TAMMOX IST UMGEZOGEN / AUS TAMMOX WURDE "TAMMOX-II"

Um die beklagte Seitenaufbaugeschwindigkeit zu verbessern, bin ich auf einen zweiten Blog umgezogen. Und zwar hierhin. Ich bin dankbar für ein Feedback!
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Montag, 23. Januar 2012

Es ist Deutschland hier.

Die 50er Jahre sind vorbei.
Gesellschaftlich betrachtet ist in dem halben Jahrhundert ein Quantensprung vollzogen worden. Uneheliche Kinder müssen sich nicht mehr für ihre Existenz schämen, Lehrer dürfen nicht mehr legal ihre Schüler verprügeln, Schwule werden Landesregierungschefs und Außenminister, ein adoptierter Asiate Vizekanzler und Kanzler ist gar eine geschiedene Frau.

So weit, so gut.

Die große Toleranz ist aber nicht wirklich in den Gehirnen angekommen; man ist nicht wirklich tolerant, sondern akzeptiert zähneknirschend.
Abgesehen davon, daß Westerwelle einfach ein abstoßender Typ und miserabler Politiker ist, wünschen sich sicher viele Konservative einen heterosexuellen Außenminister zu haben.

Die Verbrechen der NSU und Breiviks werden außerhalb der Redaktionsstuben von PI und Kreuznet sicher von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen verurteilt.

Aber den halben Weg in die Denkrichtung „zu viele Ausländer, zu viele Muslime,….“ gehen nach verschiedenen Umfragen ein Viertel bis ein Drittel der Deutschen mit.

Der deutsche Antisemitismusbericht liefert - WIEDER EINMAL - Erkenntnisse, für die man sich nur in Grund und Boden schämen kann.
In Deutschland existiert ein Bodensatz aus rund 20% „latenten“ Antisemiten.

Judenfeindlichkeit und negative Stereotypen ziehen sich durch fast alle Bereiche der deutschen Gesellschaft, so das Fazit einer unabhängigen Expertenkommission, die den 204-Seiten-Report zum ersten Mal im Auftrag des Bundestags verfasste und am Montag in Berlin vorstellte.
Nicht nur in rechtsextremen und islamistischen Milieus, auch im Alltag ist der Antisemitismus in "erheblichem Umfang" in der deutschen Gesellschaft verankert, heißt es in der Studie. Es gebe mittlerweile eine "bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken". "Antisemitismus in unserer Gesellschaft basiert auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum", sagte der Historiker Peter Longerich.
(SPON 23.01.12)

Diese umfassende Studie wurde noch vom Vorgängerbundestag im Jahr 2008 in Auftrag gegeben.
Irgendwelche Aktivitäten der Bundesregierung gegen den Antisemitismus vorzugehen sind nicht bekannt.

Dabei ist Judenfeindlichkeit ein erstaunliches Phänomen - es tritt nämlich auch und vor Allem ohne Juden auf und ist unter ostdeutschen Jugendlichen aus ländlichen Gegenden am weitesten verbreitet.
Also dort wo praktisch überhaupt keine Juden leben.
Ebenso sieht sich auch die NPD in den Landkreisen "von Ausländern überschwemmt", wo es unter ein Prozent Migraten gibt.
In Hamburg hingegen gibt es fast 500.000 Menschen mit "migrantischem Hinetrgrund" - eine Quote von gut 27 %; aber keine NPD, die damit punktet vor zu vielen Ausländern zu waren.

Den Glatzköpfen in den Klassenräumen ist also auf irgendeine Weise über Dritte ein Hass auf eine Bevölkerungsgruppe anerzogen worden, die sie selbst noch nie zu Gesicht bekommen haben.

Psychologen weltweit erklären, daß Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Misogynie und Xenophobie nicht angeboren sind.
Kinder müssen das erst in ihren Elternhäusern, im Internet, in der Schule lernen.
Und sie erlernen es sehr schnell. „Schwule Sau“ oder „Jude“ sind schon auf dem Grundschulhof gängige Schimpfworte. Rechtsextreme Websites sind sehr effektiv.

Da läuft in der kindlichen Erziehung einiges völlig verkehrt.

Antisemitismus gibt es weltweit; vollkommen unabhängig davon, ob es an dem Ort überhaupt Juden gibt.

In Deutschland scheint der Anteil der antijüdischen Gedanken aber immer noch etwas höher als in anderen europäischen Ländern zu sein.
Der Grund ist offenbar der Holokaust, „den die Deutschen den Juden nie verzeihen werden.“

Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex hatte einst gewitzelt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ Damit wollte er sagen, die Juden seien lebende Denkmäler deutscher Schuld. Und Schuldgefühle wird man am besten los, indem man das eigene schlechte Gewissen auf andere projiziert: Die Juden sind an ihrem eigenen Unglück und dem anderer schuld.
(Josef Joffe 13.11.2003)

Ich halte viel von Zvi Rex‘ Theorie.
Juden erinnern die Deutschen immer an ihre Geschichte und das ist keine schöne Erinnerung. Das macht sie sauer.
Ähnlich sieht es der Soziologe Werner Bergmann, Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, welcher einer der Autoren der Bundestagsstudie ist.

Bergmann: Ich denke, gerade in Deutschland fühlt man sich durch das Dritte Reich und den Holocaust mit Schuld belastet, die man dadurch abzuwehren versucht, dass man den Juden selber bestimmte "Schandtaten" oder negative Eigenschaften zuschreibt. In Bezug auf Israel ist deutlich, dass dort sehr häufig mit Begriffen operiert wird wie "Apartheids-Staat" oder "Rassengesetze". Man vergleicht den Gaza-Streifen mit dem Warschauer Ghetto, oft ist die Rede von einem Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser oder von Genozid - das sind deutliche Zeichen dafür, dass man sagen möchte: "Die Juden sind eigentlich auch nicht besser als wir, also dürfen sie uns nicht immer unsere Verbrechen während des Holocausts vorhalten."
Wenn man sich die Umfrageergebnisse anschaut, gibt es einen sehr hohen Anteil an Befragten, die sagen, sie ärgern sich, den Holocaust immer noch vorgehalten zu bekommen. Dann wird gefragt, wer ein Interesse daran habe und geschlussfolgert, dass die Juden dies aus wenig moralischen Interessen heraus täten. Der Nahost-Konflikt ist also ein Mittel, so eine Täter-/Opfer-Umkehr oder eine Aufrechnung zu formulieren.
[…]

tagesschau.de: Gibt es eine Vermengung von Rassismus und Antisemitismus?

Bergmann: Ich denke, dass es doch etwas Verschiedenes ist. Die Untersuchungen zeigen, dass die Ablehnung von Zuwanderung, von fremden Gruppen und der Rassismus sich primär auf ein Über- und Unterordnungsverhältnis gründen. Man sieht sich selbst als überlegene Gruppe und andere als weniger wert an. Ungleichwertigkeit ist hier das zentrale Moment.
Gegenüber den Juden besteht eigentlich eher umgekehrt ein Gefühl der Unterlegenheit. Man erkennt ihre Leistungsfähigkeit also durchaus an, sieht das aber als Bedrohung der eigenen Gruppe. Der Rassismus spielt Juden gegenüber nicht eine so zentrale Rolle. Auf der extrem rechten Seite geht das dann wieder zusammen, da spielt auch der Rassismus gegen die "fremde Gruppe" eine wichtige Rolle.

tagesschau.de: Wie haben sich judenfeindliche Einstellungen in Deutschland entwickelt?

Bergmann: Die Umfragen von 1949 zeigen, dass die am besten Gebildeten, die Akademiker, die am stärksten antisemitisch geprägte Gruppe waren, nicht etwa wie heute die am wenigsten Gebildeten. Da gibt es eine völlige Veränderung. Wir haben auch noch immer eine Altersstufung, das heißt, je älter die Leute sind, desto weiter sind antisemitische Einstellungen verbreitet. Das hat sich jetzt in den neuen Bundesländern etwas geändert, dort ist jetzt die jüngere Kohorte etwas stärker geprägt als die nächstältere Generation.
(TS 23.01.2012)

Wie weit der alltägliche Rassismus tief im bürgerlichen Milieu, konnte man gestern mal wieder in der Sendung „Cosmo-TV“ in der Geschichte über den kleinen Abel verfolgen.

Abel kam vier Monate zu früh mit einem Gewicht von 540 g auf die Welt.
Er hatte kaum Überlebenschancen. Seine leibliche Mutter war Roma, die sich zufällig in Köln befand und ihn zur Adoption freigab.
Antonia Manteras nahm ihn zu sich und Abel entwickelte sich zu einem Bilderbuchkind, das heute als Achtjähriger eine internationale Schule besucht, drei Sprachen spricht Geige spielt und jede Menge Interessen hat.

Ein Happy End?

Nun ja, als Frau Manteras ihren Nachbarn erzählte, daß Abels leibliche Mutter eine Roma sei, kam die völlig ernst gemeinte Frage:

“hast du nicht Angst, wenn er groß wird und anfängt dich zu beklauen?“

Antonia Manteras lernte hinzu und weiß heute, daß sie besser nicht jedem erzählt, daß die leibliche Mutter ihres Sohnes eine Roma ist.


Es ist Deutschland hier.

Montag, 25. Juli 2011

Kulturoptimismus

(Dies ist das 1500ste Posting)

Das ist schon irgendwie unheimlich, wie sagenhaft schnell vorher unbekannte Ortsnamen oder Personennamen weltweit bekannt werden können.
Fukushima, Breivik, Utøya, McVeigh, Columbine, Wako.. sind solche Gruselbegriffe, die jeder kennt und extrem negativ konnotiert.

Und nun „Breiviks Manifest“!
Den Megaanschlag vom Freitag sieht er als eine Art „Marketingaktion“ und es hat geklappt.
Es war sogar ein Marketing-Coup.

Nun stürzen sich die Journalisten weltweit auf die 1500 Seiten Hass und tun ihm den Gefallen „Breiviks Kampf“ in jede Ecke der Erde zu tragen.

„Es ist kaum auszuhalten: Anders Behring Breivik ist seinem Ziel so nahe gekommen! Alle Welt schreibt jetzt über ihn, leuchtet sein Leben, seine Motive aus, und viele, viele klicken sich dieser Tage durch sein krankes, aber professionell layoutetes, in diesem Sinne also gut lesbares Manifest des Rassenhasses. Breivik ist wichtig geworden. Auch seine Selbstporträts als Kreuzritter von eigenen Gnaden haben sich ihren Platz in unserem Gedächtnis bereits erobert. Wie sollte man das auch vermeiden?"
(Ines Kappert, taz, 25.07.11)

Hat Breivik also das erreicht, was er wollte?
Tun wir ihm alle den Gefallen als seine Lautsprecher zu fungieren?
Ich meine, nein. Auch wenn zunächst alles danach aussieht.
Die Alternative NICHT über die Beweggründe so eines Scheusals zu berichten gibt es in einer pluralistischen Welt de facto nicht.
Die sogenannte „Aufarbeitung“ der Gedankenwelt des Massenmörders, läuft allerdings besser, als es zu befürchten war.

Da ist zuallererst die Tatsache, daß all die „Errorexperten“, die nur Minuten nach den ersten Meldungen aus Oslo schon Islamisten und muslimischen Terror als Sündenböcke ausgemacht hatten, einen ordentlich Schlag ins Kontor bekommen haben.

„Medien, TV-Sender wie Nachrichten-Websites, vertrauten gänzlich der eigenen - in diesem Fall aber trügerischen - Urteilsfähigkeit. Sie erklärten kurzerhand Islamisten zu den Tätern. Manche gingen unmittelbar zur Schuldzuweisung über. Die "Fuldaer Zeitung" beispielsweise kritisierte prompt die liberale Ausländerpolitik Norwegens: "Diesem feigen Terrorpack mit Großzügigkeit zu begegnen, hieße, ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen." Nicht nur deutsche, auch andere westliche Medien vergalloppierten sich in dies Richtung. Die "Washington Post" schrieb auf ihrer Web-Seite: "Wir wissen nicht, ob al-Qaida unmittelbar verantwortlich war für die heutigen Ereignisse, aber in aller Wahrscheinlichkeit wurde der Angriff von einem Teil der dschihadistischen Hydra begangen."
(Spon 25.07.11)

Der Antiislamismus ist also (bevor der Name Breivik überhaupt bekannt wurde) schon einmal offenbar geworden.
Unsere westliche Hysterie wurde entlarvt.
Denn unter Islamistischen Anschlägen leiden viel mehr Menschen in überwiegend muslimischen Ländern, als „im Westen.“
Hasnain Kazim hält uns bei SPON den Spiegel vor; „Vorurteile machen blind“ erklärt er.

„Wenn wir den Kampf gegen den Terror gewinnen wollen, brauchen wir einen klaren Blick für die Gefahren. Vorschnelle Festlegungen, einseitige Verdächtigungen, verstellen aber die Sicht. Das ist die zweite Falle, in die wir nicht geraten dürfen. Eine Zahl von Europol sollte als Warnung dienen: Die EU hatte im vergangenen Jahr 249 Terroranschläge zu beklagen. Nur drei hatten einen islamistischen Hintergrund.“
(Spon 25.07.11)

Die zweite Frage ist, wie der Terroranschlag Norwegen und die westliche Welt verändert.
Die USA dienen hier als Negativbeispiel.

Am 12. September 2001 gehörte Amerika alle Solidarität der Welt. Sogar George W. Bush wurde mit Sympathie überschüttet. Man dachte, er mache erst einmal alles richtig.
Er besuchte sogar eine Moschee, um deutlich zu sagen, daß nicht „die Moslems“ für 9/11 verantwortlich waren.

Aber wie schnell kippte Amerika!
In beispiellosem Aktionismus trat die Regierung ihre demokratischen Spielregeln in die Tonne.
Setzte offiziell auf Folter, Urteile ohne Gerichtsprozesse und Rache.
Mit dem PATRIOT-Act wurden die Bürgerrechte ausgehebelt, der Militärhaushalt wurde gigantisch aufgeblasen.
Recht schnell ging die kriegerische Brutalität los gegen völlig unschuldige Afghanische Zivilisten und schließlich sogar ein ganzes Land, nämlich dem Irak, der keinerlei Verbindung zu Al Qaida hatte.
Fast die gesamte US-Presse gab gleich vorsorglich ihr Rückgrat ab und übernahm völlig unkritisch die größten Lügen und Absurditäten der kriminellen US-Regierung.
Es dauerte einige Jahre, bis die große und berühmte NYT zerknirscht ein Mea Culpa für ihr Versagen beim Irakkrieg abdruckte.
Da war das Kind aber schon im Brunnen.
Amerika hatte es geschafft sich vom Opfer, mit dem alle mitfühlten, zum unbeliebtesten Staat der Erde zu mausern.

Es sieht bisher so aus, als ob Norwegen nicht diese wahnsinnigen Fehler wiederholen wird.

Natürlich kann man das jetzt noch nicht beurteilen, aber die Stimmen „auf der Straße“ in Oslo sind wohltuend anders als vor zehn Jahren in Amerika.
Es herrscht Trauer, aber kein Geschrei nach Rache, keine Forderungen nach Veränderungen der Politik Norwegens.
Statt amerikanisch-martialischer Töne, geht ein Volk "mit Rosen gegen den Terror" vor.

Der Kronprinz sagte ziemlich richtig das, was auch schon der Ministerpräsident und viele andere Offizielle sinngemäß ausgedrückt hatten.

Kronprinz Haakon legte die sonst übliche royale Zurückhaltung komplett ab: "Nach dem 22. Juli gibt es keine Ausrede mehr für den Kampf um eine freie und offene Gesellschaft." Aber als Antwort auf Gewalt kam vom Prinzen gleich zweimal der Satz, der sonst bei offiziellen royalen Reden selten zu hören sein dürfte: "Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt."
[..] Der Prinz gab seinen Zuhörern mit auf den Weg, dass man die schrecklichen Morde nicht ungeschehen machen könne - "aber wir können wählen, was sie mit uns machen".
(SZ 25.07.2011)

Die Königsfamilie und die norwegische Regierung machen bisher einen guten Job.

Nicht so schlecht ist auch die deutsche Mainstreampresse.

Dem mea culpa über die zunächst beschuldigten Islamisten folgt nun eine breite Analyse von Schuld und Verantwortung. Der Tenor ist recht einheitlich der, daß man sich nicht darauf ausruhen dürfe Breivik für einen „einzelnen Irren“, einen Psychopathen zu halten.

Mit Breivik ist der SCHULDIGE zwar gefasst, aber das deckt noch lange nicht den viel größeren Kreis der Verantwortlichen ab.
Dafür ist sein perverses Manifest des Menschenhasses in der Tat eine gute Fundgrube.
Einige Linke klingen darüber schon wieder verzweifelt und pessimistisch:

Diese „neue Rechte“ hasst nicht nur Muslime, sie hasst auch Linke und Liberale, die in ihrem Jargon „Gutmenschen“ sind – ein Begriff, der auch von ihren Vorbildern Broder und Sarrazin gerne benutzt wird. Das 1.500 Seiten starke „Manifest“, mit dem der Terrorist Anders Behring Breivik seine Verbrechen erklären wollte, liest sich wie ein Potpourri aus Artikeln und Kommentaren rechtspopulistischer Blogs wie „Politically Incorrect“. Die Namen Geert Wilders, Theo van Gogh und Henryk M. Broder tauchen an jeweils mehr als einem Dutzend Stellen im Text auf. Unter der Überschrift „Die Vergewaltigung Europas“ bekommt Broder sogar ein ganzes Kapitel, in dem Breivik seiner Argumentation, dass die Westeuropäer sich lieber dem Islam unterwerfen würden, als gegen ihn zu kämpfen, als Mosaikstein in sein Hassgebilde einpasst.
(Jens Berger, Nachdenkseiten, 25.07.11)

Anders als Berger will ich aber ob dieser Ungeheuerlichkeiten nicht die Flinte ins Korn werfen.

Ja, sicher, wenn man unsere Chef-Populisten Merkel und Westerwelle heute im Gala-Dress bei den schon von Hitler so über alle Maßen geliebten Wagner-Festspielen aufmarschieren sieht, wird klar, daß man von diesen Schießbudenfiguren keine ernsthaften Anstrengungen gegen Rechtsradikalismus erwarten kann.

Die VERöffentlichte Meinung ist aber schon drei Schritte weiter.

Dass wir so entsetzt reagieren, hat ja nicht allein mit den vielen Toten zu tun. Sondern auch damit, dass jeder sehen kann, wie anschlussfähig Breiviks Wahnvorstellungen an eine salonfähig gewordene Islamophobie sind. Damit wären wir beim Kern: Breiviks Hetze gegen die Muslime, die angeblich die christliche Kultur zersetzten, ist der Brückenkopf, der seine abseitige Ideologie mit der Mitte der europäischen Gesellschaft verbindet. Und genau für diese Verbindung trägt die europäische Öffentlichkeit Verantwortung. Man muss unterscheiden zwischen dem Terroristen als Person und seinem propagierten Gedankengut. In Versatzstücken findet man es in den gängigen Abgesängen auf die Multikultigesellschaft ebenso wie in der Annahme, der reproduktionsfreudige Muslim schaffe Deutschland ab. Die bürgerliche Mitte adelte beide Diskussionen, oder sagen wir besser, beide Stränge des Ressentiments. Das wissen die meisten natürlich auch, und sei es nur unterschwellig. Daher versuchen sie sich jetzt mit der These vom Einzeltäter doch noch auf die Seite der Guten zu retten.
(Ines Kappert, taz, 25.07.11)

Jeder einigermaßen intelligente Internetuser kann sich nicht ernsthaft über Menschen mit dem kruden Hassweltbild Breiviks wundern.
Wir kennen all diese mordlüsternen Horroransichten, die von Kreuznet, PI, Altermedia und Co jede Minute verbreitet werden.
Wir wissen alle wie einfach es den bekannten rechten publizistischen Populisten (Broder, Baring, Sarrazin) und politischen Populisten (Wilders, van Gogh, Schill, Brunner, von Stahl, René Stadtkewitz, Fortuyn, Haider) gemacht wird ihr Süppchen zu kochen.
Nach Quoten lechzend laden die Wills und Illners diese Hetzer regelmäßig in ihre Talkshows, damit diese dort seelenruhig ihre Gülle ausbreiten können.

Es gibt jetzt jedoch eine leichte Hoffnung, daß nach der Erkenntnis welche Früchte Sarrazinsches Gedankengut trägt, mit mehr Zurückhaltung Podien für Aufhetzter ihres Schlages geschaffen werden.

Es darf dabei auch nicht vergessen werden, daß der Boden für rechte Hassideologen auch von Kirchenleuten geschürt werden, die in höchster Ehrerbietung mit „Eminenz“ und „Exzellenz“ angesprochen in ihrem royalen Rot im Kameraschein sitzen und von „Entartung“ (Kardinal Meisner), „gescheiterten Menschen“ (Kardinal Marx), "Sprungebreiter Aggressivität" (Ratzi) „Kinderholocaust“ (Bischof Müller) und „sündigen Menschen“ (Bischof Overbeck) sprechen, wenn sie gegen Schwule, Schwangere, Atehisten pöbeln.

Jedes Mal wenn sie das tun, wächst nämlich in den Breiviks dieser Welt die Erkenntnis, daß sie berechtigt, wenn nicht gar „verpflichtet“ wären gewaltsam gegen Minderheiten, Linke, Schwule, Atheisten, Muslime usw usf vorzugehen.

Und Ratzinger, der demnächst in allen Ehren von Frau Merkel und Herrn Wulff empfangen wird, streut noch das Salz in die Suppe, in dem er die revanchistische, deutschnationale Fraktion mit seiner Piusbrüder-Politik offensichtlich bestätigt.
Bis heute befinden sich die ultrarechten Antisemiten in den Armen des Papstes.
Bischof Williamson kann hetzen und den Holocaust leugnen so viel er will. Der Papst hat nicht etwa die Kontakte zu dem brauen Pack abgebrochen.
Nein, er hätschelt sie sogar mit seiner antisemitischen Karfreitagsfürbitte.

Nein, ich würde nicht so weit gehen, daß Mixa und Co Taten wie die von Utøya insgeheim befürworten.
Aber sie sollten intelligent genug sein, um zu wissen was sie mit ihrer fortlaufenden Hetze in einigen Köpfen anrichten.
Wenn sie aber intelligent genug sind, dann sind sie auch mitschuldig.

Einige rechte Foren haben weniger Skrupel.

„Abt. Schlimmer Finger: Gewalttätiger Anti-Sozialdemokratenprotest in Norwegen“ ist auf der Seite „Altermedia“ zu lesen, eines der populärsten Internetportale der rechtsextremen Szene in Deutschland. Was dann folgt, soll offenbar witzig sein. „Sozialdemokraten scheinen auch in Norwegen nicht beliebt zu sein, woran das nur liegen kann?“ 76 Jugendliche hat der Attentäter Andre Breivik auf der Insel Utøya erschossen. „Altermedia“ hat nur blanken Hohn für sie übrig. Die Opfer, so der Tenor des Blog-Eintrags, seien selber Schuld. Man müsse, schreibt der Verfasser weiter, dem Attentäter eine Handlung im Affekt zubilligen, „die angesichts der sozialdemokratischen Politik in Norwegen und Europa nachvollziehbar ist“. Die Freude der rechtsextremen Blogger über den Anschlag scheint deutlich durch.
[…] Ersten empörten Reaktionen der Netzgemeinde über dessen offene Verhöhnung der norwegischen Opfer begegnete der rechtsradikale Blog mit folgenden Worten: „Unseren hiesigen Sensibelchen jedoch, die sich gestern ob des angeblichen Zynismusses unserer ersten Betrachtung über den Osloer Anschlag empörten, möchten wir an dieser Stelle sagen, daß wir davon nicht einen Satz zurücknehmen.“ Die „Aktion“ in dem Jugendlager der Sozialdemokraten, so die Blogger weiter, betrachte man stattdessen „mit Gelassenheit und einem Lächeln im Mundwinkel“.
(M. Bewarder und C. Kensche 25.07.11)

Noch wichtiger als die klare Schuldzuweisung an Broder, Mixa, Müller, Sarrazin und Co ist es aber, daß endlich ein Licht auf die widerliche braune Brut im Internet geworfen wird.

Anders Behring Breiviks "Manifest" mag krude sein, es ist aber nicht kruder und aggressiver als das, was auf islamfeindlichen Internetseiten diskutiert wird. Vom virtuellen Kampf im weltweiten Netz zum echten Terror - das ist das beunruhigend Moderne, das sich im Massaker von Oslo offenbart. Deshalb muss man den Hasspredigern dort, im Internet, entgegentreten.
(Matthias Drobinski, SZ, 25.07.11)

Da hat Drobinski völlig Recht.
Viel zu viele Jahre konnte sich die christlich-fundamentalistische-neonazistzische-deutschnationale-misogyne-islamfeindliche-homophobe Pest von Hakenkreuznet und Co im Internet tummeln, ohne daß irgendwer in der Politik auch nur daran dachte etwas dagegen zu unternehmen.

Er [Breivik] war nicht alleine.
Über Jahre hat der Mann aus Norwegen dort mitgeredet, ohne aufzufallen, viele hundert Seiten aus der Begründung seines Kampfes sind geklaut, kopiert von anderen Autoren der anti-islamischen, nationalen, sich als Kreuzritter fühlenden Bloggerszene. Der Mann war ein Einzeltäter, ein Psychopath. Aber er war nicht alleine. Am Sonntag heißt es zum Beispiel im Forum der deutschen Anti-Islam-Seite "politically incorrect" (die sich natürlich von der Gewalt distanziert): "Das Manifest an sich liest sich ausgezeichnet" - mit den Morden aber habe Breivik "mehr Schaden angerichtet, als er sich vorstellen kann". Die Gemeinde ist erschrocken, nicht so sehr darüber, dass da einer virtuellen Hass zu konkreten Morden hat werden lassen, sondern darüber, dass man nun strategisch in der Defensive ist. Vom virtuellen Kampf im weltweiten Netz zum echten Terror, das ist das beunruhigend Moderne, das sich im Massaker von Oslo offenbart. Da hat einer über Jahre sich sein Weltbild aus Versatzstücken aus dem Internet zusammengebaut, es verfeinert, mit anderen diskutiert, als ginge es für oder gegen ein Tempolimit auf Autobahnen. Nach der Tat hat er das Netz als weltweites Propagandainstrument genutzt.

(Matthias Drobinski, SZ, 25.07.11)

Die Zeit der Unschuld ist jetzt aber vorbei.

In Zukunft kann kein politisch Verantwortlicher mehr sagen, er habe nicht gewußt was sich im Netz zusammen braut und welchen Input konservative Bischöfe und rechte Publizisten der gewalttätigen rechten Szene geben.

Viele große Presseerzeugnisse mit überregionaler Reichweite analysieren heute genau das.

Samstag, 23. Juli 2011

Al Qaida war’s!

Zum Glück hat das ZDF den Terror-Experten Elmar Theveßen.
Im Heute-Journal von gestern, dem 22.07.2011 fabulierte der Chef-Schlaumeier Senders mit dem einen Auge von „islamistischen Hintergründen“.
"Die norwegischen Behörden gehen von einer ferngezündeten Bombe aus", sagt ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen. Der Bombenanschlag und die Schießerei deuteten auf eine organisierte Terrorwelle hin.

„Man weiß, daß Islamisten Norwegen im Visier haben!“ Das entspricht den Szenarien, die in Europa, auch in Deutschland Gegenstand von Terrorwarnungen gewesen sind,.., und die Sicherheitsbehörden sind überzeugt, daß ähnliche Planungen auch für Deutschland im Gange sind aber ganz offenbar bisher nicht ausgeführt werden konnten. Also erhöhte Wachsamkeit!“
(Elmar Thevesen im Gespräch mit Maybritt Illner 22.07.2011)

Norwegen sei in Afghanistan engagiert, außerdem klänge der Ärger um die Mohammed-Karikaturen noch nach. Dabei handelte es sich zwar um Dänemark, aber die doofen Islamisten könnten diese ganzen kleinen Skandinavischen Länder mit den christlichen Kreuzen in ihren Nationalflaggen nicht auseinanderhalten.

So kann es kommen, wenn jemand stets vor die Kamera drängt, der über das eigentliche Thema noch gar nichts wissen kann.

Inzwischen ist klar, daß der ZDF-Terror-Guru völlig ins Klo gegriffen hatte.

Alles deutet eher auf "ein norwegisches Oklahoma City" hin als auf einen skandinavischen 11. September. In der Hauptstadt des US-Bundesstaates Oklahoma hatte 1995 der Rechtsradikale [Christ] Timothy McVeigh ein Regierungsgebäude in die Luft gesprengt, 168 Menschen starben.
(Spon 23.07.11)

Der Schwiegermuttertraum Anders Behring Breivik, 32, ist gefasst und geständig.
Norweger, gutaussehend, bisher unauffällig, rechts, Christ, blond.

Nun müssen die Journalisten weltweit ihre erste Berichterstattung umkrempeln und eine gegenteilige Geschichte ausbreiten.
Dabei hat selbstverständlich noch niemand mit Breivik reden können und die Polizei hat noch keine offiziellen Angaben zu den laufenden Verhören gemacht.
Die Gesinnung des Massenmörders wird aus seinem Facebook-Profil und Twitter-Account geschlossen. Dabei legte „Anders Behring B.“ sein Facebook-Profil erst am 17. Juli 2011 an, als das Superverbrechen von Oslo bereits durchgeplant war.
Begierig stürzt man sich also auf genau die Brotkrumen, die Breivik ganz offensichtlich genau zu dem Zweck ausgeworfen hat.
Ob sein Twitter-Zitat….
"One person with a belief is equal to the force of 100.000 who have only interests”
… eine Legende stricken soll oder wirklich seiner Überzeugung entspricht, kann niemand sagen.

In die richtige Richtung scheint mir statt dessen Jens Berger zu zielen, der einen sogenannten „offenen Thread“ zum allgemeinen Brainstorming ansetzte.

Der vermeintliche Täter Anders Behring Breivik entspricht dem Prototyp eines neuen Rechten, wie es ihn auch in Deutschland tausendfach gibt – nationalistisch, islamkritisch, rassistisch, internetaffin. Ein Mann, der in Deutschland wohl Kommentator des PI-Blogs wäre und Sarrazin bejubeln würde. Die Saat des Hasses geht nun auf. Wer geglaubt hat, dass die fortwährend hetzenden grau melierten Biedermänner keine Brandstifter hervorbringen würden, hat sich getäuscht.
(Spiegelfechter 23.07.2011)

Sehr viel wahrscheinlicher ist es, daß die von Bloggern ausgegrabenen Äußerungen Breiviks in skandinavischen rechtsextremen Webseiten realistisch widergeben, was der Multi-Killer denkt:

Der Multikulturalismus sei der Untergang Norwegens. Das Land schaffe sich ab (DEN Titel kennen wir doch schon irgendwoher…) Norwegens Konservative müssten Flagge zeigen und endlich massiv gegen die Linke (= Stoltenbergs Sozialdemokratische Jugend zum Beispiel) und Muslime zeigen.
Andreas Kemper (Mit Sarrazin-Argumenten gegen die Arbeiterjugend?) hat dankenswerterweise diverse Norwegische Texte Breiviks übersetzen lassen.

Es zeigt sich einmal mehr, daß besondere Grausamkeiten fast immer erst durch den Antrieb einer Religion möglich werden - wobei beispielsweise Nationalsozialismus extreme Ähnlichkeiten mit einer Religion zeigt: Heilslehre, Führer, Heilige Schrift, Sündenböcke,…

Jemand, der so wie ich schon seit Jahren die fanatisierte Christliche Rechte genau beobachtet - sei es Kreuznet, oder die Irren, die der RWWB (Right Wing Watch Blog) regelmäßig vorführt, kann mich der Fanatismus Breiviks eher wenig überraschen.



Immer heftiger und leidenschaftlicher wird in diesen Kreisen gehasst.
Mordfantasien gehören bei Kreuznet zum Alltag.
Die Aufforderung Homosexuelle nach Iranischem Vorbild an Baukränen zu hängen oder zumindest zu kastrieren, kann man wöchentlich lesen. Juden, Muslime, Atheisten, Freimaurer, Linke, Grüne und Bürgerrechtler werden kaum weniger gehasst.
PI, Hakenkreuznet und evangelikale Fundis stehen dabei keineswegs allein da.
Sie vernetzen sich, strecken die Fühler zu rechtsradikalen Parteien aus, die überall in Europa Zulauf haben und befruchten sich mit rechtsnationalen Organen wie der „Jungen Freiheit“, die wiederum von Unionspolitikern gelobt werden.
Das faschistoid-eleminatorische Gedankengut der Umerziehung, Rache, Prävention und Rassismus findet man insbesondere in Christlich-fundamentalistischen Kreisen der USA.



Michelle Bachmann, die recht gute Aussichten hat nächste US-Präsidentin zu werden, betreibt sogar mit ihrem Mann selbst zwei „Umerziehungsanstalten“, die Homosexuelle, welche sie für "Bararen" hält, „heilen“ sollen.





Aus dieser Ecke stammen auch die Christen-Fanatiker, die vor Mord nicht nur nicht zurückschrecken, sondern beispielsweise das Killen von Abtreibungsärzten ausdrücklich als ihre göttliche Pflicht begreifen.

Christen sind in ihrem biblischen Aktionswahn zu allen Brutalitäten fähig, wie ein Beispiel von Vorgestern aus Ghana zeigt.

Ghana’s Western Region Minister, Paul Evans Aidoo MP has ordered the immediate arrest of all homosexuals in the country’s west.
Aidooo has tasked Ghana’s Bureau of National Investigations and security forces to round up the country’s gay population and has called on landlords and tenants to inform on people they suspect of being homosexuals.
“All efforts are being made to get rid of these people in the society,” he said.
The move by the Minister follows months of campaigning by the Christian Council of Ghana which last week called on Ghanaians not to vote for any politician who believes in the rights of homosexuals.
Muslims and Christians in the Western Region have been staging protests ever since a local media report claimed there were around 8000 homosexuals and lesbians in the district.
(Starobserver 21.07.2011)

Brutalität, wie die gestrige in Norwegen erfordert sogar ein religiös-ideologisches Gedankengut.

Nur aus der tiefen Überzeugung auf der richtigen Seite zu stehen, gegen das Böse in einem höherem Auftrage zu kämpfen macht die sinnlose Gewalt möglich.

Nicht von ungefähr wird das gefährlichste Charaktermerkmal der Religionen, die Mission, welche schon zu Abermillionen Toten und vielen Genoziden führte, bis heute betrieben.

Missionarischer Eifer“ ist eine sprichwörtliche Redewendung geworden.
Eifer, der weit über jedes rationale Maß hinausgeht, im Bekehrungswahn der Intoleranz frönt und sich selbst erlaubt, was anderen niemals zugestanden würde - nämlich „die anderen“ auch gegen ihren Willen zu bekehren - gilt als „missionarisch“.

Eine Mission hatte auch Anders Behring Breivik, der möglicherweise ohne den religiös-ideologischen Input nur ein x-beliebiges Arschloch geblieben wäre.

Dabei blieb es leider nicht.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Pro Sanktionen.

Wie ich diese Verallgemeinerungen hasse.
Einfach absurd, wenn man einer ganzen Gruppe von Menschen eine bestimmte Charaktereigenschaft zuschiebt. Insbesondere, wenn die Gruppe so groß und so heterogen wie eine ganze Nation ist.

Natürlich sage ich auch mindestens einmal am Tag, daß „DIE Amerikaner“ alle dumm wie Bohnenstroh sind.
Aus den Wahlentscheidungen, die sie treffen, könnte man das allerdings in der Tat ablesen. Es haben aber nicht 100% der Amerikaner George W. Bush gewählt. Es sind eben nicht alle Amerikaner dumm. Unter ihnen gibt es durchaus sehr intelligente, liberale, belesene und besonnene Typen.
Die Griechen sind auch nicht alle faul und entgegen anderslautender Gerüchte gibt es sogar heterosexuelle Briten und nicht nymphomane Schweden.

Wahlentscheidungen sind aber nicht nur diffuse Möglichkeiten den Volkscharakter zu zeigen, sondern sie geben klare Willensbekundungen wider.

Die Entscheidung der Majorität der Wähler für Merkel und Westerwelle am 27.09.2009 war eindeutig. Da kann es keine zwei Meinungen geben. Anders als bei der letzten Bayernwahl, als man sich pro oder contra Günter Beckstein entschied und dann am Ende einen Seehofer als MP bekam, der sich gar nicht zur Wahl gestellt hatte, war die Ausgangslage bei der Bundestagswahl 2009 kristallklar.
Die Hauptkontrahenten waren vorher Kanzlerin und Vizekanzler, also an den höchsten Stellen der Regierung und seit Jahren jedermann ein Begriff.
Der Dritte im Bunde, der hysterische Steuersenkungensteuersenkungen-Guido war ebenso eine seit über zehn Jahren in der ersten Reihe stehende Gestalt, die es schon lange auf 100% Bekanntheitsgrad brachte.
Es gibt also wirklich keine Entschuldigung dafür sich so eine Regierung zu wählen und daher verdienen wir es nicht besser, als jetzt unter der amoralischen Gurkentruppe zu leiden.
Die Seelenpein, die ein deutscher Bürger mit Restanstand empfindet, wenn er morgens die Zeitungen aufschlägt und über die neuesten Debilitäten des Bundeskabinetts liest, sind so etwas wie eine selbstgenerierte psychologische UN-Sanktion.

Bei nicht gewählten Regierungen sind Sanktionen hingegen eine moralisch nicht vertretbare Sache.
In der letzten Dekade vor George W. Bushs Einmarsch in den Irak hatte die Staatengemeinschaft die Wirtschaftssanktionen gegen das einstmals reichste und höchst entwickelte Land am Golf so absurd verschärft, daß bis zu 500.000 irakische Kinder an Mangelernährung und fehlender medizinischer Versorgung starben.
Glückwunsch UN - diejenigen, die nun wirklich nichts dafür konnten, daß Saddam in seinen vielen Palästen in Saus und Braus lebte, zahlten die Zeche mit ihrem Leben.

Ähnlich verhielt es sich mit den Boykotten gegen das Apartheitsregime in Südafrika.
Sicherlich waren sie gut gemeint, denn die Staatengemeinschaft konnte es nicht tolerieren, daß ein Land bis in die 1990er Jahre strikte Rassentrennung praktizierte und die Majorität der Bürger gar nicht wählen durfte.
Daß die weißen Bonzen deswegen gehungert hätten ist nicht bekannt. Dafür gab es schließlich auch Konzerne wie die Dresdner Bank oder die CSU-Ikone FJ Strauß, der immer wieder mit der Rassistenregierung kungelte.
Aber in den schwarzen Townships herrschten höllische Verhältnisse.

Sanktionen, welche die arme Bevölkerung so sehr treffen, daß es zu Elend und Tod kommt, sind niemals gerechtfertigt.

Ich sehe den Fall aber anders, wenn das zu sanktionierenden Land eins der Reichsten des Planeten ist und der Grund für die Sanktionen in einer freien und demokratischen Wahlentscheidung begründet ist.

Dänemark nämlich. Jenes nördliche 5,5 Millionenvolk mit dem sagenhaften 60.000-Dollar-ProKopf-BIP.

Einer meiner erklärten Politlieblinge, der in diesem Blog oft gelobte Roland-Koch-Epigone Jörg-Uwe Hahn, der selbst für FDP-Verhältnisse besonders häßlich, gemein und verkommen wirkt, hatte ob der neu eingeführten Grenzkontrollen Kopenhagens einen unbedarften Satz gegenüber der BLÖD rausgehauen, der nun sofort als „Boykottaufruf“ interpretiert wird:

«Wenn Dänemark zur Urlaubszeit wieder Grenzkontrollen einführt, kann ich nur dazu raten, auf der Stelle umzudrehen und lieber in Österreich oder Polen Urlaub zu machen»

Das klingt zwar nicht annähernd so harsch, wie „Deutsche kauft nicht beim Dänen“, aber die Rechtsradikalen in Dänemarks Regierung schäumen schon.

Der außenpolitische Sprecher der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, die die Kontrollen mit der Regierung ausgehandelt hatte und als Mehrheitsbeschafferin im Parlament dient, nennt Hahn einen "einzelnen fanatischen Extremisten". Das sagte Søren Espersen zur Online-Ausgabe der "Jyllandsposten". Besonders ereifert sich der dänische Politiker über eine Äußerung Hahns in der Printausgabe der dänischen Zeitung vom Dienstag. Darin hatte der FDP-Mann die verschärften Grenzkontrollen als Verrat an der europäischen Idee bezeichnet. Espersen sagte dazu: "Ich bekomme Schüttelfrost, wenn jemand anfängt, die EU zu einer Religion zu machen." Sein Land wolle gern Mitglied einer vernünftigen EU-Zusammenarbeit bleiben, aber nicht Mitglied einer "heiligen Idee".
(Anna Reimann 05.07.11)

Der für den Zoll zuständige Steuerminister Peter Christensen nannte die Kritik des deutschen Ministers «ziemlich schräg». Er sagte: «Ein Aufruf zum Urlauberboykott ist doch einfach hysterisch. Ich weiß nicht, ob deutsche Wähler so einem schrägen Politiker hinterherlaufen.»


Ein paar persönliche Sätze über Dänemark:

1.) Natürlich stehe ich auf Königin Margarete - wer würde das nicht?

2.) Wie fast alle Hamburger habe auch ich schon gelegentlich in Dänemark geurlaubt. Zweimal habe ich mir sogar dort ein Häuschen gemietet.
Wir Grenznahen sind verwirrt.
Dänemark galt uns immer als Hort der Toleranz. Als erste Nation der Erde führte Dänemark beispielsweise die gleichgeschlechtliche Ehe ein - 1989. Da war Deutschland noch lange nicht so weit. Im Jahr 2000 bebte eine gewisse Angela Merkel noch vor Empörung über ähnliche Pläne der rotgrünen Bundesregierung, malte den Untergang des Abendlandes an die Wand und reichte Klage beim Bundesverfassungsgericht ein.
Die Dänen aber sind viel lockerer.
Es ist fast unmöglich Dänen nicht zu mögen, wenn man dort umherreist.
Sowohl der chillende bürgerliche Tourist in Jütländischer Natur, als auch der Hippi im weltberühmten Kifferparadies „Freistadt Christiania“ in Kopenhagen und die Jugend, die alljährlich beim Festival von Roskilde rumsteppt - sie alle sind sich einig, daß Dänemark äußerst liebenswert ist.

Wie es dazu kam, daß dort Ultrarechte nicht nur gewählt wurden, sondern auch in die Regierung gelangten, kann man emotional einfach nicht verstehen.
Das ist so, als ob Alice Schwarzer mit Sexsklavinnen handeln würde oder Rainer Langhans einen Hedge-Fonds betriebe.

Die „rechtsliberale“ Venstre ist die stärkste Partei und stellt mit Lars Løkke Rasmussen (mal wieder) den Regierungschef, der sich von der fremdenfeindlichen und EU-hassenden „Dansk Folkeparti“ (DF) tolerieren läßt.
Die Dänische Volkspartei hat bereits erhebliche Verschärfungen bei der Einwanderungs- und Integrationspolitik durchgepaukt.
Außerdem kämpft sie für polizeistaatartige Verhältnisse, gegen den Islam und Brüssel.

„Die Mitglieder der Dansk Folkeparti sind keine Nazis. Aber durch ihren extrem fremdenfeindlichen Nationalismus ist die Partei mit dem Nazismus verwandt.“
(Der dänische Historiker und Holocaust-Experte Therkel Stræde)

Die DP erhielt bei den Parlamentswahlen von 2007 immerhin 13,9% und bei der Europawahl von 2009 sogar 15,1%.
Offen fremdenfeindliche Politik gibt es schon lange in Kopenhagen.

Es ist etwas faul im Staate Dänemark.

Der Entschluß der Regierung nach über zehn Jahren die Grenzkontrollen wieder einzuführen ist ein Anschlag auf die Europäische Idee. Es läge an den anderen EU-Regierungen dies zu verhindern. Aber da wir leider von Luschen wie Westerwave, Berlusconi und Co vertreten werden, hat sich die EU durch Untätigkeit ausgezeichnet.

Es ist schon schlimm genug, dass Dänemark ohne mit der Wimper zu zucken eine der wichtigsten Freiheiten beschneidet, die sich die Europäer erkämpft haben: den Wegfall der Zollkontrollen und zugleich die Freiheit, in ihrer Europäischen Union reisen zu können, ohne ihren Pass vorzeigen zu müssen. Schlimmer aber ist, dass die anderen europäischen Länder Kopenhagen diesen Anschlag auf eine der tragenden Säulen der europäischen Einigung letztlich wohl durchgehen lassen werden.
[…] Keiner der Staats- und Regierungschefs hat den dänischen Ministerpräsidenten ernsthaft unter Druck gesetzt - etwa durch das Androhen politischer Sanktionen. Der durfte die große Errungenschaft für ein innenpolitisches Linsengericht verscherbeln: die Stimmen einer rechtsradikalen Partei zu seiner Rentenreform.
[…] Das dänische Beispiel wird Schule machen, weil sich ihm niemand entschlossen in den Weg stellt. Das ist die eigentliche Katastrophe für Europa. Denn die populistische Versuchung, die Grenzen gegen Unerwünschte wieder dicht zu machen, grassiert auch in anderen Ländern.
(SZ 06.07.2011)

Einer der schillernsten Rechten der deutschen Medienlandschaft, der fanatische FDP-Fan Ulf Porschard nörgelt in nun gegen den hessischen FDP-Minister Hahn:

Derlei unsensible Rhetorik gerät zur willkommenen Vorlage für die ziemlich biedere, antieuropäische Dänische Volkspartei. Diese mittelgroße, megalaute Partei gibt den mitunter etwas unsympathischen Part einer sonst erfolgreichen bürgerlichen Regierung. Die spärlichen Grenzkontrollen am Dienstag sind eine Konzession der liberalen Regierungsparteien an die populistischen Mehrheitsbeschaffer.
(Welt 06.07.11)

Porschard, der den Sozialstaat bekämpft wo immer er kann und alle Hartz-IV-Empfänger gerne auf Nulldiät setzen würde, liebt die Dänische Regierung für ihren markradikalen Kurs.

Und in der Tat täten (nicht nur) Liberale gut daran, mit etwas mehr Respekt, Neugier und Fingerspitzengefühl auf jenes Nachbarland zu blicken, das recht mutig einen grotesk aufgeblasenen Sozialstaat heroisch reformiert hat.

(Welt 06.07.11)

Wenn aber antieuropäische Tendenzen und das radikale Zusammenstreichen von Sozialleistungen in der WELT als „heroisch“ bejubelt werden, läuten bei mir die Alarmglocken.
Es ist also wirklich an der Zeit sich zweimal zu überlegen, ob man gerade jetzt Urlaub in Dänemark machen sollte.

Ich finde ein unaufgeregter aber finanziell messbarer Rückgang der Touristenzahlen wäre eine angebrachte Antwort der anderen Europäer auf antieuropäische Politik.

Wie stellt sich die Dänische Regierung das eigentlich vor?
Offen gegen die „freizügige EU“ hetzen und gleichzeitig vom Tourismus leben, den freizügige Europäer in Dänemark betreiben?

Es wäre mir lieber gewesen die EU-Regierungschef hätten gehandelt und die Grenzkontrollen gleich verhindert.
Aber da die Luschen nicht in die Puschen kommen, ist eine Abstimmung mit den Füßen so etwas wie Notwehr.

Urlaubsboykott im EU-Nachbarland, um die Europäische Idee zu retten.

Donnerstag, 10. März 2011

Schlechtesiegel

Wenn ich mich für eine Partei, einen Dienstleister, ein Krankenhaus, eine Gewerkschaft, einen Buchclub, eine Kontaktplattform oder ähnliches entscheiden muß, ist die Beschreibung mit dem Adjektiv „Christlich“ stets eine große Hilfe.

Christlich ist schon mal ganz schlecht und ich kann nur empfehlen einen großen Bogen um Organisationen zu machen, die dieses Wort im Namen tragen.

Natürlich gibt es Ausnahmen.

Für Schwule mit einer Vorliebe für ephebophilen Gruppensex mag der CVJM durchaus attraktiv sein; das will ich nicht bestreiten.
Frei nach Klaus Wowereit formuliert der künftige Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbands Roland Werner:
Wir sind im CVJM, und das ist gut so!“, sagte Werner in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin des Jugendverbands mit Sitz in Kassel. […] Wie er ferner sagte, sei es ein Gütesiegel, CVJM-Engagement im Lebenslauf zu haben. Dennoch sei „diese großartige Arbeit an vielen Stellen nicht wirklich bekannt“. Laut Werner ist eine neue Entschlossenheit für die Mission im eigenen Land nötig, „um die junge Generation mit dem heilschaffenden Evangelium zu erreichen“. Werner sieht im CVJM „eine Gemeinschaft, in der Jesus Christus im Mittelpunkt ist“.
(Idea.de)

Eine Gemeinschaft mit Jesus Christus im Mittelpunkt ist auch die Erzdiözese von Philadelphia, die von Justin Francis Kardinal Rigali geleitet gerade mal wieder in den Schlagzeile ist, weil gleich 21 Priester auf einen Schlag suspendiert wurden.
Sie alle stehen zumindest in Verdacht kleine Jungs befummelt zu haben.
Das Übliche also.
Der einzige Unterschied zu den Mißbrauchsfällen in Europa besteht in den finanziellen Folgen. Kinder zu vergewaltigen ist in den USA erheblich teurer als in Deutschland, wo man mit lumpigen 5000 Euro, also gerade mal einem halben Bischofsmontagsgehalt pro zerstörter Kinderpsyche davon kommt.

Mit sofortiger Wirkung hatte Kardinal Justin Rigali am Vorabend 21 Priester wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch suspendiert. Ihnen blieben nur wenige Stunden, ihre Pfarre zu verlassen. Ihre Namen wurden indes nicht enthüllt, was umgehend Kritik an der mangelnden Transparenz hervorrief. Nach Meinung von Kirchenexperten könnten die Dämme brechen und noch mehr Missbrauchsfälle auftauchen, sobald die Identität der Priester bekannt ist. Opferanwälte bereiten indessen bereits Schadenersatzklagen vor, dem größten Bistum im US-Bundesstaat Pennsylvania könnten millionenhohe Forderungen ins Haus stehen. Im Zug einer Skandalwelle, die 2002 von der Erzdiözese Boston ausging und bald auf das ganze Land übersprang, mussten mehrere US-Diözesen Konkurs anmelden. Die Erzdiözese Los Angeles allein leistete Schadenersatzzahlungen von 660 Millionen Dollar.
(Die Presse 09.03.2011)

Bei Krankenhäusern unter Christlicher Trägerschaft weiß man Zweierlei: Das Pflegepersonal wird mit sittenwidrigen Löhnen abgespeist und als Patient auf der Intensivstation wird man seinen eigenen Willen nicht bekommen, sondern im Falle des für uns alle mit 100%iger Sicherheit eintretenden Todes maximal gequält.
Magensonde, Intubation, Tracheotomie sind Ehrensache - die Christen sorgen schon dafür, daß einem Patient, der sterben möchte, jede Würde genommen und jeder Schmerz aufgebrummt wird.

Ganz ähnlich das Bild bei den Parteien: Führen sie ein „C“ im Namen, ist spätestens nach der Guttenbergaffäre auch hochoffiziell klar, daß Moral und Anstand zu vernachlässigende Größen sind, daß mit zweierlei Maßstab gemessen wird, daß die Reichen hofiert und die Armen getreten werden.

Typisch auch für die Christlichen Parteien ist das ekelerregende Eindreschen auf Minderheiten, um sich vor Wahlen beliebt zu machen.

Hetzkampagnen gegen „kriminelle Ausländer“, „doppelte Staatsbürgerschaft“ oder „Asylbetrüger“ werden zu gerne in den Parteizentralen derjenigen ausgeheckt, die mit Bischöfen ganz eng verbunden sind.

Populismus-Offensive: Union macht auf Sarrazin.
[...] Die CSU schwingt, das ist spätestens seit dem Seehofer-Auftritt in Passau klar, ordentlich die Populismus-Keule. Denn bei den martialischen Äußerungen zum Zuwanderungsstopp Geringqualifizierter beließ es der bayerische Ministerpräsident nicht. So kündigte Seehofer unter lautem Jubel eine Verfassungsänderung im Freistaat an: "Ich möchte in die Verfassung aufnehmen, dass Integration fordern und fördern bedeutet", sagte er. Auch das Bekenntnis zur deutschen Sprache solle im Gesetz stehen. Das bedeutet konkret: Von Ausländern müsse in Deutschland verlangt werden können, "sich zu unserer Werteordnung zu bekennen und als erstes die deutsche Sprache zu lernen", erläuterte der CSU-Chef. Für eine Verfassungsänderung ist auch die Zustimmung der bayerischen Bevölkerung notwendig. Die letzte Volksabstimmung über Ausländer liegt schon eine Weile zurück - die legte Roland Koch im Jahr 1999 vor: die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.
(Florian Gathmann und Anna Reimann 10.03.2011)

Die neueste Widerlichkeit kommt aus Bayern, dessen CSU-MP Seehofer eine Verschärfung des Ausländerrechts so ankündigte, daß er nun eine Klage wegen Volksverhetzung am Hals hat.

Den früheren SPD-Politiker Kasparick empört vor allem eine Formulierung in Seehofers Rede in Passau. Die CSU werde sich in Berlin "sträuben bis zur letzten Patrone", sagte Seehofer, "dasswir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen" (taz 09.03.2011)

Nach meiner Auffassung ist das die Herabwürdigung eines Bevölkerungsteils nach §130 StGB und gehört in die Kategorie Volksverhetzung. Deshalb habe ich ihn angezeigt, um gegebenenfalls gerichtlich überprüfen zu lassen, ob sich nach bundesdeutschem Recht die Sache so verhält, wie ich sie sehe.
[….] Horst Seehofer hat die Rede in Passau in einer Situation gehalten, in der Deutschland nicht zuletzt seit der Publikation des Sarrazin Buch’s „Deutschland schafft sich ab“ vermehrt über Rechtsextremismus „aus der Mitte der Gesellschaft“ diskutiert. Zu Hunderttausenden werden seine Lesungen besucht. Allenthalben ist er Gesprächsgegenstand. Die Rechtsextremen sitzen mittlerweile in etlichen Landtagen. Nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers wegen Betrugs war auf zwei Unterstützer-Seiten im Internet rechtsradikale Propaganda zu lesen. Man fand dort Äußerungen wie „Guttenberg ist der fähigste Politiker seit Hitler gewesen“.
In einer politischen Situation, in der wegen der Unruhen in Nordafrika die Frage diskutiert wird, ob Europa nicht auch einen Teil der vielen Flüchtlinge aufnehmen müsse, weil Europa ja auch jahrelang mit den Diktatoren Nordafrikas Geschäfte gemacht habe – in einer solchen Situation spricht der bayrische Ministerpräsident davon, er wolle sich „bis zur letzten Patrone“ dagegen wehren und dafür kämpfen, daß Zuwanderer „nicht ins deutsche Sozialsystem einwandern.“
(ulrichkasparick.wordpress.com/)

Christliche Gewerkschaften sind ebenfalls ein Garant dafür, daß die Interessen der Arbeitnehmer verraten und verkauft werden.
Gerade erst vor drei Monaten wurde ihnen vom Bundesarbeitsgericht die Fähigkeit abgesprochen, Tarifverträge für Zeitarbeit schließen zu können.

Sie sind CHRISTEN und ihnen gilt die Nächstenliebe und menschenwürdige Behandlung rein gar nichts.


Der Christliche Gewerkschaftsbund (CGB) hat es mit seiner U-Boot-Tätigkeit für Ausbeuter-Unternehmer inzwischen so weit getrieben, daß seine 'Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit' ('CGZP') vom Bundesarbeitsgericht an diesem Mittwoch als tarifunfähig eingestuft wurde.

Löhne von 4,83 Euro pro Stunde hatten die christlichen Gewerkschaftler „für“ ihre Arbeiter „ausgehandelt“

„Für den Arbeitgeber, eine Berliner Firma, war dieser Haustarifvertrag ein Wertpapier, für dessen Beschäftigte ein Dokument der Ohnmacht: Wer für diesen Lohn einen Monat lang ganztags arbeitete, verdiente 869 Euro brutto.
[…]
[CGZP-] Verträge, von denen allein im Bonner Archiv mehr als 400 liegen, nähren den Verdacht, dass es die christlichen Gewerkschaften mit der Vertretung von Arbeitnehmerinteressen nicht so genau nehmen. Wolfgang Rohde, Vorstandsmitglied der IG Metall, findet für die Konkurrenz mit dem 'C' im Namen jedenfalls kein gutes Wort: 'Sie können nur billig und verraten die Interessen der Arbeitnehmer', sagt er.
(Felix Berth und Thomas Öchsner, SZ, 17.12.10)

So ist das mit der Christlichen Nächstenliebe - sie taugt für Sonntagsreden, aber wehe dem, der ihr in der Praxis ausgesetzt ist.

Die alten Verträge der CGZP sind keine Ausnahme. In den vergangenen Jahren tauchten in anderen Branchen immer wieder Tarifabschlüsse von christlichen Gewerkschaften auf, bei denen sich vor allem eine Frage stellt: Gilt deren Nächstenliebe besonders den Arbeitgebern? Beim Kabelhersteller Nexans galt jahrelang ein Tarifvertrag der IG Metall. Dann wollte das Unternehmen die Löhne kürzen und fand in der Christlichen Gewerkschaft Metall einen Erfüllungsgehilfen, der unterschrieb - heimlich am Betriebsrat vorbei. Die Mitarbeiter hätten durch den neuen Haustarif teilweise bis zu 40 Prozent ihres Einkommens verloren, wenn nicht der Betriebsrat Proteste organisiert und das Unternehmen einen Rückzieher gemacht hätte. Ähnlich war das Modell '3 für 2' geplant, das die christlichen Metaller in Sachsen einführten: Drei Lehrlinge sollten sich zwei Gehälter teilen - was die Firmen mehr gefreut haben dürfte als die Lehrlinge.
Einen anderen Fall deckte die Fernsehsendung 'Report Mainz' auf. Als Investor für ein Pflegeheim getarnt, traf sich ein Mitarbeiter des TV-Magazins mit einem Funktionär der christlichen Gewerkschaft DHV. Dieser versprach dem 'Investor' einen Tarifvertrag, bei dem Nacht- und Sonntagszuschläge gestrichen und Weihnachts- und Urlaubsgeld weggefallen wäre. Die DHV hat nach Angaben der IG Metall mit privaten Kliniken und dem Roten Kreuz zahlreiche Dumping-Tarifverträge abgeschlossen.
(Felix Berth und Thomas Öchsner, SZ, 17.12.10)

Frontal 21 fragte sich am 08.März 2011
:
Ausgerechnet die christliche Tarifgemeinschaft hatte häufig besonders miese Löhne für Arbeitnehmer verhandelt. Fragt sich also: Wer will da eigentlich Mitglied werden? Unsere Autoren Hans Koberstein und Joe Sperling stießen auf merkwürdige Methoden, mit denen die Christlichen Gewerkschaften an Mitglieder kamen, und dabei mit Arbeitgebern eine Allianz der Ausbeutung eingingen.

Dem ZDF-Magazin lag eine Mitgliederliste der Gewerkschaft "Beschäftigtenverband Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (BIGD)" vor.
96 von 100 befragten Mitglieder wußten gar nicht, daß sie in dem Verein Mitglied sind.
Das ist schlicht und ergreifend Wirtschaftskriminalität.

Beschäftigte zahlen nicht freiwillig Mitgliedsbeiträge an Christliche Gewerkschaften, die für Billiglöhne sorgen und die Beschäftigten systematisch ausnutzen. Endlich wurde bewiesen, dass zumindest ein Teil der Mitgliedschaften einer Christlichen Gewerkschaft auf fragwürdige Weise zustande gekommen sind. Sowohl die Unternehmen, die mit Christlichen Gewerkschaften Haustarifverträge abgeschlossen haben als auch die Christliche Gewerkschaft haben kriminell gehandelt. Sie haben sich auf Kosten der Beschäftigten und der Sozialversicherungen bereichert.
Die Staatsanwaltschaften und Finanzämter müssen handeln. Sie müssen die Zahlungsströme weiterer Christlicher Gewerkschaften, der Funktionäre und Unternehmen genauer in den Blick nehmen. Es muss zumindest überprüft werden, ob die Mitglieder anderer Christlicher Gewerkschaften im CGB auf ähnliche Art und Weise akquiriert und systematisch betrogen wurden. Es muss geprüft werden, ob auf andere Weise Geld an diese Organisationen oder ihre Funktionäre floss.
(PRESSEMITTEILUNG NR. 0218 der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 9. März 2011)

Wenn „Christlich“ auf einem Vertrag drauf steht, wird die echte Realität ziemlich unangenehm:

O-Ton Prof. Peter Schüren, Institut für Arbeitsrecht, Universität Münster: Das hier ist ein Stapel christlicher Haustarifverträge für Leiharbeitsunternehmen und das hier ist der ARTOS-Haustarifvertrag, einer der härtesten der ganzen Sammlung. Der enthält zum Beispiel die Möglichkeit, den extrem niedrigen Lohn – 5,03 Euro - nochmal um 30 Cent abzusenken, wenn man in einem Gebiet arbeitet, wo die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich ist.

O-Ton Frontal21: Wie bewerten Sie das?

O-Ton Prof. Peter Schüren: Das dürfte die härtesten Arbeitgeber-Wünsche erfüllen, die in der Branche denkbar sind.

O-Ton Johannes Hesse: Man musste vor 6 da sein, war irgendwann erst um 6 Uhr abends zu Hause, teilweise auch erst um sieben, hat sich tot gearbeitet, und dann kriegt man 20 Euro dafür.

O-Ton Frontal21: 20 Euro für einen Tag, für einen ganzen Arbeitstag?

O-Ton Johannes Hesse: Für den ganzen Arbeitstag.
(frontal21.zdf.de)

Montag, 27. Dezember 2010

Gleiche Massen

1.) Fast allen globalen Problemen liegt die menschliche Überbevölkerung zu Grunde.

Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Hunger, Krieg, Wasserknappheit, Dürren, Ende der Rohstoffe, das tägliche Ausrotten vieler Tier- und Pflanzenarten.….., all das wäre vermieden worden, wenn wir Homo Sapiens nicht so verdammt viele wären.

Unsere Lebensspanne ist zu lang, unsere Sterberate zu niedrig und das Hauptübel ist unsere Reproduktionsgeschwindigkeit.

Wer als nicht der Massen-Euthanasie das Wort reden will, muß sich massiv für Verhütung einsetzen.
Um unseren Planeten zu retten bedarf es der massenhaften Sterilisierung seiner menschlichen Bewohner.

Diese Erkenntnis ist alt und nahezu unumstritten.

Unglücklicherweise gibt es aber jede Menge Anti-Schöpfungsaktivisten, die offenbar Gefallen daran finden „die Schöpfung“ zu zerstören.
Ein gewisser Joseph Ratzinger spricht sich beispielsweise vehement gegen Verhütungsmittel aller Art aus und ermuntert seine 1,2 Milliarden Anhänger die Geschwindigkeit der Zerstörung der Schöpfung noch zu erhöhen, indem sie Kinder machen.

Aus Ratzingers Sicht ist sein Werben pro Überbevölkerung verständlich, denn seine Baustelle ist das Jenseits.
Ratzingers Perspektive ist die eines Bestatters; Operation gelungen - Patient tot.

Cato hatte schon vor Beginn des Christentums erkannt, daß wir einfach zu viele sind:

Ceterum censeo progeniem hominum esse deminuendam

(OK, OK, ich weiß Bernhard Grzimek hat das Zitat etwas abgewandelt und Karthargo rausgeschmissen)

Ich bin „im Übrigen [auch] der Meinung, daß die Menschheit dezimiert werden muss“.

2.) Obwohl die Menschen also ohnehin schon in letaler Dosis massenhaft auf dem Planeten umher krauchen, neigen sie bizarrerweise auch noch dazu sich zusammen zu ballen und eine einzige große Masse zu werden.
Triathlon, Loveparade, Hafengeburtstag, Schlagermove, Alstervergnügen, Hansemarathon, CSD, Kirschblütenfest, DOM und dann auch noch gefühlte alle zwei Tage zum Einlaufen der QM-II rotten sich die Hamburger zu Hunderttausenden zusammen.
Hinzu kommen eine unüberschaubare Zahl von Mittel-Events mit „nur“ einigen Myriaden Menschen: Konzerte, Fußballspiele, Public Viewing, Tennis, Flohmärkte, Straßenfeste, verkaufsoffene Wochenenden - es finden sich überall Gelegenheiten so dichte Schwärme zu bilden, daß für die einzelnen Hirne viel zu wenig Sauerstoff übrig bleibt.

Es scheint fast so, als ob der moderne Homo Metropolensis, der ohnehin schon in Mietskasernen lebt, sich verzweifelt müht seine Rudimentär-Individualität auch noch loszuwerden.

Verstärkt wird dieser Koagulationstrieb durch Zusatzelemente, die die Uniformität unterstreichen. In den Fankurven sind die Farben einheitlich, in den Bierzelten wird aufeinander abgestimmt geschunkelt, in Stadien wird die Masse Mensch zur La Ola.
Bei Loveparade und Co tritt die Masse sogar im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam auf.
Alles passiert „im Takt“, die Individuen verschmelzen endgültig zu einem gemeinsamen Organismus.
Nicht von ungefähr wird Synchronität bewundert und als besonderes Qualitätsmerkmal vieler Darbietungen geschätzt. Je einheitlicher, desto besser.
Gruppen, die optisch völlig uniform erscheinen, können schon allein damit Bewunderung erlangen. Daher veranstalten Spielmannszüge und Schützenvereine Paraden, daher marschieren Soldaten im Gleichschritt - das Publikum freut es.

Die großartige Marie Louise Kaschnitz schrieb in „Dein Schweigen - meine Stimme“ Ende der 50er Jahre

Ich lebte in einer Zeit,
Die hob sich in Wellen
Kriegauf und kriegab,
Und das Janusgesicht
Stieß mit der Panzerfaust
Ihr die bebänderten Wiegen.

Der Tausendfüßler, das Volk,
Zog sein grünfleckiges Tarnzeug
An und aus,
Schrie, haut den Lukas,
Biß ins Sommergras
Und bettelte um Gnade.

[….]

Am Ende dieser Ballade ihres Lebens findet sich dann noch die Strophe über das was nach den Kriegsgräueln passierte.

Und doch in meiner Zeit
Kamen Kinder aus Mütterleibern,
Schleimige Lurche noch immer,
Und wurden, auch die späteren Ungeheuer,
Mit Weihwasser begrüßt
Und Schrei der Freude.

Frau Merkel ist das alles noch nicht einheitlich genug.
Sie will den Tausendfüßler, das Volk, zusätzlich noch auf gemeinsames Denken und Fühlen verpflichten - jüdisch-christlich nämlich.
Zur Abschreckung malt sie in schwärzestem Schwarz das Schreckensbild von den Parallelgesellschaften, die es nicht geben dürfe!

Dazu möchte ich ein herzliches „BULLSHIT“ ausrufen.

Ich jedenfalls möchte mich nicht integrieren und leitkulturisieren lassen.
Im Gegenteil. Ich strebe ausdrücklich die Individualität an und wünsche mir, daß sich die in Deutschland Lebenden nicht über einen Kamm scheren lassen.

Aber glücklicherweise bin ich nicht der erste und nicht der einzige, der bei der geistigen Nivellierung, die von den bürgerlichen Parteien angestrebt wird, auf Gegenkurs geht.

Dazu möchte ich - um Frau Merkel zu Denken zu geben - drei Menschen zitieren, die keinesfalls in Verdacht stehen links zu sein oder die Grünen zu wählen.

1.) Henryk M. Broder, der festhält, daß Deutschland nie so homogen war, wie es sich die Kanzlerin heute wünscht.

Es scheint eine deutsche Spezialität zu sein, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Während der Bundespräsident verkündet: "Der Islam gehört zweifellos zu Deutschland", sagt die Kanzlerin: "Multikulti ist tot." Es kann nur einer recht haben. Wenn der Islam zu Deutschland gehört wie das Christentum, das Judentum, der Karneval im Rheinland, die Kehrwoche in Schwaben und das Holstentor in Lübeck, dann hat sich Multikulti in Deutschland als Normalität etabliert. Ist Multikulti aber tot und gibt es eine dominante "deutsche Leitkultur", dann müsste diese definiert oder zumindest umrissen werden. Das hat bis jetzt niemand getan, sieht man von dem luftigen Rekurs auf die "christlich-jüdischen Werte" ab, von denen das Abendland angeblich geprägt wurde, vor allem während der Pogrome zu Beginn der Kreuzzüge, der Reformationszeit unter Luther und der zwölf Jahre des Tausendjährigen Reiches.
Die Deutschen tun sich außerdem schwer, die einfache Tatsache einzusehen, dass alles seinen Preis hat. Der territoriale Rückbau des Deutschen Reiches und die deutsche Teilung waren der Preis für den Zweiten Weltkrieg. Das Glück gleicht dem Balle, es steigt zum Falle, hat schon Gottfried Benn gereimt. Der Preis für den Fall der Mauer war wiederum das Ende der Bonner Republik und der westdeutschen Gemütlichkeit.
[…] Dummerweise hat die Integrationsdebatte zu einer Art Nostalgie geführt: War das schön, als wir noch unter uns waren! Als Conny Froboess "Zwei kleine Italiener" und Paul Kuhn "Es gibt kein Bier auf Hawaii" sang, als man im "Wienerwald" Backhendl serviert bekam und Heinz Schenk seine Gäste im "Blauen Bock" empfing. Aber die Erinnerung täuscht. Wir waren nie "unter uns". Um 1910 herum lebte eine halbe Million Polen im Ruhrgebiet. Es gab Städte, in denen die Deutschen in der Minderheit waren, Bottrop zum Beispiel. Zu Beginn der zwanziger Jahre suchten mehr als 300.000 Russen Asyl in Berlin, im ganzen Reich waren es etwa 600.000. Nach 1945 strömten Millionen Deutsche aus den Ostprovinzen in den Westen. Die meisten von ihnen waren Protestanten und in katholischen Gegenden wie dem Münsterland so willkommen wie ein Osterhase auf einer Weihnachtsfeier.
Es waren Vertriebene, Flüchtlinge und Auswanderer. Der Bürger mit Migrationshintergrund war noch nicht erfunden. Es gab auch keine Migrationsforscher, keine Integrationslotsen, keine Kiezmanager und keine Ausländerbeiräte. Die Zugewanderten waren auf sich angewiesen. Sie hatten die Brücken abgerissen, über die sie gekommen waren. Und weil das Satellitenfernsehen noch nicht erfunden war, bekamen sie nicht alles mit, was "daheim" passierte, und waren auch nicht in der Lage, zwischen Integration und Assimilation zu unterscheiden. Natürlich lebten sie in "Parallelgesellschaften", die freilich von der Mehrheitsgesellschaft nicht subventioniert wurden.

(HMB 07.11.2010)


2.) DER SPIEGEL 51/2010 über eine Podiumsdiskussion mit Michel Friedmann:

Integration. Das I-Wort. Friedman sieht es als unheilvolles Konstrukt, das dazu dient, Individuen dem Willen einer grauen Mehrheit zu unterjochen. Sein liebstes I-Wort lautet "ich". Er klingt jetzt wie ein Lied von Tocotronic. "Ich wollte mich bei meinen Eltern nicht integrieren, bei Helmut Kohl nicht, bei Gerhard Schröder nicht", ruft er in den Saal. "Ich will mich überhaupt nicht integrieren. Im Prinzip will ich nur ich selber sein."

3.) Noch einmal Henryk M. Broder, der soeben spektakulär von der WELT-Gruppe dem Spiegel abgejagt wurde und nun exklusiv für die rechteste aller SPRINGER-Zeitungen schreiben wird.

Deutschland debattiert über Integration - aber warum sollen Einwanderer sich überhaupt an die Mehrheitsgesellschaft anpassen? Solange sie Recht und Gesetz achten, ist ihr Leben schlicht Privatsache. Und Parallelwelten können sogar nützlich für uns alle sein.

[Es folgen zwei sehr positive Beispiele für nicht integrierte Familien]

Nur primitive Gesellschaften, die weder eine horizontale noch eine vertikale Differenzierung zulassen und Diktaturen, die alle Lebensbereiche kontrollieren, kennen keine Parallelgesellschaften. Weder im Dritten Reich noch in der DDR gab es Parallelgesellschaften, wenn man von den Enklaven absieht, in denen "innerer Widerstand" oder Freikörperkultur praktiziert wurden. Überall dort, wo Gesellschaften nicht auf der Stelle treten, sondern beweglich sind, kommt es zwangsläufig zur Entstehung von Parallelgesellschaften.
"China Town" und "Little Italy" in New York sind die bekanntesten Beispiele, aber nicht die einzigen. Auf der East Side von Manhattan gab es das Yorkville, rund um die 86. Straße, die "German Broadway" genannt wurde; in den Washington Heights, am nördlichen Ende von Manhattan, lebten um 1900 vor allem Einwanderer aus Irland, in den dreißiger und vierziger Jahren waren es deutsche Juden, in den fünfziger und sechziger Jahren Griechen. Eine Parallelgesellschaft löste die andere ab. Heute prägen Einwanderer aus der Karibik das Straßenbild in den Washington Heights. Morgen könnten es Inder sein. "Little Odessa" auf Coney Island ist dagegen seit langem fest in russischer Hand. Und in Greenpoint in Brooklyn kommt man ohne polnische Sprachkenntnisse nicht weit. Eine Fahrt mit der U-Bahn durch New York ist eine Reise von einer Parallelgesellschaft zur anderen.
In Israel, wo fast jeder Einwohner einen Migrationshintergrund hat, gab es bis in die neunziger Jahre mindestens ein Dutzend deutsche "Landsmannschaften". Die rheinischen Juden feierten den Karneval, die bayerischen das Oktoberfest, die Königsberger den Geburtstag von Immanuel Kant. Die K.-u.-k.-Juden aus Österreich, Ungarn und der Bukowina pflegten ihr eigenes Kulturleben, das taten auch die "Polen", die "Rumänen", die "Litauer". Heute stellen die "Russen" die größte Parallelgesellschaft, mit eigenen Zeitungen, Radiostationen und Clubs. Allein in der Altstadt von Jerusalem koexistieren vier Parallelgesellschaften: eine griechisch-orthodoxe, eine moslemische, eine jüdische und eine armenische. Und dann gibt es noch die Samaritaner bei Nablus, die "Schwarzen Juden" bei Dimona, die Bahai in Haifa, die "Jews for Jesus" und die allerletzten Linken, die sich jeden Freitagnachmittag im Cafe Tamar in der Sheinkin-Straße in Tel Aviv treffen. Lauter Parallelgesellschaften, die wie Papierschiffchen in einem Teich schwimmen, ohne sich zu berühren.
Nur in Deutschland tut man sich mit der Erkenntnis schwer, dass Parallelgesellschaften unvermeidlich, vielleicht sogar gut und nützlich sind. Sie geben ihren Angehörigen das Gefühl der Geborgenheit, der Überschaubarkeit, die ihnen große Einheiten nicht bieten können.
(HMB 21.10.10)

OH JA! Broder kann eine Pest sein.
ABER WO ER RECHT HAT; HAT ER RECHT.

Freitag, 19. November 2010

Wie der Herr, so das Gescherr.

Qualis dominus, talis et servus
(Wie der Herr, so auch der Sklave - Titus Petronius)

14 Monate nach der letzten Bundestagswahl dürfte wohl niemand mehr abstreiten, daß unsere politische Führungsriege vollkommen unfähig, faul, stümperhaft, lobbyhörig*, tatenlos und dummdreist agiert.

Vizekanzler und Co-Koalitionär Seehofer sind psychiatrische Fälle, die Chefin mauschelt, murxt und mogelt sich durch.
Wie so oft in Deutschland wird völlige Tatenlosigkeit aber geschätzt im Wahlvolk. Die Umfragen für CDU und FDP ziehen seit ein paar Wochen wieder an. In BW ist die prognostizierte Mehrheit für Rot/Grün schon wieder futsch. Nun sieht es wieder gut aus für Mappus.

Nichts fürchtet der Bundesteutone so sehr wie echte Reformen - auch und gerade weil er unablässig die Reformunfähigkeit und Verkrustung Deutschlands beklagt.

Steuerreform und Gesundheitsreform sind inzwischen einfach abgesagt worden, Schäuble hat keine Lust und Rösler will nicht.
Seine ganze Agenda ist mit der einseitigen Belastung der Versicherten* bereits abgegolten.

Brüderle Leichtfuß begnügt sich damit seiner Klientel Geschenke zu machen.


Steuerabkommen mit Singapur: FDP macht weiter Klientelpolitik.
Die Klientelpolitik der FDP dehnt sich auf immer mehr Politikbereiche aus – jetzt sind die Steuerhinterzieher an der Reihe. Nicht anders ist die Position von Wirtschaftsminister Brüderle zu verstehen, in den Verhandlungen über eine Teilrevision des Doppelbesteuerungsabkommens mit Singapur das Freistellungsverfahren durchzusetzen. Hätte der Wirtschaftsminister damit Erfolg, müssten in Singapur erzielte Gewinne deutscher Anleger nur noch in dem als Steueroase bekannten Stadtstaat besteuert werden. In Deutschland würden diese Gewinne von einer Besteuerung freigestellt werden. Seit aber in Europa glücklicherweise die Steuerhinterziehung mit immer mehr kleinen Schritten erschwert wird, hat sich Singapur zu einem zentralen Zielstaat für Fluchtkapital entwickelt. Und die aus diesem Kapital erzielten Erträge will Rainer Brüderle nun in Deutschland nicht mehr versteuern – es klingt, als wolle Brüderle die Steuerhinterziehung legalisieren.
[…] Brüderle entlarvt damit erneut, wofür die FDP steht: Sie vertritt die Interessen derjenigen, die in Deutschland am liebsten keine Steuern zahlen möchten, aber dennoch die Infrastruktur in Anspruch nehmen. Damit belastet sie all diejenigen mehr, denen Verlagerungsmöglichkeiten nach Singapur nicht offen stehen.
(PM der Bü90/Grünen-Fraktion NR. 1109 vom 20. September 2010)

Alle fünf FDP-Ministerien sind, wie nicht anders erwartet, in Agonie verfallen.
Getan wird einfach nichts. Außenpolitik findet zum Beispiel gar nicht statt.
Offenbar war das aber gewünscht, sonst hätte die Kanzlerin keinen außenpolitischen Laien in das Amt gehievt.
Auch der Totalausfall in der Bildungs- und Forschungspolitik ist gewollt - schließlich hatte Schavan schon von 2005 - 2009 bewiesen, wie sie das Ministerium führt: Indem sie in Kataplexie verfällt, die Füße stillhält, die föderalen Strukturen nicht anrührt und bis zur nächsten Wahl ein Nickerchen macht.
Zwischendurch hat sie REM-Phasen, in denen sie in Aktionismus verfällt - bisher aber ohne den geringsten Erfolg.

Bundesbildungsministerin produziert Flops am laufenden Band.
Das naechste Prestigeprojekt der Bundesbildungsministerin wird nun beerdigt: Mangels Interessenten wird das 2007 gross angekuendigte "Freiwillige Technische Jahr" Ende September eingestellt. Das Stipendienprogramm implodiert, die Zukunftskonten Bildung auf Eis gelegt, die Bildungsbuendnisse bis 2013 verschoben, das Technikum jetzt wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Die Liste der Flops aus dem Hause Schavan wird immer laenger.
Es genuegt nicht, wenn die Bundesregierung mehr Geld fuer Bildung und Forschung ankuendigt und vor sich her traegt, aber leider gerade im Bildungsbereich nicht dazu kommt, diese Mittel zielgerichtet und haushaltswirksam fuer erfolgreiche Vorhaben einzusetzen. Von den aktuell sieben Haushaltssperren im Etat 2010 ueber eine Gesamthoehe von rund 2,8 Milliarden Euro sind auf Antrag der schwarz-gelben Koalition gerade einmal 3,5 Millionen Euro, also 0,1 Prozent, fuer einen Wettbewerb fuer wissenschaftliche Weiterbildung teilentsperrt.
Mit lediglich auf dem Papier stehenden Mitteln, die nicht verausgabt oder gar vergeudet werden, ist wirklich niemandem geholfen. Ministerin Schavan darf nicht immer nur ankuendigen, sie muss endlich auch liefern.
(PM der SPD-Fraktion Nr 1126 vom 26. August 2010)

Einige der usual suspects unter den Großkommentatoren wundern sich noch ein bißchen über Wolfgang Schäuble, der ebenfalls konsequente Arbeitsverweigerung betreibt.
Sollte die mit großer Mehrheit ausgestattete schwarz-gelbe Koalition nicht die Zeit nutzen, um endlich grundlegende Steuervereinfachungen und Entflechtungen vorzunehmen?

Ich wundere mich über diese Mahnungen.

Schon 2005 hatte man uns die Vorteile der großen Koalition damit schmackhaft gemacht, daß eine so breit aufgestellte Mehrheit in beiden Parlamentskammern endlich all das durchsetzen könne, das dringend notwendig sei, das man sich vorher über Dekaden nicht traute.
Aber schon die vier Jahre hatte Merkel ausgesessen und mit ihrer berühmten Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ Mehltau über das Regierungsviertel gelegt.
Bis auf die Reformen, die SPD-Minister allein durchziehen konnten, passierte dementsprechend auch NICHTS.
Wie albern von Claus Hulverscheidt anzunehmen, daß Schäuble in einer kleinere Koalition, in der die Schwergesichte durch fünf tatenlose Gurkentruppler subsituiert wurden, aktiv würde.

Sein erstes Jahr als oberster Steuerreformer des Landes hat Wolfgang Schäuble vor allem damit zugebracht, den Bürgern zu erklären, was alles nicht geht: Steuersenkungen vergrößern demnach das Haushaltsloch, Steuervereinfachung ist zu teuer, gegen die Abschaffung der Gewerbesteuer rebellieren die Kommunen, und mit einer Beseitigung der ebenso zahlreichen wie wirren Mehrwertsteuer-Ausnahmen würden zu viele Interessengruppen vor den Kopf gestoßen.
[…] Ein […] umfassendes Paket aus Steuervereinfachungen, Steuerentlastungen, kommunalen Finanzhilfen und der Kappung von Mehrwertsteuer-Ausnahmen ließe sich durchaus schnüren.
[…] Für all das bräuchte es allerdings jemanden, der zeigt, dass es geht. Zum Beispiel den Bundesfinanzminister.
(Claus Hulverscheidt in der SZ am 19.11.10)

Aber nun zum „Gescherr“.
Auch die zweite Reihe der Schwarzgelben ist komplett überfordert in ihren Jobs.

Bernd Neumann, der Kulturstaatsekretär legt gemütlich die Hände in den Schoß, während die Länder ob der Geldknappheit Kulturleistungen zusammenstreichen.

Die Integrationsstaatsekretärin hat sich auf Symbolisches verlegt, während ihre Leute sich in Xenophobie üben.

Maria Böhmer (CDU), will am 1. Dezember bei einer Feierstunde im Bundeskanzleramt in Berlin acht Integrationsmedaillen verleihen, wie die "Passauer Neue Presse" unter Berufung auf Regierungskreise berichtet.
(AFP 19.11.10)

Beim vierten Integrationskaffeekränzchen kündigte Frau Böhmer an Integrationskurse einzuführen.
Tolle Sache.
Deswegen wird jetzt auf’s Tempo gedrückt und schon in circa sechs oder sieben Jahren könnte es so einen Kurs für alle Migranten (die dann noch da sind - im Moment leidet Deutschland unter Netto-Abwanderung) geben!

Allerdings räumte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ein, man könne erst in fünf bis sieben Jahren allen Migranten, die einen Integrationskurs absolvieren wollen oder müssen, einen Platz anbieten. Soviel zu den Leistungen.
(FR 03.11.10)

Meine Lieblings-Staatssekretärin ist aber die religiöse Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans, die sich darauf konzentriert der Pharmaindustrie Milliönchen zuzuschieben und ansonsten alle Drogen-spezifischen Probleme konsequent ignoriert.

Die Bilanz der neuen Drogenbeauftragten ist erschreckend.
Mechthild Dyckmans ist bislang nur als Bremserin aufgefallen. Sie hat die Vorschläge ihrer Vorgängerin Sabine Bätzing zur Alkohol- und Tabakprävention aus Rücksicht auf die Industrie einkassiert. Eine auch aus den Reihen der Liberalen geforderte Entkriminalisierung weicher Drogen lehnt sie ab. Den repressiven Kurs bei den illegalen Drogen setzt sie unbeirrt fort.

Substanzielle Vorstöße, wenigstens die Behandlung und die Schadensminderung bei Konsumenten illegaler Drogen zu verbessern, sind von Frau Dyckmans nicht in Erinnerung. Zuletzt sprach sie sich gar für eine Abschaffung des Sportwettenmonopols aus. Ohne Not hat sie 2010 auf den Drogen- und Suchtbericht verzichtet und der Aktionsplan Drogen und Sucht ist bislang nur vage angekündigt.
Diese Art der Tatenlosigkeit darf sich in den nächsten Jahren nicht fortsetzen.
(PM der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Nr. 1363 vom 18. November 2010)

Falls also mal ein Minister hinwerfen sollte, können aus der Garde der Staatssekretäre genauso Unfähige nachrücken.

Beruhigend zu wissen.



*Abzocke und Drei-Klassen-Medizin.
Der Beitragssatz wird um 0,6 auf 15,5 Prozent angehoben und dabei festgefroren. Alle weiteren Kostensteigerungen gehen einseitig zulasten der Versicherten und der Steuerzahler, da sie in den Zusatzbeitrag im Sinne einer kleinen Kopfpaushale hineinlaufen.
Das ist der Sinn der Reform: Die dauerhafte Entlassung der Arbeitgeber aus der Paritaet. Weil die Arbeitgeber aber an der Steigerung der Kosten in Zukunft nicht mehr beteiligt sein werden, werden sie fuer die Arbeitnehmer genau doppelt so schnell steigen: Weniger Netto vom Brutto fuer jeden Versicherten.
[…] Das ist der Ausstieg aus einem Solidarsystem von mehr als 100 Jahren Tradition. Jeder, der es sich leisten kann und oberhalb der Versicherungspflichtgrenze von rund 50.000 Euro pro Jahr verdient, kann zukuenftig bereits nach einem Jahr in die private Krankenversicherung wechseln. Bisher musste er mindestens drei Jahre warten nach dem Erreichen der Verdienstgrenze. Die privaten Versicherungskonzerne bekommen so die Belohnung von der FDP fuer die lange gemeinsame politische Arbeit.
In Zukunft duerfen Aerzte ihren Patienten fuer die Behandlung die Kostenerstattung fuer die Dauer von mindestens drei Monaten anbieten. Dies ist eine Art der Vorkasse, auch wenn der Minister diesen Ausdruck nicht fuer richtig haelt, aber er beschreibt die Lage genau. Der Patient bezahlt dabei naemlich den Arzt nach den Regeln der privaten Krankenversicherung, der Gebuehrenordnung der Aerzte, aus eigener Tasche, und bekommt dann nach der Weitergabe der Rechnung an seine Krankenkasse nur den Betrag erstattet, den die gesetzliche Krankenkasse bezahlt haette. Im Durchschnitt bleibt der Patient dabei auf etwa 50 Prozent der Kosten sitzen, einschliesslich einer Verwaltungsgebuehr, die er entrichten muss.
Niemand braucht eine solche Abzocke. Wenn der Arzt nur bei Vorkasse bereit ist, einen schnellen Termin zu vergeben, oder bei Vorkasse eine bessere Behandlung verspricht oder sich die drei Augenaerzte einer Kleinstadt verstaendigen, Vorkassepatienten zu bevorzugen, dann hat der kranke Patient keine echte Wahl. Es handelt sich um Abzocke, nicht um Wahlfreiheit.
Genau wie die Aufzahlung bei Arzneimitteln wendet sich diese Regelung gegen die Kranken und die Aelteren, die es sich nicht leisten koennen, mit dem Arzt zu verhandeln und ihm ausgeliefert sind. Bei der Terminvergabe und der Behandlungsqualitaet ist der Einstieg in die Drei-Klassen-Medizin somit vollzogen. Privat geht immer vor, dann kommt Vorkasse und schliesslich der normale gesetzlich Versicherte ("Holzklasse"), wobei auch diese dritte Klasse durch die Beitragssatzerhoehung und die Zusatzpraemien teurer wird.
(PM der SPD-Fraktion Nr 1561 vom 12. November 2010)

Mittwoch, 17. November 2010

Desintegration jetzt!



Henryk M. Broder ist natürlich ein Arsch.

Wenn der jemanden auf dem Kieker hat, wie zum Beispiel Claudia Roth, wird er so radikal fies, daß es beim Zuhören physisch schmerzt.
Seine Judenwitze sind so weit außerhalb jedes Maßes, daß ein Lachen, welches im Hals stecken bliebe, erst gar nicht entsteht.
Dieser Unsympath Broder hat sich zusammen mit dem Sympathen Hamed Abdel-Samad auf eine 30.000-km-Rundreise durch Deutschland begeben und zeigt allerlei parallele Gesellschaften.
"Entweder Broder - Die Deutschland-Safari" läuft seit dem 7. November sonntags um 23:35 Uhr im Ersten. Die schönsten Szenen gibt es auch zum Nachlesen im gleichnamigen Buch zur Sendung, 14,99 Euro im Knaus-Verlag.

DDR-Nostalgiker, NPD-Anhänger, Muslims, Dachau-Besucher, Bayern und viele andere Subkulturen mehr werden von dem deutsch-säkularen Duo aus Polen und Ägypten besucht und besichtigt.
Auch dabei wirkt Broder oft arrogant und nervig.

Aber er ist eben gleichzeitig auch brillant und schlau.

Sein Sarkasmus ist durchaus lehrreich. In seiner ganzen Perfidie schafft er es die größten Idioten Deutschlands als solche zu entlarven, ohne sie in Debatten zu verwickeln.
Er läßt sie sich in Ruhe selbst lächerlich machen.

Im Gespräch erzählen dann zwei smarte Nationalisten, dass Juden in der Hitlerzeit „benachteiligt“ wurden und dass sie sich selbst nun in Deutschland ähnlich diskriminiert fühlen. Broder und Abdel-Samad halten nicht dagegen. Manchem mögen da die NPD-Leute zu ungeschoren davonkommen. Aber irgendwie ist das eine Reportage-Art, die in wohltuender Art auf die Urteilskraft des Zuschauers vertraut und ihn nicht bevormunden möchte.
(Clemens Haustein 4.11.10)

Einer der ganz starken Momente des ersten Teils dieses TV-Ereignisses ist das Ende des Treffens mit den beiden Nazis.
Broder und Abdel-Samad geben freundlich die Hand.
Schnitt.
Broder und Abdel-Samad auf dem Weg zurück zum Auto; beide reinigen sich die Hände mit Desinfektionstüchern.
Kein Wort wird gesagt.

Die Integranten zeigen den Normal-Deutschen wie es zugeht in Deutschland.

Verdammt noch mal ja - diese Republik ist inzwischen bunt. ZUM GLÜCK.
Es gibt allerlei verschiedene Ausprägungen des Deutschlands von 2010. Vieles davon ist eine Bereicherung. Noch nicht einmal der deutschnationalste CDU-Wähler würde sich die Gewürze, Speisen und Rezepte wegwünschen, die in den letzten 50 Jahren von „Ausländern“ in die deutsche Kultur hineingebracht wurden.
Einige kulturelle Ecken sind meiner Ansicht nach keine Bereicherungen, sondern von Übel.
Dazu zähle ich beispielsweise amerikanisch-geprägte Evangelikale, „national befreite Zonen“ in MeckPomm, Mainzer Karnevalisten mit Idiotenhüten, Skinhead-dominierter Dörfer in Brandburg, oder schunkelnde Schwaben beim Florian-Silbereisen-Konzert.
Grundsätzlich ist das aber eher eine Minderheit.

Die meisten kulturellen Minderheiten in Deutschland schätze ich durchaus.
Da sind die italienischen Feinkost-Händler, französische Restaurants, platt-schnackende Hafenarbeiter in Hamburg, russische Straßenmusiker, etc pp.

Einige Kulturen sind mir sogar so fremd, daß ich sie gar nicht verstehe und so gut wie keine Berührungspunkte zu ihnen habe.
Da ist zum Beispiel das kleine, aber sehr exklusive „Hotel Nippon“ in Hamburg, an dem ich oft vorbei gehe.
Traditionell japanisch geht es da zu - ein feiner Zen-Rockgarden, der stets makellos gepflegt ist, gehört ebenso dazu, wie die obligatorischen Shoi-Türen.
Angeboten auch für Nicht-Hotelgäste werden japanische Kochkurse und original japanische Frühstücke.
Ich spreche weniger als zehn Worte japanisch und die habe ich weitgehend aus den Clavell-Büchern, die ich als Jugendlicher las („Shogun“ ist übrigens durch die schwachsinnige Verfilmung mit diesem peinlichen Richard Chamberlain total unterschätzt. Das Buch ist richtig gut!).
Ich war noch nie in Japan und bevor ich Sushi esse, gehe ich mir lieber die Hände in der Autotür klemmen.
Aber um dieses Nippon-Hotel hübsch zu finden und mich an dem Garten zu erfreuen, muß ich auch kein glühender Japan-Fan sein.
Es freut mich einfach, daß es da ist.
Die japanische Gemeinschaft in Hamburg hat übrigens schon vor langer Zeit das Hamburger Stadtbild erheblich beeinflusst; besonders die Straße, in der ich lebe - sie ist gesäumt von üppig rosa blühenden japanischen Kirschbäumen.


Rund um das Feuerwerk zum Kirschblütenfest wird es ein Rahmenprogramm geben. An der Ecke Schwanewik - Armgartstrasse werden allerhand japanische Köstlichkeiten angeboten. Den besten Blick auf das Feuerwerk wird man mit Sicherheit wieder von einem Boot auf der Alster haben. Unser Tipp daher: Sichern Sie sich rechtzeitig ein Tretboot oder Ruderboot, um den besten Blick auf das Kirschenblütenfest zu bekommen.
Japanische Gemeinde schenkte den Hamburgern Kirschbäume.
Ende der Sechziger Jahre schenke die japanische Gemeinde den Hamburgern Kirschbäume, die im Alsterpark, an der Alsterkrugchaussee und am Altonaer Balkon angepflanzt wurden. Die Schenkung war ein Dankeschön der japanischen Gemeinde in Hamburg für die Gastfreundschaft. Das Feuerwerk zum Kirschblütenfest wurde den Hamburgern erstmals 1968 geschenkt. Heute ist das Feuerwerk zum Kirschblütenfest eines der Veranstaltungshighlights in Hamburg. In Hamburg leben rund 1800 Japanerinnen und Japaner.

(Hamburg-web.de)

Ich finde es großartig, daß die Japaner in Hamburg nicht nur ihre Tradition beibehalten, sondern sogar die ganze Stadt davon partizipieren lassen.
Dabei gehört Japan sicherlich nicht zu den Abrahamitisch geprägten Kulturen.
Sushi, Zen und Kirschblüten sind weder muslimisch, noch jüdisch, noch christlich und das ist auch gut so! Das letzte, das ich mir wünsche ist eine Zwangschristianisierung der 1800 Hamburger Japaner à la Merkel.

In „Entweder Broder“ erfährt man übrigens von Hamed Abdel-Samad, daß er ein Jahr in Japan gelebt hat.
Dort sind die Hygiene-Standards sehr anders als in Deutschland. Dort fahren Züge tatsächlich auf die Sekunde nach Zeitplan. Nach einem Jahr Japan, wirkt Deutschland wie eine Müllhalde.
Hier gehen die Menschen ohne zu duschen abends in ihr Bett, hier begrapschen sie mit ihren Viren-versuchten Fingern andere Menschen und hier niesen und husten sie ihre Krankheitserreger aus, ohne einen Mundschutz zu tragen. All das ist in Japan undenkbar.
Körpergeruch und Körperkontakt; Geräuschkulisse und klebrige Türgriffe - all das ist deutsch.
Mir wäre aseptisch-japanisch lieber.

Unglücklicherweise gilt aber „Es ist Deutschland hier“ (GGG Westerwelle).
Es ist aber dennoch zu hoffen, daß sich die vielen anderen Kulturen nicht integrieren und einen ähnlichen Schlendrian einführen.

Bitte nicht an Deutschland anpassen!

Und schon gar nicht an die Deutschnationalen oder Seehoferisten.

Nur die CDU hat sich völlig ins Irreal-Tumbe verrannt und auf dem Karlsruher Parteitag ihre völlige Realitätsblindheit und Xenophobie dokumentiert.

Die CDU hat nochmals einen deutlich schärferen Kurs in der Integrationspolitik eingeschlagen. "In Fällen von Integrationsverweigerung darf es keine Toleranz mehr geben", heißt es im Leitantrag "Verantwortung Zukunft", der gestern auf dem Parteitag einstimmig angenommen wurde. Parallelgesellschaften dürften nicht akzeptiert werden. Die Integration knüpft die CDU an klare Forderungen: "Wer Deutscher werden will, muss neben Kenntnissen der deutschen Sprachen Kenntnisse unserer Rechtsordnung, Kultur und Geschichte vorweisen." Zuwanderer, die ihren Pflichten nicht nachkämen, könnten ihr Aufenthaltsrecht und ihre Leistungsansprüche verlieren.
(HA 17. November 2010)

Ist es typisch deutsch von mir, daß ich mich für diese Regierungspartei schäme??