sexuellen Missbrauch geheim zu halten und die Opfer nicht zu schützen.

Der Umgang mit den Missbrauchsfällen durch die Kirche, das gezielte Verstecken der Täter und die Einschüchterung der Opfer zeigen deutlich die Missachtung unseres Staates und unserer Gesetze. Dafür trägt der Papst die Verantwortung. Es ist ein schlimmer Affront für die Opfer dieses verbrecherischen Handelns, aber auch für jeden rechtschaffenen Bürger, wenn der Hauptverantwortliche für dieses kriminelle Verhalten der Kirche jetzt im Deutschen Bundestag reden darf. Wie sollen wir das unseren Kindern erklären, wenn wir sie zu Anstand und Rechtstreue erziehen wollen? Was sollen die vielen Bürger, die gerade wegen dieses Papstes und seiner erschreckenden Moral aus der Kirche ausgetreten sind, von unseren Volksvertretern halten?
(Offener Brief an die Bundestagsabgeordneten des GBS-München)

Ganz klar ist außerdem, daß die RKK keineswegs wie im SPD-Grundsatzprogramm gefordert, „Tugenden und Werte [vermittelt], von denen die Demokratie lebt.“

Im Gegenteil.
Der Papst verurteilt ausdrücklich das sexuelle Selbstbestimmungsrecht und lehnt die gleiche Rechte für Mann und Frau ab.

«Schwule vernichten Gottes Werk» erklärte der „oberste Brückenbauer“ (=Pontifex maximus) im Dezember 2008:

«Die Kirche soll die Menschen auch vor der Selbstzerstörung schützen», erklärte Papst Benedikt XVI. bei seinem traditionellen Jahresrückblick in Rom. Der 81-jährige Pontifex sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, dass es daher genau so wichtig sei, die Menschheit vor homo- und transsexuellen Verhalten zu schützen wie den Regenwald vor der Vernichtung zu bewahren. «Die Regenwälder haben ein Recht auf unseren Schutz. Aber der Mensch als Kreatur hat nicht weniger verdient.» Demnach bedrohe Homosexualität die Menschheit ebenso wie die Zerstörung der Regenwälder. Jedes Verhalten, das über die traditionelle heterosexuelle Beziehung hinausginge, «vernichtet Gottes Werk», erklärte der Papst weiter.
(Baseler Zeitung 23.12.2008)

Das steht in diametralem Gegensatz zum SPD-Programm.

(Wir wenden uns gegen jede Form von Privilegien oder Benachteiligungen aufgrund der Herkunft, des Standes, der Hautfarbe, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Religion.(s.16))

Die Menschenrechte, die der Vatikan so gerne hoch hält, wenn es um „Lebensschutz“ geht, mußten der Kirche in Wahrheit mühsam abgetrotzt werden.

Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Rechtsstaat, Frauenemanzipation, Folterverbot, Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung der Todesstrafe, Freiheit der Kunst, Abschaffung der Prügelstrafe, Tierrechte, Ächtung von Antisemitismus, Schwulenrechte, Abschaffung des Verbots gemischtrassiger Ehen, Abschaffung des Verbots gemischtkonfessioneller Ehen, Verbot von Vergewaltigungen in der Ehe, etc pp - all das mußte gegen den erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden.


Die Kirchen waren dagegen und verschwendeten damit sinnlos über Dekaden ihre Kraft.

Ausgerechnet den Vertreter einer Religion zu ehren, der in einer absoluten Monarchie krass antidemokratisch über einen Staat herrscht, in dem auch noch die Frauen grundsätzlich von jeder Teilhabe an der Macht ausgeschlossen sind, ist für einen Sozialdemokraten also nicht möglich.

Auch die Ethik, die der Papst und der Heilige Stuhl vertreten, entspricht nicht unserer Lebenswirklichkeit und nicht den Grundsätzen unserer Verfassung, nämlich:
- Keine wirkliche Gleichheit aller Menschen vor seinem kirchlichen Gesetz.
- Keine rechtliche und soziale Gleichberechtigung von Mann und Frau.
- Diskriminierung von Geschiedenen, Wiederverheirateten und Homosexuellen.
- Widernatürliche Vorstellungen von Sexualität im säkularen und klerikalen Leben. Das päpstliche Kondomverbot zum Beispiel begünstigt die Verbreitung von schwersten Krankheiten und Seuchen und hat der globalen Volksgesundheit schon jetzt massiv geschadet.
- Die Zölibatspflicht widerspricht in ihrer Konsequenz unseren Guten Sitten.
- Keine individuelle Selbstbestimmung.
- Gehorsam statt Anstand und Gewissen: Ein Pfarrer, der die Mutter seines Kindes heiratet, wird entlassen und verliert seine Lebensgrundlage, aber ein Pfarrer, der Kinder missbraucht hat, wird beschützt und kann weiter Priester bleiben. Eine solche Moral ist schädlich für ein Volk. Und der Hauptvertreter dieser menschenverachtenden Moral darf im Bundestag sprechen?!
(Offener Brief an die Bundestagsabgeordneten des GBS-München)

Als SPD-Mitglied muß ich keinen Spagat machen, wenn ich mich klar auf die Seite der säkularen Gegner einer Papstrede vor dem Bundestag stelle.

Mit dem Papst tritt zum ersten Mal ein Gast an das Rednerpult des Deutschen Bundestages, der die Mehrheit der Deutschen für verdammungswürdig hält. Nach den für unfehlbar gehaltenen Glaubenssätzen der katholischen Kirche sind davon all jene Menschen betroffen, die diesem Glauben wissentlich nicht folgen wollen. Mehr als zwei Drittel der Deutschen werden so, weil sie sich in Freiheit gegen den katholischen Glauben entschieden haben, vom Papst und der von ihm vertretenen katholischen Glaubenslehre stigmatisiert. Auch deshalb ist die Rede des Papstes vor dem deutschen Parlament unangebracht.
(Rolf Schwanitz, SPD MdB)

Aber Andrea Nahles stellt sich außerhalb der Grundsätze ihrer Partei.

Nahles: Wir sollten dem Papst Respekt zollen Es hat noch nie ein Papst im Bundestag geredet. Das ist etwas Besonderes, und ich freue mich, dass der Bundestagspräsident ihn eingeladen hat. […] Es freut mich als Katholikin natürlich, dass Papst Benedikt XVI in seiner Heimat zu Gast ist. […] Genauso wie wir Staatsgästen wie George W. Bush oder Wladimir Putin im Bundestag zugehört haben, sollten wir auch dem Papst den Respekt zollen und ihm zuhören. Diesen Respekt wird die SPD-Fraktion auch erweisen.
(Rhein Zeitung 15.09.2011)

Einer der engsten Vertrauten des Papstes, der berüchtigte Kardinal Meisner, der immer wieder Nazivergleiche bemüht, wenn er gegen deutsche Bürger wettert, unterstellt sogar den SPD-Grundsatztreuen besessen zu sein. "Wir bedürfen wirklich eines Arztes"
Will der Papstberater etwa Exorzisten einsetzen?

domradio.de: Sie haben die die Papst-Proteste einiger Bundestagsabgeordneter deutlich kritisiert. Welche Resonanz haben Sie darauf erhalten?
Meisner: Noch gar nichts. Und ich erwarte auch keine Resonanz. Ich kann immer nur sagen: Ich verstehe das nicht. Ich bin als Bischof ein Mann, der aus der Bibel lebt. Mich erinnert das manchmal daran, wenn Jesus gekommen ist und Besessene waren da. Da fingen die Geister, die die Menschen in Besitz genommen haben, an zu schreien: Was haben wir mit Dir zu schaffen! Und dann hat Jesus die Geister ausgetrieben. Und dann heißt es immer: Es kehrte Ruhe und Frieden ein. Die letzten Reaktionen erinnern mich an eine rational nicht nachvollziehbare Anti-Papst-Besessenheit.
(Domradio 16.09.11)

Besonders unanständig und programmwidrig verhält sich der deutsche Bundestagsvizepräsident Thierse, der sich ausgerechnet im weit rechten Spektrum angesiedelten „Domradio“ des Kölner Kardinals gegen die Mehrheit der Deutschen und gegen das Grundgesetz und gegen das SPD-Parteiprogramm positioniert. Er diffamiert MdB Schwanitz in unsolidarischer Weise.
Der Katholik Thierse geht sogar so weit humanistische Überzeugungen mit DDR-Indoktrinierung zu erklären.

Thierse: Wir sollten doch die Äußerung eines Abgeordneten nicht überbewerten. Es gibt in diesem Land viele Menschen, die nicht katholisch oder nicht Christen sind. Und es gibt viele, die den Papst nicht mögen. Wir leben in einem freien Land - und die Meinungsfreiheit gilt sogar für Abgeordnete, auch für SPD-Abgeordnete. Also: Das ist ein bisschen ein Sturm im Wasserglas. Runterhängen! So wichtig ist Herr Schwanitz nicht.

domradio.de: Wie können Sie sich denn erklären, dass er sich die Rede nicht anhören will?

Thierse: Das müssen Sie ihn selber fragen. Er ist ein leidenschaftlicher, überzeugter Atheist; ist in der DDR aufgewachsen, und das SED-Regime war in keinem Punkt so erfolgreich wie in der konsequenten Entkirchlichung der Menschen. Das wirkt manchmal nach, und da gibt es Vorurteile und Abwehrmechanismen, die sich halt auch gegen den Papst richten.
(Domradio 27.6.2011)

Als Sozialdemokrat schäme ich mich natürlich für solche perfiden Äußerungen eines Topp-Vertreters meiner Partei und lege ihm dringend den Austritt nah.

Montag, 12. September 2011

9/11-Overkill.


Das ist natürlich für das Fernsehen ein gefundenes Treffen.
Der zehnte Jahrestag des WTC-Anschlages fiel auf einen Sonntag. Da konnten von VOX über Phoenix bis zu N24 alle Sender nonstop 9/11-Konserven abspulen.
Es gab schon schlimmere Katastrophen, die viel mehr Opfer gefordert haben, aber das Einzigartige an der Tat der 19 Flugzeug-Attentäter war die Optik.
Und das im Herz der westlichen Wirtschaft.

Ich gebe zu; das ist schon richtig was für’s Auge wie die Flugzeuge einem heißen Messer gleich in die Butter-Türme fahren.
Und Roland Emmerichs Special-Effect-Jungs bekommen sicher immer noch feuchte Höschen bei den Bildern des Zusammensackens des brennenden World-Trade-Centers.

Weniger verständlich ist für mich der Reiz heute von Hinz über irgendwelche Soapsternchen bis zu Kunz jeden unwichtigen Gomulken zu befragen was er damals vor zehn Jahren gerade gemacht und gedacht hat.
Die Zeitungen drucken heute sogar Straßenumfragen ab, in denen sogar 16-Jährige losplappern dürfen wie sie sich an den 11. September 2001 erinnern, als sie sechs Jahre alt waren.
Schon klar - diese Straßenumfragen, in denen irgendwelche willkürlich geschnappten Deppen ihren Senf abgeben, sind billige Seitenfüller.
Für die Blattmacher, die vorher all die (teuren) Redakteure entlassen haben, ist das immer ein simpler Ausweg. Da kann man mal eben den Praktikanten losschicken, um ein paar O-Töne einzusammeln.
Der Informationsgehalt ist allerdings gleich Null.

Nicht uninteressant ist es aber nach wie vor Entscheidungsträger von damals zu interviewen.
Ich verstehe durchaus, daß es für Schröder und Fischer unglaublich peinlich gewesen sein muß zu hören, daß Atta und Co ausgerechnet aus Hamburg kamen.
Der Druck besonders („uneingeschränkt“) solidarisch mit der USA zu sein, muß groß gewesen sein.
Dennoch ist der damalige Bundeskanzler heute bemerkenswert selbstkritisch und räumt ein, daß Johannes Rau mit seiner Mahnung vom 12.09.2001 nicht dem Vergeltungsdrang nachzugeben, weiser als er selbst war.

Überhaupt ist es a posteriori recht abstoßend zu beobachten, daß dermaßen viele Amerikaner durch und durch von Rachgedanken getrieben waren.
Hart zuschlagen. Vergeltung.
Wie es anders UND BESSER geht, zeigen gerade Jens Stoltenberg und die Norweger.

Immer noch verblüffen mich auch die freimütigen Erläuterungen des US-Sicherheitsberaters Richard Clark, der von der ersten Kabinettssitzung nach 9/11 berichtet, Donald Rumsfeld habe sofort empfohlen nun Saddam und den Irak platt zu machen.
Clarke wandte sich an Condi Rice und meinte, daß Rumsfeld offensichtlich gerade einen Witz gemacht habe. Aber nein, das war Rumsfeld und Cheney durchaus ernst.
Sie ließen sich einfach von der Lust auf Rache und Töten treiben, obwohl Saddam bekanntlich nicht nur rein gar nichts mit 9/11 zu tun hatte, sondern sogar ein scharfer Gegner Al Kaidas war.

Kaum zu fassen ist die Chuzpe mit der Rumsfeld und Cheney auch zehn Jahre später nicht die geringsten Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Irakfeldzuges haben, obwohl sie von der Realität so drastisch des Gegenteils belehrt wurden.

Die Neocons der damaligen US-Regierung sind nach wie vor so ziemlich der schlimmste Abschaum, den ein demokratisches Politsystem jemals hervorgebracht hat.

Nahezu unerträglich ist es zu beobachten, wie der als Widerpart zu George W. Bush gewählte Präsidenten-Nachfolger heute dasteht.
Guantanamo existiert immer noch, im Irak und Afghanistan geht es blutig zu.

Aus dem grausigen Zusammenprall zweiter religiöser Auswüchse - Osama und Bush fällten beide übersinnlich fanatisiert ihre dramatisch schlechten Entscheidungen - wurden keine Lehren gezogen.

Dabei ist das Bild der zwei Türme von Manhattan mit der Überschrift „Imagine - No Religion“ oder der Unterschrift „Science flies you to the moon. Religion flies you into buildings“ doch auch um die Welt gegangen.



Aber was hat Obama gestern zu sagen gehabt?

«Sie waren unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Ehemänner, Ehefrauen, Brüder, Schwestern, Kinder und Eltern. Sie waren die, die zur Hilfe geeilt sind», sagte Obama. Anschliessend verlas er aus der Bibel den 46. Psalm «Gott ist unsere Zuversicht und unsere Stärke».
(NZZ 12.09.11)

FALSCH! Gott hat uns erst in die missliche Lage gebracht!

Am 11. September 2001 wurden in Amerika durch die Planung einer kleinen Gruppe religiös aufgepeitschter Arschgeigen 3000 Menschen gekillt.
Das ist nicht zu entschuldigen.

Ich kann aber auch nicht entschuldigen, daß durch die verlogene Kriegstreiberei der Christen im Oval Office inzwischen mindestens 100 mal so viele genauso unschuldige Iraker und Afghani getötet wurden.

Falls es den „LIEBEN Gott“ geben sollte, muß der Mann über eine gehörige Portion Sadismus verfügen, wenn er solchen Geschehnisse tatenlos zuguckt.

An so einen Gott soll man glauben?
Wie geht das?
Die BZ fragte dazu einen Fachmann, einen Pfaff:

Nach meiner Glaubensüberzeugung sind wir Menschen für unser Schicksal und das Leben auf unserer Erde selbst verantwortlich. [Ach wie gut, dann brauchen wir Gott also gar nicht! -T.] Das Gebet zu Gott kann uns die Kraft geben, solche schlimmen Ereignisse zu überstehen.

BZ: Mancher hat das Gefühl, Gott hat weggeschaut an diesem Tag.

Gott schaut immer hin. Aber er hat den Menschen die Freiheit zum Handeln gegeben, auch die Freiheit zum Bösen. Mit dem Bösen müssen wir uns auseinandersetzen. Es hat auch in der deutschen Geschichte dramatische Tiefpunkte gegeben. Doch dafür sind allein wir Menschen verantwortlich. Von Gott kommt die Kraft, damit umzugehen und die Zuversicht.

BZ: Eine Konsequenz aus 9/11 ist der Krieg in Afghanistan mit tausendfachem Tod. Gerecht?

Es ist wichtig, dass wir Ursache und Wirkung sorgfältig auseinanderhalten. Die zivilisierte Welt musste sich zu ihrem Schutz zur Wehr setzen. [Aha. „Du sollst nicht töten“ gilt also nicht, wenn es sich um eine „Wirkung“ handelt, Herr Theologe? -T.] Ich glaube, dass die Freiheit, die Selbstbestimmung und das Leben in Schutz genommen werden wollen und müssen.

BZ: Vergebung ist ein christlicher Schlüsselbegriff. Können auch die Taten des 11. September vergeben werden?

Nach dem christlichen Glauben setzt Vergebung Reue voraus. Es ist eine traurige Erkenntnis, dass es die nicht gibt in diesem Falle. [Woher weiß er das? Die 19 Attentäter sind zur Zeit tot. Die waren sogar als erstes tot. Vielleicht bereuen sie ja im Himmel. An ein Leben nach dem Tod glauben Hinze und Osama gleichermaßen - T.]

BZ: Welche Schlüsse aus 9/11 ziehen Sie als Theologe?

Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass jeder Glaube in der Gefahr steht zu pervertieren. Die Stärke einer jeden Religion erweist sich darin, dass sie diese Perversionen erkennt und isoliert. [Dann scheint die christliche Religion offensichtlich viel schwächer als der Islam zu sein. Bush hatte immerhin mit Jesus Rücksprache gehalten bevor er den Befehl zu hunderttausendfachen Rache gab. Die weit überwiegend christlichen US-Soldaten haben die Perverierung des Glaubens offensichtlich nicht erkannt - T.]
(Der evangelische Priester, ehemaligen CDU-Generalsekretär und heutige Parlamentarischen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Peter Hintze)


Aber was schreibe ich hier so lange über 9/11.

Es gibt schließlich viel Schlimmeres in der Welt.

Und zwar die SCHWULEN!

Gegen die ist die Al Kaida ja halb so wild.

Diesen Zusammenhang hat soeben eine meiner Lieblingspolitikerinnen aus Amerika erkannt.

Zum zehnten Jahrestag von 9/11 hat Sally Kern, republikanische Abgeordnete in Oklahoma, davor gewarnt, dass Homosexualität in den USA mehr Tod bringe als Terrorismus.
In einem Interview mit der Anti-Homogruppe "Americans for Truth" macht Kern Schwule für den Ausbruch von HIV verantwortlich: "Wissen Sie, was mehr Leben gekostet hat? Terrorismus hier in den USA oder HIV/Aids? In den letzten 20 Jahren hatten wir hier vielleicht drei terroristische Angriffe mit zirka 5.000 Toten, die bedauenswerterweise ihr Leben verloren haben. Im selben Zeitraum sind Hunderttausende an Aids gestorben. Was ist also die größere Bedrohung?"
Für die 64-Jährige ist Toleranz gegenüber Homosexuellen für diese Entwicklung verantwortlich: "Junge Menschen, aber auch Erwachsene, werden jeden Tag in Film, Musik, Fernsehen, Einkaufszentren und Magazinen mit dem Motto 'Homosexualität ist normal und natürlich' bombardiert. Wir müssen uns jeden Tag damit beschäftigen. Zum Glück gibt es nicht jeden Tag einen Terrorangriff." Homosexualität sei deshalb gefährlicher als Terrorismus, weil sie "den moralischen Zusammenhalt dieser Nation" vernichte. "Wir wurden als Nation auf den Prinzipien der Religion und der Moral gegründet. Wenn wir diese Faktoren aus unserer Gesellschaft entfernen, verlieren wir das, was uns zu einer großartigen Nation gemacht hat." Ihre homofeindliche Haltung begründet Kern mit ihrem christlichen Glauben.
(Wissenblogt.de)



Frau Kern äußert sich öfter so.

Schon im März 2008 erklärte sie, daß Schwule viel gefährlicher als der weltweite Terrorismus wären.

Dem amerikanischen Wähler gefällt es.

Im Oktober 2010 wurde sie mit dem sensationellen Ergebnis von 66% der Stimmen wieder gewählt.

PS:

Kern im März 2008:

"Die homosexuelle Agenda zerstört dieses Land, das ist einfach eine Tatsache", erklärte Sally Kern vor republikanischen Parteikollegen. „Studien zeigen, dass keine Gesellschaft, die Homosexualität vollständig angenommen hat, mehr als ein paar Jahrzehnte überdauert hat", erklärte Kern in den Videoausschnitten. "Also ist es der Todesstoß für unser Land." Sie glaube, dass Homosexualität eine größere Bedrohung für die USA sei als "Terrorismus oder Islam".

(Gott scheint aber doch ab und an Sinn für Humor zu haben und so ist der Sohn von Sally Kern schwul – so wie er auch Vizepräsident Cheney eine lesbische Tochter verpasst hat.
Der kleine Kern lebt nach Angaben seiner Mutter “als Gabe an Gott” zölibatär.)


Hier noch einmal Sally Kirre im Wortlaut:

The homosexual agenda [Loud snap] is destroying this nation. OK? It's just a fact. [Volume increases] Not everybody's lifestyle is equal, just like not all religions are equal. You know, the very fact that I'm talking to you like this here today, puts me in jeopardy. OK? Uh and I'm not anti, I'm not gay-bashing, but according to God's word that is not the right kind of lifestyle, it has deadly consequences for those people involved in it, they have more suicides, uh and they're more discouraged, there's more illness, their uh lifespans are shorter, you know? It's, it's, it's not a lifestyle that is good for this nation. 'Matter of fact, studies show, that no society that has totally embraced homosexuality has lasted more than, you know, a few decades. So it's the death knell of this country. I honestly think it's the biggest threat even, that our nation has, even more so than terrorism or Islam, which I think is a big threat.
[...] If you've got cancer or something in your little toe, do you say, Well you know I’m just gonna forget about it, 'cause the rest of you's fine? It spreads! OK? And this, this stuff is deadly, and it's spreading and it will destroy uh our young people, it will destroy this nation.