TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

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Dienstag, 20. Dezember 2011

Hypokrit.

Wenn man sich in amerikanischen Online-Polit-Diskussionsforen rumtreibt und nicht so sicher in der Sprache ist, muß man als erstes das Wort „hypocrite“ lernen.
Heuchler/Heuchlerin. Heuchelei = hypocrisy.

Amerikaner scheinen einen großen Hang zur Heuchelei zu haben. Die prüde Nation der Puritaner, welche der mit Abstand größte Pornoproduzent der Erde ist.

Der Präsident, der immer von „Freedom“ redete und seinem Volk erklärte, Al Kaida möge Amerika nicht "because they hate freedom“ beschäftigte sich intensiv damit die Freiheit zu beschneiden möglichst abzuschaffen; Stichwort „PATRIOT act“.

Der Hauptankläger Clintons während der „Lewinsky-Affäre“ betrog selbst seine krebskranke Frau. Inzwischen ist Newt Gingrich das dritte Mal verheiratet und zum Katholizismus konvertiert.

Gingrich ist auch der hardcore-Republikaner, der ganz auf Parteilinie staatliche Hilfen für die Hypothekenbank Freddie Mac in Grund und Boden verdammt.
Off camera hat er aber 1,6 Millionen Dollar Beraterhonorar von Freddie Mac einkassiert, was selbst Konservative als Hochleistungsheuchelei brandmarken.

Newt Gingrich should donate ALL of his Freddie Mac profits to homeless vets, not spend it on his Tiffany's account. Ron Paul was absolutely right when he attacked Gingrich for serial hypocrisy. Newt should either give up the money or give up the campaign.
[…] Newt Gingrich should not keep one penny of his Freddie Mac profits. If he does, he should drop out of the race.
(Brent Budowsky - 12/16/11)

Auf demokratischer Seite machte sich 2004 und 2008 North Carolinas Senator John Edwards als Präsidentschaftskandidat stark.
Edwards war so ein hochmoralischer Mensch, daß er stets wie ein Methodisten-Prediger klang. Seine krebskranke Frau Elizabeth schloß Edwards Moral aber nicht ein, stattdessen schwängerte er 2008 eine „Schauspielerin“ namens Rielle Hunter.

Wenn eine Michele Bachmann mit irrem Blick gegen staatliche Subventionen wettert, die sofort abgeschafft gehörten, ist es schon fast sicher, daß ihre Familie (die elterliche Farm und die „pray-away-the-gay“-Klink ihres Mannes) ordentlich Subventionen kassieren.

Und dann die Anti-gay-Aktivisten.

In der Praxis halten sich die stramm rechten Prediger und US-Politiker nicht immer so ganz an diese Linie. Rechter Sex eben.

Da gab es den Abgeordneten Mark Foley, der männlichen Pagen schlüpfrige Pimmel-E-Mails sandte, Bob Allen, republikanischer Abgeordneter in Florida, der bei der Bitte nach Oralsex versehentlich an einen Polizisten geriet und James Guckert alias Jeff Gannon, der einen "Begleit-Service" für Männer betrieb und vom Weißen Haus einen Presseausweis bekam, weil er immer so nette Fragen an George W. Bush stellte. Glenn Murphy Jr., der Vorsitzende der GOP-Jugendorganisation Young Republicans, trat von allen Ämtern zurück, nachdem er einen 22-jährigen Mann sexuell genötigt hatte. Senator David Vitter aus Louisiana steht auf der Kundenliste der Washington Madam, des bekanntesten Bordells in Washington. In South Carolina musste der Staatspolitiker Thomas Ravenel als Wahlkampfleiter des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain zurücktreten, nachdem er offenbar Kokain geschnupft hatte. In North Carolina erwischte die Polizei im Juni den republikanischen Kirchenmann und Sittenwächter Coy Privette einer Prostituierten.
"Als die Nachricht von Senator Craig die Runde machte, forderten manche Republikaner seinen Rücktritt — andere wollten seine Telefonummer haben", spottete der Late-Night-Talker Dave Letterman.
Der einzige Republikaner, der wenigstens bloß gegenüber Frauen anzüglich wird, ist Arnold Schwarzenegger.

Auch da ist es an der Tagesordnung, daß diejenigen, die am lautesten die Homoperversion verdammen und durch die same-sex-marriage den Untergang des Abendlandes eingeleitet sehen, sofort nach Abschalten der Kameras ihre schwulen Callboys anrufen, um mit ihnen Koks-Sex-Orgien zu veranstalten (Ted Haggard) oder wie Senator Craig auf Flughafentoiletten andere Männer molestieren.

Hypocrisy all überall.
Dabei könnte man sich all den Ärger sparen, wenn man nicht immer von anderen genau das Gegenteil dessen verlangen würde, was man selbst tut.

Heuchelei ist der böse Bruder der Glaubwürdigkeit. Die geht dann nämlich flöten.

Was könnte die RKK für ein sympathischer Verein sein, wenn sie einfach offensiv das Offensichtliche vertreten würde.
Unsere Mönche sind alles warme Brüder und der Petersdom ist das gay paradise - man sieht es ja an den ganzen Transen in ihren bunten Kleidern.
Heute mag doch jeder Schwule und Dragqueens sind große Stars.
Man würde den Hut vor der RKK ziehen wollen.
Aber nun ausgerechnet die größte transnationale Schwulenvereinigung der Welt als „homofrei“ zu erklären und wie Ratzinger es angeordnet hat, grundsätzlich keine Schwulen zum Priesteramt zuzulassen, ist natürlich Gift für die Glaubwürdigkeit.

Übrigens, Prof Uta Ranke-Heinemann hielt ihren Kommilitonen Joseph Ratzinger, den sie 1953 kennengelernt hatte, früher immer für asexuell.
Diese Meinung hat sie aber offensichtlich geändert.

Wir mussten die fertige Doktorarbeit zusammenfassen in Thesen. Und die Thesen musste man ins Lateinische übersetzen. Und ich dachte, hm, das könnte ich mit einem Kommilitonen zusammen machen. Da war zum Beispiel ein Franziskaner, der grüßte mich morgens immer so freundlich. Nein dachte ich, für mich als Verlobte ist das nichts. Das war mir zu gefährlich, in diesen riesigen Hörsälen, die abends immer leer und dunkel waren. Und wenn wir dann zu zweit da sitzen, könnte er mir einen Kuss auf die Backe knallen. Also nein! Und so bin ich dann fündig geworden: Ratzinger. Er hatte schon immer die Aura eines Kardinals, hochbegabt, bei gleichzeitiger Abwesenheit jeglicher Erotik. So war es dann auch. Er war das reine Latein. Wobei ich sagen muss, dass ich ihn für absolut asexuell gehalten habe. Jetzt habe ich Fotos von ihm gesammelt. Es gibt ein Foto mit Tarcisio Bertone, seinem neuen Staatssekretär, darauf überreicht er ihm irgendetwas. Und er blickt ihn so an, und ich dachte .... na, verstehen Sie, was ich dachte?
(U. R-H. 20.12.11)



Aber nun haben wir ja einen weiteren deutschen Meisterheuchler, Christian Wulff.

Der Mann, der es geschafft hat 50 Jahre alt zu werden, ohne die geringste politische Leistung oder Initiative erbracht zu haben.
Der sich hinter den Kulissen bei jedem über sein geringes Gehalt beklagt (derzeit gute € 200.000 im Jahr).
Der Mann, der geradezu manisch versucht aus seinen Verbindungen einen finanziellen Vorteil zu ziehen.

Als Lebemann à la Strauß in den 1970ern, der auch mal Fünfe gerade sein läßt, würde man ihm schon eher durchgehen lassen, sich jeden zweiten Urlaub von seinen steinreichen Freunden bezahlen zu lassen.

Aber nun fällt Wulff so einiges auf die Füße, was ER SELBST mit dem Pathos der Empörung von sich gegeben hatte, wenn Sozis sich kleine Fehltritte leisteten.

Schon als lediglich Gerüchte auftauchten MP Glogowski könnte einen kostenlosen Urlaub verbracht haben, nölte Wulff los. Er sprach von einer "Verflechtung und Verfilzung", die dringend aufgeklärt werden müsse.

"Mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar"
Man erinnert sich nun wieder daran, dass Christian Wulff die Dinge einmal selbst ganz anders bewertet hat. 1999, Wulff war damals Oppositionsführer in Hannover, Niedersachsens Ministerpräsident hieß Gerhard Glogowski, ein SPD-Mann. Glogowski stand unter Druck. Medien hatten berichtet, Glogowski habe Urlaub auf Kosten des Reiseunternehmens TUI gemacht, das in der Landeshauptstadt ihren Firmensitz hat. Es war noch nichts bewiesen, da machte Wulff seinem Widersacher schon schwere Vorwürfe. Solch eine Vorteilsannahme sei „mit dem Amt des Ministerpräsidenten nicht vereinbar“. Glogowski verliere seine Unabhängigkeit und damit seine politische Handlungsfähigkeit. Wenig später musste Glogowski als Regierungschef zurücktreten.
(Welt.de 13.12.11)

Das reichte Wulff aber nicht, er wollte einen Untersuchungsausschuss, denn "der Schein von Abhängigkeiten" sei "ein Problem für die Würde des Amtes", erklärte Wulff damals laut "Hannoverscher Allgemeinen Zeitung".

Durch die Zuwendungen privater Firmen zur Hochzeitsfeier Glogowskis sei der "Schein von Abhängigkeit und der Eindruck entstanden, der Ministerpräsident sei ein Werbeträger", kritisierte der damalige niedersächsische CDU-Chef [Christian Wulff].
(Spon 20.12.11)

Jener Wulff, der 1988 seine erste Hochzeit von Millionär Geerkens in dessen Osnabrücker Luxus-Penthouse ausrichten ließ.

Noch heftiger zeterte Wulff gegen Amtsvorgänger Rau. Er „leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben."

Im Jahr 2000 ging Wulff den damaligen Bundespräsidenten an. Johannes Rau stand wegen einer Flugaffäre unter Druck. Nachdem erneut Vorwürfe gegen Rau bekannt geworden waren, forderte der CDU-Politiker dessen Rücktritt. Wulff erklärte damals im "Focus", die SPD solle "Johannes Rau zurückziehen". Damit attackierte er den Präsidenten weit schärfer als seine Parteifreunde, die sich eher zurückhielten, um das Amt nicht zu beschädigen. Wulff ruderte zurück, nachdem sich andere Unions-Politiker von seiner Rücktrittsforderung distanziert hatten.
[…] Zugleich betonte er aber, dass "wir gerade jetzt einen unbefangenen Bundespräsidenten" bräuchten und "ihn gegenwärtig nicht zur Verfügung haben".
(Tagesschau 20.12.11)

Mit der Wahrheit nimmt es Präsident Wulff nicht so genau, wie wir spätestens jetzt alle wissen.

Den Niedersächsischen Landtag hatte er angelogen.
Da passt es ja gut, daß sein Freund Maschmeyer im Jahr 2007 zur Landtagswahl das Wulff-Buch „Besser die Wahrheit“ mit einer 40.000-Euro-Anzeige bewarb.
Das findet Christian Wulff auch heute noch völlig kritikunwürdig.
Jeder darf doch Anzeigen für CDU-Politiker bezahlen!
Anders sieht es aus, wenn DERSELBE Maschmeyer eine Pro-SPD-Anzeige aufgibt.
Wulff verlor nämlich die Wahl von 1998 krachend und tobte nur einen Tag später im Niedersächsischem Landtag theatralisch klagend "Wer war das?", während er die Maschmeyerische Pro-Schröder-Anzeige in die Kameras hielt.

Christian Wulff, der Osnabrücker vom Stamme Nimm, rafft von Krediten, Werbenazeigen, sechs Luxusurlauben für lau bis hin zu kostenlosen Flug-upgrades alles an sich, das er kriegen kann.
Aber wehe ein anderer wagt Ähnliches!!!

Zu Gerhard Schröders Engagement bei Gazprom
2006 wurde bekannt, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einen Posten bei dem russischen Konzern Gazprom annehmen würde und eine Bürgschaft der Bundesregierung mit Gazprom noch während Schröders Amtszeit abgeschlossen wurde. Unter den besonders Empörten war auch der damalige niedersächsische Ministerpräsident Wulff. "Alle Umstände, die dazu geführt haben, müssen restlos aufgeklärt werden." Mitgliedern der Bundesregierung müsse es untersagt sein, kurz nach Amtsende eine Tätigkeit bei einem Unternehmen aufzunehmen, mit dem sie während ihrer Amtszeit zu tun hatten. Zu Schröders wirtschaftlichem Engagement sagte Wulff: "Es muss der Anschein vermieden werden, dass es Interessenkollisionen gibt."


Zu Ulla Schmidts Dienstwagen-Affäre.
Vor zwei Jahren musste sich die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wegen ihres Dienstwagengebrauchs an ihrem Ferienort rechtfertigen. Wulff brachte es damals auf die Formel: "Was privat ist, muss privat gezahlt werden."
(Spon 20.12.11)

Sonntag, 3. April 2011

Nach mir die Sintflut.

Unser crazy Guido ist doch wirklich nach wie vor etwas eigenartig.
Er hat drei Jobs: FDP-Chef, Außenminister und Vize-Kanzler. (Letzterer ist eher eine Formalität und somit zu vernachlässigen.)
Aber als Parteichef ruiniert er die FDP und als Außenamts-Chef ruiniert er das Ansehen Deutschlands. Ein integerer Mann würde sich von allen Posten zurück ziehen; Westerwelle aber will nur einen der beiden wichtigen Jobs abgeben.
Offenbar ist ihm das Ansehen Deutschlands weniger wichtig und so wird er sich weiterhin dem Verderben desselben widmen und lediglich der Partei eine neue Chance geben.

Welch Kleingeist!
Die Welt würde das Aussterben der FDP kaum bemerken, aber das Aufschwingen der drittgrößten Wirtschaftsmacht zum Luftikus der UN ist schon ein erheblich größeres Problem.
Ich bin mir nicht sicher, wie Westerwelle seinen Amtseid verstanden hat, aber sollten die Spitzen der Bundesregierung nicht Schaden von Deutschland ABWENDEN, statt vermehren?

….Er ist ein nutzloser Außenminister. Westerwelle muss raus aus dem Kabinett, er muss die Freiheit zurückgewinnen, die Kanzlerin zu kritisieren. Vielleicht hat sich Guido Westerwelle am Dienstag in London an seine Teenagerzeit am Arndt-Gymnasium in Bonn erinnert gefühlt, als niemand mit ihm gesehen werden wollte. Er war damals uncool, und er ist es heute. Deutschlands aktuelle Schande ist zwar nicht so tief wie unter George Bush junior, als Donald Rumsfeld sich lieber hinter einer Säule versteckte, als Peter Struck die Hand zu schütteln. Nein, Westerwelles Kollegen betreiben immer noch Smalltalk mit ihm. Trotzdem: Für die westlichen Alliierten auf der Libyen-Konferenz war Guido die fleischgewordene deutsche Sonderrolle. Diplomaten in Berlin fragen sich, wie lange sich das Land noch von einem so offensichtlichen Leichtgewicht repräsentieren lassen will.
(Roger Boyes, Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. 02.04.2011)

Dann ließ der gleiche Mann die Partei innerhalb von eineinhalb Jahren auf bedeutungslose fünf Prozent schrumpfen. Römische Dekadenz, Hotelsteuer, das nicht eingehaltene, weil nicht einzuhaltende Wahlversprechen von massiven Steuersenkungen - überall hat sich Westerwelle verspekuliert. Es wurde nicht besser, als er in alter Oppositionspolitiker-Manier herumpolterte. Es wurde nicht besser, als er sich ruhig verhielt und nur den Außenminister gab. Im Gegenteil, er hat geschafft, was kein Außenminister vor ihm je hinbekommen hat: unbeliebtester Politiker zu sein. Aus dem liberalen Steuermantra "einfach, niedrig und gerecht" hat Westerwelle ein "peinlich, biestig und verrückt" gemacht. Peinlich, wie Westerwelle verdiente Parteispender mit auf Dienstreise nahm. Biestig, wie er in der Hartz-IV-Debatte Hilfeempfänger anpöbelte. Verrückt, wie er noch von Steuersenkungen schwafelte als längst klar war, dass die Realität ihn überholt hat. Westwelle ist kein Opfer von politischen Meuchelmördern. Er ist - wenn überhaupt - das Opfer seiner Eitelkeit
(Thorsten Denkler, SZ, 03.04.11)

Aber der Vizekanzler ist der Realität offenbar schon seit mindestens einer Dekade entrückt.
Daß er ungefähr so beliebt wie Fußpilz ist und als Repräsentant Deutschlands auch die internationale Sympathie für das Land in den Orkus hinab zieht, ist ihm egal.

„ Nach mir die Sintflut“ war und ist das Motto des Provinz-Anwaltes auf dem zweiten Bildungsweg aus Bad Honnef.

Eine unangenehme Person mit absurden Ansichten, über die man bestenfalls herzlich lachen kann.
"Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt's einen, der die Sache regelt. Und das bin ich." So formulierte Guido Westerwelle vor Jahren die Machtverhältnisse in der FDP.

A propos Absurdes: Passend zum Thema habe ich heute in einem Comedy-Buch über einen anderen berühmt-berüchtigten Kapitän und eine Sintflut gelesen, um mich ein bißchen aufzuheitern.

1 Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 2 Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. 3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.
(Gen. 9)

Tja, die Philosophie des massenhaften menschlichen Vermehrens auf Kosten der Umwelt, ist genauso gescheitert wie Guidos Neoliberalismus.

6 Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht. 7 Seid fruchtbar und vermehrt euch; bevölkert die Erde und vermehrt euch auf ihr!
(Gen. 9)

Auch das menschliche Blutvergießen, auf das man mit mehr Blutvergießen zu reagieren habe, scheint im Irak, in Afghanistan und anderswo nicht besonders zielführend zu sein.

11 Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.
(Gen. 9)

Nach den Tsunamis von Indonesien 2004 und Japan 2011 kann man sagen, daß Gott ganz offensichtlich auch genau lügt wie Guido Westerwelle.

20 Dann baute Noach dem Herrn einen Altar, nahm von allen reinen Tieren und von allen reinen Vögeln und brachte auf dem Altar Brandopfer dar. 21 Der Herr roch den beruhigenden Duft und der Herr sprach bei sich: Ich will die Erde wegen des Menschen nicht noch einmal verfluchen; denn das Trachten des Menschen ist böse von Jugend an. Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe.
(Gen. 8)

Nun ist Gott offensichtlich völlig gaga, geradezu Guido-mäßig gaga.

20 Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg. 21 Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt in seinem Zelt. 22 Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und erzählte davon draußen seinen Brüdern. 23 Da nahmen Sem und Jafet einen Überwurf; den legten sich beide auf die Schultern, gingen rückwärts und bedeckten die Blöße ihres Vaters. Sie hatten ihr Gesicht abgewandt und konnten die Blöße des Vaters nicht sehen. 24 Als Noach aus seinem Rausch erwachte und erfuhr, was ihm sein zweiter Sohn angetan hatte, 25 sagte er: Verflucht sei Kanaan. / Der niedrigste Knecht sei er seinen Brüdern. 26 Und weiter sagte er: Gepriesen sei der Herr, der Gott Sems, / Kanaan aber sei sein Knecht. 27 Raum schaffe Gott für Jafet. / In Sems Zelten wohne er, / Kanaan aber sei sein Knecht. 28 Noach lebte nach der Flut noch dreihundertfünfzig Jahre. 29 Die gesamte Lebenszeit Noachs betrug neunhundertfünfzig Jahre, dann starb er.
(Gen. 9)

Und auch das Ende der Geschichte ist genauso glaubwürdig wie die FDP-Steuersenkungsversprechen und das „liberale Sparbuch“.


Nachtrag:

Ich teile nicht die Sorge, die FDP könnte mit einem Parteichef Rösler oder Lindner urplötzlich wieder so stark werden, daß Schwarz-Gelb wieder erblüht. Als SPD-Mitglied habe ich Erfahrung mit schnellen Wechseln an der Parteispitze und weiß, was das in Umfragen nützt:
NICHTS.

Insofern schließe ich mich Heribert Prantl an, der als einer der wenigen Guido Westerwelle in Schutz nimmt: Er sei immerhin nicht allein Schuld am Absturz der FDP. Immerhin. Auch die anderen FDP-Zampanos sind richtig schlecht!

Für die Westerwelle-FDP gilt, was einst der Rechtsgelehrte und frühere FDP-Innenminister Werner Maihofer über die Große Koalition der Jahre 1966 bis 1969 gesagt hat: "Große Worte überall, aber kleine Taten". Die Führungs- und Personaldebatte der Freidemokraten unterliegt einem error in persona: Das Problem heißt nämlich nicht nur und nicht in erster Linie Guido Westerwelle; es heißt auch Bundestagsfraktion; sie ist matt und unpolitisch. Und viele von denen, die Westerwelle jetzt abserviert haben, gehören mit zum Problem: Haben sie Westerwelles Schwächen erst jetzt entdeckt? Wo waren sie, als die liberalen Bürgerrechtler an den Rand der Partei gedrängt und ihr Heil nicht mehr dort, sondern in Karlsruhe suchen mussten? Wo sind die Liberalen, die sich geschämt haben, als das Bundesverfassungsgericht viel rechtsstaatlicher war als die FDP? Ist die Dürre der Partei erst jetzt urplötzlich ausgebrochen? Hat Westerwelle die Klientelpolitik, die Steuersenkereien, das ganze freidemokratische Schlaraffenlandprogramm allein formuliert und diktiert? War er es ganz allein, der die FDP an die Union gekettet hat? Man kann sich Westerwelle wegdenken, ohne dass die Defizite der Partei entfielen. Die innerparteiliche Kritik an Westerwelle ist daher ebenso zutreffend wie wohlfeil.
(SZ, 03.04.11)

Freitag, 31. Dezember 2010

"Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles"

Vor ein paar Tagen hatte ich gehässigt der armen Frau Merkel unterstellt, sie lehne die Islamische Kultur ab, da Wucherverbot und Zakat ihre reichen Spender allzu hart träfe.

Im Christentum hingegen ließe sich trefflich mit Zinsen „ohne erbrachte Leistung“ Geld auf andere Leute Kosten verdienen.

Diesen Eindruck muß man gewinnen, wenn man sich ansieht wie insbesondere die obersten Christen dieses Planeten, nämlich die Kurie in Rom, sich reichlich die Taschen füllen, indem ihre „Vatikanbank“ IOR, Istituto per le Opere di Religione (Institut für religiöse Werke) Geld wäscht.
Die Päpstlichen Banker sind unter anderem mit der Mafia in so dunkle Geschäfte verstrickt, daß leibhaftige Bischöfe, die in der Leitung des IOR tätig sind oder waren, im Vatikan vor der Italienischen Justiz untergetaucht sind.
Der amerikanische Erzbischof Paul Casimir Marcinkus (1922 - 2006), Spitzname „The Gorilla“, war von 1971 bis 1989 Leiter der Vatikanbank.
Wer Yallops „Im Namen Gottes“ gelesen hat, wird sich an den Bankchef als besonders zwielichtige Figur erinnern. In seiner Amtszeit kollabierte die Banco Ambrosiana.
Zahlreiche von Marcinkus‘ engen Freunden waren in diese Affäre verwickelt - Robert Calvi, Graziella Corrocher, Michele Sindone. Sie alle kamen auf mehr als verdächtige Art ums Leben. Am 18. Juni 1982 stürzte Calvis Sekretärin Corrocher vom Balkon der Mailänder Banco Ambrosiana zu Tode; Calvi fand man ebenfalls am 18. Juni 1982 - mit Ziegelstein-gefüllten Taschen unter einer Londoner Brücke hängen, Sindona wurde mit Zynkali in seiner Gefängniszelle dahin gerafft.
Gegen „The Gorilla“ wurde Haftbefehl erlassen; so daß er den Vatikan nicht mehr verlassen konnte, ohne ebenfalls sofort im Knast zu landen.
Über 200 Scheinbanken hatte das Quartett mit Hilfe der Mafia und der legendären Geheimloge P2 betrieben. Der Vatikan zahlte später mehrere Hundert Millionen Dollar Entschädigung.

Die Theorie, daß Papst Johannes Paul I im Jahr 1978 im Vatikan ermordet wurde, da er offenbart vorhatte Licht ins Dunkel der finanziellen Machenschaften der Vatikangelder zu bringen, halte ich für außerordentlich überzeugend. Es gibt eine erdrückende Fülle von Ungereimtheiten und Hinweisen - beweisen ließ sich die Vatikanische Mordtat hingen nie.

Noch heute hat der Heilige Stuhl den Status eines „Schurkenstaats“, da die IOR keinerlei Kontrollen unterworfen ist und sich an keine Regeln gebunden fühlt.

Gestern nun versuchte Staatschef Ratzinger erstmals mit einem "Motu proprio“ gegen diese Inkarnation der Unmoral vorzugehen.

Der Vatikan will kein Schurkenstaat sein!
Schluss mit der Geldwäsche: Benedikt XVI. gab bekannt, dass der von ihm regierte Vatikanstaat sich den europäischen Normen gegen dubiose Finanztransaktionen anpassen.
[…] Der Vatikan hofft so, endlich auf die "White List" jener Länder zu gelangen, deren Banken in den Augen der EU transparent wirtschaften. Bisher nämlich war der Vatikan finanztechnisch ein Offshore-Paradies, für das vor allem der skandalumwitterte Name IOR stand.
[…] Erst vor drei Monaten hatte die Staatsanwaltschaft Rom 23 Millionen Euro beschlagnahmen lassen, die das Vatikan-Institut von einem Konto bei einer italienischen Bank weiterüberweisen wollte. Die Vatikanbank hatte trotz Aufforderung der Bank weder die Empfängernamen noch den Verwendungszweck der Transaktionen mitgeteilt. Zudem wurde ein Ermittlungsverfahren gegen den IOR-Präsidenten Ettore Gotti Tedeschi sowie gegen den Generaldirektor Paolo Cipriani eingeleitet. Ihnen wird zwar nicht Geldwäsche, wohl aber der Verstoß gegen die italienischen Normen zur Verhinderung von Geldwäsche vorgeworfen. Der Vatikan reagierte auf die Vorwürfe mit der Auskunft, alles sei bloß ein "Missverständnis". Doch der italienischen Justiz reicht das nicht. Erst vor wenigen Tagen ordnete ein Gericht an, die IOR-Gelder vorerst nicht freizugeben.
(Taz 30.12.10)

Die Finanzskandale des Vatikans - jüngst wieder in zwei Büchern aufgedröselt - lassen selbst mich erblassen - und ich habe einiges Zutrauen in die kriminelle Energie der Vatikaniskis.
Gianluigi Nuzzis „Die Vatikan AG“ (2010) zeigt Strukturen des organisierten Verbrechens auf, Curzio Malteses „Scheinheilige Geschäfte“ (2009) dokumentiert die Intransparenz der stets am Rande der Legalität operierenden Gottesmänner.


An dieser Stelle muß ich Selbstkritik üben.

(Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
- Wilhelm Busch)

Anders als mit dem Verweis auf Zakat und Zinsverbot des Islams suggeriert, hat die Katholische Kirche ursprünglich kein Herz für Kredithaie und Wuchergeschäfte gehabt.

Im Gegenteil; die Bibel verbietet dies.

35 Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. 36 Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. 37 Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.
(Levitikus 25)

20 Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen. 21 Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. 22 Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. 23 Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden. 24 Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern.
(Exodus 22)

20 Du darfst von deinem Bruder keine Zinsen nehmen: weder Zinsen für Geld noch Zinsen für Getreide noch Zinsen für sonst etwas, wofür man Zinsen nimmt. 21 Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, von deinem Bruder darfst du keine Zinsen nehmen, damit der Herr, dein Gott, dich segnet in allem, was deine Hände schaffen, in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen
(Deuteronium 23)

Etc pp

Insbesondere ab dem 12. Jahrhundert hat eine Vielzahl unfehlbarer Päpste das Zinsverbot als „unveränderliches kirchliches Gebot“ bestätigt.

Seinen Ausgangspunkt nahm das schon altkirchliche Zinsverbot im Mittelalter mit dem Zweiten Laterankonzil von 1139, dem Decretum Gratiani, einem ausdrücklichen Zinsnahmeverbot durch Papst Innozenz III. von 1215 und dem Konzil von Vienne von 1311. Danach war es verboten, Zinsen auf geliehenes Geld zu verlangen.
[…] Noch 1745 wandte sich Papst Benedikt XIV. in der an die hohe Geistlichkeit Italiens adressierte Enzyklika Vix pervenit entschieden gegen den Zins. In § 3, Absatz I heißt es: Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat […] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch.
(Wiki)

In den nächsten Jahrhunderten fand man allerdings auch im Vatikan heraus wie wunderbar einfach man sich mit Geldverleih eine goldene Nase verdienen kann.
Insbesondere katholische Ritterorden waren extrem kreativ dabei die biblischen und Vatikanischen Regeln zu umgehen.
Im 19. Jahrhundert waren Zinsen dann inzwischen so alltäglich geworden, daß es überhaupt keinem mehr auffiel als Papst Pius VIII. am 18. August 1830 alle vorherigen Zins-Gesetze aufhob.

In der Bibel stehen eben sehr viel zeitbedingte Ansichten, die heute vom Vatikan willkürlich ignoriert werden.
So stört es spätestens seit der Erfindung des Kühlschrankes keinen Papst mehr, daß laut Bibel der Verzehrvon Schalentieren und Schweinefleisch eine schwere Sünde ist.

Viele kirchliche Lehrvorstellungen wurden inzwischen vom Vatikan beerdigt.
Im Gegenteil, wenn der Papst auf uralten Schwachsinnsregelungen, wie dem Zölibat, dem Geozentrismus oder der Verdammung von Schwulen unerschütterlich festhält, macht sich die Kirche lächerlich.

Mehrere Jahrhunderte nach dem Rest der Welt und 99% aller Wissenschaftler ebenfalls auf Heliozentrismus umzuschwenken ist einfach zu spät.

Montag, 15. November 2010

Taxiweisheiten - Teil II

Wenn man ein bißchen was getrunken hat und dann in einen Unfall verwickelt wird, hat man das Ei auf dem Kopp. Auch wenn man noch gut reagiert hat und der andere Autofahrer sich benommen hat wie ein 95-Jähriger auf LSD, bekommt man die Schuld.
Die einzige Möglichkeit mit blauem Auge davon zu kommen, ist es sternhagelvoll zu sein, statt nur leicht einen in der Krone zu haben.

So erging es bekanntlich dem damaligen CSU-Generalsekretär Otto Wiesheu, der sich voll bis Oberkante Unterkiefer hinter das Steuer setzte, dann einen Menschen umbrachte und auch noch Fahrerflucht beging.
Störte nicht weiter.
Nach einem kleinen Klaps auf die Finger machte er erst recht Karriere und wurde erst zum VERKEHRSMINISTER und dann sogar zum Superminister Bayerns gemacht.
Ein, zwei Maß wären fatal gewesen - aber Wiesheus Pegel „kurz vor Koma“ war die juristische Rettung. "Unzurechnungsfähig" durch genügend Alkohol.

Ähnlich verhält es sich mit der Dummheit.
Ein intelligenter Mensch mag sich ärgern hier und da ein paar geistige Defizite zu haben.
Ein IQ-100-Bürger wünschte sich womöglich richtig intelligent zu sein. Offensichtliche Doofheit ist schließlich ein Stigma, das niemand gerne mit sich herum trägt.

Der Ausweg ist wieder der, so unfassbar dumm zu sein, daß es schon brummt.
Hat mein ein gewisses Level der Verblödung unterschritten, merkt man nicht mehr, wie blöd man ist. Die richtig Bekloppten bemerken nicht wie inkompetent sie sind.

Ein Beispiel. Im Sueddeutsche.de-Forum postete ein Sarrazin-Untersützer:
"Tuerken bummsen ihre kusinien und treiben sich auf der strasse rum und deswegen lernens nie gscheit deidsch!"

Und versteht man es nicht irgendwie?
Muß es nicht herrlich entspannend sein, soweit gen Zimmertemperatur-IQ gesunken zu sein, daß man gar nicht mehr merkt, daß man nichts mehr merkt?

Diesen Effekt habe natürlich nicht ich ausgemacht, sondern er ist durchaus wissenschaftlich untersucht, beobachtet und beschrieben.

Eine solche kognitive Verzerrung ist als "Dunning-Kruger-Effekt" bekannt, nach den Psychologen David Dunning und Justin Kruger: Je weniger die Leute über etwas Bescheid wissen, desto übertrieben selbstsicher sind sie.
(Marc Pitzke 15.11.10)

Nina Anika Klotz, Autorin für STERN und FTD, erklärt den "Dunning-Kruger-Effekt" am Beispiel des „Deutschland sucht den Superstar“-Dauerteilnehmers Menderes Bagci.
Er singt schlimmer, als ein Mops beim Hodenpiercing, bekommt genau dies auch immer wieder von der Jury bestätigt und ist dennoch zu dämlich, um seine Unfähigkeit zu erkennen. Dementsprechend taucht er bei jeder neuen Staffel auf, um sein vermeidliches „Talent“ zu beweisen.

Ebenso wie viele Arbeitnehmer in der Wirtschaft leidet Bagci nämlich an einer Wahrnehmungsstörung. Es ist ein relativ häufiges psychologisches Phänomen, und seit elf Jahren hat es einen Namen: Dunning-Kruger-Effekt, kurz DKE. Die Theorie des DKE besagt, dass inkompetente Menschen zu inkompetent sind, um ihre eigene Inkompetenz zu erkennen - und sich deshalb selbst für kompetenter halten als andere. DKE ist der Grund, warum "Deutschland sucht den Superstart" bald in die achte Runde geht und Bagci dann wahrscheinlich wieder am Start ist. DKE ist auch verantwortlich für zahllose Fremdschäm-Youtube-Videos, in denen ungelenke Mädchen den sterbenden Schwan tanzen: Sie alle denken, sie wären richtig, richtig gut. Bevor Sie sich jetzt kompetenter fühlen als die Youtube-Stars und die unfähigen Kollegen aus dem Nachbarbüro: DKE tritt bei allen Menschen irgendwann einmal auf, bei manchen häufiger als bei anderen.
(Stern 10.10.10)

DKE ist ein hübscher neuer Baustein, den man gern in sein Fremdwort-Portfolio übernimmt.

A posteriori fragt man sich wie man bisher ohne den Terminus Technicus „DKE“ so offensichtliche Hohlbratzen wie den Ex-Präsidenten George W. Bush beschreiben konnte.

Uwe-Karsten Heye, von 1998 bis 2002 Regierungssprecher Gerhard Schröders, tut das heute in der SZ.
Bei seiner ersten Begegnung mit GWB erscheint ihm der mächtigste Mann der Welt freundlich, aber vollkommen unwissend. Er war nie gereist und zeigte keinerlei Interessen.

„Er brauchte gute Berater. Die bekannteste war Condoleezza Rice, anfangs seine Sicherheitsberaterin. Hätte sie wirklich prophetische Gaben gehabt, hätte sie sich nicht so fatal irren können wie in jenem Gespräch mit einer deutschen Delegation, die im letzten Augenblick noch einmal nach Washington gereist war, um die Bush-Regierung von dem Krieg abzuhalten. Das war am 11. Februar 2003, sechs Tage nach dem spektakulären Auftritt des US-Außenministers Colin Powell vor der UN-Vollversammlung. Er hatte dort in einer Art Powerpoint-Präsentation versucht, den Beweis für irakische Massenvernichtungswaffen zu liefern. Von fahrbaren Laboratorien war die Rede, von Abschussrampen. Wie sich später herausstellte, waren alle sogenannten Beweise gefälscht. Zwei Jahre darauf sollte Colin Powell in Erinnerung an diesen Auftritt vom 'schwärzesten Tag meines Lebens' sprechen.
Condoleezza Rice empfing die deutschen Emissäre eher ungnädig. Sie machte deutlich, dass der Krieg unausweichlich sei. Und mit Blick auf Außenminister Powell und seinen Auftritt vor den Vereinten Nationen war sie der Meinung, dass damit doch wohl genug multilaterales Entgegenkommen gezeigt sei und die Deutschen nun mitziehen müssten. Und dann ihr prophetischer Ausblick: Ein Irak ohne Saddam wäre auf dem Weg zu einer stabilen, demokratischeren und liberaleren Gesellschaft, mit positiver Ausstrahlung in die Region. Damit würden zugleich die Grundsteine für eine Lösung des Nahost-Konflikts gelegt. Das Öl werde helfen, dass der Irak sich auch wirtschaftlich erhole. Sie untermauerte ihre Thesen mit dem Hinweis, dass Völker die Chance zum Wiederaufbau nutzten. Da sei der Irak nicht anders als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Alle Versuche, sie von dieser Sicht abzubringen und die enormen Risiken eines Krieges zu bedenken, prallten an ihr ab. In einem Vermerk im Auswärtigen Amt ist dieses Ergebnis niedergelegt.
[…]
Es war unbegreiflich, warum Washington die kluge, weltumspannende Koalition gegen den Terror aufgeben wollte, die sich nach dem 11. September 2001 formiert hatte. Sie würde nicht halten, wenn der Schauplatz Afghanistan um den Irak erweitert würde. Das musste Osama bin Laden in die Hände spielen, der darauf aus war, eine Feindschaft des Westens gegenüber der islamischen Welt zu konstruieren. Washington zeigte sich von solchen Argumenten völlig unberührt.
[…]
In der Bush-Ära hat sich die Weltmacht USA moralisch und politisch ins Abseits begeben. Die schrillen Klänge der Tea-Party-Bewegung sind ein Echo darauf. Auch der evangelikale Fundamentalismus spielt eine Rolle, was vermuten lässt, dass die amerikanische Gesellschaft mit ihrem gebeutelten Präsidenten Obama noch eine Weile brauchen wird, um den Irrationalismus der selbst ernannten 'Wächter des Kapitalismus' zu überwinden. Sie stehen in ihrer Radikalität den Islamwächtern nicht nach.
Bush machte sein Land zum Verlierer. Die Gesamtkosten des Krieges beziffert der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz auf drei Billionen Dollar. Er kostete auch 10000 westliche Soldaten und 100000 Zivilisten das Leben. Verlierer sind alle, die auf eine weltumspannende Innenpolitik warten, die die Chancen böte, Hunger und Unterentwicklung zu überwinden. Dafür ist für lange Zeit kein Geld mehr da.
(SZ, 15.11.10)

Nicht, daß es sich hierbei um Neuigkeiten handelte, aber es ist doch interessant zu wissen, daß Bush im direkten Gespräch genauso dümmlich und desinteressiert daher kam, wie man es vermutet.

Es ist doch interessant zu wissen, daß Bush zudem nicht das geringste bißchen Lernfähigkeit besitzt und noch immer all seine Lügen und Fehlleistungen ganz toll findet.

Es bleibt nur die alte Frage, wie es angehen konnte, daß so ein Unterbelichteter, der erwiesenermaßen ein Lügner und Versager war, 2004 wieder gewählt werden konnte.

Wie kann es angehen, daß im November 2010 schon wieder eine Majorität der Amerikaner für die Republikaner stimmt?

Die Antwort findet man in der Unmöglichkeit einer Diskussion mit den GOPern - sie hören nicht zu und lassen Argumente an sich abprallen.
Vollkommen indoktriniert und brainwashed von FOX.TV und Ähnlichen frönen sie ihrem Hass und ignorieren Fakten.
Auf der anderen Seite, der Liberalen, herrscht ohnehin nur noch Frustration.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft mir schon von der Seite geraten wurde jeden Versuch der Kommunikation mit GOPern abzubrechen.
Es habe keinen Sinn.

Des Rätsels Lösung ist also, daß nicht nur Bush am "Dunning-Kruger-Effekt" leidet.
Nein, das ganze Land ist von völliger Verblödung erfasst; einer Verblödung, die so weit fortgeschritten ist, daß die eigene Inkompetenz nicht mehr wahrgenommen wird.

Eine Umfrage des Centers for Economic and Entrepreneurial Literacy (CEEL) von 2009 zu grundlegenden finanziellen Begriffen förderte Erschreckendes zutage.

Das "finanzielle Analphabetentum" in den USA ist alarmierend, stellt eine Studie fest. Dieses tiefgehende Unverständnis im Volk und bei Politikern ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Krise so tief und dauerhaft wurde. Washington schert sich darum wenig - alles soll beim Alten bleiben.
(SPON 15.11.10)

„Dow Jones“ oder "Roth IRA" (einer der gängigsten Rentenpläne in den USA) kennen gerade mal die Hälfte der Amerikaner.

Was ist Inflation? Wie berechnet man Zinsen? Ist es teurer, ein Konto zu überziehen oder einen Kredit aufzunehmen? Wie lange dauert es, bis sich 100 Dollar bei einem Zinssatz von 20 Prozent verdoppeln? Die Mehrheit zuckte da nur mit den Schultern. "Eine überwältigende Zahl von Amerikanern ist außer Stande, auch nur die einfachsten Fragen zu Kredit, Zinsen und wirtschaftlichen Grundbegriffen zu beantworten", lautete das deprimierende Fazit der CEEL-Studie, die voriges Jahr auf dem Höhepunkt der Finanzkrise durchgeführt wurde.
[…] Mehr als sonst ein Industrieland setzen die USA bekanntlich auf die finanzielle Unabhängigkeit ihrer Bürger. Die meisten Amerikaner sind für ihre Alterversorgung, ihre Krankenversicherung, ihren Wohlstand und ihren Aufstieg selbst verantwortlich. Es ist nun mal der "American Way", wie ihn jetzt auch die so siegreichen Tea-Party-Kandidaten lauthals propagieren. Doch mehr als in sonst einem Industrieland sind diese Bürger damit eben zusehends auch überfordert. Zumal das US-Finanzsystem über die Jahre immer komplexer und undurchschaubarer geworden ist - die Menschen verirren sich im "Warenhaus unzähliger Möglichkeiten und schnell genehmigten Krediten", wie selbst das Intellektuellenblatt "New Yorker" klagt. Die CEEL-Studie ist bei weitem nicht die einzige, die den mangelnden Sachverstand in Finanzdingen belegt. So ergab eine Umfrage des US-Finanzministeriums kürzlich, dass fast die Hälfte aller Befragten ihre monatlichen Rechnungen nicht bezahlen kann, ein Viertel ihre Girokonten überzogen hat und nur die Hälfte Rücklagen fürs Alter, für Krankheit oder für harte Zeiten hat. Andere haben ermittelt, dass die meisten US-Schuldner das Kleingedruckte nicht verstehen - und sogar passen müssen, wenn sie nach dem Unterschied von festverzinslich und flexibler Verzinsung gefragt werden.
(SPON 15.11.10)

Unglücklicherweise haben all diese Morons das Wahlrecht und können 2012 den neuen US-Präsidenten bestimmen.

Gute Nacht, Planet.


Mittwoch, 29. September 2010

Die tödlichste Gefahr der US-Armee

In Afghanistan und im Irak kam es bekanntlich nicht ganz so, wie es die Experten des Weißen Hauses prophezeit hatten.
Jubelnde Einheimische, die begeistert von den GIs Blumen werfen und dann über Nacht ihre Länder in säkulare Demokratien à la Deutschland und Japan verwandeln, waren in der Realität eher selten.
Am nächsten kam dem Bild noch der Irakische Journalist Muntadar al-Zaidi im Dezember 2008, der allerdings statt Blumen lieber seine Schuhe warf.
"Ein Abschiedskuss von den Menschen des Irak, du Hund" und "Dieser hier ist von den Witwen, den Weisen und den Getöteten im Irak." waren die Abschiedsworte an George W. Bush.

Während aber der potus und Commander in Chief nur Stunden später des lästige Land zwischen Euphrat und Tigris in seiner komfortablen Air Force One wieder verlassen konnte, mußte das Soldatenfußvolk die Bush-Politik weiter ausbaden.

Und so wird bis heute beinahe täglich in Amerikas Kriegen gestorben.

Die häufigste Todesursache bei US-Soldaten ist eine Unerwartete.
Al Kaida, Sprengfallen, die Taliban oder Saddams ominöse Massenvernichtungswaffen folgen erst auf den Plätzen.
Nein, die meisten US-Soldaten werden von US-Soldaten gekillt.

Die Kombination auf Hightech-Waffen, potenzierter Feuerkraft und immer jüngeren und unerfahrenen Soldaten, die plötzlich in einem Krieg ausgesetzt werden, den sie nicht verstehen, kristallisiert sich immer mehr als Kollektiv-Suizid-Strategie der US-army heraus.

Mehr als die Hälfte der Toten auf amerikanischer Seite sterben durch „friendly fire“.

Wenn auch die amerikanischen Soldaten nicht besonders klug und nicht sonderlich erfolgreich kämpfen, so können sie immerhin noch prima Euphemismen erfinden.
Versehentlich abgemurxte Zivilisten werden als „Collateral damage“ (~ Kollateralschaden. Also nebensächliches Geschehen.) verniedlicht.
In der Regel trifft es ohnehin „nur“ arme Einheimische, deren Angehörige sich eher selten von amerikanischen Top-Schadensersatz-Anwaltskanzleien vertreten lassen.

Ungünstig ist es allerdings, wenn diplomatische Einrichtungen “kollateral beschädigt“ werden, wie zum Beispiel am 8. Mai 1999 in Belgrad, als einige SFOR-Raketen mit „chirurgischer Präzision“ in die Botschaft Chinas einschlugen und drei Menschen töteten.

Beim „freundlichen Feuer“ handelt es sich um unbeabsichtigtes Töten eigener Soldaten, aufgrund schlechter Sichtverhältnisse, mangelnder „Freund-Feind-Erkennung“, Suff, Unfähigkeit, Leichtsinn und anderer Fehlleistungen.

Ein bekannter Fall ist der Tod des US-Football-Spielers Pat Tillman, der einen 3,6-Millionen-Dollar-Vertrag sausen ließ, um 2002 lieber zusammen mit seinem Bruder Kevin in den Irak zu gehen.
Eine Heldengeschichte, die das amerikanische Volk elektrisierte, entspann sich und wurde ins Absurde gehyped, als ausgerechnet die Tillmans an der Befreiung der US-Soldatin Jessica Lynch beteiligt sind.
Sportheld trifft heroische Soldaten-Heldin.
Jessica Lynch wird anschließend zur Erbauung der amerikanischen Öffentlichkeit als altruistische Kämpferin ohne Furcht dargestellt - eine Geschichte, die durch und durch erlogen war, wie sich später rausstellt. What else is new about the american Iraq-policy?

Pat Tillman stirbt Anfang 2004 in Afghanistan.

Es folgt ein bizarres und makabres Vertuschungsmanöver, denn weder Pentagon noch Weißes Haus wollen eingestehen, dass der Tod des prominenten Soldaten durch „Friendly Fire“ eintrat. Erst später erfahren die Angehörigen und die Öffentlichkeit die bittere Wahrheit sowie die Tatsache, dass nicht zuletzt grob fahrlässiges Verhalten anderer Soldaten zu den fatalen Ereignissen führte.
(www.kultur-in-bonn.de)

„Grob fahrlässig“ waren die Vorgänge allemal - Pat Tillman wurde bei Tag in einem Jeep durch eine Schlucht geschickt.
Statt eines Konvois, bildeten die Offiziere mehrere einzelne Ziele - Kevin Tillman folgte aufgrund eines direkten Befehls erst mit großem Abstand.
Es war also zumindest eine offensichtliche Todesfalle, in die Pat Tillman von seinen Vorgesetzen geschickt wurde.
Gerichtsmedizinische Untersuchungen ergaben später, daß der Sportheld sogar aus nächster Nähe erschossen wurde.
Was war da los? Hatte Tillmans Ermordung womöglich damit zu tun, daß er sich zu einem radikalen Kritiker der US-Militäraktion entwickelt hatte, daß er, der Atheist, womöglich bei seiner Rückkehr keine freundlichen Worte für die Christlichen Krieger im Weißen Haus finden würde?
Es darf spekuliert werden.

Die Geschichte hat der Top-Journalist Krakauer in einem investigativen Buch zusammengestellt.

Jon Krakauer: Auf den Feldern der Ehre. Die Tragödie des Soldaten Pat Tillman. 446 Seiten. Piper Verlag, München 2009. 19,95 Euro.

Krakauer ging auch dem „Phänomen freundliches Feuer“ nach und kam zu schockierenden Ergebnissen:

„Laut der umfassendsten Untersuchung der amerikanischen Kriegsopfer (Tote sowie Verwundete) konnten 21 Prozent der Opfer im Zweiten Weltkrieg auf Freundbeschuss zurückgeführt werden. In Vietnam waren es 39 Prozent und im ersten Golfkrieg 52 Prozent.“

Die GOP-Verteidigungsminister Rumsfeld und Gates sollten offensichtlich die Ausbildung der Soldaten dringend intensivieren und verbessern.
Daß sie es versäumen konnten, obwohl die massive medizinische Unterversorgung, das rasante Ansteigen der Suizid-Zahlen der US-Soldaten und der vierte-Welt-Siff im „Walter Reed“ (Walter Reed Army Medical Center) lange bekannt sind, dürfte an der sozialen Struktur der Soldaten liegen.

Schwarz, arm, aus prekären Verhältnissen stammend, ungebildet, jung, extrem gläubig - das sind die Jungs, die überwiegend für Amerika sterben.

Niemand also, um den sich Washington besonders schert.

Montag, 2. August 2010

Taliban und USA in einem Boot?

Daß Ende 2001 der komplett enthirnte GWB Kabula rasa machte, war zu erwarten.
US-Politik ist in der Regel von Ideologie und Psychologie bestimmt.
Geltungsdrang und Minderwertigkeitskomplexe sind entscheidende Antriebsfedern. Am 11. September war die Demütigung so gigantisch, daß der US-Präsident ein Ventil finden mußte.

Ich erinnere mich an Stimmen von durchaus liberalen New Yorkern, die zu der Zeit wie von Sinnen forderten „Der Taliban muß weg!“
Plural oder Singular war egal, Hintergrundinformationen wollte niemand.
Die Länder waren ohnehin so weit weg und hatten komischen Namen.
Wie sollte das ein Durchschnittsamerikaner wissen, der schon in arge Schwierigkeiten gerät, wenn er Mexiko oder Kanada auf der Weltkarte finden soll?
Michael Moore forderte damals, daß der Kongress ein Gesetz erlassen möge, nach dem es Amerika nur erlaubt sei Kriege gegen die Länder zu führen, die sie auch auf der Weltkarte finden könnten.
Guter Witz - das hätte die Bush-Administration zum Dasein als echter Friedensengel verdammt.

Da gab es jedenfalls diesen einen fiesen Herrn Taliban und der sollte bitte schön büßen - aber pronto.

GWB, der nach denkwürdigen Auszählungsdesaster frisch im Oval Office saß und so sehr darunter litt 500.000 Stimmen weniger als sein Gegenkandidat Gore bekommen zu haben, daß er seine Amtszeit bis dato im Urlaub auf seiner Ranch verbracht hatte, witterte die Gelegenheit und spielte Rambo.
Schnell schossen seine Beliebtheitswerte gen 90 %.

Man wollte Blut sehen und das sollte doch wohl klappen gegen eine Steinzeitgesellschaft am hintersten Ende der Welt, wo die Frauen in Burkas rumlaufen und die Männer in Lumpen durch die Pampa krochen.

Die größte Hightech-Armee des Planeten gegen eine ausgemergelte Horde Clochards, die zivilisatorisch irgendwo bei Pfeil und Bogen stehen geblieben waren.

Mit einer knappen Dekade Verspätung ist die Erkenntnis, daß die US-Einschätzung wohl ein bißchen falsch war, sogar bis ins Weiße Haus gedrungen.

Soviel wissen wird durch die über Wikileaks veröffentlichten 92.000 Afghanistan-Dokumente:

Die Kette der Fehlschläge und Niederlagen ist nahezu unendlich.
Es klappt nichts, die Taliban sind stärker denn je, die NATO-Soldaten haben einfach keinen Bock mehr, die Afghanischen Zivilisten sind vollkommen entnervt, wollen nur noch, daß die ausländischen Truppen verschwinden und die Afghanischen Kämpfer sind nicht das geringste bißchen demotiviert.

Treue US-Verbündete setzen sich ab.
Nach vier Jahren in Urusgan verschwinden soeben die knapp 2000 Niederländischen Soldaten.
Bis September werden sie sich samt ihrer F16-Bomber nach Europa zurück gezogen haben.
Nächstes Jahr folgt dann der nächste große Player; Kanada zieht seine 2800 Mann aus dem Hindukusch ab.

Die Deutschen können nicht abziehen, weil wir erstens die allertreusten der treuen US-Verbündeten sind und zweitens bedauerlicherweise eine realitätsentrückte Regierung haben, die entweder urlaubt, oder wie der Vizekanzler vor dem Bundestag feststellt, daß in Afghanistan eigentlich alles wunderbar liefe.

Vielleicht handelt es sich da um die unerhörte Leichtigkeit der Kinderlosen - Merkel, Westerwelle, Guttenberg - daß die Bundeswehrpräsenz am Hindukusch nicht überdacht wird.

Der Chef der Niederländischen Truppen, Peter van Uhm, weiß sicherlich etwas konkreter was es mit der Sterberei der Soldaten auf sich hat.
Einer der 24 am Hindukusch getöteten Holländer war sein Sohn.

Die USA zahlen den Blutzoll leichter, denn die Politelite Washingtons schickt ihre Kinder nicht in die Kriege.
Den Kopf halten vorzugsweise die Ärmsten und Ungebildetsten hin. Jungs aus dem platten Land von Arkansas, die ihre Brillengläser mit Gummibändern hinter Ohr festmachen, weil sie sich kein neues Gestell leisten können.

Der Juni 2010 (neuere Zahlen gibt es noch nicht) war bisher der Top-Todesmonat für ausländische Truppen in Afghanistan - 102 Soldaten „fielen“.

Hauptbetroffene sind die Amerikaner, deren GIs sich auch ohnehin in Lyse befinden.
Exorbitanter Drogenkonsum, kriminelle Energien (über 1000 US-Soldaten sind bereits wegen zwei Straftaten in der Truppe verurteilt, aber immer noch nicht entlassen) und dann die Suizide!

Allein 32 US-Soldaten brachten sich im Juni 2010 selbst um.
Seit Jahresbeginn eine deutliche Steigerung - hatten sich in der US-Armee von Januar bis Mai 2010 genau 80 aktive und 65 Afghanistan-Reservisten das Leben genommen.

Wen wundert es, daß Depressionen und posttraumatischer Stress extrem sind?

Kümmern kann man sich auch nicht um die Soldaten, denn eine psychologische Betreuung würde Geld kosten und das fließt in Billionengrößenordnung in die Rüstungskonzerne ab.

Die Toten auf Afghanischer Seite zählt ohnehin niemand.
Wozu auch - ein Leben dort ist verdammt billig.

Als der deutsche Oberst Klein mutmaßlich absichtlich über 100 Zivilisten abschlachtete, fand das der Verteidigungsminister zunächst einmal „angemessen“, bestraft wurde niemand und die Entschädigung kostete die Bundesrepublik nur ein paar zehntausend Euro!

Schade eigentlich für OB Sauerland, daß die Toten in Deutschland so viel teurer sind - sonst würde die 7,5-Millionen Haftpflichtversicherung der Duisburger Loveparade ja locker ausreichen, um 21 Zerquetschte finanziell ruhig zu stellen. Hätten doch bloß mehr Afghanen beim Ruhr-Rave mitgemacht.

Das Sterben am Hindukusch ist weit weg und deswegen auch akzeptiert.
Zwar legte Peter Chiarelli, Vize-Generalstabschef der US-Armee, soeben eine Studie zur Selbstmordprävention vor, aber die wird auch wieder in den Schubladen verschwinden.

Dem Bericht zufolge ist das Selbstmordrisiko bei Soldaten, die erst spät mit etwa 28 oder 29 Jahren in die Armee eintreten, dreimal höher als bei anderen. Möglicherweise hätten diese Soldaten mehr persönliche oder finanzielle Probleme, mutmaßt der Bericht. Besonders häufig seien Suizide außerdem im ersten Jahr in der Armee, mit der Dauer des Dienstes nehme das Risiko ab.
Beunruhigt zeigte sich Chiarelli von den vielen Selbstmorden ohne offensichtlichen Grund. Zwei- bis dreimal pro Monat nähmen sich Soldaten das Leben, bei denen es keinerlei Hinweise auf schwerwiegende Probleme gegeben habe. "Das sind die, die uns so verwirren und schwer zu verstehen sind", sagte Chiarelli bei der Präsentation des Berichts.
(Spon)

Armer Chiarelli - er versteht es nicht und ist verwirrt.

Ich war bisher noch nie in Afghanistan und noch in keiner Armee - aber ich verstehe es durchaus.

Die Methode „Totschweigen“ der Probleme ist auf perfide Weise real geworden.

Eine Methode, die auch unser deutscher Superguttenberg gerne kopiert, wie man heute en passent in einer Buchbesprechung der SZ nachlesen kann:

In seinem Roman 'Kennedys Hirn' schrieb der schwedische Krimiautor und Afrikafreund Henning Mankell den klugen Satz: 'Wir wissen fast alles darüber, wie die Afrikaner sterben, aber kaum etwas darüber, wie sie leben.' Ein ähnliches Desinteresse oder besser: eine ähnliche Ignoranz bringen wir auch den deutschen Soldaten in Afghanistan entgegen.
Von ihrem Einsatz erfahren wir, wenn sie sterben oder wenn sie töten - wie im Fall des Oberst Klein. Aber wie sie in Afghanistan leben, was sie leisten, was sie bewegt, wovor sie Angst haben, was sie von dem Einsatz halten, wie es ihnen danach ergeht: Darüber wissen wir kaum etwas.
Und wenn es nach der Bundeswehrführung geht, soll das anscheinend auch so bleiben. Nur so lässt sich die Blockadepolitik erklären, mit der das Verteidigungsministerium so ziemlich jeden Versuch, den Alltag und die Gefühle der deutschen Soldaten zu erklären, auflaufen lässt oder gar zu unterbinden versucht.
Das bekam vor einigen Monaten das SZ-Magazin zu spüren, als es Feldpostbriefe von deutschen Soldaten aus Afghanistan veröffentlichen wollte, um einmal die zu Wort kommen zu lassen, die diesen Einsatz leisten, und um einmal ein etwas anderes Bild der Lage vor Ort zu zeichnen.
Die Bundeswehrleitung beziehungsweise das Verteidigungsministerium versprachen erst Unterstützung, sagten diese dann ab und suchten schließlich - ohne Erfolg -, das Projekt auf allerlei Ebenen zu verhindern, dies mit dem absurden Bundeswehr-internen Hinweis, die SZ-Journalisten wollten 'den Lesern einen möglichst realistischen Einblick in den Alltag des deutschen Kontingents geben'. Was wäre daran in einer Demokratie nicht unterstützenswert oder gar problematisch?
(Bastian Obermayer über das im Fackelträger Verlag erschienene Buch 'Ich krieg mich nicht mehr unter Kontrolle', das auch von der Bundeswehrführung blockiert wurde)

Wenn schon Deutschland nichts vom Sterben am Hindukusch wissen will, wieso sollte sich die USA um ihre toten Jungs sorgen? Ob nun gekillt by own fire oder durch Taliban.

Immerhin ist dort das Töten weit mehr akzeptiert als in Europa.

Soeben gibt es aktuelle Zahlen der Menschenrechtsgruppe „Hands Off Cain“ mit Sitz in Rom, welche Exekutionen weltweit dokumentiert und sich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt.
Die Welt ist sich ziemlich einig, daß Todesstrafe barbarisch, unethisch und absolut nicht zu rechtfertigen ist.
Länder wie Russland, die sonst nicht übertrieben zimperlich bei Menschenrechten sind, haben die Todesstrafe längst abgeschafft.
Dementsprechend ging auch im Jahr 2009 weltweit abermals die Zahl der staatlichen Exekutionen um 50 % zurück.

Es gibt aber Ausnahmenationen, die keine Bedenken haben - China, Iran, Irak und die USA:

In den USA wurden im vergangenen Jahr 52 Häftlinge hingerichtet, im Jahr zuvor waren es 37.

Dienstag, 22. Juni 2010

Tu Quoque.

Bis auf die Linke waren sich im Bundestag alle Parteien einig über die Bewertung des Vorgehens gegen die "Gaza-Solidaritätsflotte".
DuDuDu Israel! Sowas tut man doch nicht. Seid mal lieb zu den Palästinensern. Aber andererseits verstehen wir Euch ja auch irgendwie - die „Sicherheit Israels“ muß Priorität haben.

Im Abgeordneten-Deutsch:

Wir fordern in einem interfraktionellen Antrag eine internationale Untersuchung des Einsatzes, die das Vorgehen beider Seiten, einschließlich möglicher Verbindungen einiger Organisatoren zur radikalislamischen Hamas und anderen radikalen islamistischen Organisationen, in den Blick nehmen soll.
Wir unterstützen die Forderung der Europäischen Union nach einer sofortigen Aufhebung der Gaza-Blockade. Gleichzeitig müssen Israels legitime Sicherheitsinteressen voll gewahrt werden.
Wir begrüßen die Ankündigung der israelischen Regierung, dass die Positivliste von Gütern, deren Einfuhr nach Gaza möglich ist, in eine Negativliste verbotener Güter wie Waffen und waffenfähiges Material umgewandelt wird.

(PRESSEMITTEILUNG der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. NR. 0726 vom 21. Juni 2010)


„Donnerschlach - das hat mich jetzt aber echt überzeugt!“ wird sich Avigdor Liebermann denken, sofort alle seine bisherigen Positionen über Bord werfen und den Eingeschlossenen in Gaza persönlich mit humanitären Hilfsgütern entgegen eilen.

Die Deutsche Nahost-Politik ist mal wieder geprägt von einem allgemeinen Zuständigkeitswahn, gepaart mit grenzenloser Naivität.
Psychologisch-historisch ist es gerade noch erklärlich, daß Deutsche sich besonders für Israel interessieren.
Ich halte viel von dem Satz „die Deutschen werden den Juden den Holocaust niemals verzeihen“.
Allein die Existenz Israels ist für Deutschland eine ständige Erinnerung daran, welches Jahrtausendverbrechen sie mit der Shoah angerichtet haben.
Da fühlt sich jeder Politiker latent doch ein bißchen schuldig für die Ursachen des Nahost-Konflikts.

Die Fokussierung auf Israel scheint mir aber ein weltweites Phänomen zu sein.

Wieso ist das eigentlich so?

Wer extrem ablehnend gegenüber der Israelischen Politik eingestellt ist und den Genozid-Vergleich anstellt (was ich KLAR ablehne!!!), sollte doch mal erklären, wieso sich das Interesse so sehr auf den kleinen Staat am östlichsten Teil des Mittelmeers konzentriert.

Sicher - da gibt es seltsame militärische Entscheidungen und kuriose Figuren in der Knesset - aber da könnte man locker ein Dutzend Staaten mit wesentlich abartigeren und brutaleren Regimen nennen.

Es stimmt doch nun einmal, daß zumindest Teile Israels ein Hort der Menschenrechte und Demokratie sind - verglichen mit allen Staaten im Umkreis.
Schwule, Lesben, Transen, Hippies, Goths, Nudisten, etc können frei, offen und unbehelligt in Tel Aviv leben - geschützt vom Staat Israel.
Das ist in sämtlichen anderen Nahost-Staaten weniger empfehlenswert.

Und, nein, Israel rottet nicht die Palästinenser aus.
Das ist kein Genozid.
Es schon schlimm genug und ungerecht genug, wie Palästinenser seit Dekaden zu leiden haben.
Ich hasse dümmliche historische Vergleiche!
Dennoch vergleiche - auf Umwegen - auch ich, wenn ich den Anhängern der Genozid-These vorwerfe, daß sie bei anderen, schlimmeren, Zuständen sämtliche Augen, inkl Hühneraugen, zukneifen.

Der persönlich hochsympathische aber wissenschaftlich umstrittene Historiker Daniel Goldhagen* stellte 2009 einen spektakulären body-count an - von Trumans Atombombenabwurf über Pol Pot bis Milosevic und Saddam Hussein.

Mindestens 130 Millionen Menschen, schreibt Goldhagen, wurden weltweit durch Genozid und politischen Massenmord im 20. und 21. Jahrhundert getötet. Das sind mehr Opfer als in konventionellen Kriegen. Daraus schließt der Autor: Völkermord ist schlimmer als Krieg. Und er fragt: Was sind die Bedingungen, die Motivationen und die Mittel von Völkermord und jener zugrunde liegenden Politik, die Goldhagen als "Eliminationismus" bezeichnet? Was treibt die Täter, was macht ganz gewöhnliche Menschen zu Massenmördern, und wie kann die internationale Staatengemeinschaft Genozide verhindern?
(Deutschlandfunk)

Was ist überhaupt genau ein Genozid?

Goldhagen:
Vieles von dem, was die Leute über den Völkermord sagen, rührt von theoretischen Annahmen her, die unserem Verständnis des Holocaust übergestülpt wurden. Es ist erstaunlich, dass diese Ideen überlebt haben – aller offenkundigen Evidenz zum Trotz. Nehmen Sie etwa den ehemaligen Uno-Generalsekretär Boutros-Ghali. Er sagte seinerzeit: Wir haben das, was in Ruanda geschah, nicht als Genozid wahrgenommen, weil wir dachten, man benötige moderne Technik und Gaskammern um einen Völkermord zu verüben. Dass er damit rechnen konnte, mit einer solchen Aussage davonzukommen, ist bezeichnend. In Wahrheit sind die meisten Menschen in unserer Epoche mit Methoden umgebracht worden, die lange vor dem 20. Jahrhundert entwickelt wurden: durch Aushungern, Kugeln, Knüppel, Macheten.

Nach dieser Definition gab es in der Tat seit der Shoah diverse Genozide - bis in die jüngste Vergangenheit.

Kaum wahrgenommen wurde die Ermordung von 200.000 Mayanachkommen 1982-84 in Guatemala. Täter waren (Christliche) Militärs des Diktators Efrain Ríos Montt, der dort bis heute als Abgeordneter im Parlament sitzt und hochgeachtet ist

900.000 Tutsi wurden 1994 von (Christlichen) Hutu ermordet. Weitgehend unter den Augen einer achselzuckenden Weltöffentlichkeit.

Laut unterschiedlichen Quellen sind allein in den 90er Jahren in Nordkorea 220.000 bis 3,5 Millionen Menschen verhungert.
(Amnesty International)

Erneute Hungerkatastrophen gab es 2003 und 2008 - womöglich wieder mit Myriaden Toten.

Mir ist nicht bekannt, daß internationale Friedensaktivisten wie Henning Mankell jemals mit Schiffen voller Hilfsgüter gen Nordkoreas Küsten gefahren sind.

Weltweit verhungern täglich mehrere Zehntausend Menschen.

Und im Süden Kirgisiens sind im Juni 2010 vermutlich über 10.000 Menschen massakriert worden - der Spiegelfechter spricht vom "Genozid in Zentralasien"

Schlußbemerkung:

Natürlich ist es dennoch sehr zu begrüßen, wenn sich Menschrechtsaktivisten für Palästinenser in Not einsetzen.
Zum Beispiel:



*Daniel Goldhagen: Schlimmer als Krieg: Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist. Siedler Verlag 704 Seiten, 29,95 Euro

Sonntag, 24. Januar 2010

Jesus Christus war ein Zwerg.

Das Schöne an der modernen www-Zeit ist die online-Suche. Zu jedem erdenklichen Thema kann man etwas ausgraben.
So verhält es sich auch mit dem Buch der Bücher.
Mit einem flotten Bibelspruch kann man jede These und auch das Gegenteil dessen belegen. Dafür hat Gott die Online-Bibel mit Suchfunktion erfunden.

Wenn eine Stelle mal nicht ins Konzept passt, wie zum Beispiel Gottes OK dafür, daß man seine Töchter in die Sklaverei verkaufen soll, oder daß Schalentierverzehr eine Sünde wäre, redet man sich eben damit heraus, daß alles nur als Gleichnis, als Symbolik, zu verstehen sei.

Viele biblische „Fakten“ sind zwar nicht wirklich glaubwürdig, aber harmlos.
So wurde Adam nach seiner Vertreibung aus dem Paradies noch 930 Jahre alt, sein Sohn Set starb erst mit 912 Jahren und Adams Enkel Enosch brachte es immerhin noch auf 905 Jahre.
Die Millennium-Marke schaffte allerdings noch nicht mal Methusalem, der mit 969 starb.
Andere biblische Vorschriften, wie zum Beispiel der Bann von Mischgewebe („Du darfst keine Kleider tragen, deren Stoff aus Wolle und Leinen gemischt ist“ -5 Mose, 22,11) werden auch von Strenggläubigen als „gaga“ angesehen und dezent ignoriert.
Selbst Deutschlands oberste Christin, die Chefbischöfin Käßmann sieht man in Hosen, obwohl die Bibel den Frauen klar das Tragen von Männerkleidung verbietet (5, Mose 22,5).

Kommt es zu dicke mit der Frauenverachtung, dem Antisemitismus, dem Inzest oder der Polygamie, betont man umso mehr, wie lange die Darstellungen schon zurück liegen.
Man müsse eben historisch einordnen und vieles sei der Zeit geschuldet.

Entfernen sich die Schäfchen hingegen zu sehr von den biblischen Regeln, weil sie als nicht zeitgemäß gelten, kann man sie von der Kanzel aus mit dem Totschlagargument überziehen, daß es sich immerhin um „Gottes Wort“ handele und somit sakrosankt wäre.

Anything goes.

Die Literatur über die negativen Aspekte der Bibel ist mannigfaltig.
Man muß kein Atheist sein, um über die historischen Unmöglichkeiten und intrabibelären Widersprüche zu stolpern.
Gläubige und Theologen verfassen auch dazu laufend Bücher.

Ich empfehle für den fortgeschrittenen Bibelfan beispielsweise
John Shelby Spong: „Die Sünden der Heiligen Schrift - Wie die Bibel zu lesen ist“ (Patmos Verlag 2007)
und Prof. Gerd Lüdemann „Das Unheilige in der Heiligen Schrift. Die andere Seite der Bibel“ (Radius Verlag 1996).

Die Bibel zu lesen kann auch anstrengend werden.

Möchte man sich nur ein bißchen amüsieren, empfehle ich kurzweiligere Sekundärliteratur.
So habe ich just heute Uwe Borks „Kleines Lexikon biblischer Irrtümer“ (Gütersloher Verlagshaus 2009) durchgelesen.
Ein kleines Buch mit großer Schrift. 173 Seiten.
In ihm werden alphabetisch geordnet beliebte biblische Thesen widerlegt.
Dem Kenner werden in Borks kleiner Fibel wenig neue Dinge begegnen, aber seine Querschlüsse sind recht amüsant.
Ärgerlich sind Borks gelegentliche Wiederholungen, die offenbar dem Lexikon-Stil geschuldet sind, aber umso schneller ist man durch.

Meine Lieblingswiderlegung ist die These von Jesus als Dressmann - schön, schlank, groß, blond - so wurde uns der Messias überwiegend in 2000 Jahren Kunstgeschichte dargestellt.
In der Bibel gibt es dafür allerdings keine Hinweise. Im Gegenteil.
Die vier Evangelien beschreiben Jesus Aussehen gar nicht.
Offenbar gab es äußerlich also keine Besonderheiten.
Das muß auch so gewesen sein, da Jesus immer wieder in Menschenmengen untertauchen konnte und schließlich erst von Judas durch den falschen Bruderkuss identifiziert wurde.

Offenbar sah er also ganz durchschnittlich aus.
Dazu habe die BBC mit modernsten forensischen Mitteln anhand von Skeletten und Knochenfunden aus der Zeit im heutigen Palästina Erhellendes dokumentiert.

Der palästinensische Mann des Jahres Null war maximal 1,55 m groß und wog um die 50 Kilo.

Ob Jesus Locken, einen Topfschnitt oder Zöpfe trug, konnte man nicht rekonstruieren.
Es läßt sich lediglich mutmaßen, daß er dem Genuß nicht abgeneigt war - immerhin verwandelte er Wasser in guten Wein - ohne Hochprozentiges mochte er offenbar nicht feiern.

Bei der legendären Hochzeit in Kana waren es immerhin gleich fünf je 100 Liter fassende Wasserkrüge ~ 500 Liter Wein, was nach heutiger Abfüllung (eine Flasche = 0,7l) 714 Flaschen entspräche.
Das sind fast 120 Kisten Wein, die der gute Jesus erscheinen ließ.

Äußerlich haben wir uns den Heiland also ungefähr wie Danny DeVito vorzustellen.

Samstag, 2. Januar 2010

Aus die Maus

Als Kind war ich gewohnt zuhause ordentliches und grammatikalisch korrektes Deutsch zu hören. Allerdings gab es dazwischen immer einige Englische Einsprengsel - das bringen binationale Elternhäuser wohl mit sich. Angeblich sollen Kinder mit Leichtigkeit gleichzeitig mehrere Sprachen erlernen - eine Erkenntnis, die sich soweit herumgesprochen hat, daß man in Hamburg kaum noch einen nicht englisch- oder französischsprachigen Kindergartenplatz findet.

Dummerweise leide ich unter der frühen Geburt - als ich Kind war, riet der langjährige und gutherzige Hausarzt Dr. Schmidt meinen Eltern eindringlich mit dem Kind stets deutsch zu sprechen.
Man würde es nur verwirren und es könnte Schaden annehmen.

Bis auf einige Hochbekloppte wie Ex-Verfassungsminister Schäuble, der erkannte, daß eine Doppelstaatsbürgerschaft schädlich für Kinder wäre, da sie unweigerlich in Schizophrenie ende, ist man heute klüger.

Meine Eltern wollten mir sicherlich nicht schaden - aber das mit der Konsequenz.., nun ja, lassen wir das.

Offenbar sickerten die ein oder anderen englischen Worte doch immer zu mir durch, die mich zwar nicht sonderlich konfusionierten, aber doch gelegentlich zu erstaunlich späten Einsichten führten, wenn ich erkannte, daß ein vermeidlich deutsches Wort nicht verstanden wurde.

Daß „Scotch-tape“ in Wirklichkeit „Tesa-Film“ heißen sollte, mochte ich gar nicht glauben.

„Du mußt jetzt ins Bett“ klang ähnlich fremd - hallte mir doch stattdessen immer „it’s grown-ups hour“ in den Ohren.

Ein schönes englisches Wort ist „obituaries“.
Meine Mutter suchte und fand immer diese ominösen, aber wohlklingenden „obituaries“ in der Zeitung.
Offenbar tat man das also.

Als ich selbst anfing Zeitungen zu lesen, war die Ernüchterung groß - die Rubrik „Familienanzeigen“ klingt banal und öde - das korrekte Wort „Todesanzeige“ vermeiden die meisten Blätter bis heute schamhaft.

Als ob die Sterberei irgendein Stigma wäre, über das man nur mit gesenkter Stimme spräche.
So ähnlich wie Klumpfuß oder Hasenscharte - nicht schön, aber man soll eine Familie auch deswegen nicht verachten.

Ich lernte den Begriff aber phonetisch wohlklingender kennen und las daher von Anfang an die „obituaries“.

Das ist noch besser, als Grabinschriften, die zwar oft noch ausgeklügelter formuliert sind, aber nicht so praktisch wie die Tageszeitung ins Haus geflattert kommen.

Dennoch möchte ich kurz an meine Lieblingsbücher von Enno Hansing erinnern:
„Hier liegen meine Gebeine; ich wollt’ es wären Deine“. (1996)
Einen zweiten Teil hat der gute Mann auch noch geschrieben: „Die Welt ist ganz und gar verdorben, ich bin an einem Lebkuchen gestorben“ (1997).

Ein paar Kostproben:

„Ihr Lebtag hat sie Staub gewischt.
Nun ist sie selber weiter nischt!“

„Hier schläft nach langer Arbeit sanft genug,
der Schüler, Orgel, Weib und Kinder schlug!“
(Grabspruch für den Lehrer und Organisten Kugler, Friedhof Winterthur, Schweiz)

„Hier ruht der liebe Arzt, Herr Frumm
und die er heilte rings herum“

„Hier liegt begraben
die ehrsame Jungfrau J.B.
Gestorben ist sie im siebzehnten Jahr,
just als sie zu gebrauchen war."
(Oberinntal, Tirol)

Nun gibt es endlich auch ein hübsches Büchlein mit Todesanzeigentexten:

Christian Sprang, Matthias Nöllke: "Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen"
ISBN: 978-3-462-04157-6, 224 Seiten, Taschenbuch. KiWi 1127


Christian Sprang, Justiziar des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sammelt privat „obituaries“ und hat die Ungewöhnlichsten nun veröffentlicht.

Auch hier schon mal einige Beispiele:

Er starb wie gewünscht im Neckarstadion.“

„Nach seinem eigenen persönlichen Golgatha wurde ihm die verheißungsvolle Erlösung in der Frucht des Todes zuteil. Dies ist letztlich der tiefere Sinn vom zeitlichen Wechsel in ein ewiges Leben als geheimnisvolle Konsequenz für Jedermann.“

„Ein Gänseblümchen macht nun für immer bubu“

Erstaunlicherweise wird die Todesanzeigenformulierungskunst nicht gewürdigt - so hat „Aus die Maus“ fast nur negative, oder zumindest stirnrunzelnde Kritiken.

Es ist noch vergleichsweise freundlich, was der Tagesspiegel zu vermelden hat:

Bemüht poetisch ist dieser Nachruf auf einen Uhrmacher: „Sein Herz ist stillgestanden — doch seine Uhren ticken weiter!“ Auch in der folgenden Anzeige schlägt sich der Beruf nieder: „Erwin hat die Lampen in seinem Fachgeschäft nach 50 Geschäftsjahren abgeschaltet und sich nun auf die lange Reise zu seiner geliebten Ilse begeben“, heißt es über einen Elektromeister. Mitarbeiter eines Kaufhauses nehmen mit den Worten Abschied von ihrem Kollegen: „Er hat den Besen weggestellt.“

Klassiker und Zoten dürfen natürlich auch nicht fehlen:

Gott, dem Herrn, hat es gefallen, unsere geliebte Mutter
Ilse von Hinten
zu sich zu nehmen.

Gott, der Herr, hat unseren lieben Vater
X Y
zu sich und seiner Frau und Tochter genommen.

Selbstverständlich sammelt der dies schreibende Bloggist auch seit Jahrzehnten gelungene Todesanzeigentexte.

Beispiel:

XY ist tot!
Ein Gehirntumor veranlasste ihn sich aus seinem Leben zurück zu ziehen.
Wer Lust hat, tschüß zu sagen, kann sich am …im…einfinden.

Anna-Sabine X.
Der Herr hat mir Anna-Sabine zur Ehefrau gegeben;
der Herr hat mir Anna-Sabine genommen
- gelobt sei der Name des Herren.

Roepke 2000 - der Karton mit dem reißfesten Krempelgriff - wird weiterleben.
Sein geistiger Vater,
G.A. Roepke
ist leider am …..von uns gegangen.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Renegat-I

Peter Voß, 68, bärtiger und konservativer TV-Journalist ist dem deutschen Polit-interessierten Fernsehkonsumenten seit vielen Dekaden bekannt.

Er arbeitete beim rechten BR-Magazin „Report München“, moderierte das ZDF-„Heute-Journal“, war lange Zeit SWR-Vorsitzender und moderierte unter anderem auch einige Jahre lang den „Presseclub“.

Obwohl das schwarze TV-Urgestein ein gebürtiger Fischkopp ist, assoziiert man ihn immer mit Süddeutschland, da er im Parteienproporzsystem stets den CDU-Kandidaten gab.

Das geschah nicht ohne Grund, denn Voß trat bereits 1974 in die CDU ein - man fragt sich wie ein gebildeter Mann in der Ära Brandt/Schmidt mitten während der Ostpolitik auf die Idee verfallen konnte.

Phänotypisch erschien mir Voß nie TV-geeignet - der Zottelvollbart und das dazu passende stets grimmige Gesicht sind so gar nicht das, was man gerne als Tele-Gast in seinem Wohnzimmer haben will.

Als bekennender TV-Polit-Junkie war ich von der Voß-Performance im "Presseclub" allerdings positiv überrascht. Die Rolle als neutraler, das Gespräch voranbringender Moderator erfüllte er gekonnt. Er ist ein tausend mal fähigerer Polit-Moderator, als die üblichen hirnbefreiten Grinseplattköpfe der weiblichen Spezies Illner, Will und Christiansen.

Als bekennender TV-Literatur-Junkie war ich erst recht verblüfft Voß in der Gesprächsreihe „Lauter schwierige Patienten“ mit MRR zu erleben. Das waren 12 jeweils einstündige monokausale und nicht-triviale Zwiegespräche, in denen Reich-Ranicki nicht der einzige Literatur-Experte war.
Wer hätte gedacht, daß ein konservativer Süddeutscher intensiv mit Bertolt Brecht oder Thomas Bernhard vertraut ist?

Ähnlich empfehlenswert ist die von Voß seit 1996 moderierte 3Sat-Reihe „Bühler Begegnungen“.
Hier parliert der CDU-Mann mit Wiebke Bruhns über die Männer des 20. Juli, mit dem Staatsrechter Horst Dreier über den Kern des Grundgesetzes, befragte Stammzellenforscher Daniel Besser zur Embryonenzell-Wissenschaft oder nahm sich Josef Ackermann zur Brust.

Bleibt also die Frage, wieso ein kluger Mensch 35 Jahre Mitglied in der Koch-Merkel-Kohl-CDU ist.

Eine Antwort habe ich nicht.

Aber immerhin ist jetzt Schluß damit, denn Peter Voß gab sein CDU-Parteibuch aus Protest gegen die Koch-Stoiber-Merkelschen Anti-Brender-Machenschaften zurück.

Im Interview mit der Welt erklärt der Ex-Intendant seine Beweggründe:

„Unter anderem, dass die Partei bis in die Bundesführung hinein einen Anschlag auf die Rundfunkfreiheit begangen hat, indem sie einen Chefredakteur eben nicht wegen irgendwelcher Fehlleistungen, sondern wegen seiner Unabhängigkeit abservierte…….. Bisher haben die Parteien eben nicht die Sender beherrschen können. Sie haben eine Mitsprachemöglichkeit, sind aber in den meisten Gremien in der Minderheitenposition, sodass es immer argumentativ und sachlich zuging – jedenfalls dort, wo ich beteiligt war. Das war hier aufgrund einiger Bestimmungen des ZDF-Staatsvertrags, die meines Erachtens nicht verfassungskonform sind, anders. Man braucht 60 Prozent Zustimmung für einen Vorschlag des Intendanten. Das führt dann zu so einer absurden Erklärung wie: Der Intendant hat unser Vertrauen, und demselben Intendant traut man nicht zu, zu beurteilen, ob sein Chefredakteur qualifiziert ist.“

Richtig so, Herr Voß.

Besser spät, als nie.

Montag, 9. November 2009

Ja, so war das damals.

Habe gerade schon wieder ein Tabu entdeckt!

Ein Satz, den man nicht sagen darf, ist:
'Der 09. November 1989 und der Mauerfall interessieren mich nicht mehr!'

OK, bevor man mir den Kopf abreißen will: Ich meine nicht, daß das ein generell irrelevantes Ereignis ist, aber ich habe in den letzten 20 Jahren eine derartige Überdosis von frommen Politikersprüche à la „der glücklichste Tag aller Deutschen“ genossen, daß ich einfach keine Gehirnkapazität mehr habe, um noch weitere Selbstbejubelungen zu verkraften.

Heute habe ich nur mit einem Ohr vernommen, daß GUIDO WESTERWELLE den „Freedom Award“ des Atlantic Council of the United States überreicht bekommen hat.
Also hat Guido die Wiedervereinigung herbei geführt?

Und ich dachte früher immer, daß Klaus Uhltzscht ganz allein den Mauereinsturz bewältigt hätte!
Für meine Begriffe hat das Thomas Brussig in „Helden wie wir“ klar beweisen können.

Später allerdings habe ich von diversen katholischen Bischöfen gelernt, daß in Wahrheit Karol Woytila die Mauer gesprengt hat!
Er ganz allein hat auch Gorbi die Perestroika ausrufen lassen.
Naja, nicht ganz allein, sein Chef, dieser Herr Gott, hat da wohl auch irgendwie mitgeholfen.
Jedenfalls hat Ratzingers Vorgänger persönlich und mit bloßen Händen den Kommunismus besiegt.
Das steht angeblich auch in der Bibel - Gott hasst Kommunisten, weil die nämlich alle Atheisten sind und das ist wiederum auch nur ein Synonym für Satanisten.
Also hat Gott die Bibel geschrieben, da er - hellsichtig wie er ist - schon ahnte, daß rund 1900 Jahre nachdem er seinen Sohn aus Menschliebe kreuzigen und foltern ließ, die Kommunisten kommen.

Der Friedensnobelpreisträger und polnische Präsident a.D., Walesa, drückt es so aus:
"Die Wahrheit ist, dass Papst Johannes Paul II. zu 50 Prozent zum Mauerfall beigetragen hat, 30 Prozent die Solidarnosc und Lech Walesa und nur 20 Prozent der Rest der Welt"

Deswegen fand sich heute morgen auch tout Bundesrepublik in Kirchen ein, um sich zu ökomenischen Gottesdiensten zusammen zu rotten.
"Noch immer bewegen uns die Dankbarkeit und das freudige Staunen über dieses Ereignis", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch in seiner Predigt.
Er rief dazu auf, "gemeinsam in Ost und West, in Geduld und Ausdauer weiter Brücken zueinander zu bauen".
Zollitsch erinnerte daran, dass Freiheit ein Geschenk Gottes sei, und mahnte "zur fortdauernden Solidarität mit den Menschen und Völkern, die in Unfreiheit leben müssen".



Gerade hatte ich mir diese historische Wahrheit zu Eigen gemacht, da höre ich aus Gods own country, daß das auch nicht stimmt.
Nicht Klaus Uhltzscht, nicht Johannes Paul II haben die Mauer geöffnet.
Nein, es war Guido Westerwelle!

Mal sehen wie dieses neueste Forschungsergebnis beim nächsten runden Feiertag, am 9.11.2019 gesehen wird.

Ist Guido dann immer noch der Vater der Einheit, oder hat eine Historikerkommission dann womöglich einen neuen wahren Mauerbezwinger ermittelt?

Lothar Matthäus vielleicht, oder Verona Pooth.

Und so jubelt man also heute - am glücklichsten Tag der Deutschen.

Am 9. November 1923 marschierte Hitler in München mit einem bewaffneten Mob von Nationalsozialisten in Richtung Feldherrenhalle, um die Revolution mit Waffengewalt zu erzwingen.
Der 9. November wurde zu DEM Feiertag der Nazis.
Am 15. Jahrestag, dem 9.11.1938, fand die perfide euphemistisch so genannte Reichskristallnacht statt:
In ganz Deutschland gleichzeitig durchgeführte Überfalle auf jüdische Geschäfte, Privathäuser und Synagogen. Über 7000 Geschäfte, nahezu alle Synagogen und an die 30 Warenhäuser wurden in jener Nacht zerstört, 91 Menschen ermordet.

Dieses unfassbare Pogrom war einer der absoluten moralischen Tiefpunkte Deutschlands.
Das Volk schwieg und ließ es geschehen, daß in der Folge des 9.11.1938 systematisch das gesamte jüdische Leben in Deutschland zerstört wurde.

Der 9. November, der ultimative Alptraum - oder wie es Bundespräsident Köhler ausdrückt:

Ein "Tag der Freude".

Montag, 20. Juli 2009

Wochenend und Regen - fein.

Glücklicherweise hatte ich am Wochenende frei und konnte mich ausführlich dem Lesen widmen.
Die Zeitaufteilung läuft in solchen Fällen so, daß ich tagsüber Zeitungen und Magazine lese, bzw politische Dinge aus dem Netz suche (irrrgrr - habe mir eine gehörige Überdosis Peter-Harry Carstensen eingefangen. Ganz vergessen WIE gräßlich der Typ ist).
Sobald es draußen dunkel wird, steige ich um auf Belletristik.
Für die anspruchsvolle Weltliteratur hat es diesmal nicht gereicht, aber immerhin konnte ich zwei Büchlein durchlesen, die mich schon so vorwurfsvoll vom Regal über dem Bett anglotzen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag mäanderte ich mich durch das gestern schon erwähnte „Küsse, Kämpfe, Kapriolen - Sex im Tierreich“ (von Mario Ludwig und Harald Gebhard, blv Buchverlag 2007) über die diversen Sexualpraktiken und Strategien im Tierreich.

Die Autoren sind Biologen, deren Werk in Rezensionen gefeiert wurde.
Es sei „witzig vermittelt, illustriert mit pfiffigen Cartoons von Sandra Menke“. Sie förderten “Spannendes und Kurioses zu Tage”, das in “spannende Geschichten” verpackt sei, kurzum: „ein wunderbares Buch“.

Sprachlich noch armseliger als die Rezension ist das Buch selbst.
Nun muß der gemeine Biologe kein Thomas Mann sein, aber eine solche stilistische Eintönigkeit, wie sie Ludwig und Gebhard an den Tag legen, sollte einem der Deutschunterricht in der Mittelstufe ausgetrieben haben.
Geradezu zwanghaft bedienen sich die Amateur-Autoren redundanter Floskeln wie „nämlich“, „ja auch“ und „eben“.
Hätten Dr. Kögel und Dr. Dempewolf (Lektorat!) die umgangssprachlichen Füllworte raus gestrichen, wäre das Buch nur halb so dick.
Die hochgelobten Menke-Illustrationen sind, ja natürlich eben auch Geschmackssache; wieso ausgerechnet Biologen Gefallen darin finden die Viecher grundsätzlich primitiv vermenschlicht darzustellen, kann ich nicht beurteilen.
Das optische Desaster wird dadurch verstärkt, daß der Layouter offensichtlich unter Extasy stand und auf beinahe jeder Seite einen rosa unterlegten Kasten einfügte.
Dort sind Teile des Textes fett gedruckt, die offenbar von allein nicht witzig genug wären.
Um das Auge nachhaltig zu matern, ist dieses rosa auch noch von einem noch kreischigeren anderem rosa gestrichelt umrahmt.
Die Tripel-aufgepeppten Textüberschriften zeugen von schweren Kreativdefiziten.
Darin heißt es beispielsweise „war Flipper homosexuell?“, „Aufreißstrategie: einen auf guter Vater machen“ oder „Prostitution bei Bonobos“.

Was „Küsse, Kämpfe, Kapriolen“ extrem ärgerlich macht, ist die Tatsache, daß das Buch dem geneigten Humoraffinen oder Hobbybiologen absolut nichts Neues bietet.
Inhaltlich ist alles schon mal da gewesen und zwar besser!
Dazu verweise ich (erneut) auf das mittlerweile zehn Jahre alte Michael Miersch-Werk „Das bizarre Sexualleben der Tiere“ (Eichborn 1999).
Miersch geling all das, woran Ludwig und Gebhard scheitern:
Interessante Informationen, die tatsächlich kurzweilig und witzig verpackt sind.

Glücklicherweise wurde die nächste Nacht besser; von Sonntag auf heute las ich Blixa Bargelds „Europa kreuzweise. Eine Litanei“ (Residenzverlag 2009).
Nein, man muß die „Einstürzenden Neubauten“ weder mögen, noch kennen, um diesen knappen Reisebericht zu lesen.
Das ist bei den drei Sven-Regener Romanen (die ich sehr schätze!) anders.
Hier empfiehlt es sich durchaus die „Element Of Crime“-CDs gut zu kennen.
Die schummerige angetrunkene Kneipeneinsamkeit, die auf EOC-Konzerten melancholisiert, sollte man im Ohr haben, um Herrn Lehmann folgen zu können.

Bargelds Buch ist kein Roman, sondern auf den ersten Blick ein Restaurant- und Hotelführer.
("Tourtagebuch" nennen es Journalisten. Mit dem Begriff kann ich mich nicht anfreunden, da die Tour nicht die geringste Rolle spielt und man auch nichts darüber erfährt.)
Dies ist kein neues Genre der intellektualisierten Reisenden in Sachen Pop-Musik.

Alex Kapranos legte schon einen Restaurantführer vor:
Sound Bites. Essen auf Tour mit Franz Ferdinand. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

Da der Schotte vor seinem Dasein als Stilikone, Sänger und Frontmann tatsächlich Koch war, ist “Sound bites” gewissermaßen naheliegend.

Bargeld geht anders an die Sache heran, denn er ist statt Koch hauptsächlich Intellektueller, Dandy, Kultur-Wissender und Kosmopolit.
Seit dreißig Jahren tourt der gute Mann umher und lebt heute in Peking, San Francisco und Berlin.
Er probiert nicht wie Kapranos neugierig die jeweilige Spezialität des Ortes - egal wie ekelig es sein mag, sondern steuert zielsicher die besten Lokale an und ist offensichtlich in der Lage fundiert zu beurteilen, welches ein guter Wein oder ein gutes Sushi ist.

Stutzig machten mich die Blixa Bargeld-Lorbeeren in den Feuilletons der letzten Wochen.
Oh ha, was waren das für Lobpreisungen.
Till Briegleb überschrieb seinen Artikel am 27. Juni mit
„Ein ironischer Mega-Snob geht sehr gut essen:
Blixa Bargeld vollzieht noch einmal die notwendige Pop-Konterrevolution“

Bargeld selbst will seine schreibende Rolle nicht als Gastrokritiker verstehen, sondern gibt im Spiegelinterview Auskunft:
Vor allem ist dieses Buch eine Litanei, der Residenzverlag bringt eine entsprechende Reihe heraus. Ich musste erstmal eine befreundete Literaturwissenschaftlerin fragen, was eine Litanei überhaupt ist: Eine eher orale Form, die aus der Liturgie stammt und im Prinzip endlos ist. Deswegen ist das Buch auch so flach.

Die usual suspects der Pop-Feuilletons halten Bargelds Buch für sagenhaft arrogant, beeilen sich aber hinzuzufügen, wie kurzweilig er sei.
Der „Mega-Dandy“ selbst sieht das wesentlich nüchterner; Essen sie einfach eine Form der Bildung:
Seit 30 Jahren singe ich jetzt und gebe Konzerte. Die meisten meiner Hobbys, darunter etliche illegale, habe ich zwischenzeitlich aufgegeben. Da bleibt nicht mehr viel außer der Küche. Immerhin reden wir hier von einem Genuss. Gut zu essen bedeutet, sich der Bodenlosigkeit anheimzugeben. Das Barometer ist nach allen Seiten offen. Es verhält sich also ähnlich wie mit dem Drogenkonsum, mit dem Unterschied, dass Restaurantbesuche legal sind. Ich persönlich betrachte den Besuch exzellenter Restaurants übrigens als Bildung. Insofern war die letzte Europatournee für mich auch eine Bildungsreise.

Tatsächlich spart Bargeld fast alles aus, das man in so einem Buch erwarten würde.
Man erfährt NICHTS über die Konzerte, über seine Bandmitglieder oder gar Fans.

Er gibt sich so ungeheuer abgehoben, daß es oft nicht einmal zu grammatikalisch vollständigen Sätzen reicht.
Adjektive Mangelware.

Der Tausendsassa ist eben wichtig und kann sich nicht um Details kümmern.

Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, denn auf so einer Tour herrscht auch Öde und Langweile, die auch ein Kulturbraini mit sinnlosem TV-Konsum und Internetgedaddel füllt.

Im Mailänder "Cracco" z.B. läßt sich Bargeld von einem ebenfalls anwesenden koreanischen „Food-Blogger“ so nachhaltig nerven, daß er später in Graz dessen Blog-Eintrag sucht, umständlich transliterieren läßt und sich gehörig ärgert, daß der Koreanischen Essensreisende schreibt er wäre der einzige Gast, der allein aß - obwohl doch Blixa genau gegenüber ebenfalls an einem Einzeltisch speiste.

Ein kurzweiliges und lehrreiches Buch.